100 Jahre Schlacht um Verdun

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun. Sie wurde zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs, von Stellungskrieg und Materialschlacht, von ungeheuren Verlustziffern und sinnlosem Massensterben. „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ – diese Begriffe wurden zu Synonymen für die bis dahin längste und blutigste Schlacht in Europa. Insgesamt 317.000 Soldaten starben, bis die Schlacht am 19. Dezember ohne wesentliches Ergebnis abgebrochen wurde. Dazu kamen fast 400.000 Verwundete, Kranke und Vermisste.Die OHL unter General v. Falkenhayn plante nach den vergeblichen Versuchen in Flandern und Nordostfrankreich, die französische Frontlinie im Süden in Lothringen anzugreifen, dort durchzubrechen und die Front dann „aufzurollen“. Die Festung Verdun, seit dem Mittelalter ein ewiger Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, hatte eine besondere strategische Bedeutung. Unter Ludwig XIV. hatten die Franzosen ihre Ostgrenze mit einem breiten „Festungsgürtel“ versehen. Diese Festungen wurden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 ausgebaut. Im Kriegsfall spielten sie eine zentrale Rolle.

Falkenhayns Plan, der im Dezember 1915 unter dem Codenamen „Chi 45“/Operation „Gericht“ von Kaiser Wilhelm II. abgesegnet wurde, sah vor, die Festungsanlagen rund um Verdun unter Ausnutzung des Überraschungseffekts einzunehmen. Dabei sollten die Soldaten auf dem Ostufer der Maas vorrücken, nicht jedoch auf dem Westufer, was von Historikern als schwerer Anfangsfehler angesehen wird.

Am 21. Februar 1916 begann der Angriff. Der französische Oberbefehlshaber Joffre war vorgewarnt worden und hatte um Verdun, das in der Kalkulation des französischen Hauptquartiers eher eine ungeordnete Rolle spielte, Truppen zusammengezogen. In den ersten fünf Tagen machten die Deutschen unter Kronprinz Wilhelm, der dem Projekt Verdun skeptisch gegenüberstand, große Fortschritte. Am 26. Februar kam der Vormarsch ins Stocken. In den nächsten Monaten entbrannten heftige Kämpfe von bis dahin nicht gekannter Brutalität und Verbissenheit. Besonders schwer gerungen wurde um die Forts Douaumont und Vaux, die mehrmals den Besitzer wechselten.

Gesamtstrategisch gab es für die Deutschen während der Kämpfe um Verdun, die sich bis zum 20. Dezember 1916 hinzogen, zwei gewichtige Einschnitte. Im Mai eröffnete der österreichisch-ungarische Generalstabschef Feldmarschall Conrad eine wenig sinnvolle Offensive gegen die Italiener. Die Russen nutzten dies aus und starten im Juni die Brussilow-Offensive im Osten. Infolgedessen musste Falkenhayn vier Divisionen von Verdun abziehen, um den Österreichern zu Hilfe zu kommen.

Am 1. Juli eröffneten die Briten unter Feldmarschall Haig an der Somme nördlich von Verdun eine große Offensive, um die Franzosen zu entlasten. Auch diese neue Offensive zog deutsche Kräfte von Verdun ab. Währenddessen fanden die Kämpfe um die Forts Douaumont und Vaux kein Ende. Der Oberbefehlshaber der 5. Armee, Kronprinz Wilhelm, der von Anfang an gegen die Verdun-Offensive gewesen war, drängte immer mehr auf einen Abbruch der Schlacht.

Inzwischen war am 28. August unter dem Eindruck der russischen Erfolge gegen Österreich Rumänien auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Endlich erkannte man im Großen Hauptquartier, dass Falkenhayns strategische Mittel erschöpft waren, und berief ihn ab. An seine Stelle trat Generalfeldmarschall Paul v. Hindenburg, der Sieger von Tannenberg. Ihm zur Seite stand sein Stabschef General Ludendoff als „Erster Generalquartiermeisters“. Als erste Amtshandlung stellten sie die Offensive ein.

Im Oktober begann die französische Gegenoffensive. Erst fiel Fort Douaumont, dann Vaux. Das französische Oberkommando hatte inzwischen den umsichtigen Pétain, den „Helden von Verdun“, durch General Robert Nivelle ersetzt. Nivelle setzte voll auf Offensive, ohne Rücksicht auf die ihm anvertrauten Soldaten. Am 20. Dezember endeten die Kämpfe. Die Deutschen gingen mit einem geringen Geländegewinn aus der Schlacht, viel wesentlicher war aber der Rückzug (Codename „Alberich“) auf die „Siegfriedstellung“, den Ludendorff im Anschluss an Verdun vollzog.

