Uncategorized

“Europas Schande” und die Ignoranz der Spötter

Anlässlich des Entschlusses der griechischen Regierung unter Alexis Tsipras, die griechische Bevölkerung über die Annahme des jüngsten Programms von EZB, IWF und EU-Kommission zur Unterstützung des vom Bankrott bedrohten Staates in einem Referendum abstimmen zu lassen, reblogge ich diesen Text aus dem Jahr 2012.

misterdarcysblog

Nachdem Günter Grass Israel in einem Gedicht Kriegstreiberei vorgeworfen hat und dafür heftig kritisiert wurde, wird nun erneut über seine Reime diskutiert. In “Europas Schande” kritisiert Grass den Umgang mit Griechenland. Und er erntet Häme. Zu Unrecht, meint Konstantin Sakkas.

Bedenklich ist an all der Häme zweierlei: zum einen der Umgang mit dem Gedicht, zum anderen der mit dem Dichter Günter Grass selbst. In der inhaltlichen Ablehnung ist man sich in den angeblich so “bunten” Social Media bemerkenswert einig: Der heimliche Subtext etwa auf Twitter lautet immer wieder: “Wie kann man nur den Schuldenstaat Griechenland in Schutz nehmen!”

Auf den historischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund, der sich bei Grass poetisch konzentriert, geht man mit keiner Silbe ein – vermutlich vor allem deshalb, weil er den selbsternannten Meinungsmachern der digitalen Bohème schlicht nicht geläufig ist. Antigone und der Schierlingsbecher dürften für sie ebenso böhmische Dörfer sein wie das Schicksal Griechenlands unter deutscher…

View original post 438 more words

Standard
Essay, Geschichte

Die Somme-Schlacht

Am 1. Juli 1916 begannen die Briten unter ihrem Oberbefehlshaber, General Douglas Haig, ihre große Entlastungsoffensive an der Somme. Seit Februar tobte die Schlacht um Verdun. Die Franzosen hatten dort bereits zahlreiche wichtige Stellungen aufgeben müssen und brauchten dringend Hilfe. Ende Juni begannen die Briten ein siebentägiges Bombardement an dem Fluss Somme nordwestlich von Verdun, um die deutschen Stellungen sturmreif zu schießen. Die britische Führung wollte so erreichen, dass ihre Infanteristen am Tag des Angriffs das Niemandsland „nur mit dem Spazierstock bewaffnet“ würden überqueren können. Entscheidender Nachteil dieses Dauerfeuers war allerdings, dass es den Deutschen den Ort des bevorstehenden Angriffs verriet.Im Vorfeld des Angriffs wurden auch erstmals in diesem Krieg gigantische Sprengungen vorgenommen. In monatelanger Arbeit hatten britische Pioniere die deutsche Stellung „Schwabenhöhe“ bei dem Weiler La Boisselle unterminiert und Sprengstoff im Umfang von 27 Tonnen angebracht. Am 1. Juli um 7 Uhr 28 brachten sie die Höhe zur Explosion. Erdbrocken und Trümmerteile wurden einen Kilometer und höher in die Luft geschleudert, es gab Hunderte von Toten. Der Knall der Explosion war so laut, dass er noch in London zu hören gewesen sein soll. Die Briten gaben dem entstandenen Krater den Namen „Lochnagar-Krater“, in Anlehnung an die schottischen Regimenter, die hier lagen.

Zwei Minuten später traten dann 120.000 britische Soldaten zum Sturm auf die deutschen Stellungen an. Sie wurden sofort von heftigem MG-Feuer empfangen. Entgegen der Annahme der englischen Führung waren die deutschen Gräben nämlich zwar stark beschädigt, aber dennoch intakt geblieben. Es kam zu einem furchtbaren Blutbad: 20.000 britische Soldaten starben an diesem Tag, allein achttausend in der ersten halben Stunde. Es war der verlustreichste Tag in der britischen Militärgeschichte.

Besonders schlimm traf es die „Ulster Division“, in der nordirische Soldaten dem Vereinigten Königreich dienten. Bis heute gilt für sie der 1. Juli 1916 als Opfergang für Großbritannien. Um halb acht Uhr morgens griffen sie bei dem Dörfchen Thiepval an und stießen auf den fanatischen Widerstand württembergischer Truppen. Die Division verlor mehr als die Hälfte ihrer Männer.

Aus der Entlastungsoffensive wurde schnell ein eigener Kampfplatz, der bis dahin ungekannte Mengen an Menschen und Material verschlang. Bis in den November hinein rangen Deutsche und Briten, unterstützt von der 6. Französischen Armee unter General Fayolle, und verwandelten die idyllische Landschaft in eine Trichterwüste. Den britischen Hauptstoß führte die 4. Armee unter General Rawlinson. Haig, der Oberbefehlshaber, versteifte sich so wie auf deutscher Seite ein halbes Jahr zuvor Falkenhayn auf eine Strategie der „Abnutzung“ und des „Weißblutens“. Tatsächlich kam dabei aber, wie der britische Militärhistoriker Basil Lidell Hart, der selber an der Schlacht teilnahm, später festhielt, nur „dummes, massenweises gegenseitiges Abschlachten“ heraus.

