Die letzten Tage der Neuzeit. Der Erste Weltkrieg und die eigentliche Idee von Europa

Vor bald hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, und mit ihm endete nicht nur eine Epoche, sondern ein Zeitalter. Was danach kam, so schrieb Christian Graf von Krockow in seiner vielbeachteten Studie „Die Entscheidung“ von 1954, ist noch neu, unbekannt und unbenannt. Wir Heutigen blicken auf diese hundert Jahre zurück als auf das erste vollbürtige Jahrhundert einer neuen Zeit, eines neuen Zeitalters.

Die kanonische Dreiteilung der Weltgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit war dabei ein vergleichsweise junger Topos. Erst im Jahr 1702 führte ihn der Hallenser Gelehrte Christoph Martin Keller („Cellarius“) in die Wissenschaft ein; zuvor hatte man die Geschichte – von der Erde selbst nahm man damals an, sie bestünde seit sechstausend Jahren – eingeteilt nach den so genannten vier großen Reichen: dem assyrischen, dem persischen, dem griechischen und dem römischen. Den Brückenschlag vom römischen Reich, das 476 n. Chr. mit der zweiten Einnahme Roms durch Odoaker und den Sturz des letzten Kaisers Romulus unterging, vollzog man mittels der Denkfigur der „translatio imperii“: der (geistigen) Übergabe der (Kaiser-)Reichsidee von Rom an die Franken, deren Staat sich im 8. Jahrhundert als europäisches Großreich, von der Bretagne bis nach Mittelitalien, von den Pyrenäen bis nach Ostsachsen zu etablieren begann; mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstage des Jahres 800 als eindrücklichem Höhepunkt.

Der Gedanke, sich nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer andren, eben der „neuen“ Zeit zu befinden, tauchte freilich schon früh in den Köpfen der Menschen auf; Jacob Burckhadt datierte in seinem kanonischen Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ebenderen Beginn aufs frühe 14. Jahrhundert, und in der Geschichtswissenschaft gelten die geistes-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Strömungen, die über Europa seit der Stauferzeit, seit dem 12., Jahrhundert hereingebrochen waren, seit Langem als eindeutige Vorboten der Neuzeit („Renaissance des 12. Jahrhunderts“ ist hier zum Beispiel ein gängiges Schlagwort). Das Gefühl freilich, Neuzeit zu sein, war auch im Jahre noch 1914 ein recht junges – trotzdem ging in ebendiesem Jahr diese Neuzeit, wie es neben Graf Krockow Denker auch wie Martin Heidegger, Hannah Arendt und Hans Blumenberg sehen sollten, schon wieder zu Ende.

Um dies zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die geistig-politischen Konstellationen zu werfen, die dem Ausbruch des Krieges vorausgegangen waren. Der Krieg fand statt zwischen den fünf europäischen Großmächten; diese waren seit dem 18. Jahrhundert England, Frankreich, Russland, Österreich (seit 1867 in Realunion: Österreich-Ungarn) und das Deutsche Reich, das 1871 quasi aus dem Königreich Preußen hervorgegangen war. Man sprach hiervon auch als von der „europäischen Pentarchie“. Hinzugekommen als stiller Konkurrent auf dem Feld der Weltwirtschaft waren mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 bzw. mit seiner definitiven inneren politischen Einigung 1865 die Vereinigten Staaten von Amerika; eine veritable weltpolitische Rolle spielen sollten sie allerdings erst mit ihrem Eintritt in den Krieg, 1917.

Wir haben es also beim Ersten Weltkrieg konstellativ im Ausgang vorerst mit nichts anderem zu tun als mit einer Neuauflage des uralten europäischen Motivs des Bruderkrieges. Seine Wesensdimensionen konnten religiös, territorial, wirtschaftlich oder allgemein geistig sein; 1914 waren sie vordergründig wirtschaftlich-territorial, aber auf gewisse, unbestimmte Weise auch geistig. Man kann sagen, dass alle europäischen Erschütterungen seit der karolinigschen Zeit, also seit der Zeit Karls des Großen, darauf zurückzuführen sind, dass das von jenem angestrebte und für kurze Zeit auch realisierte Großreich in lauter kleine Einzelstaaten zerfiel, die seit etwa der ersten Jahrtausendwende nach Christus mit Macht nach ihrer politischen, wirtschaftlichen und später auch religiösen und ideologischen Selbstentfaltung strebten.

Besonders deutlich wurde diese Tendenz seit dem Beginn der Neuzeit, der nämlich zugleich der Beginn der so genannten deutsch-französischen Erbfeindschaft ist. Sie begann mit dem Italienfeldzug des Königs Karl VIII. von Frankreich 1494 und endete mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, dem so genannten Élysée-Vertrag, am 22. Januar 1963, dieses letztere ein recht junges Datum, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute es noch erlebt hat (50 Jahre). Sie ging aus vom Kampf um die Vorherrschaft in jenem Teil des alten Karlischen Reiches, der in der Reichsteilung, nach dem Tod seines Sohnes, Ludwig des Frommen († 840), im Vertrag von Verdun 843 als Mittelreich hervorgegangen war. Er erstreckte sich im Groben von der heute niederländischen Nordseeküste über Lothringen, Burgund und die Provence bis nach Norditalien, Mailand und die Lombardei, und von dort aus bis nach Rom, das politisch seit der Einnahme durch die Goten im Fünften Jahrhundert nicht mehr zur Ruhe gekommen war.

Es ist genau dieser Länderschlauch von Norden nach Süden, von Mediävisten spöttisch auch gern als „Kegelbahn“ bezeichnet, in und um den im Ersten Weltkrieg in der Hauptsache gekämpft werden sollte. Der deutsche Feldzugsplan, vom späteren Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen bereits in den 1890er Jahren entworfen, sollte sich genau an diesem territorialen Szenario orientieren: die Masse der deutschen Armeen sollte das französische Heer in einer gewaltigen Umfassung von „rechts“ nach „links“, also von Norden nach Süden drücken und an der Schweizerischen Grenze „zerquetschen“ (daher das bekannte Schlagwort, das der todkranke Schlieffen im Fieberwahn gebraucht haben soll: „macht mir den rechten Flügel stark!“). Der Frontbogen im Westen reichte von Belgien, dessen völkerrechtlich garantierte Neutralität die deutsche Reichsleitung unseligerweise brach (und damit England auf den Plan lief, das ansonsten sehr wahrscheinlich neutral geblieben wäre; aber Belgien, und damit eine Zähmung unsinniger deutscher Annexionswünsche hatte es nun einmal garantiert!), durch Flandern, Vogesen, die Champagne und das alte Herzogtum Burgund (so hatte früher das gesamte Mittelreich zwischen West- und Ostfranken geheißen) bis nach Pontarlier an die Schweizer Grenze.

1915 zerfiel der Dreibund, ein wackliges Bündniskonstrukt aus den 1880er Jahren zwischen den in „Nibelungentreue“ verbundenen Reichen Deutschland und Österreich einerseits und dem jungen Königreich Italien andererseits, und es wurde, und zwar direkt in den Alpen, eine neue Front eröffnet, diesmal zwischen Österreich und Italien, das den Habsburgern noch lange nicht vergessen hatte, dass ihre Sekundo- und Tertiogenituren, ihre Vizekönige und Militärgouverneure einst drei Viertel des Landes beherrscht hatten. Der Krieg erstreckte sich also ziemlich genau in dem Länderschlauch von der flandrischen Nordseeküste bis hinunter in die Lombardei und an die Adriaküste, um dessen Besitz sich nicht nur die Enkel Karls des Großen im Neunten Jahrhundert gerissen hatten; sondern um den noch in der gesamten frühen Neuzeit, von den so genannten Italienkriegen (1494-1558) über die „Raubkriege“ Ludwigs XIV. und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) bis zu den so genannten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den alten europäischen Monarchien (1792-1814) gerungen wurde. Rein territorial und rein europäisch betrachtet, war es das Erbe Karls des Großen, um das die fünf europäischen Großmächte 1914 bis 1919 stritten.

