Die letzten Tage der Neuzeit. Der Erste Weltkrieg und die eigentliche Idee von Europa

Vor bald hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, und mit ihm endete nicht nur eine Epoche, sondern ein Zeitalter. Was danach kam, so schrieb Christian Graf von Krockow in seiner vielbeachteten Studie „Die Entscheidung“ von 1954, ist noch neu, unbekannt und unbenannt. Wir Heutigen blicken auf diese hundert Jahre zurück als auf das erste vollbürtige Jahrhundert einer neuen Zeit, eines neuen Zeitalters.

Die kanonische Dreiteilung der Weltgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit war dabei ein vergleichsweise junger Topos. Erst im Jahr 1702 führte ihn der Hallenser Gelehrte Christoph Martin Keller („Cellarius“) in die Wissenschaft ein; zuvor hatte man die Geschichte – von der Erde selbst nahm man damals an, sie bestünde seit sechstausend Jahren – eingeteilt nach den so genannten vier großen Reichen: dem assyrischen, dem persischen, dem griechischen und dem römischen. Den Brückenschlag vom römischen Reich, das 476 n. Chr. mit der zweiten Einnahme Roms durch Odoaker und den Sturz des letzten Kaisers Romulus unterging, vollzog man mittels der Denkfigur der „translatio imperii“: der (geistigen) Übergabe der (Kaiser-)Reichsidee von Rom an die Franken, deren Staat sich im 8. Jahrhundert als europäisches Großreich, von der Bretagne bis nach Mittelitalien, von den Pyrenäen bis nach Ostsachsen zu etablieren begann; mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstage des Jahres 800 als eindrücklichem Höhepunkt.

Der Gedanke, sich nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer andren, eben der „neuen“ Zeit zu befinden, tauchte freilich schon früh in den Köpfen der Menschen auf; Jacob Burckhadt datierte in seinem kanonischen Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ebenderen Beginn aufs frühe 14. Jahrhundert, und in der Geschichtswissenschaft gelten die geistes-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Strömungen, die über Europa seit der Stauferzeit, seit dem 12., Jahrhundert hereingebrochen waren, seit Langem als eindeutige Vorboten der Neuzeit („Renaissance des 12. Jahrhunderts“ ist hier zum Beispiel ein gängiges Schlagwort). Das Gefühl freilich, Neuzeit zu sein, war auch im Jahre noch 1914 ein recht junges – trotzdem ging in ebendiesem Jahr diese Neuzeit, wie es neben Graf Krockow Denker auch wie Martin Heidegger, Hannah Arendt und Hans Blumenberg sehen sollten, schon wieder zu Ende.

Um dies zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die geistig-politischen Konstellationen zu werfen, die dem Ausbruch des Krieges vorausgegangen waren. Der Krieg fand statt zwischen den fünf europäischen Großmächten; diese waren seit dem 18. Jahrhundert England, Frankreich, Russland, Österreich (seit 1867 in Realunion: Österreich-Ungarn) und das Deutsche Reich, das 1871 quasi aus dem Königreich Preußen hervorgegangen war. Man sprach hiervon auch als von der „europäischen Pentarchie“. Hinzugekommen als stiller Konkurrent auf dem Feld der Weltwirtschaft waren mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 bzw. mit seiner definitiven inneren politischen Einigung 1865 die Vereinigten Staaten von Amerika; eine veritable weltpolitische Rolle spielen sollten sie allerdings erst mit ihrem Eintritt in den Krieg, 1917.

Wir haben es also beim Ersten Weltkrieg konstellativ im Ausgang vorerst mit nichts anderem zu tun als mit einer Neuauflage des uralten europäischen Motivs des Bruderkrieges. Seine Wesensdimensionen konnten religiös, territorial, wirtschaftlich oder allgemein geistig sein; 1914 waren sie vordergründig wirtschaftlich-territorial, aber auf gewisse, unbestimmte Weise auch geistig. Man kann sagen, dass alle europäischen Erschütterungen seit der karolinigschen Zeit, also seit der Zeit Karls des Großen, darauf zurückzuführen sind, dass das von jenem angestrebte und für kurze Zeit auch realisierte Großreich in lauter kleine Einzelstaaten zerfiel, die seit etwa der ersten Jahrtausendwende nach Christus mit Macht nach ihrer politischen, wirtschaftlichen und später auch religiösen und ideologischen Selbstentfaltung strebten.

Besonders deutlich wurde diese Tendenz seit dem Beginn der Neuzeit, der nämlich zugleich der Beginn der so genannten deutsch-französischen Erbfeindschaft ist. Sie begann mit dem Italienfeldzug des Königs Karl VIII. von Frankreich 1494 und endete mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, dem so genannten Élysée-Vertrag, am 22. Januar 1963, dieses letztere ein recht junges Datum, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute es noch erlebt hat (50 Jahre). Sie ging aus vom Kampf um die Vorherrschaft in jenem Teil des alten Karlischen Reiches, der in der Reichsteilung, nach dem Tod seines Sohnes, Ludwig des Frommen († 840), im Vertrag von Verdun 843 als Mittelreich hervorgegangen war. Er erstreckte sich im Groben von der heute niederländischen Nordseeküste über Lothringen, Burgund und die Provence bis nach Norditalien, Mailand und die Lombardei, und von dort aus bis nach Rom, das politisch seit der Einnahme durch die Goten im Fünften Jahrhundert nicht mehr zur Ruhe gekommen war.

Es ist genau dieser Länderschlauch von Norden nach Süden, von Mediävisten spöttisch auch gern als „Kegelbahn“ bezeichnet, in und um den im Ersten Weltkrieg in der Hauptsache gekämpft werden sollte. Der deutsche Feldzugsplan, vom späteren Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen bereits in den 1890er Jahren entworfen, sollte sich genau an diesem territorialen Szenario orientieren: die Masse der deutschen Armeen sollte das französische Heer in einer gewaltigen Umfassung von „rechts“ nach „links“, also von Norden nach Süden drücken und an der Schweizerischen Grenze „zerquetschen“ (daher das bekannte Schlagwort, das der todkranke Schlieffen im Fieberwahn gebraucht haben soll: „macht mir den rechten Flügel stark!“). Der Frontbogen im Westen reichte von Belgien, dessen völkerrechtlich garantierte Neutralität die deutsche Reichsleitung unseligerweise brach (und damit England auf den Plan lief, das ansonsten sehr wahrscheinlich neutral geblieben wäre; aber Belgien, und damit eine Zähmung unsinniger deutscher Annexionswünsche hatte es nun einmal garantiert!), durch Flandern, Vogesen, die Champagne und das alte Herzogtum Burgund (so hatte früher das gesamte Mittelreich zwischen West- und Ostfranken geheißen) bis nach Pontarlier an die Schweizer Grenze.

1915 zerfiel der Dreibund, ein wackliges Bündniskonstrukt aus den 1880er Jahren zwischen den in „Nibelungentreue“ verbundenen Reichen Deutschland und Österreich einerseits und dem jungen Königreich Italien andererseits, und es wurde, und zwar direkt in den Alpen, eine neue Front eröffnet, diesmal zwischen Österreich und Italien, das den Habsburgern noch lange nicht vergessen hatte, dass ihre Sekundo- und Tertiogenituren, ihre Vizekönige und Militärgouverneure einst drei Viertel des Landes beherrscht hatten. Der Krieg erstreckte sich also ziemlich genau in dem Länderschlauch von der flandrischen Nordseeküste bis hinunter in die Lombardei und an die Adriaküste, um dessen Besitz sich nicht nur die Enkel Karls des Großen im Neunten Jahrhundert gerissen hatten; sondern um den noch in der gesamten frühen Neuzeit, von den so genannten Italienkriegen (1494-1558) über die „Raubkriege“ Ludwigs XIV. und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) bis zu den so genannten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den alten europäischen Monarchien (1792-1814) gerungen wurde. Rein territorial und rein europäisch betrachtet, war es das Erbe Karls des Großen, um das die fünf europäischen Großmächte 1914 bis 1919 stritten.