Einen weiteren Einschnitt in dieser Schlacht stellte der erstmalige Einsatz von Panzern dar. Am 15. September griffen die Engländer mit 32 „Tanks“ bei Flers nahe der Stadt Bapaume an. Der Name war bewusst gewählt, um den Gegner über den wahren Zweck der neuartigen, gepanzerten Fahrzeuge irrezuführen. Tatsächlich war die Verwirrung unter den Deutschen groß, entscheidende Wirkung konnte die Panzerwaffe aber noch nicht erzielen, zudem verspielten die Engländer durch den beschränkten Einsatz das Überraschungsmoment. Die Hauptlast des Angriffs lag nach wie vor bei der Infanterie, das Nahziel der alliierten Offensive, die Einnahme von Bapaume, wurde nicht erreicht. Auch bei Verdun wurde die deutsche Linie gehalten. Am 18. November wurde die Offensive eingestellt.

Die Schlacht an der Somme war neben Verdun die blutigste des ganzen Krieges. Gemessen an ihrer Dauer war sie die verlustreichste. Haig wurde zwar Anfang 1917 zum Feldmarschall befördert, doch der Ruf als „Schlächter von der Somme“, der einem veralteten Schlachtplan Hunderttausende Soldaten blind opferte, blieb an ihm haften. Der Historiker Jörn Leonhard schreibt: „Nach der Somme-Schlacht war das Missverhältnis zwischen Raumgewinn und Opferzahlen unübersehbar. In etwa 150 Tagen hatten die deutschen Truppen auf 35 Kilometern Frontbreite etwa zehn Kilometer Gelände eingebüßt. Mit dem Rückzug auf die stark befestigte Siegfried-Linie Anfang 1917 konnten sie aber die Front insgesamt stabilisieren. Die Briten und die Empire-Truppen verloren insgesamt 420.000 Mann, die Franzosen 204.000 Mann, insgesamt hatten die Alliierten 146.000 Tote oder Vermisste zu beklagen. Dem standen 465.000 Mann deutsche Verluste gegenüber, darunter 164.000 Tote und Vermisste.“

© Konstantin Sakkas

Header: “Blackadder and his men before going over the top”. Szenenfoto, BBC 1989.  

Standard
Essay, Geschichte, Philosophie, Politik und Gesellschaft

Die letzten Tage der Neuzeit. Der Erste Weltkrieg und die eigentliche Idee von Europa

Vor bald hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, und mit ihm endete nicht nur eine Epoche, sondern ein Zeitalter. Was danach kam, so schrieb Christian Graf von Krockow in seiner vielbeachteten Studie „Die Entscheidung“ von 1954, ist noch neu, unbekannt und unbenannt. Wir Heutigen blicken auf diese hundert Jahre zurück als auf das erste vollbürtige Jahrhundert einer neuen Zeit, eines neuen Zeitalters.

Die kanonische Dreiteilung der Weltgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit war dabei ein vergleichsweise junger Topos. Erst im Jahr 1702 führte ihn der Hallenser Gelehrte Christoph Martin Keller („Cellarius“) in die Wissenschaft ein; zuvor hatte man die Geschichte – von der Erde selbst nahm man damals an, sie bestünde seit sechstausend Jahren – eingeteilt nach den so genannten vier großen Reichen: dem assyrischen, dem persischen, dem griechischen und dem römischen. Den Brückenschlag vom römischen Reich, das 476 n. Chr. mit der zweiten Einnahme Roms durch Odoaker und den Sturz des letzten Kaisers Romulus unterging, vollzog man mittels der Denkfigur der „translatio imperii“: der (geistigen) Übergabe der (Kaiser-)Reichsidee von Rom an die Franken, deren Staat sich im 8. Jahrhundert als europäisches Großreich, von der Bretagne bis nach Mittelitalien, von den Pyrenäen bis nach Ostsachsen zu etablieren begann; mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstage des Jahres 800 als eindrücklichem Höhepunkt.

Der Gedanke, sich nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer andren, eben der „neuen“ Zeit zu befinden, tauchte freilich schon früh in den Köpfen der Menschen auf; Jacob Burckhadt datierte in seinem kanonischen Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ebenderen Beginn aufs frühe 14. Jahrhundert, und in der Geschichtswissenschaft gelten die geistes-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Strömungen, die über Europa seit der Stauferzeit, seit dem 12., Jahrhundert hereingebrochen waren, seit Langem als eindeutige Vorboten der Neuzeit („Renaissance des 12. Jahrhunderts“ ist hier zum Beispiel ein gängiges Schlagwort). Das Gefühl freilich, Neuzeit zu sein, war auch im Jahre noch 1914 ein recht junges – trotzdem ging in ebendiesem Jahr diese Neuzeit, wie es neben Graf Krockow Denker auch wie Martin Heidegger, Hannah Arendt und Hans Blumenberg sehen sollten, schon wieder zu Ende.

Um dies zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die geistig-politischen Konstellationen zu werfen, die dem Ausbruch des Krieges vorausgegangen waren. Der Krieg fand statt zwischen den fünf europäischen Großmächten; diese waren seit dem 18. Jahrhundert England, Frankreich, Russland, Österreich (seit 1867 in Realunion: Österreich-Ungarn) und das Deutsche Reich, das 1871 quasi aus dem Königreich Preußen hervorgegangen war. Man sprach hiervon auch als von der „europäischen Pentarchie“. Hinzugekommen als stiller Konkurrent auf dem Feld der Weltwirtschaft waren mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 bzw. mit seiner definitiven inneren politischen Einigung 1865 die Vereinigten Staaten von Amerika; eine veritable weltpolitische Rolle spielen sollten sie allerdings erst mit ihrem Eintritt in den Krieg, 1917.