Anders betrachtet ging es freilich um viel, viel mehr. 1814, als Napoleon in der Schlacht bei der Stadt Arcis-sur-Aube durch den österreichischen Fürsten Schwarzenberg geschlagen wurde und ein paar Wochen Paris die weiße Fahne hisste, befand Europa strukturell sich noch tief im Mittelalter. Es gab keine Elektrizität, keine Mobilität auf der Schiene, keine Aviatik. 1914 dagegen steht Europa tief in der Moderne. In keinem Jahrhundert wurden so viele wegweisende Erfindungen und Entdeckungen gemacht wie im 19. Quantitativ sind ihm das 20. und 21. sicher überlegen, aber qualitativ ist der Abstand zwischen 1814 und 1914 viel größer als der zwischen 1914 und 1963 es war, oder der zwischen 1963 und 2013. Die Informationstechnologien und die Verteilungsstrukturen des Wohlstandes haben sich zum Teil radikal verändert; aber mentalitär steht Europa seit der „Stunde Null“, seit 1945 in einer Art positiver Schockstarre, einem Gefühl des Nicht-mehr-beteiligt-seins, der Entpolitisierung, das dann 1992, als auch der Kalte Krieg Geschichte war, Francis Fukuyama mit dem Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ auf den Punkt bringen sollte.

Winston Churchill sah bekanntlich die Zeit von 1914 bis 1945 als einen zweiten „europäischen Dreißigjährigen Krieg“ an, in dem alles durcheinandergewirbelt wurde. Zwei unmittelbare Konsequenzen hatte dieser Dreißigjährige Krieg: erstens: er rief die USA auf den Plan, die sich binnen Kurzem als den europäischen Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit und militärischer Schlagkraft heillos überlegen entpuppten. Zweitens: er holte den Orient und mit ihm den Islam auf die Bühne des weltpolitischen Theaters.

Seit dem Kreuzzugszeitalter hatte sich das Türkische Reich, das sich später nach seinem dynastischen Gründer osmanisch nennen sollte, klandestin als heimliche Ordnungsmacht herauspräpariert, die, zwar dem Anschein nach gegen Europa gerichtet, in Wahrheit durch äußeren Druck immer wieder dafür sorgt, dass Europa zusammenbleibt. Letztmalig manifestierte sich dies in jener Klausel der Wiener Gründungsakte der Heiligen Allianz, die den Sultan in Konstantinopel vom Beitritt ausschloss, da er eben kein Christ sei.

Das ganze 19. Jahrhundert dann drehte sich machtpolitisch um die Erhaltung der Türkei, des „kranken Mannes am Bosporus“. Hatten die Türken noch 1683 „vor Wien“ gestanden und als der Schrecken der zivilisierten Welt gegolten, so wurden sie nun von der europäischen Diplomatie auf einmal geradezu liebevoll gepflegt. Die große Angst, die alle umtrieb, war nämlich: dass im Nahen Osten, der alten geographischen Schlüsselregion Europas, die beiden großen Gegenspieler im Kampf um die „Aufteilung der Welt“ einmal blutig zusammenstoßen würden: England und Russland.

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die große Angst des gebildeten Europäers, dass es zu einem „Weltkrieg“ zwischen diesen beiden Mächten kommen könnte. England, das Mutterland des Kolonialismus, damals Herrscherin über ein Viertel der Erdoberfläche, und Russland, der spätberufene Neuzugang ins europäische Mächtekonzert, der sich seine Rolle als heimlich Schutzmacht Preußens zwischen 1763 und 1871 erarbeitet hatte und nun nicht nur als Schutzpatron der panslawistischen Freiheitsbewegung im österreichisch regierten Osteuropa auftrat, sondern zugleich die „Befreiung“ der orthodoxen Glaubensbrüder auf dem Balkan und im Kaukasus im Schilde führte, was auf nichts anderes hinauslief als auf eine Expansion in den Nahen und Mittleren Osten, nach Syrien und Persien, an die Grenzen Indiens, das britische Kronkolonie war, seit 1876 mit dem Status eines Titularkaisertums. Hier, sowie auf den Weltmeeren – die Kriegsmarine galt als Teilstreitkraft der Zukunft – erwartete man den großen Zusammenstoß von Bär und Walfisch, von Russland und England.

Vergleichsweise unbedeutend nahm sich daneben der andere Konflikt aus, der das europäische politische Geschehen seit 1871 dominierte. Der deutsch-französische Gegensatz schien dadurch, wenn auch gewaltsam, gelöst, dass es Deutschland unter „Führung“ Preußens und Otto von Bismarcks gelungen war, sich politisch zu einigen und dabei die linksrheinischen Gebiete zu verteidigen. Einziger Stachel im Fleische: die neuen „Reichslande“ Elsass-Lothringen, die die Sieger 1871 sich gleichsam als Kriegsbeute ausbedungen hatten – Land, das zwar vor Jahrhunderten einmal deutsch gewesen, seit Ludwig XIV. aber nun einmal französisch war, dessen Bevölkerung mehrheitlich französisch dachte und fühlte und, auch der wohlwollendsten Behandlung durch die deutschen Behörden trotzend, im Traum nicht daran dachte, seine eigentliche, innere Nationalidentität aufzugeben. Hier lag die Keimzelle des französischen Revanchismus seit 1871, und der Grund, warum in den vierzig Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges Deutschland und Frankreich schlechterdings nie ein Bündnis miteinander eingegangen sind.

Durch die Reichseinigung und das durch sie freigesetzte wirtschaftliche und militärische Potenzial aber – Deutschland war um 1900 hinter den USA und vor England die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – war Deutschland zum Zünglein an der Waage geworden; es war de facto, wie Sebastian Haffner festhielt, die stärkste Macht des Kontinents geworden, und – man bedenke! – dies aus dem Nichts! 1866 gab es noch den alten Deutschen Bund, verfassungsrechtlich eine Art Blinddarm des Heiligen Römischen Reiches, mit einer fürstenrepublikanischen Verfassung und zeitweise 39 Mitgliedsstaaten; fünf Jahre später gab es ein Deutsches Reich. Jeder, mit Ausnahme Frankreichs natürlich, wollte mit diesem Deutschen Reich verbündet sein, um seine jeweiligen Ziele durchzusetzen. Nur Deutschland selber, das hatte sein Gründer Bismarck erstaunlich aufrichtig eingeräumt, hatte kein wirkliches außenpolitisches Ziel mehr; es war gesättigt, „saturiert“.

Kritiker Deutschlands, d.h. Preußens, warfen und werfen Bismarck, dem „Barbaren von Genie“, denn auch bis heute vor, er sei ein Unruhestifter gewesen, der das alte europäische Gleichgewicht zerstört habe. Fakt ist, dass Bismarck selber um die Labilität seines machtpolitischen Konstrukts am besten wusste: der sprichwörtliche „Alptraum der Koalitionen“ (cauchemar des coalitions) sollte ihn bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen.

Dass der alte Fürst Bismarck 1890 durch eine Hofintrige und mit Wissen und Wollen des jungen, juvenilen Kaisers Wilhelm II. gestürzt wurde, wird bis heute bei Laien und Fachpublikum als schwerer Fehler angesehen und als πρῶτον ψεῦδος, als erster Fehler, der schließlich 24 Jahre später zum Ausbruch des Weltkrieges geführt habe. Erst in den letzten zehn Jahren wurde das ehedem fast schon kanonische Verdammungsurteil über den letzten Deutschen Kaiser behutsam korrigiert, unter anderem von Christopher Clark und Eberhard Straub, nachdem bereits in den Neunziger Jahren der Berliner Essayist Nicolaus Sombart einen ingeniösen Vorstoß in diese Richtung unternommen hatte.