Anders betrachtet ging es freilich um viel, viel mehr. 1814, als Napoleon in der Schlacht bei der Stadt Arcis-sur-Aube durch den österreichischen Fürsten Schwarzenberg geschlagen wurde und ein paar Wochen Paris die weiße Fahne hisste, befand Europa strukturell sich noch tief im Mittelalter. Es gab keine Elektrizität, keine Mobilität auf der Schiene, keine Aviatik. 1914 dagegen steht Europa tief in der Moderne. In keinem Jahrhundert wurden so viele wegweisende Erfindungen und Entdeckungen gemacht wie im 19. Quantitativ sind ihm das 20. und 21. sicher überlegen, aber qualitativ ist der Abstand zwischen 1814 und 1914 viel größer als der zwischen 1914 und 1963 es war, oder der zwischen 1963 und 2013. Die Informationstechnologien und die Verteilungsstrukturen des Wohlstandes haben sich zum Teil radikal verändert; aber mentalitär steht Europa seit der „Stunde Null“, seit 1945 in einer Art positiver Schockstarre, einem Gefühl des Nicht-mehr-beteiligt-seins, der Entpolitisierung, das dann 1992, als auch der Kalte Krieg Geschichte war, Francis Fukuyama mit dem Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ auf den Punkt bringen sollte.

Winston Churchill sah bekanntlich die Zeit von 1914 bis 1945 als einen zweiten „europäischen Dreißigjährigen Krieg“ an, in dem alles durcheinandergewirbelt wurde. Zwei unmittelbare Konsequenzen hatte dieser Dreißigjährige Krieg: erstens: er rief die USA auf den Plan, die sich binnen Kurzem als den europäischen Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit und militärischer Schlagkraft heillos überlegen entpuppten. Zweitens: er holte den Orient und mit ihm den Islam auf die Bühne des weltpolitischen Theaters.

Seit dem Kreuzzugszeitalter hatte sich das Türkische Reich, das sich später nach seinem dynastischen Gründer osmanisch nennen sollte, klandestin als heimliche Ordnungsmacht herauspräpariert, die, zwar dem Anschein nach gegen Europa gerichtet, in Wahrheit durch äußeren Druck immer wieder dafür sorgt, dass Europa zusammenbleibt. Letztmalig manifestierte sich dies in jener Klausel der Wiener Gründungsakte der Heiligen Allianz, die den Sultan in Konstantinopel vom Beitritt ausschloss, da er eben kein Christ sei.

Das ganze 19. Jahrhundert dann drehte sich machtpolitisch um die Erhaltung der Türkei, des „kranken Mannes am Bosporus“. Hatten die Türken noch 1683 „vor Wien“ gestanden und als der Schrecken der zivilisierten Welt gegolten, so wurden sie nun von der europäischen Diplomatie auf einmal geradezu liebevoll gepflegt. Die große Angst, die alle umtrieb, war nämlich: dass im Nahen Osten, der alten geographischen Schlüsselregion Europas, die beiden großen Gegenspieler im Kampf um die „Aufteilung der Welt“ einmal blutig zusammenstoßen würden: England und Russland.

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die große Angst des gebildeten Europäers, dass es zu einem „Weltkrieg“ zwischen diesen beiden Mächten kommen könnte. England, das Mutterland des Kolonialismus, damals Herrscherin über ein Viertel der Erdoberfläche, und Russland, der spätberufene Neuzugang ins europäische Mächtekonzert, der sich seine Rolle als heimlich Schutzmacht Preußens zwischen 1763 und 1871 erarbeitet hatte und nun nicht nur als Schutzpatron der panslawistischen Freiheitsbewegung im österreichisch regierten Osteuropa auftrat, sondern zugleich die „Befreiung“ der orthodoxen Glaubensbrüder auf dem Balkan und im Kaukasus im Schilde führte, was auf nichts anderes hinauslief als auf eine Expansion in den Nahen und Mittleren Osten, nach Syrien und Persien, an die Grenzen Indiens, das britische Kronkolonie war, seit 1876 mit dem Status eines Titularkaisertums. Hier, sowie auf den Weltmeeren – die Kriegsmarine galt als Teilstreitkraft der Zukunft – erwartete man den großen Zusammenstoß von Bär und Walfisch, von Russland und England.

Vergleichsweise unbedeutend nahm sich daneben der andere Konflikt aus, der das europäische politische Geschehen seit 1871 dominierte. Der deutsch-französische Gegensatz schien dadurch, wenn auch gewaltsam, gelöst, dass es Deutschland unter „Führung“ Preußens und Otto von Bismarcks gelungen war, sich politisch zu einigen und dabei die linksrheinischen Gebiete zu verteidigen. Einziger Stachel im Fleische: die neuen „Reichslande“ Elsass-Lothringen, die die Sieger 1871 sich gleichsam als Kriegsbeute ausbedungen hatten – Land, das zwar vor Jahrhunderten einmal deutsch gewesen, seit Ludwig XIV. aber nun einmal französisch war, dessen Bevölkerung mehrheitlich französisch dachte und fühlte und, auch der wohlwollendsten Behandlung durch die deutschen Behörden trotzend, im Traum nicht daran dachte, seine eigentliche, innere Nationalidentität aufzugeben. Hier lag die Keimzelle des französischen Revanchismus seit 1871, und der Grund, warum in den vierzig Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges Deutschland und Frankreich schlechterdings nie ein Bündnis miteinander eingegangen sind.

Durch die Reichseinigung und das durch sie freigesetzte wirtschaftliche und militärische Potenzial aber – Deutschland war um 1900 hinter den USA und vor England die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – war Deutschland zum Zünglein an der Waage geworden; es war de facto, wie Sebastian Haffner festhielt, die stärkste Macht des Kontinents geworden, und – man bedenke! – dies aus dem Nichts! 1866 gab es noch den alten Deutschen Bund, verfassungsrechtlich eine Art Blinddarm des Heiligen Römischen Reiches, mit einer fürstenrepublikanischen Verfassung und zeitweise 39 Mitgliedsstaaten; fünf Jahre später gab es ein Deutsches Reich. Jeder, mit Ausnahme Frankreichs natürlich, wollte mit diesem Deutschen Reich verbündet sein, um seine jeweiligen Ziele durchzusetzen. Nur Deutschland selber, das hatte sein Gründer Bismarck erstaunlich aufrichtig eingeräumt, hatte kein wirkliches außenpolitisches Ziel mehr; es war gesättigt, „saturiert“.

Kritiker Deutschlands, d.h. Preußens, warfen und werfen Bismarck, dem „Barbaren von Genie“, denn auch bis heute vor, er sei ein Unruhestifter gewesen, der das alte europäische Gleichgewicht zerstört habe. Fakt ist, dass Bismarck selber um die Labilität seines machtpolitischen Konstrukts am besten wusste: der sprichwörtliche „Alptraum der Koalitionen“ (cauchemar des coalitions) sollte ihn bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen.

Dass der alte Fürst Bismarck 1890 durch eine Hofintrige und mit Wissen und Wollen des jungen, juvenilen Kaisers Wilhelm II. gestürzt wurde, wird bis heute bei Laien und Fachpublikum als schwerer Fehler angesehen und als πρῶτον ψεῦδος, als erster Fehler, der schließlich 24 Jahre später zum Ausbruch des Weltkrieges geführt habe. Erst in den letzten zehn Jahren wurde das ehedem fast schon kanonische Verdammungsurteil über den letzten Deutschen Kaiser behutsam korrigiert, unter anderem von Christopher Clark und Eberhard Straub, nachdem bereits in den Neunziger Jahren der Berliner Essayist Nicolaus Sombart einen ingeniösen Vorstoß in diese Richtung unternommen hatte.

Tatsache ist, dass sich Deutschland 1890 bündnispolitisch in einer unentscheidbaren Situation befand. Es konnte es nur falsch machen, wäre es nun mit Russland (wie zu Bismarcks Zeiten) oder mit England gegangen (wie es von der englischen Politik vor und nach Edward VII., der von 1901 bis 1910 regierte, immer wieder favorisiert wurde). Deutschland war zum ersten Mal in seiner Geschichte, um im Jargon der Bismarckzeit zu reden, vom „Amboss“ zum „Hammer“ geworden – aber es wusste mit diesem Hammer nichts anzufangen. Deutschland, nicht England, wählte mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. 1888 die splendid isolation – in die weltpolitischen Konjekturen Englands und Russlands sinnvoll eingreifen konnte es nicht.