Wir haben es also beim Ersten Weltkrieg konstellativ im Ausgang vorerst mit nichts anderem zu tun als mit einer Neuauflage des uralten europäischen Motivs des Bruderkrieges. Seine Wesensdimensionen konnten religiös, territorial, wirtschaftlich oder allgemein geistig sein; 1914 waren sie vordergründig wirtschaftlich-territorial, aber auf gewisse, unbestimmte Weise auch geistig. Man kann sagen, dass alle europäischen Erschütterungen seit der karolinigschen Zeit, also seit der Zeit Karls des Großen, darauf zurückzuführen sind, dass das von jenem angestrebte und für kurze Zeit auch realisierte Großreich in lauter kleine Einzelstaaten zerfiel, die seit etwa der ersten Jahrtausendwende nach Christus mit Macht nach ihrer politischen, wirtschaftlichen und später auch religiösen und ideologischen Selbstentfaltung strebten.

Besonders deutlich wurde diese Tendenz seit dem Beginn der Neuzeit, der nämlich zugleich der Beginn der so genannten deutsch-französischen Erbfeindschaft ist. Sie begann mit dem Italienfeldzug des Königs Karl VIII. von Frankreich 1494 und endete mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, dem so genannten Élysée-Vertrag, am 22. Januar 1963, dieses letztere ein recht junges Datum, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute es noch erlebt hat (50 Jahre). Sie ging aus vom Kampf um die Vorherrschaft in jenem Teil des alten Karlischen Reiches, der in der Reichsteilung, nach dem Tod seines Sohnes, Ludwig des Frommen († 840), im Vertrag von Verdun 843 als Mittelreich hervorgegangen war. Er erstreckte sich im Groben von der heute niederländischen Nordseeküste über Lothringen, Burgund und die Provence bis nach Norditalien, Mailand und die Lombardei, und von dort aus bis nach Rom, das politisch seit der Einnahme durch die Goten im Fünften Jahrhundert nicht mehr zur Ruhe gekommen war.

Es ist genau dieser Länderschlauch von Norden nach Süden, von Mediävisten spöttisch auch gern als „Kegelbahn“ bezeichnet, in und um den im Ersten Weltkrieg in der Hauptsache gekämpft werden sollte. Der deutsche Feldzugsplan, vom späteren Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen bereits in den 1890er Jahren entworfen, sollte sich genau an diesem territorialen Szenario orientieren: die Masse der deutschen Armeen sollte das französische Heer in einer gewaltigen Umfassung von „rechts“ nach „links“, also von Norden nach Süden drücken und an der Schweizerischen Grenze „zerquetschen“ (daher das bekannte Schlagwort, das der todkranke Schlieffen im Fieberwahn gebraucht haben soll: „macht mir den rechten Flügel stark!“). Der Frontbogen im Westen reichte von Belgien, dessen völkerrechtlich garantierte Neutralität die deutsche Reichsleitung unseligerweise brach (und damit England auf den Plan lief, das ansonsten sehr wahrscheinlich neutral geblieben wäre; aber Belgien, und damit eine Zähmung unsinniger deutscher Annexionswünsche hatte es nun einmal garantiert!), durch Flandern, Vogesen, die Champagne und das alte Herzogtum Burgund (so hatte früher das gesamte Mittelreich zwischen West- und Ostfranken geheißen) bis nach Pontarlier an die Schweizer Grenze.

1915 zerfiel der Dreibund, ein wackliges Bündniskonstrukt aus den 1880er Jahren zwischen den in „Nibelungentreue“ verbundenen Reichen Deutschland und Österreich einerseits und dem jungen Königreich Italien andererseits, und es wurde, und zwar direkt in den Alpen, eine neue Front eröffnet, diesmal zwischen Österreich und Italien, das den Habsburgern noch lange nicht vergessen hatte, dass ihre Sekundo- und Tertiogenituren, ihre Vizekönige und Militärgouverneure einst drei Viertel des Landes beherrscht hatten. Der Krieg erstreckte sich also ziemlich genau in dem Länderschlauch von der flandrischen Nordseeküste bis hinunter in die Lombardei und an die Adriaküste, um dessen Besitz sich nicht nur die Enkel Karls des Großen im Neunten Jahrhundert gerissen hatten; sondern um den noch in der gesamten frühen Neuzeit, von den so genannten Italienkriegen (1494-1558) über die „Raubkriege“ Ludwigs XIV. und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) bis zu den so genannten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den alten europäischen Monarchien (1792-1814) gerungen wurde. Rein territorial und rein europäisch betrachtet, war es das Erbe Karls des Großen, um das die fünf europäischen Großmächte 1914 bis 1919 stritten.