Verdun wurde zum Inbegriff der Grausamkeit des modernen, industrialisierten Krieges. In Frankreich wurde die Schlacht zum nationalen Mythos, in Deutschland zum Symbol sinnlosen Blutvergießens. Die Soldaten der Wehrmacht im II. Weltkrieg fürchteten nichts mehr, als in ein „zweites Verdun“ zu geraten.

Einen Platz in der gesamteuropäischen Erinnerungskultur erhielt Verdun 1984, als Helmut Kohl und François Mitterand einander über den Soldatengräbern von Verdun die Hand reichten. Verdun, das einen Höhepunkt in der jahrhundertealten „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern markiert hatte, wurde so umgewandelt zum Symbol der Versöhnung und der europäischen Einigung.
Obiger Text findet sich gedruckt in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas): Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas



Header: Staatspräsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl reichen einander vor dem Beinhaus von Douaumont die Hand. Verdun, 22. September 1984. Rechte: Corbis Images 

Die Schlacht an der Somme

Am 1. Juli 1916 begannen die Briten unter ihrem Oberbefehlshaber, dem späteren Feldmarschall Douglas Haig, eine große Entlastungsoffensive an der Somme. Sie wurde zur blutigsten Schlacht an der Westfront im Ersten Weltkrieg.

Seit Februar tobte die Schlacht um Verdun. Die Franzosen hatten dort bereits zahlreiche wichtige Stellungen aufgeben müssen und brauchten dringend Hilfe. Ende Juni begannen die Briten ein siebentägiges Bombardement an dem Fluss Somme nordwestlich von Verdun, um die deutschen Stellungen sturmreif zu schießen. Die britische Führung wollte so erreichen, dass ihre Infanteristen am Tag des Angriffs das Niemandsland „nur mit dem Spazierstock bewaffnet“ würden überqueren können. Entscheidender Nachteil dieses Dauerfeuers war allerdings, dass es den Deutschen den Ort des bevorstehenden Angriffs verriet.
Im Vorfeld des Angriffs wurden auch erstmals in diesem Krieg gigantische Sprengungen vorgenommen. In monatelanger Arbeit hatten britische Pioniere die deutsche Stellung „Schwabenhöhe“ bei dem Weiler La Boisselle unterminiert und Sprengstoff im Umfang von 27 Tonnen angebracht. Am 1. Juli um 7 Uhr 28 brachten sie die Höhe zur Explosion. Erdbrocken und Trümmerteile wurden einen Kilometer und höher in die Luft geschleudert, es gab Hunderte von Toten. Der Knall der Explosion war so laut, dass er noch in London zu hören gewesen sein soll. Die Briten gaben dem entstandenen Krater den Namen „Lochnagar-Krater“, in Anlehnung an die schottischen Regimenter, die hier lagen.
Zwei Minuten später traten dann 120.000 britische Soldaten zum Sturm auf die deutschen Stellungen an. Sie wurden sofort von heftigem MG-Feuer empfangen. Entgegen der Annahme der englischen Führung waren die deutschen Gräben nämlich zwar stark beschädigt, aber dennoch intakt geblieben. Es kam zu einem furchtbaren Blutbad: 20.000 britische Soldaten starben an diesem Tag, allein achttausend in der ersten halben Stunde. Es war der verlustreichste Tag in der britischen Militärgeschichte.
Besonders schlimm traf es die „Ulster Division“, in der nordirische Soldaten dem Vereinigten Königreich dienten. Bis heute gilt für sie der 1. Juli 1916 als Opfergang für Großbritannien. Um halb acht Uhr morgens griffen sie bei dem Dörfchen Thiepval an und stießen auf den fanatischen Widerstand württembergischer Truppen. Captain Wilfred Spencer, der dem Divisionsstab angehörte, sagte nach der Schlacht in einem Interview:
„Die Ulster Division hat mehr als die Hälfte ihrer Männer beim Angriff verloren und sich dadurch für das Empire geopfert, das sie nicht immer gut behandelt hat. Ihre Hingabe, die zweifelsohne das Ihre zum Vormarsch an den anderen Abschnitten beitrug, hat den Dank des ganzen Britischen Empire verdient. Diesen braven Jungs ist es zu verdanken, wenn ihre geliebte Heimat gut behandelt wird.“