So kam es 1907 zu dem diplomatischen Ereignis, das niemand für möglich gehalten hätte: England und Russland, die auch ideologisch denkbar weit voneinander entfernt waren (England, eine parlamentarische Monarchie und hochindustrialisiert, Russland, ein autokratischer Agrarstaat, bei dem die große Revolution nur eine Frage der Zeit war), schlossen ein Bündnis miteinander, da beide jeweils schon mit Frankreich separat verbündet waren, gab es nun offiziell die „Tripleentente“. Der Ring der „Einkreisung“ um Deutschland war geschlossen.

Als am 28. Juni 1914 der Thronfolger der k. u. k. Monarchie, Erzherzog Franz Ferdinand, bei einem Manöverbesuch in Sarajewo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, dauerte es noch fünf Wochen, bis sich ganz Europa im Krieg befand. Bosnien und die Herzegowina waren 1908 unter internationaler Duldung von Österreich besetzt worden, unter Missbilligung Russlands, das den Balkan seit den Tagen Katharinas der Großen als seine Hegemonialsphäre betrachtet hatte. Russlands Schutzmacht war Serbien, Serbien machte alle Anstalten, es der national empörten österreichischen Bevölkerung recht zu machen, aber es half nichts: unter den 26 Punkten des österreichischen Ultimatums an die königlich-serbische Regierung in Belgrad befanden sich jene berüchtigten zwei, die keine Regierung der Welt hätte annehmen können, ohne die Souveränität ihres Staates zu blamieren. Die Teilablehnung und damit der casus belli war von der österreichischen Kriegspartei eingeplant.

Unmittelbar darauf schaltete sich erwartungsgemäß Russland ein, das ein österreichisches Vorgehen gegen Serbien nicht dulden mochte; Russlands Vorstoß rief das Deutsche Reich auf den Plan, das sich mit Österreich auf Leben und Tod verbündet und der Regierung in Wien eine unbeschränkte Vollmacht (der berühmte „Blankoscheck“) für ihr Vorgehen gegen Serbien ausgestellt hatte (denn nur mit dem mächtigen, wirtschaftlich potenten und militärisch hochgerüsteten Deutschland im Rücken konnte das altmodische, zurückgebliebene Österreich einen Waffengang überhaupt wagen). „Unter Tränen“, wie es heißt, überreichte der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Graf v. Pourtalès, am 1. August die deutsche Kriegserklärung (noch vierzig Jahre zuvor waren Russland, das eine deutsche Dynastie, die Schleswig-Holstein-Gottorf, regiert, und Preußen eng Freunde gewesen). Da aber zwischen Russland und Frankreich seit 1894 ein Offensiv- und Defensivbündnis besteht, erklärt Deutschland vorauseilend am 3. August auch Frankreich den Krieg. Denn auf diesen, eigentlich unsinnigen, Konflikt hat man sich eingestellt, und das schon seit zwanzig Jahren.

Hier vollends wird der Hergang dieses Kriegsausbruches vollends unbegreiflich. Der Konflikt auf dem Balkan (der vier Jahre später im Übrigen erwartungsgemäß mit dem Auseinanderbrechen der beiden verbliebenen Vielvölkerreiche in Südosteuropa enden wird: Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) erweist sich als bloßer Seitenschlich, um den uralten Konflikt Frankreich-Deutschland wieder aufleben zu lassen. Die vielbeschworene Gefahr der „russischen Dampfwalze“ (tatsächlich ist die russische Armee kaum moderner als die österreichische, zudem ist die Kampfmoral der unter dem zaristischen System leidenden Rekruten miserabel) wird durch die Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen noch im Herbst durch die deutsche 8. Armee unter ihrem Generaloberst von Hindenburg, dem späteren Reichspräsidenten, aufgehalten. Dagegen beißen sich die sieben deutschen Armeen, die in einem hektischen Vorstoß Paris einzunehmen gehofft hatten und der französischen Hauptstadt auch schon auf hundert Kilometer nahegekommen waren, im September an der Marne fest („Wunder an der Marne“). Damit ist der Krieg im Westen für beide Seiten an den strategischen Nullpunkt gestoßen, bevor er richtig angefangen hat. Vier Jahre lang wird das jetzt so gehen: mal verbuchen die Franzosen, mal die Deutschen minimale Gebietsgewinne. Aber es bleibt ein Patt.

Entscheidend dafür ist allerdings, dass sich seit dem 4. August auch Großbritannien im Krieg mit Deutschland befindet. Die deutsche Oberste Heeresleitung hatte aus puren aufmarschtaktischen Gründen das neutrale Belgien überrennen lassen – und damit Englands ultimative Bedingung verletzt, unter der es in den Krieg im Westen nicht eingegriffen hätte (wodurch dieser vielleicht wirklich nach wenigen Wochen für Deutschland entschieden worden wäre). Und die vielen hunderttausend britischen Soldaten, die nun auf französischer Seite zum Einsatz kommen, verschieben das Kräftegleichgewicht natürlich zuungunsten Deutschlands.

Deutschlands ganzes Verhalten in diesem Krieg weist selbstzerstörerische Züge auf: vom unbedingten, aber gar nicht nötigen Eintreten für Österreich und seine verheerende Expansionspolitik auf dem Balkan über die fatale Verletzung der Neutralität, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Jahr 1917, wodurch die USA auf Seiten der Entente in den Krieg gerufen werden, bis hin zu den unverschämten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk im März 1918, wodurch faktisch ein osteuropäisches Kolonialreich unter deutscher Führung geschaffen werden soll – ein Gewaltakt, als dessen umgehende, gerechte Strafe man den Diktatfrieden von Versailles ein Jahr darauf mittlerweile auch in der Forschung auffasst. Unter allen beteiligten Mächten hatte das Deutsche Reich am wenigsten Grund zum Kriege, und unter allen Kriegszielen waren seine am wenigsten gedeckt, sei es durch Logik, sei es durch Emotion.

Die Frage nach der Kriegsschuld ist seit dem Krieg selber oft gestellt worden, und mit einer Insistenz wie sonst bei keinem Krieg in der Geschichte. Der Erste Weltkrieg brach aus, der zweite wurde entfesselt – über diese Formel herrscht in Forschung und Publikum seit Langem Einigkeit, und auch jüngere, meinungsstarke Beiträge aus der Literatur haben daran nichts geändert. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, als die George F. Kennan den Weltkrieg in einer berühmten Wendung bezeichnete, ist in ihrer Genese heute so sehr ein Faszinosum wie vor einhundert Jahren.

Freilich folgt in der Geschichte alles einer inneren, und wiederum auch überzeitlichen, seinsmäßigen Logik. Und nach dieser Logik hatte das europäische Zeitalter politisch ausgedient. Fünfzehnhundert Jahre lang, seit dem Untergang Roms, hatten die europäischen Mächte das Politische in seiner territorialen Praxis ausgelotet in alle Richtungen; 1914 stießen sie endgültig an ihre Grenzen, und es war nur folgerichtig, dass sich die Bevölkerung Mitteleuropas mit der Niederlage 1918 zugleich ihrer Monarchen – allein in Deutschland waren dies zwanzig regierende Herren – entledigte; denn das abrahamitische Prinzip, wonach der Fürst Hirte seiner Völker ist und sie sicher durchs Ungewisse führt, hatte seine historische Legitimität verloren. Dass sich die Deutschen um ihr historisches Heldenepos betrogen fühlen sollten; dass der Verlust des Kaisers einen tief in der Volksseele verwurzelten Vaterkomplex aktivieren sollte, stand dabei auf einem anderen Blatt.

Vielleicht begreifen wir das Phänomen dieses Krieges, der aus seiner eigenen Tradition so sinnlos und fremd hervorragt, besser, wenn wir ihn aus der zukünftigen Perspektive heraus betrachten. Keine hundert Jahre sind seither vergangen, und das Antlitz Europas und der Welt hat sich vollständig geändert. Die klassische Machtpolitik ist, im Modus ihrer erratischen, infernalischen Überspitzung durch das Deutsche Reich in zwei Weltkriegen, aus dem Repertoire der europäischen Politik verschwunden; wir sind vollends ins Zeitalter des Wirtschaftlichen eingetreten, und das heißt auch: der konsequenten Wohlfahrts- und Wohlstandsförderung. Die USA und China haben die Rolle übernommen, die bis 1914 den fünf Großmächten vorbehalten gewesen; Europa kehrt stattdessen langsam zu seinen alten, unter dem Wust einer tausendjährigen Ver- und Entwicklung verschütteten Wurzeln zurück; es wird langsam wieder ein Europa der Regionen.