Anders betrachtet ging es freilich um viel, viel mehr. 1814, als Napoleon in der Schlacht bei der Stadt Arcis-sur-Aube durch den österreichischen Fürsten Schwarzenberg geschlagen wurde und ein paar Wochen Paris die weiße Fahne hisste, befand Europa strukturell sich noch tief im Mittelalter. Es gab keine Elektrizität, keine Mobilität auf der Schiene, keine Aviatik. 1914 dagegen steht Europa tief in der Moderne. In keinem Jahrhundert wurden so viele wegweisende Erfindungen und Entdeckungen gemacht wie im 19. Quantitativ sind ihm das 20. und 21. sicher überlegen, aber qualitativ ist der Abstand zwischen 1814 und 1914 viel größer als der zwischen 1914 und 1963 es war, oder der zwischen 1963 und 2013. Die Informationstechnologien und die Verteilungsstrukturen des Wohlstandes haben sich zum Teil radikal verändert; aber mentalitär steht Europa seit der „Stunde Null“, seit 1945 in einer Art positiver Schockstarre, einem Gefühl des Nicht-mehr-beteiligt-seins, der Entpolitisierung, das dann 1992, als auch der Kalte Krieg Geschichte war, Francis Fukuyama mit dem Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ auf den Punkt bringen sollte.

Winston Churchill sah bekanntlich die Zeit von 1914 bis 1945 als einen zweiten „europäischen Dreißigjährigen Krieg“ an, in dem alles durcheinandergewirbelt wurde. Zwei unmittelbare Konsequenzen hatte dieser Dreißigjährige Krieg: erstens: er rief die USA auf den Plan, die sich binnen Kurzem als den europäischen Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit und militärischer Schlagkraft heillos überlegen entpuppten. Zweitens: er holte den Orient und mit ihm den Islam auf die Bühne des weltpolitischen Theaters.

Seit dem Kreuzzugszeitalter hatte sich das Türkische Reich, das sich später nach seinem dynastischen Gründer osmanisch nennen sollte, klandestin als heimliche Ordnungsmacht herauspräpariert, die, zwar dem Anschein nach gegen Europa gerichtet, in Wahrheit durch äußeren Druck immer wieder dafür sorgt, dass Europa zusammenbleibt. Letztmalig manifestierte sich dies in jener Klausel der Wiener Gründungsakte der Heiligen Allianz, die den Sultan in Konstantinopel vom Beitritt ausschloss, da er eben kein Christ sei.

Das ganze 19. Jahrhundert dann drehte sich machtpolitisch um die Erhaltung der Türkei, des „kranken Mannes am Bosporus“. Hatten die Türken noch 1683 „vor Wien“ gestanden und als der Schrecken der zivilisierten Welt gegolten, so wurden sie nun von der europäischen Diplomatie auf einmal geradezu liebevoll gepflegt. Die große Angst, die alle umtrieb, war nämlich: dass im Nahen Osten, der alten geographischen Schlüsselregion Europas, die beiden großen Gegenspieler im Kampf um die „Aufteilung der Welt“ einmal blutig zusammenstoßen würden: England und Russland.

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die große Angst des gebildeten Europäers, dass es zu einem „Weltkrieg“ zwischen diesen beiden Mächten kommen könnte. England, das Mutterland des Kolonialismus, damals Herrscherin über ein Viertel der Erdoberfläche, und Russland, der spätberufene Neuzugang ins europäische Mächtekonzert, der sich seine Rolle als heimlich Schutzmacht Preußens zwischen 1763 und 1871 erarbeitet hatte und nun nicht nur als Schutzpatron der panslawistischen Freiheitsbewegung im österreichisch regierten Osteuropa auftrat, sondern zugleich die „Befreiung“ der orthodoxen Glaubensbrüder auf dem Balkan und im Kaukasus im Schilde führte, was auf nichts anderes hinauslief als auf eine Expansion in den Nahen und Mittleren Osten, nach Syrien und Persien, an die Grenzen Indiens, das britische Kronkolonie war, seit 1876 mit dem Status eines Titularkaisertums. Hier, sowie auf den Weltmeeren – die Kriegsmarine galt als Teilstreitkraft der Zukunft – erwartete man den großen Zusammenstoß von Bär und Walfisch, von Russland und England.

Vergleichsweise unbedeutend nahm sich daneben der andere Konflikt aus, der das europäische politische Geschehen seit 1871 dominierte. Der deutsch-französische Gegensatz schien dadurch, wenn auch gewaltsam, gelöst, dass es Deutschland unter „Führung“ Preußens und Otto von Bismarcks gelungen war, sich politisch zu einigen und dabei die linksrheinischen Gebiete zu verteidigen. Einziger Stachel im Fleische: die neuen „Reichslande“ Elsass-Lothringen, die die Sieger 1871 sich gleichsam als Kriegsbeute ausbedungen hatten – Land, das zwar vor Jahrhunderten einmal deutsch gewesen, seit Ludwig XIV. aber nun einmal französisch war, dessen Bevölkerung mehrheitlich französisch dachte und fühlte und, auch der wohlwollendsten Behandlung durch die deutschen Behörden trotzend, im Traum nicht daran dachte, seine eigentliche, innere Nationalidentität aufzugeben. Hier lag die Keimzelle des französischen Revanchismus seit 1871, und der Grund, warum in den vierzig Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges Deutschland und Frankreich schlechterdings nie ein Bündnis miteinander eingegangen sind.