Tatsache ist, dass sich Deutschland 1890 bündnispolitisch in einer unentscheidbaren Situation befand. Es konnte es nur falsch machen, wäre es nun mit Russland (wie zu Bismarcks Zeiten) oder mit England gegangen (wie es von der englischen Politik vor und nach Edward VII., der von 1901 bis 1910 regierte, immer wieder favorisiert wurde). Deutschland war zum ersten Mal in seiner Geschichte, um im Jargon der Bismarckzeit zu reden, vom „Amboss“ zum „Hammer“ geworden – aber es wusste mit diesem Hammer nichts anzufangen. Deutschland, nicht England, wählte mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. 1888 die splendid isolation – in die weltpolitischen Konjekturen Englands und Russlands sinnvoll eingreifen konnte es nicht.

So kam es 1907 zu dem diplomatischen Ereignis, das niemand für möglich gehalten hätte: England und Russland, die auch ideologisch denkbar weit voneinander entfernt waren (England, eine parlamentarische Monarchie und hochindustrialisiert, Russland, ein autokratischer Agrarstaat, bei dem die große Revolution nur eine Frage der Zeit war), schlossen ein Bündnis miteinander, da beide jeweils schon mit Frankreich separat verbündet waren, gab es nun offiziell die „Tripleentente“. Der Ring der „Einkreisung“ um Deutschland war geschlossen.

Als am 28. Juni 1914 der Thronfolger der k. u. k. Monarchie, Erzherzog Franz Ferdinand, bei einem Manöverbesuch in Sarajewo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, dauerte es noch fünf Wochen, bis sich ganz Europa im Krieg befand. Bosnien und die Herzegowina waren 1908 unter internationaler Duldung von Österreich besetzt worden, unter Missbilligung Russlands, das den Balkan seit den Tagen Katharinas der Großen als seine Hegemonialsphäre betrachtet hatte. Russlands Schutzmacht war Serbien, Serbien machte alle Anstalten, es der national empörten österreichischen Bevölkerung recht zu machen, aber es half nichts: unter den 26 Punkten des österreichischen Ultimatums an die königlich-serbische Regierung in Belgrad befanden sich jene berüchtigten zwei, die keine Regierung der Welt hätte annehmen können, ohne die Souveränität ihres Staates zu blamieren. Die Teilablehnung und damit der casus belli war von der österreichischen Kriegspartei eingeplant.

Unmittelbar darauf schaltete sich erwartungsgemäß Russland ein, das ein österreichisches Vorgehen gegen Serbien nicht dulden mochte; Russlands Vorstoß rief das Deutsche Reich auf den Plan, das sich mit Österreich auf Leben und Tod verbündet und der Regierung in Wien eine unbeschränkte Vollmacht (der berühmte „Blankoscheck“) für ihr Vorgehen gegen Serbien ausgestellt hatte (denn nur mit dem mächtigen, wirtschaftlich potenten und militärisch hochgerüsteten Deutschland im Rücken konnte das altmodische, zurückgebliebene Österreich einen Waffengang überhaupt wagen). „Unter Tränen“, wie es heißt, überreichte der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Graf v. Pourtalès, am 1. August die deutsche Kriegserklärung (noch vierzig Jahre zuvor waren Russland, das eine deutsche Dynastie, die Schleswig-Holstein-Gottorf, regiert, und Preußen eng Freunde gewesen). Da aber zwischen Russland und Frankreich seit 1894 ein Offensiv- und Defensivbündnis besteht, erklärt Deutschland vorauseilend am 3. August auch Frankreich den Krieg. Denn auf diesen, eigentlich unsinnigen, Konflikt hat man sich eingestellt, und das schon seit zwanzig Jahren.

Hier vollends wird der Hergang dieses Kriegsausbruches vollends unbegreiflich. Der Konflikt auf dem Balkan (der vier Jahre später im Übrigen erwartungsgemäß mit dem Auseinanderbrechen der beiden verbliebenen Vielvölkerreiche in Südosteuropa enden wird: Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) erweist sich als bloßer Seitenschlich, um den uralten Konflikt Frankreich-Deutschland wieder aufleben zu lassen. Die vielbeschworene Gefahr der „russischen Dampfwalze“ (tatsächlich ist die russische Armee kaum moderner als die österreichische, zudem ist die Kampfmoral der unter dem zaristischen System leidenden Rekruten miserabel) wird durch die Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen noch im Herbst durch die deutsche 8. Armee unter ihrem Generaloberst von Hindenburg, dem späteren Reichspräsidenten, aufgehalten. Dagegen beißen sich die sieben deutschen Armeen, die in einem hektischen Vorstoß Paris einzunehmen gehofft hatten und der französischen Hauptstadt auch schon auf hundert Kilometer nahegekommen waren, im September an der Marne fest („Wunder an der Marne“). Damit ist der Krieg im Westen für beide Seiten an den strategischen Nullpunkt gestoßen, bevor er richtig angefangen hat. Vier Jahre lang wird das jetzt so gehen: mal verbuchen die Franzosen, mal die Deutschen minimale Gebietsgewinne. Aber es bleibt ein Patt.

Entscheidend dafür ist allerdings, dass sich seit dem 4. August auch Großbritannien im Krieg mit Deutschland befindet. Die deutsche Oberste Heeresleitung hatte aus puren aufmarschtaktischen Gründen das neutrale Belgien überrennen lassen – und damit Englands ultimative Bedingung verletzt, unter der es in den Krieg im Westen nicht eingegriffen hätte (wodurch dieser vielleicht wirklich nach wenigen Wochen für Deutschland entschieden worden wäre). Und die vielen hunderttausend britischen Soldaten, die nun auf französischer Seite zum Einsatz kommen, verschieben das Kräftegleichgewicht natürlich zuungunsten Deutschlands.

Deutschlands ganzes Verhalten in diesem Krieg weist selbstzerstörerische Züge auf: vom unbedingten, aber gar nicht nötigen Eintreten für Österreich und seine verheerende Expansionspolitik auf dem Balkan über die fatale Verletzung der Neutralität, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Jahr 1917, wodurch die USA auf Seiten der Entente in den Krieg gerufen werden, bis hin zu den unverschämten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk im März 1918, wodurch faktisch ein osteuropäisches Kolonialreich unter deutscher Führung geschaffen werden soll – ein Gewaltakt, als dessen umgehende, gerechte Strafe man den Diktatfrieden von Versailles ein Jahr darauf mittlerweile auch in der Forschung auffasst. Unter allen beteiligten Mächten hatte das Deutsche Reich am wenigsten Grund zum Kriege, und unter allen Kriegszielen waren seine am wenigsten gedeckt, sei es durch Logik, sei es durch Emotion.

Die Frage nach der Kriegsschuld ist seit dem Krieg selber oft gestellt worden, und mit einer Insistenz wie sonst bei keinem Krieg in der Geschichte. Der Erste Weltkrieg brach aus, der zweite wurde entfesselt – über diese Formel herrscht in Forschung und Publikum seit Langem Einigkeit, und auch jüngere, meinungsstarke Beiträge aus der Literatur haben daran nichts geändert. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, als die George F. Kennan den Weltkrieg in einer berühmten Wendung bezeichnete, ist in ihrer Genese heute so sehr ein Faszinosum wie vor einhundert Jahren.

Freilich folgt in der Geschichte alles einer inneren, und wiederum auch überzeitlichen, seinsmäßigen Logik. Und nach dieser Logik hatte das europäische Zeitalter politisch ausgedient. Fünfzehnhundert Jahre lang, seit dem Untergang Roms, hatten die europäischen Mächte das Politische in seiner territorialen Praxis ausgelotet in alle Richtungen; 1914 stießen sie endgültig an ihre Grenzen, und es war nur folgerichtig, dass sich die Bevölkerung Mitteleuropas mit der Niederlage 1918 zugleich ihrer Monarchen – allein in Deutschland waren dies zwanzig regierende Herren – entledigte; denn das abrahamitische Prinzip, wonach der Fürst Hirte seiner Völker ist und sie sicher durchs Ungewisse führt, hatte seine historische Legitimität verloren. Dass sich die Deutschen um ihr historisches Heldenepos betrogen fühlen sollten; dass der Verlust des Kaisers einen tief in der Volksseele verwurzelten Vaterkomplex aktivieren sollte, stand dabei auf einem anderen Blatt.