Aus der Entlastungsoffensive wurde schnell ein eigener Kampfplatz, der bis dahin ungekannte Mengen an Menschen und Material verschlang. Bis in den November hinein rangen Deutsche und Briten, unterstützt von der 6. Französischen Armee unter General Fayolle, und verwandelten die idyllische Landschaft in eine Trichterwüste. Den britischen Hauptstoß führte die 4. Armee unter General Henry Rawlinson. Haig, der Oberbefehlshaber, versteifte sich so wie auf deutscher Seite ein halbes Jahr zuvor Falkenhayn auf eine Strategie der „Abnutzung“ und des „Weißblutens“. Tatsächlich kam dabei aber, wie der britische Militärhistoriker Basil Lidell Hart, der selber an der Schlacht teilnahm, später festhielt, nur „dummes, massenweises gegenseitiges Abschlachten“ heraus. Nirgends trat die geistige Unbeweglichkeit von im 19. Jahrhundert sozialisierten Truppenführern angesichts der Dimensionen des modernen Materialkrieges deutlicher zutage wie an der Somme.
Ernst Jünger, der an der Schlacht als Leutnant teilnahm, beschreibt die schreckliche Wirkung des Artilleriefeuers in seinem Buch „In Stahlgewittern“:
„Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken, Waffen und toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Blick. Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die toten. Beim Ausgraben von Deckungslöchern bemerkten wir, dass sie in Lagen übereinandergeschichtet waren. Eine Kompanie nach der anderen war, dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend, niedergemäht, dann waren die Leichen durch die von Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet worden, und die Ablösung war an den Platz der Gefallenen getreten.“
Einen weiteren Einschnitt in dieser Schlacht stellte der erstmalige Einsatz von Panzern dar. Am 15. September griffen die Engländer mit 32 „Tanks“ bei Flers nahe der Stadt Bapaume an. Der Name war bewusst gewählt, um den Gegner über den wahren Zweck der neuartigen, gepanzerten Fahrzeuge irrezuführen. Tatsächlich war die Verwirrung unter den Deutschen groß, entscheidende Wirkung konnte die Panzerwaffe aber noch nicht erzielen, zudem verspielten die Engländer durch den beschränkten Einsatz das Überraschungsmoment. Die Hauptlast des Angriffs lag nach wie vor bei der Infanterie, das Nahziel der alliierten Offensive, die Einnahme von Bapaume, wurde nicht erreicht. Auch bei Verdun wurde die deutsche Linie gehalten. Am 18. November wurde die Offensive eingestellt.
Die Schlacht an der Somme war neben Verdun die blutigste des ganzen Krieges. Gemessen an ihrer Dauer war sie die verlustreichste. Haig wurde zwar Anfang 1917 zum Feldmarschall befördert, doch der Ruf als „Schlächter von der Somme“, der einem veralteten Schlachtplan Hunderttausende Soldaten blind opferte, blieb an ihm haften. Der Historiker Jörn Leonhard schreibt:
„Nach der Somme-Schlacht war das Missverhältnis zwischen Raumgewinn und Opferzahlen unübersehbar. In etwa 150 Tagen hatten die deutschen Truppen auf 35 Kilometern Frontbreite etwa zehn Kilometer Gelände eingebüßt. Mit dem Rückzug auf die stark befestigte Siegfried-Linie Anfang 1917 konnten sie aber die Front insgesamt stabilisieren. Die Briten und die Empire-Truppen verloren insgesamt 420.000 Mann, die Franzosen 204.000 Mann, insgesamt hatten die Alliierten 146.000 Tote oder Vermisste zu beklagen. Dem standen 465.000 Mann deutsche Verluste gegenüber, darunter 164.000 Tote und Vermisste.“
Der Text erschien in: Ralf Georg Reuth, Im großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München: Piper 2014. © Konstantin Sakkas

Header: Die Schlacht an der Somme ist, wie der I. Weltkrieg insgesamt, bis heute fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses in der englischsprachigen Welt insbesondere natürlich im Vereinigten Königreich selbst. Im Bild die „eingefrorene“ Schlussszene der letzten Staffel der BBC-Sitcom „Blackadder“, „Goodbyeee“, von 1989 mit den beiden späteren Weltstars Hugh Laurie und Rowan Atkinson (2. und 3. v.l.)