Durch die Reichseinigung und das durch sie freigesetzte wirtschaftliche und militärische Potenzial aber – Deutschland war um 1900 hinter den USA und vor England die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – war Deutschland zum Zünglein an der Waage geworden; es war de facto, wie Sebastian Haffner festhielt, die stärkste Macht des Kontinents geworden, und – man bedenke! – dies aus dem Nichts! 1866 gab es noch den alten Deutschen Bund, verfassungsrechtlich eine Art Blinddarm des Heiligen Römischen Reiches, mit einer fürstenrepublikanischen Verfassung und zeitweise 39 Mitgliedsstaaten; fünf Jahre später gab es ein Deutsches Reich. Jeder, mit Ausnahme Frankreichs natürlich, wollte mit diesem Deutschen Reich verbündet sein, um seine jeweiligen Ziele durchzusetzen. Nur Deutschland selber, das hatte sein Gründer Bismarck erstaunlich aufrichtig eingeräumt, hatte kein wirkliches außenpolitisches Ziel mehr; es war gesättigt, „saturiert“.

Kritiker Deutschlands, d.h. Preußens, warfen und werfen Bismarck, dem „Barbaren von Genie“, denn auch bis heute vor, er sei ein Unruhestifter gewesen, der das alte europäische Gleichgewicht zerstört habe. Fakt ist, dass Bismarck selber um die Labilität seines machtpolitischen Konstrukts am besten wusste: der sprichwörtliche „Alptraum der Koalitionen“ (cauchemar des coalitions) sollte ihn bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen.

Dass der alte Fürst Bismarck 1890 durch eine Hofintrige und mit Wissen und Wollen des jungen, juvenilen Kaisers Wilhelm II. gestürzt wurde, wird bis heute bei Laien und Fachpublikum als schwerer Fehler angesehen und als πρῶτον ψεῦδος, als erster Fehler, der schließlich 24 Jahre später zum Ausbruch des Weltkrieges geführt habe. Erst in den letzten zehn Jahren wurde das ehedem fast schon kanonische Verdammungsurteil über den letzten Deutschen Kaiser behutsam korrigiert, unter anderem von Christopher Clark und Eberhard Straub, nachdem bereits in den Neunziger Jahren der Berliner Essayist Nicolaus Sombart einen ingeniösen Vorstoß in diese Richtung unternommen hatte.

Tatsache ist, dass sich Deutschland 1890 bündnispolitisch in einer unentscheidbaren Situation befand. Es konnte es nur falsch machen, wäre es nun mit Russland (wie zu Bismarcks Zeiten) oder mit England gegangen (wie es von der englischen Politik vor und nach Edward VII., der von 1901 bis 1910 regierte, immer wieder favorisiert wurde). Deutschland war zum ersten Mal in seiner Geschichte, um im Jargon der Bismarckzeit zu reden, vom „Amboss“ zum „Hammer“ geworden – aber es wusste mit diesem Hammer nichts anzufangen. Deutschland, nicht England, wählte mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. 1888 die splendid isolation – in die weltpolitischen Konjekturen Englands und Russlands sinnvoll eingreifen konnte es nicht.

So kam es 1907 zu dem diplomatischen Ereignis, das niemand für möglich gehalten hätte: England und Russland, die auch ideologisch denkbar weit voneinander entfernt waren (England, eine parlamentarische Monarchie und hochindustrialisiert, Russland, ein autokratischer Agrarstaat, bei dem die große Revolution nur eine Frage der Zeit war), schlossen ein Bündnis miteinander, da beide jeweils schon mit Frankreich separat verbündet waren, gab es nun offiziell die „Tripleentente“. Der Ring der „Einkreisung“ um Deutschland war geschlossen.

Als am 28. Juni 1914 der Thronfolger der k. u. k. Monarchie, Erzherzog Franz Ferdinand, bei einem Manöverbesuch in Sarajewo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, dauerte es noch fünf Wochen, bis sich ganz Europa im Krieg befand. Bosnien und die Herzegowina waren 1908 unter internationaler Duldung von Österreich besetzt worden, unter Missbilligung Russlands, das den Balkan seit den Tagen Katharinas der Großen als seine Hegemonialsphäre betrachtet hatte. Russlands Schutzmacht war Serbien, Serbien machte alle Anstalten, es der national empörten österreichischen Bevölkerung recht zu machen, aber es half nichts: unter den 26 Punkten des österreichischen Ultimatums an die königlich-serbische Regierung in Belgrad befanden sich jene berüchtigten zwei, die keine Regierung der Welt hätte annehmen können, ohne die Souveränität ihres Staates zu blamieren. Die Teilablehnung und damit der casus belli war von der österreichischen Kriegspartei eingeplant.

Unmittelbar darauf schaltete sich erwartungsgemäß Russland ein, das ein österreichisches Vorgehen gegen Serbien nicht dulden mochte; Russlands Vorstoß rief das Deutsche Reich auf den Plan, das sich mit Österreich auf Leben und Tod verbündet und der Regierung in Wien eine unbeschränkte Vollmacht (der berühmte „Blankoscheck“) für ihr Vorgehen gegen Serbien ausgestellt hatte (denn nur mit dem mächtigen, wirtschaftlich potenten und militärisch hochgerüsteten Deutschland im Rücken konnte das altmodische, zurückgebliebene Österreich einen Waffengang überhaupt wagen). „Unter Tränen“, wie es heißt, überreichte der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Graf v. Pourtalès, am 1. August die deutsche Kriegserklärung (noch vierzig Jahre zuvor waren Russland, das eine deutsche Dynastie, die Schleswig-Holstein-Gottorf, regiert, und Preußen eng Freunde gewesen). Da aber zwischen Russland und Frankreich seit 1894 ein Offensiv- und Defensivbündnis besteht, erklärt Deutschland vorauseilend am 3. August auch Frankreich den Krieg. Denn auf diesen, eigentlich unsinnigen, Konflikt hat man sich eingestellt, und das schon seit zwanzig Jahren.