Regionalität ist die Wurzel des Europäischen. Der universelle, territorial nach innen vereinnahmende und nach außen ausgreifende Machtstaat war stets etwas Fremdes, ein orientalischer Oktroy, gegen den sich die Griechen einhundert Jahre lang gewehrt haben, bis der Große Alexander die Idee des Universalreiches im Rahmen eines genialen, abenteuerlichen, und doch wiederum wahnwitzigen Unternehmens in seine mediterrane Heimat importierte. Von Griechenland, das so auf einmal zum Mutterland der modernen Monarchien wurde – Alexander Demandt wies in seinem glänzenden Alexander-Buch, das vor vier Jahren erschien, zuletzt darauf hin –, ging diese Idee über auf Rom, dessen Imperium sich ja nicht um ein Land, sondern um eine einzelne, übermütige Stadt herumscharte (wen wundert es da, dass bis heute der Regionalismus gerade in Italien und Griechenland so besonders spürbar ist?), um sich dann im Gewimmel der Völkerwanderung zu verlieren. Karl der Große-Charlemagne, auf den sich die beiden Mutternationen des postmodernen Europa, Frankreich und Deutschland, als Ideenstifter berufen, stellte das Reich wieder her, aber nicht ursprünglich als politische, sondern vielmehr als Stammeseinheit. Die nationelle, politische Aufladung kam erst durch den Kaisertitel hinzu; seitdem glaubte sich jeder seiner Nachfahren dazu berufen, aus seiner eigenen Nationalität heraus Europa als Gesamtstaat einrichten zu müssen. Der europäische Urgedanke: ein freies Miteinander unterschiedlicher Stämme und damit Regionen zu sein, geriet in Vergessenheit. Es wurde beansprucht, arrondiert, geraubt und wieder zurückgeraubt, eintausend lange Jahre lang.

1914 brach das Kartenhaus des europäischen Nationalismus endlich in sich zusammen. Mit dem ersten Krieg allein war es freilich nicht getan; es bedurfte der noch viel schrecklicheren Entwicklungen über jenes Kontinuum von 1914 bis 1945 hinweg, bis sich Europas martialische, selbstzerstörerische Energien endgültig erschöpft hatten. Aber 1914 war das erste Aufleuchten, der erste laute Knall, der die Völker Europas daran gemahnte, dass sie Brüder sind, nicht Konkurrenten, und dass das Zeitalter der Bruderkriege seinem Ende entgegen geht.

So ist es kein Zufall – wie ohnehin überhaupt nichts in dem großen Zeitbogen, den wir Geschichte zu nennen gewohnt sind, „zufällig“ ist –, dass sich der „Große Krieg“, wie ihn Franzosen und Engländer mit pathetischer Hellsicht immer noch nennen, vorzüglich abspielte auf den Schlachtäckern auf jener Länderbahn zwischen Ostende und den Alpen; zwischen Belgien, dem jüngsten ,und der Schweiz, dem ältesten neutralen Staat in Mitteleuropa, deren einer nach dem ersten Krieg Sitz des Völkerbundes wurde, während der andere nach dem anderen, noch schlimmeren Krieg Sitz der Europäischen Union wurde. Der europäische Gedanke, das heißt: die Abkehr vom Nationalen, die Entschärfung des Politischen, die Übertragung der Ideale von Einheitlichkeit und Einheit vom Ganzen auf das Individuum: auf den Blutfeldern des Ersten Weltkriegs, der alle Grausamkeit und Absurdität des Kriegerischen in greller Schnörkellosigkeit ans Licht brachte, schälte er sich unter Mühen und Konvulsionen aus seiner historischen Verschalung.

Nicht verwunderlich, sondern nur folgerichtig ist die Doppelrolle, die hierbei Deutschland spielte. Wenngleich formell – das haben die Forschungen der vergangenen Jahre eindrücklich gezeigt – nicht mehr und nicht weniger schuld am Kriegsausbruch als die andern Beteiligten (hatte es doch selber am allerwenigsten Grund dazu), so war es doch, wie seit dem Mittelalter, wie schon in der Römerzeit, die „deutsche Frage“, woran sich die Zukunft Europas entscheiden sollte. Deutschland nahm, in unseliger, kindischer und zugleich gewalttätiger Verblendung, die Last der historischen Schuld auf sich: sich auf diesen sinnlosesten aller Kriege eingelassen, ihn erst zu dem gemacht zu haben, was er wurde: nämlich zu den „letzten Tagen der Menschheit“ (Karl Kraus), auf dass am Ende die Idee vom staat-losen, apolitischen Europa: dem Europa der Regionen, dem Europa der Brüderlichkeit, in der unwiderleglichen Alternativlosigkeit vor seinen Völkern stehe, wie sie nur das Erlebnis dieses Krieges in die Geister hat prägen können. Die falsche Form musste mit Gewalt zerbrochen werden, auf dass das gute Innere, die reine Materie zur Entfaltung kam: die uralte, mythische Idee von der Pax Europaea, vom europäischen Frieden.

© Konstantin Sakkas, 2013

Der Text erschien in leicht geänderter Fassung in der Ausgabe Januar 2014 in der Zeitschrift Die Drei.

Titelbild: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie am Tag ihrer Ermordung, Sarajevo, 28. Juni 1914.

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Der Luftkrieg im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg in der Geschichte, der nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft geführt wurde. Rasch errichteten alle kriegsteilnehmenden Staaten eigene Fliegertruppen, die zumeist dem Heer oder der Marine angegliedert und entsprechend uniformiert waren. Ihre Aufgabe bestand zu Anfang vor allem in der Feindaufklärung, doch bald entwickelten sie eine eigenständige Kampftätigkeit. Zwar wurden auch damals schon Städte und Zivilbevölkerung bombardiert. Reichweite und Intensität dieses frühen Bombenkrieges waren jedoch nicht vergleichbar mit den Flächenbombardements des Zweiten Weltkrieges, in denen gezielt Zivilisten getroffen werden sollten. Entsprechend hielten sich die Opferzahlen in Grenzen. Auch Industrieanlagen wurden durch Bombenabwürfe nicht wesentlich in ihrem Bestand gefährdet.
Zu Kriegsbeginn spielten noch Luftschiffe, nach ihrem Erfinder Graf Zeppelin auch „Zeppeline“ genannt, eine tragende Rolle. Ab Mitte des Krieges verschwanden sie immer mehr von der Bildfläche zugunsten von Bombern und Jagdflugzeugen. Die Technik war noch stark unterentwickelt. Teilweise warfen Pilot oder Schütze die einzelnen Bomben von Hand aus der Maschine. Einen Einschnitt in der Entwicklung der Jagdwaffe bedeutete die Entwicklung des schwenkbaren Maschinengewehrs, mit dem der Jägerpilot durch seinen Propeller feuern konnte.
Der vermutlich erste Luftangriff des Krieges ereignete sich am 6. August 1914. Ein deutsches Luftschiff warf Bomben auf das belgische Lüttich. An Heiligabend 1914 warf Leutnant Hans v. Prondzynski bei Dover die erste deutsche Bombe über englischem Boden ab.
Die junge Truppengattung wuchs rasant. Insgesamt produzierte das Deutsche Reich 1914 bis 1918 über 47.000 Flugzeuge, Frankreich 52.000 und Großbritannien sogar 55.000. Anders als im II. Weltkrieg besaßen die Deutschen über Jahre hinweg die Luftüberlegenheit. Das änderte sich erst mit der Ankunft der Amerikaner auf dem Kontinent 1918. Die Bombardierung strategischer Ziele (Städte, Industrieanlagen) spielte bis zuletzt nur eine Nischenrolle. Die Hauptaufgabe der Luftstreitkräfte lag in der Feindaufklärung und in der Unterstützung des Erdkampfes.
So klein die neue Teilstreitkraft vorerst war, so groß war das Prestige der neuen „Ritter der Lüfte“. Das galt vor allem für die Jagdwaffe. Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist der Jagdflieger Manfred Freiherr von Richthofen (1892-1918). Der junge Kavallerieoffizier aus einer alten preußischen Militärfamilie meldete sich 1915 zur Fliegertruppe und ging damit einen für viele seiner Kameraden typischen Weg. Der „Rote Baron“, so genannt nach seinem rot angestrichenen Dreidecker, wurde legendär, achtzig bestätigte Abschüsse feindlicher Flugzeuge werden ihm zugeschrieben, der Kaiser verlieh ihm den Pour-le-Mérite.
Als Richthofen am 21. April 1918 nahe der Somme von einem britischen Flieger abgeschossen wurde, erwiesen ihm Freund und Feind die letzte Ehre. Sein Schicksal zeigt auch, dass 1914 bis 1918 neben dem harten, grausamen und erbarmungslosen Stellungs- und Materialkrieg in den Schützengräben auch ein relativ „gesitteter“, ritterlicher Krieg geführt wurde – aber eben in den Lüften. Versetzungen in die Fliegertruppe waren unter jungen Offizieren heiß begehrt. Dennoch war auch bei ihnen, trotz der verhältnismäßig „komfortablen“ Kampfbedingungen, die Verlustquote hoch. Die Piloten pflegten untereinander betont höfliche Manieren, wer im Luftkampf siegte, zündete dem abgeschossenen Gegner die Zigarette an – nicht selten die letzte, die der in seinem Leben rauchte.
Die „Fliegerasse“ des I. Weltkrieges wurden im und nach dem Krieg vielerorts zu „Stars“. Viele von ihnen setzten ihre Karriere nach Friedensschluss fort, erst in der Reichswehr, dann in Hitlers Wehrmacht. Hermann Göring, der die Staffel Richthofen nach dessen Tod übernahm, wurde im „3. Reich“ Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Die im I. Weltkrieg entwickelte Luftjagdtaktik blieb bis weit über den II. Weltkrieg hinaus international maßgeblich.
In der Literatur hinterließ der junge Luftkrieg bemerkenswerte Spuren. Der Romancier Marcel Proust beschreibt in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wie die Pariser Gesellschaft von dem neuartigen Klang der Luftwarnungssirenen aufgeschreckt wird. Remarque beschreibt in „Im Westen nichts Neues“, was die einfachen Infanteristen vom Luftkrieg hielten: „Die Kampfflieger lassen wir uns gefallen, aber die Beobachtungsflugzeuge hassen wir wie die Pest; denn sie holen uns das Artilleriefeuer herüber. Ein paar Minuten nachdem sie erscheinen, funkt es von Schrapnells und Granaten. Dadurch verlieren wir elf Leute an einem Tag, darunter fünf Sanitäter.“