Vielleicht begreifen wir das Phänomen dieses Krieges, der aus seiner eigenen Tradition so sinnlos und fremd hervorragt, besser, wenn wir ihn aus der zukünftigen Perspektive heraus betrachten. Keine hundert Jahre sind seither vergangen, und das Antlitz Europas und der Welt hat sich vollständig geändert. Die klassische Machtpolitik ist, im Modus ihrer erratischen, infernalischen Überspitzung durch das Deutsche Reich in zwei Weltkriegen, aus dem Repertoire der europäischen Politik verschwunden; wir sind vollends ins Zeitalter des Wirtschaftlichen eingetreten, und das heißt auch: der konsequenten Wohlfahrts- und Wohlstandsförderung. Die USA und China haben die Rolle übernommen, die bis 1914 den fünf Großmächten vorbehalten gewesen; Europa kehrt stattdessen langsam zu seinen alten, unter dem Wust einer tausendjährigen Ver- und Entwicklung verschütteten Wurzeln zurück; es wird langsam wieder ein Europa der Regionen.

Regionalität ist die Wurzel des Europäischen. Der universelle, territorial nach innen vereinnahmende und nach außen ausgreifende Machtstaat war stets etwas Fremdes, ein orientalischer Oktroy, gegen den sich die Griechen einhundert Jahre lang gewehrt haben, bis der Große Alexander die Idee des Universalreiches im Rahmen eines genialen, abenteuerlichen, und doch wiederum wahnwitzigen Unternehmens in seine mediterrane Heimat importierte. Von Griechenland, das so auf einmal zum Mutterland der modernen Monarchien wurde – Alexander Demandt wies in seinem glänzenden Alexander-Buch, das vor vier Jahren erschien, zuletzt darauf hin –, ging diese Idee über auf Rom, dessen Imperium sich ja nicht um ein Land, sondern um eine einzelne, übermütige Stadt herumscharte (wen wundert es da, dass bis heute der Regionalismus gerade in Italien und Griechenland so besonders spürbar ist?), um sich dann im Gewimmel der Völkerwanderung zu verlieren. Karl der Große-Charlemagne, auf den sich die beiden Mutternationen des postmodernen Europa, Frankreich und Deutschland, als Ideenstifter berufen, stellte das Reich wieder her, aber nicht ursprünglich als politische, sondern vielmehr als Stammeseinheit. Die nationelle, politische Aufladung kam erst durch den Kaisertitel hinzu; seitdem glaubte sich jeder seiner Nachfahren dazu berufen, aus seiner eigenen Nationalität heraus Europa als Gesamtstaat einrichten zu müssen. Der europäische Urgedanke: ein freies Miteinander unterschiedlicher Stämme und damit Regionen zu sein, geriet in Vergessenheit. Es wurde beansprucht, arrondiert, geraubt und wieder zurückgeraubt, eintausend lange Jahre lang.

1914 brach das Kartenhaus des europäischen Nationalismus endlich in sich zusammen. Mit dem ersten Krieg allein war es freilich nicht getan; es bedurfte der noch viel schrecklicheren Entwicklungen über jenes Kontinuum von 1914 bis 1945 hinweg, bis sich Europas martialische, selbstzerstörerische Energien endgültig erschöpft hatten. Aber 1914 war das erste Aufleuchten, der erste laute Knall, der die Völker Europas daran gemahnte, dass sie Brüder sind, nicht Konkurrenten, und dass das Zeitalter der Bruderkriege seinem Ende entgegen geht.

So ist es kein Zufall – wie ohnehin überhaupt nichts in dem großen Zeitbogen, den wir Geschichte zu nennen gewohnt sind, „zufällig“ ist –, dass sich der „Große Krieg“, wie ihn Franzosen und Engländer mit pathetischer Hellsicht immer noch nennen, vorzüglich abspielte auf den Schlachtäckern auf jener Länderbahn zwischen Ostende und den Alpen; zwischen Belgien, dem jüngsten ,und der Schweiz, dem ältesten neutralen Staat in Mitteleuropa, deren einer nach dem ersten Krieg Sitz des Völkerbundes wurde, während der andere nach dem anderen, noch schlimmeren Krieg Sitz der Europäischen Union wurde. Der europäische Gedanke, das heißt: die Abkehr vom Nationalen, die Entschärfung des Politischen, die Übertragung der Ideale von Einheitlichkeit und Einheit vom Ganzen auf das Individuum: auf den Blutfeldern des Ersten Weltkriegs, der alle Grausamkeit und Absurdität des Kriegerischen in greller Schnörkellosigkeit ans Licht brachte, schälte er sich unter Mühen und Konvulsionen aus seiner historischen Verschalung.

Nicht verwunderlich, sondern nur folgerichtig ist die Doppelrolle, die hierbei Deutschland spielte. Wenngleich formell – das haben die Forschungen der vergangenen Jahre eindrücklich gezeigt – nicht mehr und nicht weniger schuld am Kriegsausbruch als die andern Beteiligten (hatte es doch selber am allerwenigsten Grund dazu), so war es doch, wie seit dem Mittelalter, wie schon in der Römerzeit, die „deutsche Frage“, woran sich die Zukunft Europas entscheiden sollte. Deutschland nahm, in unseliger, kindischer und zugleich gewalttätiger Verblendung, die Last der historischen Schuld auf sich: sich auf diesen sinnlosesten aller Kriege eingelassen, ihn erst zu dem gemacht zu haben, was er wurde: nämlich zu den „letzten Tagen der Menschheit“ (Karl Kraus), auf dass am Ende die Idee vom staat-losen, apolitischen Europa: dem Europa der Regionen, dem Europa der Brüderlichkeit, in der unwiderleglichen Alternativlosigkeit vor seinen Völkern stehe, wie sie nur das Erlebnis dieses Krieges in die Geister hat prägen können. Die falsche Form musste mit Gewalt zerbrochen werden, auf dass das gute Innere, die reine Materie zur Entfaltung kam: die uralte, mythische Idee von der Pax Europaea, vom europäischen Frieden.

© Konstantin Sakkas, 2013

Der Text erschien in leicht geänderter Fassung in der Ausgabe Januar 2014 in der Zeitschrift Die Drei.

Titelbild: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie am Tag ihrer Ermordung, Sarajevo, 28. Juni 1914.

Vergangenheit, die vergeht

Europa hat den Übertritt von der Neuzeit in die Nachneuzeit längst vollzogen. Dass es dadurch in Deutschland bei den jüngeren Generationen zu einer Historisierung auch der NS-Zeit gekommen ist, ist folgerichtig und unproblematisch