Hier vollends wird der Hergang dieses Kriegsausbruches vollends unbegreiflich. Der Konflikt auf dem Balkan (der vier Jahre später im Übrigen erwartungsgemäß mit dem Auseinanderbrechen der beiden verbliebenen Vielvölkerreiche in Südosteuropa enden wird: Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) erweist sich als bloßer Seitenschlich, um den uralten Konflikt Frankreich-Deutschland wieder aufleben zu lassen. Die vielbeschworene Gefahr der „russischen Dampfwalze“ (tatsächlich ist die russische Armee kaum moderner als die österreichische, zudem ist die Kampfmoral der unter dem zaristischen System leidenden Rekruten miserabel) wird durch die Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen noch im Herbst durch die deutsche 8. Armee unter ihrem Generaloberst von Hindenburg, dem späteren Reichspräsidenten, aufgehalten. Dagegen beißen sich die sieben deutschen Armeen, die in einem hektischen Vorstoß Paris einzunehmen gehofft hatten und der französischen Hauptstadt auch schon auf hundert Kilometer nahegekommen waren, im September an der Marne fest („Wunder an der Marne“). Damit ist der Krieg im Westen für beide Seiten an den strategischen Nullpunkt gestoßen, bevor er richtig angefangen hat. Vier Jahre lang wird das jetzt so gehen: mal verbuchen die Franzosen, mal die Deutschen minimale Gebietsgewinne. Aber es bleibt ein Patt.

Entscheidend dafür ist allerdings, dass sich seit dem 4. August auch Großbritannien im Krieg mit Deutschland befindet. Die deutsche Oberste Heeresleitung hatte aus puren aufmarschtaktischen Gründen das neutrale Belgien überrennen lassen – und damit Englands ultimative Bedingung verletzt, unter der es in den Krieg im Westen nicht eingegriffen hätte (wodurch dieser vielleicht wirklich nach wenigen Wochen für Deutschland entschieden worden wäre). Und die vielen hunderttausend britischen Soldaten, die nun auf französischer Seite zum Einsatz kommen, verschieben das Kräftegleichgewicht natürlich zuungunsten Deutschlands.

Deutschlands ganzes Verhalten in diesem Krieg weist selbstzerstörerische Züge auf: vom unbedingten, aber gar nicht nötigen Eintreten für Österreich und seine verheerende Expansionspolitik auf dem Balkan über die fatale Verletzung der Neutralität, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Jahr 1917, wodurch die USA auf Seiten der Entente in den Krieg gerufen werden, bis hin zu den unverschämten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk im März 1918, wodurch faktisch ein osteuropäisches Kolonialreich unter deutscher Führung geschaffen werden soll – ein Gewaltakt, als dessen umgehende, gerechte Strafe man den Diktatfrieden von Versailles ein Jahr darauf mittlerweile auch in der Forschung auffasst. Unter allen beteiligten Mächten hatte das Deutsche Reich am wenigsten Grund zum Kriege, und unter allen Kriegszielen waren seine am wenigsten gedeckt, sei es durch Logik, sei es durch Emotion.

Die Frage nach der Kriegsschuld ist seit dem Krieg selber oft gestellt worden, und mit einer Insistenz wie sonst bei keinem Krieg in der Geschichte. Der Erste Weltkrieg brach aus, der zweite wurde entfesselt – über diese Formel herrscht in Forschung und Publikum seit Langem Einigkeit, und auch jüngere, meinungsstarke Beiträge aus der Literatur haben daran nichts geändert. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, als die George F. Kennan den Weltkrieg in einer berühmten Wendung bezeichnete, ist in ihrer Genese heute so sehr ein Faszinosum wie vor einhundert Jahren.

Freilich folgt in der Geschichte alles einer inneren, und wiederum auch überzeitlichen, seinsmäßigen Logik. Und nach dieser Logik hatte das europäische Zeitalter politisch ausgedient. Fünfzehnhundert Jahre lang, seit dem Untergang Roms, hatten die europäischen Mächte das Politische in seiner territorialen Praxis ausgelotet in alle Richtungen; 1914 stießen sie endgültig an ihre Grenzen, und es war nur folgerichtig, dass sich die Bevölkerung Mitteleuropas mit der Niederlage 1918 zugleich ihrer Monarchen – allein in Deutschland waren dies zwanzig regierende Herren – entledigte; denn das abrahamitische Prinzip, wonach der Fürst Hirte seiner Völker ist und sie sicher durchs Ungewisse führt, hatte seine historische Legitimität verloren. Dass sich die Deutschen um ihr historisches Heldenepos betrogen fühlen sollten; dass der Verlust des Kaisers einen tief in der Volksseele verwurzelten Vaterkomplex aktivieren sollte, stand dabei auf einem anderen Blatt.

