Der Luftkrieg im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg in der Geschichte, der nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft geführt wurde. Rasch errichteten alle kriegsteilnehmenden Staaten eigene Fliegertruppen, die zumeist dem Heer oder der Marine angegliedert und entsprechend uniformiert waren. Ihre Aufgabe bestand zu Anfang vor allem in der Feindaufklärung, doch bald entwickelten sie eine eigenständige Kampftätigkeit. Zwar wurden auch damals schon Städte und Zivilbevölkerung bombardiert. Reichweite und Intensität dieses frühen Bombenkrieges waren jedoch nicht vergleichbar mit den Flächenbombardements des Zweiten Weltkrieges, in denen gezielt Zivilisten getroffen werden sollten. Entsprechend hielten sich die Opferzahlen in Grenzen. Auch Industrieanlagen wurden durch Bombenabwürfe nicht wesentlich in ihrem Bestand gefährdet.
Zu Kriegsbeginn spielten noch Luftschiffe, nach ihrem Erfinder Graf Zeppelin auch „Zeppeline“ genannt, eine tragende Rolle. Ab Mitte des Krieges verschwanden sie immer mehr von der Bildfläche zugunsten von Bombern und Jagdflugzeugen. Die Technik war noch stark unterentwickelt. Teilweise warfen Pilot oder Schütze die einzelnen Bomben von Hand aus der Maschine. Einen Einschnitt in der Entwicklung der Jagdwaffe bedeutete die Entwicklung des schwenkbaren Maschinengewehrs, mit dem der Jägerpilot durch seinen Propeller feuern konnte.
Der vermutlich erste Luftangriff des Krieges ereignete sich am 6. August 1914. Ein deutsches Luftschiff warf Bomben auf das belgische Lüttich. An Heiligabend 1914 warf Leutnant Hans v. Prondzynski bei Dover die erste deutsche Bombe über englischem Boden ab.
Die junge Truppengattung wuchs rasant. Insgesamt produzierte das Deutsche Reich 1914 bis 1918 über 47.000 Flugzeuge, Frankreich 52.000 und Großbritannien sogar 55.000. Anders als im II. Weltkrieg besaßen die Deutschen über Jahre hinweg die Luftüberlegenheit. Das änderte sich erst mit der Ankunft der Amerikaner auf dem Kontinent 1918. Die Bombardierung strategischer Ziele (Städte, Industrieanlagen) spielte bis zuletzt nur eine Nischenrolle. Die Hauptaufgabe der Luftstreitkräfte lag in der Feindaufklärung und in der Unterstützung des Erdkampfes.
So klein die neue Teilstreitkraft vorerst war, so groß war das Prestige der neuen „Ritter der Lüfte“. Das galt vor allem für die Jagdwaffe. Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist der Jagdflieger Manfred Freiherr von Richthofen (1892-1918). Der junge Kavallerieoffizier aus einer alten preußischen Militärfamilie meldete sich 1915 zur Fliegertruppe und ging damit einen für viele seiner Kameraden typischen Weg. Der „Rote Baron“, so genannt nach seinem rot angestrichenen Dreidecker, wurde legendär, achtzig bestätigte Abschüsse feindlicher Flugzeuge werden ihm zugeschrieben, der Kaiser verlieh ihm den Pour-le-Mérite.
Als Richthofen am 21. April 1918 nahe der Somme von einem britischen Flieger abgeschossen wurde, erwiesen ihm Freund und Feind die letzte Ehre. Sein Schicksal zeigt auch, dass 1914 bis 1918 neben dem harten, grausamen und erbarmungslosen Stellungs- und Materialkrieg in den Schützengräben auch ein relativ „gesitteter“, ritterlicher Krieg geführt wurde – aber eben in den Lüften. Versetzungen in die Fliegertruppe waren unter jungen Offizieren heiß begehrt. Dennoch war auch bei ihnen, trotz der verhältnismäßig „komfortablen“ Kampfbedingungen, die Verlustquote hoch. Die Piloten pflegten untereinander betont höfliche Manieren, wer im Luftkampf siegte, zündete dem abgeschossenen Gegner die Zigarette an – nicht selten die letzte, die der in seinem Leben rauchte.
Die „Fliegerasse“ des I. Weltkrieges wurden im und nach dem Krieg vielerorts zu „Stars“. Viele von ihnen setzten ihre Karriere nach Friedensschluss fort, erst in der Reichswehr, dann in Hitlers Wehrmacht. Hermann Göring, der die Staffel Richthofen nach dessen Tod übernahm, wurde im „3. Reich“ Reichsmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Die im I. Weltkrieg entwickelte Luftjagdtaktik blieb bis weit über den II. Weltkrieg hinaus international maßgeblich.
In der Literatur hinterließ der junge Luftkrieg bemerkenswerte Spuren. Der Romancier Marcel Proust beschreibt in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wie die Pariser Gesellschaft von dem neuartigen Klang der Luftwarnungssirenen aufgeschreckt wird. Remarque beschreibt in „Im Westen nichts Neues“, was die einfachen Infanteristen vom Luftkrieg hielten: „Die Kampfflieger lassen wir uns gefallen, aber die Beobachtungsflugzeuge hassen wir wie die Pest; denn sie holen uns das Artilleriefeuer herüber. Ein paar Minuten nachdem sie erscheinen, funkt es von Schrapnells und Granaten. Dadurch verlieren wir elf Leute an einem Tag, darunter fünf Sanitäter.“

© Konstantin Sakkas
Titelbild: Manfred v. Richthofen, 1917. Quelle: Bundesarchiv

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