© Konstantin Sakkas
Titelbild: Manfred v. Richthofen, 1917. Quelle: Bundesarchiv

Die totale Negation. Hitler und der deutsche Nihilismus

Hitler, der aus engsten Verhältnissen zum Lenker des Kontinents aufgestiegen war, ging es um nichts Geringeres, als die Welt nach seinem Willen einzurichten, ohne Kompromisse und Rücksichten. Dieser Plan war in der Tat einzigartig. Weder Caesar noch Napoleon hätten sich angemaßt, diese Welt, in der wir leben, zu verneinen und an ihre Stelle etwas Neues setzen zu wollen. Auch die großen ideologischen Bewegungen wie etwa der Sowjetkommunismus, haben irgendwann in ihrer Entwicklung ihre extremistischen, manichäischen Ursprünge hinter sich gelassen und sich darauf beschränkt, in der Realität, wie der Mensch sie vorfindet, die punktuellen Änderungen in Staat und Gesellschaft vorzunehmen, die ihrem jeweiligen Dogma entsprachen. Niemals geschah das ohne Gewalt, selten mit dauerhaftem Erfolg; immer aber ging man, bei allen sonstigen Differenzen, von einer gemeinsamen Prämisse aus: Das menschliche Dasein zu erhalten und nach den Vorgaben der eigenen ideologischen Grundsätze zu verbessern. Die großen Ideologien haben viel Gewalt und Elend hervorgebracht; dennoch waren sie im Grundsatz lebensbejahend, bekannten sich also zum Sein, das ihnen zwar nicht vollkommen, aber doch irgendwie hinnehmbar erschien.

Hitler aber ging gegen das Sein selbst vor und dieser Plan musste notwendig im Verbrechen enden. Denn niemand, der selber nur als Teil der Welt geboren wird, ist imstande, sie nach seinen individuellen Wünschen vollständig umzuformen. Wer es dennoch versucht, erfährt schnell die Enttäuschung, dass auch er den Zwängen der Existenz unterworfen ist. Hitler, von einer unsäglichen Hybris besessen, war auf diese Weise von der Welt enttäuscht und richtete demnach seine ganze Energie darauf, an ihr furchtbar Rache zu nehmen. Als dieser Rachefeldzug gegen die Welt ist der Vernichtungskrieg anzusehen, vor allem aber der Holocaust. Indem er beide zur Ausführung brachte, brach Hitler mit jeder Tradition, mit jeder Vergangenheit, auch mit jeder ideologischen Utopie, die sich ja oftmals dadurch auszeichnet, dass sie sich an dem Ideal einer vergangenen besseren Epoche orientiert.

Hannah Arendt hat vom Holocaust als dem Menschheitsverbrechen gesprochen. Gegen das Ganze, gegen die ganze Menschheit ging Hitlers wahnhaftes Verlangen, entweder alles nach ihm auszurichten oder aber alles in den Abgrund zu stürzen. Diese beiden Momente bedingen einander wechselseitig; am Ende aber siegt immer die Verneinung, so auch bei Hitler. Den Weltlauf kann kein Individuum zurechtbiegen; wer es dennoch unternimmt, wird zum Verbrecher, und Hitler hat als Verbrecher von monumentaler Wirkungsmacht in der Geschichte seine Spur hinterlassen. Durch ihn kam es zu einer in der europäischen Geschichte beispiellosen Zivilisationskatastrophe; durch ihn erlebte die Schöpfung selbst, wie es der Schriftsteller Rolf Hochhuth formulierte, ihren Schiffbruch.

Im Bewusstsein dieser singulären Stellung Hitlers in der Weltgeschichte verwundert es, dass zwar der Nationalsozialismus durchaus in den geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet worden ist, die Person Hitler hingegen bei dieser Einordnung bislang nicht immer voll berücksichtigt wurde. Dabei würde erst diese Einordnung die ganzheitliche Wertung einer Biographie ermöglichen. Bezieht doch zum Beispiel Napoleon seine überragende historische Größe daher, dass er nicht nur politischer Gestalter seiner Zeit war, sondern ihre Symbolfigur. Deshalb konnte er mit Dostojewski und Nietzsche als maßgebende Persönlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts gelten – eine Einschätzung, die beispielsweise auf Metternich und Bismarck keine Anwendung fand, die als Staatsmänner, aber eben nur als Staatsmänner, gewiss richtunggebend für ihre Zeit gewirkt haben.

Auch Hitler ist so eine maßgebende Persönlichkeit, Symbolfigur seiner Zeit, die eine Zeit des Umbruches war. Wie kein Zweiter vereinigte er die Erwartungen seines Zeitalters in sich; wie keinen Zweiten aber beherrschte ihn jenes Gefühl, das immer die Mentalität der Menschen an epochalen Umbrüchen bestimmt hat: Die Angst. Angst vor dem Sein und vor der Welt ist die wesentliche charakterliche Auszeichnung Hitlers wie die seiner Epoche, die keinen unvermittelten Bezug zur Vergangenheit mehr kannte. Die so genannte „gute alte Zeit“ politischer und wirtschaftlicher Stabilität war ihr durch das Trauma des Ersten Weltkrieges ebenso fremd geworden wie der Fortschrittspositivismus in Geschichtswissenschaft und Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts. Die Menschheit, die in den Schützengräben Flanderns ihre „letzten Tage“ erlebt hatte, war heimatlos; nicht nur Gott, auch die Vernunft hatte ihre Rolle als unanfechtbare Instanz verloren.

Keine Nation in Europa empfand damals größere Angst als die Deutschen. Die besondere Intensität ihres Leidens an der Gegenwart leitete sich von dem eigentümlichen Defizit ab, auf keine glänzende Tradition zurückblicken zu können. Der „verspäteten Nation“, wie Helmuth Plessner sie nannte, fehlte das historische Erfolgserlebnis; und als innerlich nicht nur zerstrittener, sondern auch niemals in der neuzeitlichen Vergangenheit irgendwie geeinter Gesellschaft fehlte ihr auch die Erinnerung, wenigstens früher einmal ein glückliches Ganzes gewesen zu sein. Die Suche nach der verlorenen Zeit, der Roman der Aussöhnung des Menschen mit der Gegenwart im Gedenken an eine frühere Identität, wurde in Frankreich geschrieben, dessen im Ursprung nicht weniger extremistischer Faschismus schließlich ins Leere lief.