Vielleicht begreifen wir das Phänomen dieses Krieges, der aus seiner eigenen Tradition so sinnlos und fremd hervorragt, besser, wenn wir ihn aus der zukünftigen Perspektive heraus betrachten. Keine hundert Jahre sind seither vergangen, und das Antlitz Europas und der Welt hat sich vollständig geändert. Die klassische Machtpolitik ist, im Modus ihrer erratischen, infernalischen Überspitzung durch das Deutsche Reich in zwei Weltkriegen, aus dem Repertoire der europäischen Politik verschwunden; wir sind vollends ins Zeitalter des Wirtschaftlichen eingetreten, und das heißt auch: der konsequenten Wohlfahrts- und Wohlstandsförderung. Die USA und China haben die Rolle übernommen, die bis 1914 den fünf Großmächten vorbehalten gewesen; Europa kehrt stattdessen langsam zu seinen alten, unter dem Wust einer tausendjährigen Ver- und Entwicklung verschütteten Wurzeln zurück; es wird langsam wieder ein Europa der Regionen.

Regionalität ist die Wurzel des Europäischen. Der universelle, territorial nach innen vereinnahmende und nach außen ausgreifende Machtstaat war stets etwas Fremdes, ein orientalischer Oktroy, gegen den sich die Griechen einhundert Jahre lang gewehrt haben, bis der Große Alexander die Idee des Universalreiches im Rahmen eines genialen, abenteuerlichen, und doch wiederum wahnwitzigen Unternehmens in seine mediterrane Heimat importierte. Von Griechenland, das so auf einmal zum Mutterland der modernen Monarchien wurde – Alexander Demandt wies in seinem glänzenden Alexander-Buch, das vor vier Jahren erschien, zuletzt darauf hin –, ging diese Idee über auf Rom, dessen Imperium sich ja nicht um ein Land, sondern um eine einzelne, übermütige Stadt herumscharte (wen wundert es da, dass bis heute der Regionalismus gerade in Italien und Griechenland so besonders spürbar ist?), um sich dann im Gewimmel der Völkerwanderung zu verlieren. Karl der Große-Charlemagne, auf den sich die beiden Mutternationen des postmodernen Europa, Frankreich und Deutschland, als Ideenstifter berufen, stellte das Reich wieder her, aber nicht ursprünglich als politische, sondern vielmehr als Stammeseinheit. Die nationelle, politische Aufladung kam erst durch den Kaisertitel hinzu; seitdem glaubte sich jeder seiner Nachfahren dazu berufen, aus seiner eigenen Nationalität heraus Europa als Gesamtstaat einrichten zu müssen. Der europäische Urgedanke: ein freies Miteinander unterschiedlicher Stämme und damit Regionen zu sein, geriet in Vergessenheit. Es wurde beansprucht, arrondiert, geraubt und wieder zurückgeraubt, eintausend lange Jahre lang.

1914 brach das Kartenhaus des europäischen Nationalismus endlich in sich zusammen. Mit dem ersten Krieg allein war es freilich nicht getan; es bedurfte der noch viel schrecklicheren Entwicklungen über jenes Kontinuum von 1914 bis 1945 hinweg, bis sich Europas martialische, selbstzerstörerische Energien endgültig erschöpft hatten. Aber 1914 war das erste Aufleuchten, der erste laute Knall, der die Völker Europas daran gemahnte, dass sie Brüder sind, nicht Konkurrenten, und dass das Zeitalter der Bruderkriege seinem Ende entgegen geht.

So ist es kein Zufall – wie ohnehin überhaupt nichts in dem großen Zeitbogen, den wir Geschichte zu nennen gewohnt sind, „zufällig“ ist –, dass sich der „Große Krieg“, wie ihn Franzosen und Engländer mit pathetischer Hellsicht immer noch nennen, vorzüglich abspielte auf den Schlachtäckern auf jener Länderbahn zwischen Ostende und den Alpen; zwischen Belgien, dem jüngsten ,und der Schweiz, dem ältesten neutralen Staat in Mitteleuropa, deren einer nach dem ersten Krieg Sitz des Völkerbundes wurde, während der andere nach dem anderen, noch schlimmeren Krieg Sitz der Europäischen Union wurde. Der europäische Gedanke, das heißt: die Abkehr vom Nationalen, die Entschärfung des Politischen, die Übertragung der Ideale von Einheitlichkeit und Einheit vom Ganzen auf das Individuum: auf den Blutfeldern des Ersten Weltkriegs, der alle Grausamkeit und Absurdität des Kriegerischen in greller Schnörkellosigkeit ans Licht brachte, schälte er sich unter Mühen und Konvulsionen aus seiner historischen Verschalung.

Nicht verwunderlich, sondern nur folgerichtig ist die Doppelrolle, die hierbei Deutschland spielte. Wenngleich formell – das haben die Forschungen der vergangenen Jahre eindrücklich gezeigt – nicht mehr und nicht weniger schuld am Kriegsausbruch als die andern Beteiligten (hatte es doch selber am allerwenigsten Grund dazu), so war es doch, wie seit dem Mittelalter, wie schon in der Römerzeit, die „deutsche Frage“, woran sich die Zukunft Europas entscheiden sollte. Deutschland nahm, in unseliger, kindischer und zugleich gewalttätiger Verblendung, die Last der historischen Schuld auf sich: sich auf diesen sinnlosesten aller Kriege eingelassen, ihn erst zu dem gemacht zu haben, was er wurde: nämlich zu den „letzten Tagen der Menschheit“ (Karl Kraus), auf dass am Ende die Idee vom staat-losen, apolitischen Europa: dem Europa der Regionen, dem Europa der Brüderlichkeit, in der unwiderleglichen Alternativlosigkeit vor seinen Völkern stehe, wie sie nur das Erlebnis dieses Krieges in die Geister hat prägen können. Die falsche Form musste mit Gewalt zerbrochen werden, auf dass das gute Innere, die reine Materie zur Entfaltung kam: die uralte, mythische Idee von der Pax Europaea, vom europäischen Frieden.