Vor bald dreißig Jahren, nur kurze Zeit vor dem Mauerfall, mit dem nicht nur die Nachkriegszeit, sondern auch die Neuzeit überhaupt zu Ende ging, entbrannte in Westdeutschland der so genannte Historikerstreit. Ernst Nolte, Professor am renommierten Berliner Friedrich-Meinecke-Institut und bis dahin eine unbestrittene Autorität in der deutschen Geschichtswissenschaft, hatte in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Singularität des Holocaust infrage gestellt und die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen in einen Kausalzusammenhang mit dem sowjetischen Bolschewismus gerückt. Noltes These provozierte sogleich heftige Reaktionen und führte schließlich zu seiner Ächtung im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Systems und der unter ihm verübten Verbrechen, damit aber deren wesenhafte Ahistorizität, also Geschichtslosigkeit, galt seitdem implizit und explizit als Grundkonsens der deutschen Geschichtswissenschaft und der offiziellen deutschen Erinnerungskultur.
Heute, eine Generation später und ganze einhundert Jahre nach dem Beginn des Weltkriegszeitalters 1914, sieht die Sache anders aus. Die Zeit von 1933 bis 1945 hat sich im kollektiven Gedächtnis Deutschlands und Europas stillschweigend eingereiht in die große longue durée der europäischen Neuzeit überhaupt; die Aura des Einzigartigen, Präzedenzlosen und Unwiederholten hat sie verloren. Meine Generation – also die letzte, die noch vor der Wende und damit noch in der Neuzeit geboren wurde – war, sofern sie im Westen aufwuchs, die letzte, die überhaupt noch in der Denkfigur der Singularität der NS-Zeit aufgezogen worden war. Die Jungen, die Geburtenjahrgänge seit 1990, die nur mehr das vereinte Deutschland kennengelernt haben und die wie selbstverständlich groß wurden in einem global village, stehen mit ihrem Bewusstsein schon in einer ganz anderen Zeit; die Ganzheitlichkeit in ihrem Blick auf die Vergangenheit lässt sie jede Epoche wie selbstverständlich zurücktreten in den einen großen Zusammenhang, den der Zeitbogen von der Renaissance bis zum Weltkriegszeitalter beschreibt.
Freilich: diese Historisierung, welcher das historische Bewusstsein der „Generation 90“ die Epoche zwischen 1914 und 1945 und insbesondere die NS-Zeit unterwirft, entbehrt nicht bestimmter Akzentsetzungen, die erst durch die zeitliche und generationelle Distanz wieder möglich geworden sind. Man neigt heute wieder, wenn auch nur unter der Oberfläche und im Schutz des Verborgenen, dazu, das Moment der Kraftentfaltung, den ungebremsten Voluntarismus, die Emphase der Macht zu betonen, die mit dem Nationalsozialismus verbunden sind. Der deskriptive, anschauende, nicht mehr der normative, bewertende Zugriff bestimmt heute in der Breite die Beschäftigung mit dem Dritten Reich. Stilbildend wirken hie, wie immer, die modernen Massenmedien, insbesondere Film und Fernsehen, aber auch das Internet.
Insbesondere seit Beginn des zweiten Jahrzehnts im neuen Jahrhundert, also seit den letzten drei Jahren zeichnet sich die Tendenz zur Historisierung der NS-Zeit überdeutlich ab. TV-Produktionen wie etwa der abendfüllende Film „Rommel“ von 2012 oder der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ von 2013 zeigten das Dritte Reich in seiner Auratik, zeigten es als Lebenswelt, unabhängig von den normativen Konnotationen, die mit ihm untrennbar verbunden sind. Bücher wie Timur Vermes Romansatire „Er ist wieder da“ spielen geschickt mit dem metaironischen Potential, das dem Dritten Reich, vor allem aber der Person Hitlers seit je innewohnt und das seit einiger Zeit insbesondere unter jungen Menschen verstärkt wieder reaktiviert wird.
Wir befinden uns heute in der seltenen historischen Situation, dass wir auf die Vergangenheit in toto zurückblicken können, ohne doch zugleich schon fester Teil eines neuen Zeitalters geworden zu sein. Ich will mich selber als Beispiel nehmen: 1982 in West-Berlin, dem Vorposten der alten Bundesrepublik geboren, wuchs ich auf erst im Geist der Fun-Gesellschaft – Neunziger Jahre –, dann der Globalisierung – „Nuller Jahre“ – und gehöre nun zu der Generation „junger Erwachsener“, die im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends in Politik und Gesellschaft immer einflussreicher wird, bis sie in ein paar Jahren selber den Ton angeben wird. Wir sitzen gleichsam, um ein Wort Jacob Burckhardts über Friedrich den Großen zu gebrauchen, auf der Zeitscheide zwischen zwei Zeitaltern: wir wurden noch geboren in der überschaubaren Behaglichkeit der auslaufenden Neuzeit, dann aber mit Gewalt hineingeworfen ins Meer der post- oder „metamodernen“ Unverbindlichkeit, die das Leben der westlichen Welt seit dem „Ende der Geschichte“ im Jahr 1991 kennzeichnet. Geistig, seelisch und wirtschaftlich sind wir Kinder dieser neuen Zeit, die seltsam außerhalb der Zeit zu stehen scheint; mit unserem frühen Bewusstsein aber sind wir geprägt von einer Lebenswelt, in der es keine Computer und kein Internet gab, in der Sexualität noch nicht ubiquitär verfügbar war und das Wirtschaftsleben tatsächlich noch entfernt irgendeinem allgemeinen Zweck zu dienen schien. Diese beiden konträren Prägungen bestimmen uns, die Generation am Übergang, und damit die geistige Situation der Zeit.
Die NS-Vergangenheit spielt auch im achtzigsten Jahr nach der so genannten Machtergreifung deshalb eine so prägnante Rolle in unserem Geschichtsbild, weil sie das letzte Stück „große Geschichte“ ist, das, soweit wir zurückblicken können, stattgefunden hat. Die Beengtheit der Lebensverhältnisse in der alten Zeit, die selbst für die höchsten Gesellschaftsklassen galt, erzeugte eben jene existenzielle Erwartungshaltung, die es möglich machte, dass sich in Europa seit der Römerzeit ständig irgendwer mit irgendwem im Krieg befand. Der Krieg war die willkommene Abwechslung von der scherfälligen Eintöngigkeit des alltäglichen Lebens, einer Eintönigkeit, die wir uns heute im Zeitalter der totalen Verfügbarkeit von allem und jedem überhaupt nicht mehr vorstellen können. Die Heilserwartung, mit der die Mächtigen ihre jeweiligen kriegerischen Intentionen aufluden, wurde ergänzt durch die ganz praktische Erwartung des Einzelnen, aus der Bedeutungslosigkeit eines Trabantenlebens zu erwachen und aus seiner stillen Ecke, und dies wortwörtlich, herauszukommen. Der weltbewegende Gestus, der allen politischen Begebenheiten der Zeit vor 1945 merkwürdig innewohnt, erklärt sich genau aus diesem Kontrast zwischen der lebensweltlichen Enge hier, der phantastischen Grenzenlosigkeit des Geistes dort. Aus der brisanten Spannung zwischen diesen Polen erwuchs jene Stimmung, die sich immer wieder in kriegerischen Eskalationen entlud, bis sich im Weltkriegszeitalter die Eskalation schließlich selber übertraf und dann mittels des technischen Fortschritts ad absurdum führte.