Deutschland stand also nicht nur vor der Zukunft, sondern auch vor der Vergangenheit ohne Hoffnung da. So kam es, dass sich der revolutionäre Bruch der Weltkriegsepoche gerade hier in katastrophalen Bahnen vollzog. Denn ganz Europa ging damals, wie zuvor in der Spätantike und im ausgehenden Mittelalter, einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Weltkriegsepoche bereitete der bislang letzten Form von Glauben, dem postrevolutionären Vertrauen in die menschliche Vernunft, ein Ende. In Deutschland aber waren die Fundamente der alten Ordnung so schwach herausgebildet, dass nur hier die Angst, die alle europäischen Nationen erfasste, hysterische, ja manichäische Züge annahm; sowohl Frankreich als auch die späterhin faschistischen Staaten wie Spanien und Italien hatten sich eine zumindest rudimentäre Orientierung an ihrer vergangenen nationalen Größe und Ordnung bewahrt; in Deutschland allein aber, das mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg allen Glauben an sich selbst verloren hatte, gedieh der Nährboden für einen so voraussetzungslosen, keine moralischen Grundsätze achtenden Machtwillen, wie er im Nationalsozialismus zur Entfaltung kommen sollte. Daher geriet hier der Epochenbruch zur Zivilisationskatastrophe mit Hitler als Hauptfigur, dem entwurzelten, voraussetzungslosen Kleinbürger.

Der Philosoph Emile Cioran hat einmal von „zusammengebrochenen Horizonten“ gesprochen. Die Formulierung trifft exakt die Stimmung, die Hitler und seine deutschen Zeitgenossen in ihrem Verhältnis zum Vergangenen prägte und aus der er seine politische Motivation her bezog. Die Vergangenheit mit ihrer Religion und ihrer Ratio war abgetan, wertlos; man wollte etwas ganz Neues, suchte den Aufbruch in die eigentliche, die richtige Existenz. Diese Suche nach dem absoluten, dem eigentlichen Sein wurde damals, nach dem Zusammenbruch von 1918, politisch aktuell; im europäischen Geistesleben hatte sie indes schon einhundert Jahre zuvor begonnen.

Hitler war nicht nur im chronologischen Sinne ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Die entscheidenden Motive in seiner persönlichen und politischen Laufbahn, die auszeichnenden Momente seines Charakters entstammen allesamt der Gedankenwelt des postrevolutionären Zeitalters. Dies war in erster Linie das Zeitalter der Verneinung, geprägt von einem unbändigen Widerwillen gegen ein Dasein voller Widersprüche, gegen eine entfremdete Welt; vor allem aber geprägt von einem grenzenlosen Hass auf die im Ursprung fehlerhafte Natur des Menschen selbst. Das sind die Grundmotive der absoluten Verneinung, die im Nihilismus Nietzsches ihre philosophische, in der Vernichtungspolitik Hitlers ihre politische Vollendung finden sollte. Diese Motive kündigten sich schon früh im romantischen Zeitalter, in unmittelbarer Nachbarschaft zur klassischen Weltanschauung, an.

Goethe und Hegel, die beiden großen Denker der klassischen Epoche, hatten danach gestrebt, in der Welt, so schlecht sie auch sein mag, eine Heimat zu finden. Nicht dass sie das Übel in der Welt geleugnet hätten; es war ja gerade der Sinnstifter der Aufklärungsphilosophie, Immanuel Kant, der die polare, die antinomische Grundstruktur der Welt offen gelegt hatte. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen, so Kant, eröffne ihm die Wahl zwischen den feindlichen Gegensätzen, von denen der eine niemals ohne den anderen bestehen kann. Zugleich aber begründete er gerade auf der Erkenntnis des grundsätzlichen Widerspruches in unserer Existenz den Vorrang des moralischen Gesetzes, dem der Mensch als verantwortliches, weil intellektuell begabtes Lebewesen verpflichtet sei: Kant hatte mit seiner umfassenden Kritik der klassischen Metaphysik einerseits den Boden für den Irrationalismus des neunzehnten Jahrhunderts bereitet; indem er aber die Pflicht zum sittlichen Handeln in Form seines kategorischen Imperativs zur obersten Maxime erhob, rettete er gleichsam die Philosophie vor dem Abgleiten in einen heillosen Skeptizismus und Nihilismus. Wie wenige andere war sich der Königsberger Philosoph darüber klar, in welche Abgründe der Hader mit der Negativität den Menschen führen kann. Goethes Werther, der sich am Widerspruch der Welt gleichsam den Schädel einrennt, ist für diese abgründige Gefahr ebenso Zeugnis wie das Werk des Marquis de Sade, dessen Helden allesamt enttäuschte Idealisten sind, die nur noch die Negativität sehen und ihr Heil in einem verbrecherischen Nihilismus suchen.

Verbrechen und Selbstmord sind aber keine Auswege. Das achtzehnte Jahrhundert hatte, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Erbebens von Lissabon, Grund genug gefunden, an dieser Welt zu verzweifeln; doch es erkannte zugleich die ungleich größere Gefahr, die vom Nihilismus ausging, der den verzweifelten Denkern wie nachmals Friedrich Nietzsche zum Grundsatz wurde. Es galt, sich mit der Negativität abzufinden, wollte man das Sein nicht völlig aufgeben und zum Verbrecher an sich selbst und den anderen werden.

Goethe und Hegel gingen den von Kant eingeschlagenen Weg zu Ende. Ihr Ziel war die Überwindung des Negativen in seiner Anerkennung. Sie sahen das Schlechte in der Welt, aber indem sie es als Teil eines großen und notwendig guten Ganzen begriffen, kamen sie darüber hinweg. Das klassische Denken hatte sich mit der Negativität abgefunden. Das Denken der Romantik aber sollte sich in eine ganz andere, fatale Richtung entwickeln.

Es war Arthur Schopenhauer, der große Antipode der Hegelschen Weltbejahung, der in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ eigentlich nur einen wesentlichen Gedanken zur Ausformung brachte: dass diese Welt, in der wir leben, besser nicht sei. Dementsprechend dachte man im antiklassischen neunzehnten Jahrhundert das Sein wesentlich vom Nichts her, das Leben vom Tod; das Leben war, mit dem Wort Chateaubriands, nur mehr das „Jenseits des Grabes“. Zu dieser Geringschätzung des Lebens kam der Wille zur definitiven existenziellen Entscheidung, der sich als fatalistisches Leitmotiv zuerst bei Kierkegaard, dann bei Nietzsche ausdrücken sollte.

Es sollte nicht als pseudowissenschaftliche Assoziation genommen werden, dass einerseits das Hauptwerk des dänischen Existenzphilosophen den Namen Entweder-Oder trägt und dass andererseits Adolf Hitler genau dieses Entweder-Oder zu seinem Grundsatz machte. Joachim Fest hat von einem „Vernarrtsein“ des Diktators in ausweglose Lagen gesprochen. In eben eine solche ausweglose Lage hatte sich aber Kierkegaard hinein manövriert, als er in infantiler Sturheit auf den unendlichen Unterschied zwischen Mensch und Gott hinwies und daraus die Forderung nach der endgültigen Emanzipation des Menschen von der Vorstellung Gottes, das hieß: von sich selbst ableitete. Der neue Mensch, so war Kierkegaards und Nietzsches Gedanke, würde selbst die Stelle Gottes einnehmen, würde endlich die volle Existenzmacht haben, nicht mehr „ins Ungewisse hinab“ fallen, wie es Friedrich Hölderlin beklagte, der selber an seinem unerfüllbaren Anspruch an das Sein wahnsinnig wurde – wie übrigens auch Kierkegaard und Nietzsche.

Das persönliche Schicksal dieser drei Denker illustriert die dem romantischen Denken eigentümliche Fatalität und Ausweglosigkeit: Da sie als Menschen (selbstverständlich) nicht Gott sein konnten, wurden sie verrückt. Hitler aber, der natürlich nicht die ganze Welt haben, der natürlich nicht den neuen Menschen erschaffen konnte, wurde zum größten Menschheitsverbrecher der Weltgeschichte.

