Homeland, die Panama Papers und die fehlende Heldenerzählung Europas

Das zentrale Problem bei der europäischen Integration ist, dass es keine einheitliche europäische politische Heldenerzählung gibt. Das ist der große Unterschied zwischen Europa einerseits und den drei Weltmächten USA, Russland und China andererseits (hinzu könnte man noch als vierte Potenz die islamische Welt zählen, wäre diese nicht ethnisch und politisch zu heterogen dafür).

Bis vor einem Vierteljahrhundert herrschte der kalte Krieg zwischen den europäischen Staaten, und auch die Erinnerung an die vielen heißen Kriege zuvor war durch den Status Deutschlands als besetztes Land noch lebendig. Meine Elterngeneration ist auratisch noch im Zeitalter der europäischen Bruderkriege und Völkermorde aufgewachsen. Die Generation der Millennials, also der nach 1990 Geborenen, ist die erste, die wirklich gesamteuropäisch denkt und fühlt. Doch vorläufig ist sie in der Minderheit. Die politischen Eliten stehen vor dem Problem, Integration zu erzeugen in einem zunehmend disintegrativen Umfeld.

Was bedeutet das? Es im Leben zu etwas bringen, ist heute gleichbedeutend damit, sein Land zu verlassen und woanders in Wohlstand und Sicherheit zu leben. Für die Unterschichten der Dritten Welt heißt dies: Flucht in die reichen Industriestaaten der Nordhalbkugel. Für die Ober- und Mittelschichten der Ersten Welt heißt dies: Jobmigration in die reichen Enklaven ihrer eigenen Welt, also zum Beispiel nach Manhattan, an die Côte d’Azur oder an den Zürcher See, oder aber in die exklusiven Urlaubsparadiese auf der Südhalbkugel.

Migrationsabsichten bestimmen im Zeitalter der Massenmobilität den Lebenshorizont von immer mehr Menschen. Die US-amerikanische Kultserie Homeland um die CIA-Agentin Carrie Mathison, gespielt von Claire Danes, zeigt dies exemplarisch anhand des von Staffel zu Staffel wechselnden Schauplatzes der Handlung: Bagdad, Washington, Caracas, Teheran, Islamabad, Berlin. Nicht nur der Terrorismus, nicht nur Staaten und ihre Behörden, nein: jeder Mensch agiert heute international. Terroristen und Geheimdienstagenten sind nur Symbolfiguren dessen, ebenso wie jene Reichen und Mächtigen, die durch die Panama Papers soeben – wenig überraschend – der Verstrickung in weltweit verflochtene, „geheime“ Investments überführt wurden.

Keinen festen Wohnsitz zu haben, ist entweder der Makel der Ärmsten, oder aber das Privileg der Reichsten. Man denke an Nicholas Berggruen, der vor Jahren in der Presse als reichster Wohnsitzloser der Welt apostrophiert wurde, nachdem sich der Milliardär entschlossen hatte, nur noch in Hotelzimmern und Flugzeugen zu leben.

Die Politik stellt sich, wie stets, die Frage, wie Stabilität in diesen Strudel von Bewegung und Migration zu bringen sei. Das klassische Mittel hierzu ist die Konstruktion von Identität. Klassischerweise geschieht dies durch die Definition über die nationale, ethnische oder ideologische Identität. Ersteres ist in Russland der Fall, zweites in China, drittes in den USA. Europas Identitätskriterium sind die Menschenrechte: den Export dieser Identität überlassen sie allerdings den USA und dienen dafür als Auffangstation für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge aus aller Welt.

In dieser Balance von Kräften und Aufgaben bewegen sich USA und Europas seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Ende dieser Aufgabenverteilung zeichnet sich ab. Die US-amerikanischen Eliten betreiben im Wechselspiel mit Russland die Wiederauflage des great game um den Nahen und Mittleren Osten um den Preis einer Destabilisierung Europas. Was heißt das für uns Europäer? Dass wir daran erinnert werden, dass Europa bis zur industriellen Revolution vor einem Vierteljahrtausend das Armenhaus der Welt war und dass es dies bald wieder werden könnte, wenn wir nicht endlich zu einer gemeinsamen politischen Identität finden und eine einige politische Kraft werden. Um nichts weniger wird es in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren gehen.

 

Header: Ein Bild mit Symbolkraft: Szenenfoto aus der Showtime-Serie Homeland, Staffel 5. Claire Danes in der Rolle der Carrie Mathison, aufgenommen in der Berliner Wrangelstraße. Quelle: Bildzeitung.

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