Heute kann niemand mehr mit kriegerischen Mitteln die Welt in den Abgrund reißen, weil dieser Abgrund keine emphatische Übertreibung mehr wäre, sondern nackte Realität. Der „große Krieg“ ist im Zeitalter der Atombombe ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Wir alle konnten im Jahr 2011 erleben, wie sich eine wahre Katastrophe anfühlt, als eine gigantische Flutwelle auf Japans Ostküste traf und das Reaktorunglück von Fukushima auslöste. Es ist paradox: aber die größten Bedrohungen für die Menschheit gehen im Zeitalter der Übertechnologisierung, so scheint es, nicht mehr vom Menschen aus, nicht mehr von einzelnen „großen Individuen“ und deren verrückter Phantasie, sondern ganz altmodisch von der Natur selber, dem Inbegriff des A-technischen. Der Mensch, der Entdecker des Feuers, ist im digitalen Zeitalter herabgesunken zum Spielball der Naturgewalten, die, ganz gleich, ob er selber nun nachgeholfen hat oder nicht, mit ihm ihre Kurzweil treiben und mit grausamer Ironie den Beweis darüber führen, dass eine hundsordinäre Schlechtwetterperiode ausreichen kann, Autobahnen, Kanalisationen und Mobilfunknetze in einer Sekunde in sich zusammenbrechen zu lassen. Der Katastrophenhorizont des Menschen 2.0 sind nicht mehr Kriegs- und Hungerperioden wie der Dreißigjährige Krieg, sondern Auslöschungsszenarien, die er sonst nur aus der Prähistorie kennt.
Uns Jüngere, die die Erfahrung menschengemachten Elends nur noch als fernes Echo trifft, beschäftigt umso mehr die Frage nach der Möglichkeit, als Mensch über das Menschsein hinauszuwachsen und einzugreifen in den Lauf der Geschichte. Mit Neugier, ja heimlicher Lüsternheit blicken wir Kinder einer unheroischen Zeit auf den Heroismus ferner Zeiten. Das historische Wissen wurde uns quasi mit in die Wiege gelegt. Die „Generation Guido Knopp“ bewegt sich mit eigentümlicher Sicherheit in Gefilden, die nur an der Oberfläche nicht zum Image aus digitaler Bohème und großstädtischer Promiskuität zu passen scheinen; tatsächlich steht die Phantomerfahrung politischer Gigantomanie immer mehr im Background der modernen Selbstverwirklichung, je mehr diese sich apolitisiert. Das Private ist das Politische, nicht mehr die Politik, wie noch Napoleon behauptete, ist das Schicksal, sondern das Privatleben. Gerade deshalb aber wird das Politische zu seiner idealen Aufladung. Die sündhafte Neigung zu Pathos und Grandeur aber wird zum eigentlichen Tabu in einer Zeit, in der die Eskapade legitim, das Politische aber langweilig geworden ist.
Auf diesem Prospekt spielt sich, noch kaum öffentlich wahrgenommen, der Prozess der Historisierung der NS-Vergangenheit ab – ein ideeller, nicht ideologischer Prozess, der reell flankiert wird dadurch, dass nicht nur die letzte Generation unmittelbarer Zeitzeugen, die Flakhelfer also, von der politischen Bühne abgetreten ist, sondern auch deren Kinder, also die zwischen 1950 und 1970 Geborenen, immer mehr in die Jahre kommen. Die Jahrgänge seit den späten Siebziger Jahren sind die ersten, die quasi ohne direkte politische Erbsünde aufwachsen. Ihre Beschäftigung mit der Vergangenheit ist wesenhaft spielerisch, das Spiel aber hat bekanntlich zwei Seiten: eine naive, harmlose, und eine sündhafte, sadistische. Das Spiel ist jenseits von gut und böse, aber diese unverbindliche Jenseitigkeit macht es gefährlich und damit schon böse sui generis.
Die wohl prominentste Neuerscheinung mit Bezug auf das Dritte Reich im vergangenen Jahr war Malte Herwigs Studie über die Flakhelfer. Er entwirft darin ein interessantes Psychogramm der Generation, die in den späten Zwanziger Jahren geboren wurde und das Kriegsende als Jugendliche erlebten, also den Eindrücken ihrer Zeit voll ausgesetzt waren. Die Integration beziehungsweise Nicht-Integration dieser Eindrücke, oftmals das Verleugnen der eigenen – und sei sie auch nur formell – Verstrickung ins NS-System wurde für viele von ihnen die Lebensaufgabe schlechthin. Eine Hauptrolle spielt die NSDAP-Mitgliedschaft, die Herwig ausgerechnet bei ihnen, den späteren Lehrmeistern der deutschen Nachkriegsdemokratie, in hoher Dichte nachweist. Dennoch: eine dezidierte ideologische Affinität wollte und konnte er ihnen in corpore nicht nachweisen, und das wäre auch unsinnig gewesen bei einer Gruppe, deren Altersdurchschnitt bei Kriegsende bei sechzehn, vielleicht höchstens zwanzig Jahren lag. Sie waren, von der geistigen Entwicklung her, halbe Kinder, und als Handlungen von halben Kindern sind ihre Handlungen, und sei es der Eintritt in die NSDAP wie bei Hans-Dietrich Genscher oder gar in die Waffen-SS wie bei Günter Grass, zu beurteilen.
Das ganz große Medienecho blieb diesem Buch folglich versagt. Interessant ist aber der Schluss, den man aus ihm ziehen konnte: dass nämlich historische Strukturen nicht nur eine dogmatische, normative, sondern auch eine deskriptive, auratische Seite haben. Diese auratische Dimension ist die, in der sich unser äußeres Leben eigentlich abspielt. Sie determinierte die Menschen 1933, Hitler zu wählen, so wie sie ihre Kinder 1945 dazu determinierte, wirklich „bis zum letzten Atemzug“ kämpfen zu wollen, auch wenn man wusste, dass dies sinn- und zwecklos sein würde. Diese billige Wahrheit mag die Altvorderen irritieren und desorientieren; tatsächlich liegt in ihr das Geheimnis historischer Erfahrung: die Faktizitäten zählen, nicht die Normen, unter denen sie stehen. Diese sind darum zwar nicht weniger in Geltung; aber ins Gewicht fallen sie erst, wenn die Fakten Geschichte geworden sind.
Die Geschichte selber aber ist – eine billige Weisheit, gewiss – immer das Produkt der jeweiligen Gegenwart. Die unmittelbare und mittelbare Nachkriegszeit, also die Zeit zwischen 1945 und 1968 beziehungsweise zwischen 1945 und 1990 oder auch 2001 war bestimmt von der unmittelbaren Erfahrung des Weltkrieges. Hitler und der Vergleich beziehungsweise Nicht-Vergleich mit ihm war in Politik und Medien omnipräsent. Seit dem elften September hat sich dies grundlegend gewandelt. Die politischen Konstellationen auf der Welt sind definitiv andere geworden in gewisser Weise findet gerade eine Reaktivierung von Frontstellungen statt, die es so zuletzt im Mittelalter gab – hier der Westen, dort die islamische Welt. Zugleich sind wir – auch das eigentlich eine „orientalische“, sehr gegenständliche, körperliche Entwicklung – tief eingetaucht ins Äon der jederzeitigen Verfügbarkeit von Ware und Information. Wir leben tatsächlich in einem Global Village, in einem Weltdorf. Die schrittweise Verbilligung der alltäglichen Lebenshaltung – paradoxe Begleiterscheinung einer krassen Inflation, die seit den späten Achtziger Jahren ununterbrochen im Gang ist – trägt das Ihre dazu bei, dass mittlerweile entweder jeder jedes topographische Ziel erreichen kann, oder aber jedenfalls die Mittel dazu hat, sich so umfassend zu informieren, als hätte er schon alles erlebt, als wäre er schon überall gewesen.
Aus dieser Auratik heraus erklärt sich wiederum die Auratik, mit der unser heutiges historisches Bewusstsein das Äon vor 1945 umgibt. Wir behandeln diese Phase nicht mehr mit der moralischen Finesse, die die Generationen vor uns, wollten sie redlich und vor allem reinen Gewissens bleiben, unbedingt einhalten mussten; sondern wir erlauben uns stillschweigend, sie vor allem als horrende Kuriosität zu betrachten, die in sich noch einmal das ganze Spektrum des politisch Erfahrbaren, die Politik als Schicksal in seiner krassesten, aberwitzigsten, schrecklichsten Form hatte auftreten lassen. In extremer, schauerlicher Verdichtung brachen da die menschlichen Urenergien hervor – so nackt und atavistisch, dass sie sich jede auch nur irgendwie sinngebende rationale Camouflage sparten.