Das romantische Denken, insoweit es auf der Ablehnung der Welt überhaupt beharrte, blieb in seiner fatalen Vernarrtheit in Tod und Verneinung bei der Negativität stehen und sollte schließlich an ihr scheitern. Der Vollstrecker dieses Scheiterns im Politischen heißt Adolf Hitler.

Wie aber, wird man nun fragen, äußert sich Hitlers Verneinungswahn konkret? Gewiss, wird man einwenden, Hitler hat den Holocaust veranlasst, und auf sein Geheiß praktizierten die deutschen Behörden in den eroberten Ostgebieten einen barbarischen Besatzungsterror. Gewiss trägt er die Verantwortung für die erbarmungslose Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen, was nicht nur ein zutiefst amoralisches, sondern auch völlig sinnloses Unternehmen war. Das alles sind Indizien für eine nihilistische Motivation. Was aber liegt jenseits dieser allzu deutlichen Äußerungen seiner Wahnideen? Nicht etwa doch das Ideal eines zwar rassistischen und zivilisationsfernen, aber dennoch irgendwie geordneten, systematisch durchorganisierten Nazireiches, gebaut auf den Fundamenten rassischer Auslese, Helotisierung der Schwachen und zügelloser Gewaltherrschaft der neuen „Herrenrasse“? Lässt sich nicht doch ein Hitlerstaat nach einem für Deutschland siegreichen Zweiten Weltkrieg vorstellen, etwa mit den schaurig-realistischen Zügen, die ihm der Romanautor Robert Harris in seinem Buch „Fatherland“ verliehen hat? Musste der Weg Hitlers, wie es hier behauptet wird, unweigerlich in Tod und Untergang führen?

Untergang – unter diesem Titel versammelte der Historiker und Publizist Joachim Fest seine Betrachtungen zum Zusammenbruch des Dritten Reiches, deren Auswertung zur Klärung dieser Fragen beitragen kann. Fest zeigt, wie wenig Hitler nicht nur für seine erklärten Todfeinde, allen voran die Juden, sondern auch für sein eigenes Volk empfand. Der berühmte Nerobefehl, in dem der Diktator im März 1945 die buchstäbliche Verwüstung des eigenen Landes anordnete, ist zugleich Ausdruck der Preisgabe des eigenen Volkes. Hitlers Verantwortungslosigkeit, die schon sein erster Biograph Konrad Heiden als fundamentalen Charakterzug erkannt hatte, war von universeller Natur. Das zeigt sich nicht erst gegen Ende des Krieges. Schon die Umstände, unter denen Hitler ihn heraufbeschworen und entfesselt hatte: die leichtsinnige diplomatische Isolation, die bewusste Förderung eines Krieges gegen eine Welt von Feinden, die stillschweigende Inkaufnahme einer Niederlage, die der Überfall auf Russland, den nie bezwungenen Nachbarn im Osten, bedeuten musste – all dies zeugt von der heimlichen Orientierung an einem irrationalen Radikalismus, der auf nichts Rücksicht nahm.

Hitler hatte gewiss oft die Rolle des vernünftig kalkulierenden Machtpolitikers gespielt und so manchen Beobachter damit über seine wahren Absichten getäuscht. Tatsächlich aber ging es ihm um ein weltumfassendes Projekt: Alles oder nichts.

Die Indizien hierfür sind in ihrer Vielzahl geradezu erdrückend. Ein gleichsam klassischer Topos ist der für militärische Einkreisungssituationen typische Befehl, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen und gerade in absolut aussichtslosen Situationen keinen Fußbreit Boden aufzugeben, es sei denn um den Preis völliger Vernichtung. Die fatale Konsequenz, die diese Haltung im Falle der Sechsten Armee in Stalingrad hervorrief, ist hinlänglich bekannt. Ein Gegenbeispiel mag illustrieren, wie ernst es Hitler um das radikale Entweder-Oder war: Als sich Paul Hausser, damals Befehlshaber eines SS-Panzerkorps, entgegen dem ausdrücklichen Führerbefehl im Frühjahr 1943 aus dem ukrainischen Charkow zurückzog, um seinen Männern einen sinnlosen Opfergang zu ersparen, erlitt Hitler einen heftigen Wutanfall. Dabei war dieser Rückzug ein überaus geschicktes Manöver! Die Russen besetzten kampflos die Stadt, worauf Hausser seinerseits aus einer sicheren Position zum Angriff überging und die Schlacht gewann. Der SS-General hatte seinem Führer eine Stadt erobert und dabei den Vormarsch der Roten Armee für Monate zum Erliegen gebracht. Die Berichte über Hitlers Stimmung im Anschluss an diesen Vorgang lassen indes vermuten, es wäre ihm lieber gewesen, das Panzerkorps hätte in der Stadt ausgeharrt und wäre in einem fatalistischen Hauen und Stechen auf Leben und Tod zugrunde gegangen, ähnlich wie die Soldaten des Feldmarschalls Paulus an der Wolga zwei Monate zuvor.

In solchen Episoden zeigt sich der irrationale, um Lebenserhaltung unbekümmerte Charakter der Hitlerschen Politik. Der Historiker Sebastian Haffner hat mit Recht darauf hingewiesen, dass Hitler nur Waffenstillstände kannte, keine Friedensverträge. Das Erreichbare widerte ihn an, das Unmögliche aber reizte seine weltflüchtige Phantasie: Als es im Sommer 1941 so aussah, als würde die gerade überfallene Sowjetunion dem Ansturm dreier deutscher Heersgruppen erliegen, befahl Hitler seinem Stabschef Jodl, Aufmarschpläne für Persien und Indien auszuarbeiten. Ein Einhalten gab es für ihn nicht. Auch die sechs Friedensjahre sind nur als Vorbereitungsstadium des Krieges zu verstehen. Und wenn Hitler vor Kriegsausbruch gestorben wäre, hätte Deutschland faktisch ohne Verwaltung und wirtschaftlich ruiniert dagestanden.

Das augenfälligste, historisch bedeutsamste Indiz für Hitlers nihilistischen Grundimpuls ist jedoch der Holocaust. Lange ist nach dem berühmten ungeschriebenen Befehl zur Judenvernichtung geforscht worden. Verschiedentlich wurde versucht, Hitlers unmittelbare Verantwortung für den Genozid in Abrede zu stellen. Indes kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Judenmord, Hitlers Lieblingsgedanke, auch auf seinen ausdrücklichen Befehl zurückgehen muss. Bezeichnenderweise setzt er zu einem Zeitpunkt ein, als der Krieg im Stillen bereits entschieden ist: Um den Jahreswechsel 1941/42 beginnt die SS mit dem planmäßigen Morden in den Gaskammern; und genau um diese Zeit scheitert die deutsche Offensive vor Moskau, während die Rote Armee ihre Front stabilisiert und die Vision eines schnellen deutschen Sieges zunichte macht. Dass bereits damit Hitlers Pläne zur Eroberung neuen Lebensraumes obsolet geworden sind, erkannten hellsichtige Beobachter schon damals. Zudem waren im Dezember 1941 die USA unter Roosevelt in den Krieg eingetreten, übrigens nach einer deutschen Kriegserklärung. Hitler hatte sich und Deutschland in die ausweglose Lage schlechthin hinein manövriert. Und gerade jetzt, wo er nichts mehr zu verlieren hatte, konnte er auch seinem manischen Hass auf das Judentum, in dem er gleichsam die Personifikation des von ihm so erbittert bekämpften Weltwiderspruches sah, freien Lauf lassen und seinen fürchterlichen Vernichtungsplan ins Werk setzen. „Juda“ sei die „Weltpest“ ließ Hitler mehr als einmal verlauten, und viele seiner Äußerungen deuten darauf hin, dass er sich in der weltgeschichtlichen Pflicht sah, einen imaginären Heilsplan durch den Kampf gegen die Juden zur Vollendung zu bringen.

Auf Deutschland bezogen bedeutete dies aber eine weitere Verschlechterung und Radikalisierung der Lage. Nun saß es, mit einem viel gebrauchten Wort der Goebbelspropaganda, wirklich mit Hitler in einem Boot, nun gab es kein Zurück mehr. Alle momentanen Triumphe, die Hitlers Heerführer in der Folgezeit noch erstreiten sollten – so Rommel 1942 in Nordafrika –, würden an der Tatsache nichts ändern, dass Deutschland von nun an dem Untergang geweiht war.