Die politischen Konstellationen unsere Gegenwart, also des Jahrs 2014, sind nämlich kein Produkt des Zweiten Weltkrieges. Sie wurden bereits 1918, genauer: im Jahrzehnt des Ersten Weltkrieges vorgezeichnet: das Heranwachsen der USA und Russlands zu Supermächten; das Erwachen Chinas aus seinem Dornröschenschlaf; die militärische Selbstruinierung des alten Europa mit Deutschland als heimlichem Sieger; schließlich das Zerbrechen des Osmanischen Reiches und damit das Erwachen des politischen Islam, der seit der Einnahme von Konstantinopels fünfhundert Jahre lang geschlafen hatte. In der Tat muss man, geht man nach der bloßen Faktenlage, viel eher 1914 als 1945 als Geburtsjahr der Nachneuzeit ansehen, und genau so hat es ja auch etwa Christian Graf von Krockow in seiner Studie „Die Entscheidung“ zur geistigen Lage der Zwischenkriegszeit von 1954 getan.
Dennoch wäre der Ausklang der Neuzeit nicht komplett ohne das was sich zwischen 1914 und 1945 abspielte. Dieser so genannte zweite Dreißigjährige Krieg – wie oft ist dieses Schlagwort in den letzten Jahren in Literatur und Medien gefallen! – war das Resümee all dessen, was Europa in den letzten fünfhundert Jahren ausgemacht hatte. Auf Unsicherheit folgte die Chaotisierung des Kontinents durch Hitler, und auf das Chaos endlich die Friedensordnung, die sich Europa immer gewünscht hatte. Denn es gehört zu den typischen und doch immer wieder irritierenden Paradoxien der Geschichte, dass das Gegensätzliche einander bedingt. Aus dem Geist der Massenvernichtung erwuchs in kürzester Zeit der Gedanke der Massenversöhnung und der Massenwohlfahrt. Nie hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den einhundert Jahren zwischen 1914 und 2014.
Zweiter Weltkrieg und Holocaust erscheinen im Rückblick vielleicht nicht als Hegelsche „List der Vernunft“, wohl aber als notwendige Retardation zu den archaischen Ursprüngen Europas, die noch einmal aufzeigen sollte, auf welchem infernalischen Horizont das „gute Leben“ erst gedeiht. Eine Lust am Inferno gibt es heute ganz gewiss nicht; aber eine gruselige Faszination für das Harte, Grausame und Extreme. Nicht die Gewalt an sich fasziniert; sondern das Gewaltsame, der Gestus des Überweltlichen, mit dem die weltlichsten Dinge überhaupt ins Werk gesetzt werden. Das Politische heute ist so tatsachenbezogen, so steinkalt, so trocken geworden, die Politiker selber so unauratisch und gewöhnlich, dass man sich seien heroischen Imagines aus der Geschichte holt. Nach ihnen aber wird heute wieder verstärkt nachgefragt; nicht aus politischen Motiven, aber aus persönlicher Befindlichkeit heraus. Der Mensch ist in seiner Individualisierung so weit fortgeschritten, dass er dann und wann davon träumt, diese Individualität wieder einzutauschen gegen das sklavische, aber unheimlich fruchtbare Dasein als „Menschenmaterial“, das seine Vorfahren noch vor einem Jahrhundert geführt haben.
Auf diesem Grund gedeiht gegenwärtig eine merkwürdige Entwicklung, infolge derer man aufs Dritte Reich und Hitler eben nicht mehr als auf historische Singularitäten schaut, sondern nur mehr als auf eine einzigartig dichte Zusammenballung von Kräften, wie sie in der Geschichte anfänglich gewirkt haben und ursprünglich, ob offen oder latent, weiterwirken. Die Geschichtskultur, die sich seit den Neunziger Jahren mit ihren TV-Dokumentationen in Endlosschleife und ihren Abertausenden von Sach- und Fachbüchern entwickelt hat, hat diesem klammheimlichen Bedürfnis nach Vergegenwärtigung des Radikalen, Harten und Gigantischen ungebremst und kontinuierlich Vorschub geleistet. Genau dieser Geschichtskultur aber verdankt es sich, dass das, wovor man jahrzehntelang Angst hatte: die so genannte „Historisierung“ des Dritten Reiches, im Verborgenen längst stattgefunden hat.
Ob sich nun ein Berliner Rapper und seine Clique untereinander mit noms de guerres aus der Führungsriege der Nazis anreden; ob sich junge Männer auf Youtube den Riefenstahl-Parteitagsfilm „Triumph des Willens “anschauen; ob Leute, von denen man es nie erwarten würde, wie zum Beispiel Kfz-Meister und Immobilienmakler mit detaillierten Kenntnissen über Wehrmacht und Waffen-SS glänzen: das Dritte Reich ist allgegenwärtig, und zwar, dies das Merkwürdige, nicht als Erinnerungs-, sondern als Alltagssubkultur. Es ist Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden mit jenem popkulturellen Einschlag, der typisch ist für den alltäglichen, scheinbar schwerelosen Umgang mit der Vergangenheit. Geschichte nicht mehr als moralische Unterweisung, sondern als „Show“ – wir Deutsche lernen hier etwas kennen, was für Engländer, Amerikaner und Franzosen, wie für alle übrigen Nationen auch, längst selbstverständlich und normal ist.
Dieser heimliche Wandel im Umgang mit, im Zugriff auf unsere Geschichte hat sicher auch seinen Platz in dem Gesamtpanorama der Entwicklung Deutschlands zur tonangebenden Wirtschaftsmacht in der westlichen Welt seit dem Platzen der New-Economy-Blase und dem 11. September 2001. Aus dem biedern Westdeutschland Helmut Kohls ist unter seiner Elevin Merkel quasi im Handumdrehen der Tonangeber nicht nur Europas, sondern der atlantischen Welt überhaupt geworden. Was unter all den harten, männlichen Leitfiguren, die die deutsche Geschichte der Neuzeit in so einzigartiger, überschießender Dichte hervorgebracht hat, nur ein müder Traum gewesen war: Angela Merkel ist es gelungen. Sei es die Eurokrise oder die amerikanische Außenpolitik: hier wie dort schaut man auf Deutschland als den Arbiter und seine Kanzlerin, dieses merkwürdig geschlechtslose, sphinxhafte, aber irgendwie allwissende Mutterwesen als Wegweiserin.
Auf dieser Kontrastfolie – der unherrischen Herrschaft einer unfraulichen Frau – entsteht das Bedürfnis nach Reidentifizierung mit Männlichkeit und Heroentum, wie es vor kaum einem Dreivierteljahrhundert noch die politischen Faktizitäten bestimmte. Selbst Kennedy, der Don Juan im Weißen Haus, dem aber seine Kriegsverletzung das orphische Signum des Leidenden und Vielgeliebten gab, hatte noch die ganz klassische Aura des Führers, und als solcher wurde er von den Mensche gesehen und begrüßt, nicht zuletzt von den Berlinern 1962. Filme wie „Rommel “aus der bewährten Münchner Unterhaltungsschmiede Teamworx bedienten geschickt und unter dem legitimen Mäntelchen, sowohl politisch als auch historisch wirklich und bis in die Fingerspitzen korrekt zu sein, die Sehnsüchte nach „manliness“ und Führung, nach heroischer Dramatik und militaristischer Emphase, die bei jungen Frauen und Männern heutzutage sehr, sehr präsent sind. In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren ein bestimmtes Ideal von Männlichkeit entwickelt, das den Habitus des Metrosexuellen und des Hipsters geschickt adaptiert hat, um ihn aber hinter sich zu lassen und zusammenzuführen mit dem Habitus des smarten, weltläufigen Kriegers. James Bond als Wehrmachtsoffizier, Goethe und Generalstab, Sherlock Holmes und Prinz William – die Synthese des scheinbar Antinomen hat die deutsche Heroen- und Herrenphantasie längst vollzogen, mit dem Panorama der Kriegszeit als virtuellem Abenteuerspielplatz, auf dem der Heros sich zu bewähren hat.
Die deutsche Gesellschaft ist mit meiner Generation, so viel lässt sich sagen, aus der Bräsigkeit der Nachkriegsjahrzehnte und der Achtziger Jahre erwacht. Mit den scheinbar konträren Matrizes von Pop- und Geschichtskultur hat sie sich – oder sie ist gerade dabei – ein eigenes kollektives Über-Ich erarbeitet, mit dem sich operieren lässt: im Privaten, indem man sich und seinen alltäglichen Lebenskampf, der durch die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht leichter geworden ist, emphatisch mit den Topoi eines vergangenen Heroentums identifiziert; im Politischen dadurch, indem man diese Topoi bewusst ausblendet und einen möglichst staubtrockenen Pragmatismus pflegt. Auch deshalb ist Angela Merkels Position im achten Jahr ihrer Kanzlerschaft stabiler denn je: erstens will man keinen Heroen auf ihrem Thron; und zweitens haben die heroischen Typen selber wenig Lust auf das Bohren dicker Bretter, was Politik heute beinahe ausschließlich noch ist. Ihr Kampfplatz ist das Leben, ihr Schlachtfeld ist die Liebe: das reicht, dadurch sind sie genügend herausgefordert. Politiker wird beziehungsweise bleibt heute nur noch, wer es wirklich im zivilen Leben nicht geschafft hat.