Es kann vor diesem Hintergrund kein Zweifel bestehen, dass Hitlers eigentliche Ideologie auf einem radikalen, voraussetzungslosen Nihilismus basierte, der das Leben, das Sein prinzipiell verneinte. Deshalb lässt sich ein Hitlerdeutschland als Ordnung stiftende Hegemonialmacht nicht vorstellen. Es entsprach der ursprünglichen, manichäischen Utopie des Nazismus, dass er alles, wirklich alles in Scherben schlagen wollte. Nach diesem Endziel, mit seinem eigenen Wort: nach dieser Endlösung strebte Hitler von Anfang an.

Adolf Hitler ist der große Verneiner in der Geschichte. Hierin liegt seine schreckliche Einzigartigkeit. Grausame Herrscher, so hat es Sebastian Haffner gesagt, hat es viele gegeben; gewaltlose Herrscher, wie wir ergänzen müssen, so gut wie gar nicht. Dennoch liegt der fundamentale Unterschied zwischen Hitler und den Fürsten, Feldherren und Staatsmännern Europas in seiner Unfähigkeit, der politischen Existenz und der ideologischen Utopie irgendeine Form zu geben. An diesem wesentlichen Mangel muss jeder Versuch der Gleichstellung scheitern, er mag sich auf noch so viele punktuelle Übereinstimmungen berufen.

In jüngster Zeit sind in einer neuen Napoleonbiographie vom Historiker Volker Ullrich die despotischen Züge in der Herrschaft des Franzosenkaisers verstärkt in den Blickpunkt gerückt worden; gewiss nicht zu Unrecht. Aber dennoch wird die Aussage eines anderen Biographen des großen Korsen hierdurch nicht angefochten: André Maurois, der seine rühmende, aber nicht unbedingt hagiographische Monographie mit der Feststellung schließt, Frankreich sei von Napoleons Hand geformt worden. – Genau diesen Satz aber – er gilt genauso für Alexander den Großen, für Friedrich von Preußen und sogar noch für den Tyrannen Stalin –; diesen Satz wird man von Hitler niemals sagen können.

Hier, am Begriff der Formgebung, lichtet sich die grundlegende Differenz, die Hitler als Person wie Hitler als Phänomen der politischen wie der Geistesgeschichte seine Einmaligkeit verleiht. Er kannte nur Zerstörung, kannte nur, mit Joachim Fests bedeutendem Wort, „atavistisches Wüten“, und nichts konnte ihm solche Befriedigung bereiten wie die Anschauung von Tod und Vernichtung. Dieses Hingezogensein zum Nichts, zur absoluten Negation äußerte sich indes nicht nur im eigentlich kriegerischen Bereich. Auch im Frieden ist Hitler der Feind jeder Ordnung, das heißt jeder Lebensordnung, was die Bezeichnung Frieden für den Zustand vor 1939 schon zweifelhaft erscheinen lässt.

Was den Theoretikern der Scholastik, Thomas von Aquin und seinem Dichter Dante, was jedem Denker überhaupt, jenseits aller theoretischen Divergenzen, ein Hauptanliegen war und ist: dem Leben eine Ordnung zu geben – für Hitler war es keines. Die Errichtung eines stabilen Deutschland – es mochte noch so rassistisch und nationalistisch pervertiert sein – lag nicht in seinem Interesse.

Sebastian Haffner hat in seinen Anmerkungen festgestellt, dass sich das Deutschland von 1939 beim plötzlichen Tod Hitlers als einziges Chaos dargestellt hätte; ein grenzenloser Kompetenzwirrwarr, fortgesetzte Rivalitäten der verschiedenen Machtträger und Funktionseliten, verbunden mit einer gigantischen Staatsverschuldung und beispielloser außenpolitischer Isolation hätten den destruktiven Grundgehalt der Hitlerschen Politik auch im Frieden schnell sichtbar werden lassen. Auch ohne die infernalische Peripetie von 1945 hätte sich Hitler als einer der kräftigen Ruinierer ausgewiesen, zu denen er nach Jacob Burckhardt gehört. Die Rastlosigkeit seines Charakters, das suchtartige Angewiesensein auf schnelle, immer neue Triumphe, die infantile Gier nach immer neuen Objekten der Aneignung – diese für Hitler und seine Bewegung zutiefst charakteristischen Wesenszüge machten ein Einhalten auf dem Wege, ein Sich-Einrichten in der Welt unmöglich.

Wie der britische Historiker Ian Kershaw zutreffend schreibt, konnte das Naziregime nur in einer beständigen Flucht bestehen. Diese Flucht führte von der stets als ungenügend empfundenen Realität weg und hinein in Abgründe, die die Weltgeschichte bis dahin nicht gekannt hatte. Was mit Straßenschlachten, manichäischen Beschwörungen und radikaler, antidiplomatischer Aggression nach innen und außen begonnen hatte, endete in Auschwitz und Treblinka, in einer wahren Orgie der Verneinung, einer vollkommen sinnlosen Verneinung, die am Ende dem Sein an sich galt. Hitler war sich dessen sicher nicht voll bewusst. Aber sein großes Projekt war nicht die Schaffung von irgendetwas, sondern die Abschaffung von allem, der Juden, der Kriegsgegner, am Ende auch der Deutschen – die Abschaffung des Seins.

Der antike Historiker Plutarch hat in seiner Rede Über das Schicksal Alexanders des Großen seine Lobeshymne auf den mazedonischen Eroberer in einer Aufzählung der Städte gipfeln lassen, die jener auf seinem Zug durch Asien gegründet hatte. Natürlich besaß Alexander pathologische Züge, die sich oft verderblich auswirkten. Es nähme hingegen Wunder, wenn sich überhaupt ein Herrscher finden ließe, an dem moralisch nichts auszusetzen ist. Natürlich gibt es keine perfekten Regenten, ebenso wenig wie es perfekte Menschen gibt. Das redliche Bemühen aber um eine verantwortungsvolle Einordnung in das geschichtliche Kontinuum ist das entscheidende Kriterium in der ganzheitlichen Beurteilung eines Staatsmannes. Da aber hat Hitler prinzipiell versagt: Er, von dessen zerbombter Reichshauptstadt Harry Hopkins 1945 bemerkte, sie sei das neue Karthago, hat keine Städte gegründet; er bezog gerade Stellung gegen die Geschichte. Hitlers Kampf – so sagte er es selber einmal in einer Rede vor jungen Offizieren – galt der Welt an sich, der Welt als dem großen Negativen, dem Widerspruch in den Dingen, die sich dem aneignungssüchtigen menschlichen Individuum entgegenstellen und verweigern. In seinem manischen Welthass, seiner nie überwundenen Unbefriedigung, seiner gänzlichen Unfähigkeit, sich selbst zu bezwingen und irgendwo einen Schlussstrich unter seine Forderungen zu ziehen zeigt sich Hitler wieder als Abkömmling des verneinenden neunzehnten Jahrhunderts.
Wogegen Hitler heute, jenseits der politischen Dimension, zur Warnung dienen kann, ist nicht weniger als das scheinbar Unmenschliche an ihm, was indes nach einem Wort des Historikers Eric Voegelin das Menschlichste in ihm war. Wie wir gesehen haben, verweisen seine Wahnsinnsideen direkt auf eine geistesgeschichtliche Entwicklung, deren Wurzeln sich schon in der Romantik aufspüren lassen. Hitler war nicht, wie es die eher mittelmäßige und ästhetisierende Verfilmung des Unterganges von Bernd Eichinger vermittelt, ein Fremder, ein Unmensch mit den Zügen eines Clowns, um Lichtjahre entfernt vom menschenüblichen Maß. Hitler, die Symbolgestalt der Weltkriegsepoche, war vielmehr in seinem Enttäuschtsein von der Welt, in seiner unbeherrschten Rebellion gegen die Welt geradezu das Musterexemplar des unverantwortlichen, allein seinen Begehrlichkeiten und seinem Beherrschungstrieb ergebenen Menschen.

Obiger Text wurde am 1. Mai 2005 aus Anlass des 60. Jahrestags des Kriegsendes im SWR2 ausgestrahlt.

Titelbild: Hitler mit dem SS-Gruppenführer Rattenhuber, Chef des Reichssicherheitsdienstes, in der zerstörten Neuen Reichskanzlei, Berlin, Frühjahr 1945