Eine politische Aufladung besitzt die Neubebwertung oder besser Neuauffassung der deutschen Geschichte durch die Deutschen folglich nicht. Man wird niemandem rechtes Gedankengut unterstellen können, nur weil ihn der Anblick von Uniformen fasziniert, weil er vom Zeremoniell des Großen Zapfenstreichs ergriffen ist oder sich dank ZDF History in der „jüngsten Vergangenheit“ erstaunlich gut auskennt. Existenzielle Streitbarkeit, eine gewisse auratische Militanz sind nichts Abseitiges oder Verpöntes mehr, sondern gehören zum Selbstbild zahlreicher Männer ebenso wie zum Erwartungshorizont von Frauen, die auf dem Prinzenmarkt nach dem männlichen Gesamtkunstwerk Ausschau halten. Die USA, mehr aber noch England mögen bei dieser Popularisierung des Historischen, die zugleich eine Historisierung des Pop bedeutet, Pate gestanden sein. Denn es zeichnet das Mutterland der Popkultur aus, dass sich in ihm stets die Extreme berühren: der von allen Rechtskonservativen angebetete Hort der Reaktion, der zugleich die älteste Tradition in Demokratie und Toleranz vorweisen kann. Die steifoberlippige Erbmonarchie, die von den Beatles bis zu Robbie Williams der Popmusik ihren Stempel aufgedrückt hat. Das Land, in dem auf einem Popkonzert die Prinzen William und Harry einer jubelnden Menge ganz protokollarisch korrekt als „their royal highnesses“ angekündigt werden.
Da ist es kein Wunder, dass England, als Nation ein Gesamtkunstwerk, in den Deutschen seine treuesten Bewunderer hat: Das Royal Wedding 2011 wurde in Deutschland mehr als in jedem anderen europäischen Land abgesehen von Großbritannien zum Mediengroßereignis: ein Mädchen, das einen echten Prinzen heiratet, der sie in der Uniform eines Gardeoffiziers, die Abzeichen eines Obersten auf der Schulter, mit Ordensschärpe über der trainierten Brust und den Offiziersdegen an der Seite zum Altar führt – hier werden uralte, ewige Sehnsüchte angetriggert, die in der moralisch entspannten Atmosphäre der Zehner Jahre zu reicher Blüte finden.
Moralisch ist das alles, wie gesagt, unbedenklich, aber es muss eben festgestellt werden. Die seltsamen moralphilosophischen Verkrampfungen der Grass, Walser und wie sie hießen liegen uns so meilenweit fern wie die pseudopolitische Ausflucht in eine Dogmatisierung des Alltäglichen, die den Sozialcharakter der Jahrgänge von den späten Fünfzigern bis zu den frühen Siebzigern beherrschte und auf deren Grund zum Beispiel die grüne Bewegung erwuchs; eine Bewegung von Bausparern und Neuwagenkäufern, kurz: von Leuten, die vom Ernst des Lebens, wie ihre Eltern sie kannten und wie wir ihn wieder kennen, nicht die leiseste Ahnung haben, und die auch deshalb so unheroisch, so ausstrahlungslos wirken. Das geile Liebäugeln mit dem Militarismus, mit dem Genus Grande, wie es die europäische Weltgeschichte einst bestimmte, passt bei uns ganz gut zu der oft beschämend knappen Alltagssituation, die für die bestausgebildete, qualifizierteste Generation seit je der Preis ist, den sie für ihren Schick, ihre Schneidigkeitk ihre Feingliedrigkeit zahlt.
Ein Kollege von mir aus dem katholischen Lager nannte diese Generation vor einigen Jahren die Generation Credo. Nun sind derlei übergreifende Zuschreibungen empirisch zweifellos problematisch; Fakt aber ist, dass wir, ob katholisch oder evangelisch oder einfach nur spirituell orientiert, uns dem Religiösen wieder mehr zuwenden – nicht um des Glaubens, sondern um der Aura, um der Verwurzelung, der Aufgehobenheit willen. Die Ablösungskämpfe der Generationen vor uns sind obsolet geworden in einer Zeit, in der alles kann und nichts muss; in der ohnehin alles erlaubt ist. Worum es uns geht, ist es, dem Leben eine Form zu geben, und wenn es geht: eine schöne und gute Form. Dasselbe Motiv aber gilt für unser Geschichtsbewusstsein: es geht um Formgebung, es geht um die Widerlegung der Behauptung Hannah Arendts, das Weltkriegszeitalter habe uns Nachgeborene in Weltlosigkeit erzogen und weltlos hinterlassen.
Tatsächlich ist kein Mensch und ebenso keine Epoche weltlos; gerade weil nämlich jeder Mensch und jede Epoche in seiner und ihrer Unmittelbarkeit zu Gott gewiss einzigartig ist, und dies jenseits von ihrer moralischen Qualität, die etwas irdisches und daher immer nur vorläufig ist. Das Dogma von der Singularität des Weltkriegszeitalters und des Dritten Reiches hat genau diesen Topos produziert: seither fühlte man sich als wie aus der Zeit gefallen, und der bundesdeutsche Nationalcharakter, wenn man davon sprechen darf oder kann, wurde genau von diesem Topos in der Tiefe geprägt. Ich erinnere mich noch gut an den TV-Spot, mit dem 2001 die Einführung des Euro beworben wurde: da war die Rede von Millionen von Träumen, da sang eine merkwürdig triste Frauenstimme „Auf Wiedersehen, D-Mark“. Als ob man zu einer Währung Aufwiedersehen sagen könnte!
Unsere Generation ist die erste, die ohne Ideologie und ohne Verkrampfung wieder holistisch, ganzheitlich auf die Vergangenheit und damit auf das Welt- und Geschichtsganze an sich blicken kann. Dafür, und für nichts weiter, ist die Historisierung der NS-Vergangenheit Indiz. Auch nach außen werden die letzten Schlacken dieser Vergangenheit abgetragen: die Aufarbeitung des Flakhelfer-Traumas, von der schon die Rede war, einige viel zu späte Strafprozesse gegen NS-Täter, das brisante Spiel mit Hitlervergleichen natürlich, mit denen die gebeutelte Bevölkerung in den Krisenländern regelmäßig Angela Merkel und die Deutschen überzieht, ohne das freilich zu ernst zu meinen.
Freilich: unser Holismus ist nicht unser Verdienst, wie überhaupt keine Haltung per se verdienstvoll ist. Er ergibt sich schlicht aus der geistigen Situation der Zeit: wir stehen gleichsam mitten in einer neuen Renaissance und haben den Scheitelpunkt des Übergangs zwischen Neuzeit und Nachneuzeit schon hinter uns. Wir sind nicht mehr weltlos, sondern sind gerade dabei, uns eine neue Welt zu bauen, die Fundamente einer künftigen Geschichte zu legen. Das gibt uns die geistige Kraft, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und ihr damit das Recht zu geben, das sie so oder so, im Guten wie im Bösen, für sich reklamiert. Singulär und ahistorisch ist immer nur die unmittelbare, nicht fang- und fassbare Gegenwart; die Vergangenheit aber, die Geschichte ist das Bett, in das der Geist sich legt, wenn er sich ausruht von seiner Aufbauarbeit. Die „deutsche Vergangenheit“ ist eine Vergangenheit geworden wie andere Vergangenheiten auch; man mag das verurteilen, aber es ist ein Faktum, das nicht zu ändern ist. Und es ist, so viel lässt sich guten Gewissens sagen, alles, bloß keine Gefahr.

Obiger Essay entstand im Sommer 2013. Die weltpolitischen Ereignisse des Jahres 2014 – Gazakonflikt, Ukrainekrise, 4. Irakkrieg – werden in ihm nicht berücksichtigt.

Titelbild: Die Muse Kleio. Allegorischer Stich von Virgilius Solis, Nürnberg 1562. Quelle: Wikipedia.