© Konstantin Sakkas, 2013

Der Text erschien in leicht geänderter Fassung in der Ausgabe Januar 2014 in der Zeitschrift Die Drei.

Titelbild: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie am Tag ihrer Ermordung, Sarajevo, 28. Juni 1914.

Standard
Essay, Geschichte, Politik und Gesellschaft

Europas verlorener Sohn. Das Schicksal Friedrichs des Großen

Eine politische Geschichte ist immer auch eine Lebensgeschichte. Doch kein politisches Schicksal war so sehr vom persönlichen bestimmt wie das König Friedrichs II. von Preußen. Das wussten schon die Zeitgenossen, und der bekannte Vierzeiler, den die Flugblätter bei seinem Tod, am 17. August 1786, als Nachruf druckten, sagt eigentlich schon alles Wesentliche über diesen merkwürdigsten unter allen großen Monarchen der europäischen Neuzeit aus:

„Es sagen, Friedrich zu erhöhn,

Geschichte und Nachruhm viel zu wenig.

Von allen Menschen kann man hier den größten König,

Von allen Königen den größten Menschen sehn.“[1]

Der Nachwelt, unserer heutigen abgeklärten zumal, mögen diese Verse als einfältige Hagiographie erscheinen; beim genauen Lesen aber entbirgt sich gerade in ihnen das Geheimnis, das Friedrich bis heute umgibt und das schon Goethe zu der nachdenklichen Feststellung brachte, es sei „was Einziges um diesen Menschen“[2]: Denn Friedrich, ohne Zweifel einer der schärfsten und klügsten Geister seiner Epoche, blieb zeitlebens, und gerade im politischen Handeln, doch von seiner Emotionalität bestimmt. Was er dennoch als politisches Erbe hinterließ, blieb Fragment, ideell und territorial; aber das Interesse, das er trotz aller goldener und schwarzer Preußenlegenden bis heute auf sich zieht, galt seit je vor allem seiner Persönlichkeit. Den statuarischen Eindruck eines runden, in sich kohärenten und schlüssigen und dabei recht eindimensionalen Lebens, den uns Caesar und Napoleon vermitteln, hat man bei ihm nie; Friedrich ist ein Zerrissener. Doch eben daher rührt auch jene uralte Friedrich-Faszination: dass ein Mensch seine Zerrissenheit lebt und auslebt, und dies nicht bloß erotisch oder künstlerisch, sondern auf der Weltbühne der großen Politik.

Zur politischen Verantwortung gehörte im ausgehenden ancien régime die Repräsentation des Ganzen; und zwar nicht im postmodernen Sinne medialer Außendarstellung; sondern als ganzheitlicher Ausdruck des Menschseins, und zwar vor und für die Masse der Untertanen. Paradoxerweise hat Friedrichs Königtum, das ja als Prototyp des aufgeklärten Absolutismus gilt, sehr viel von diesem esoterischen Symbolismus der Königsherrschaft, den Thomas Mann einmal glänzend in dem Satz zusammenfasste: „Die Hässlichkeit und Bitternis des Lebens kennt man ganz nur in den Niederungen der Gesellschaft und an ihrer höchsten Spitze.“[3]

Von der Bitternis des Lebens hat Friedrich schon früh gekostet. „Heimsuchung eines Prinzen“[4] nannte Wolfgang Venohr sein Jugendschicksal und traf damit den Kern dessen, was das psychologische Schlagwort vom „Vater-Sohn-Konflikt“ nicht ausreichend umschreibt: In Wahrheit war es eine fortwährende, fast zwanzigjährige Drangsal, eine gründliche körperliche und seelische Vergewaltigung, die dem Heranwachsenden von seinem Vater, dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., angetan wurde und die ihn für sein Leben beschädigte und ruinierte. Seiner Schwester Wilhelmine – der einzigen Frau, die er im tieferen Sinne in seinem Leben wohl „geliebt“ hat – beschrieb der Siebzehnjährige sein Martyrium so:

„Ich bin in der größten Verzweiflung. […] Der König hat gänzlich vergessen, dass ich sein Sohn bin. […] Ich trat heute morgen wie gewöhnlich in sein Zimmer. Kaum hatte er mich erblickt, als er mich am Kragen packte und in der grausamsten Weise mit dem Stocke auf mich losschlug. Ich suchte vergeblich, mich zu wehren; er war in einem so schrecklichen Zorn, dass er sich nicht mehr beherrschte, und er hielt erst inne, als sein Arm vor Müdigkeit erlahmte.“[5]

Körperliche Gewalt, mehr noch aber seelische Erniedrigung und der perverse Zwang zur Selbstverleugnung haben den Prinzen für sein Leben traumatisiert. Bei einem Manöver in Kursachsen 1728 schlägt ihn der Vater in aller Öffentlichkeit mit dem Stock blutig. Als Friedrich auf dem Höhepunkt des Konflikts 1730 bei einer Inspektionsreise am Rhein einen Fluchtversuch unternimmt und damit scheitert, kommt es zu einer weiteren Eskalation: Der Vater stürzt sich mit gezogenem Degen auf den Sohn und will ihn erstechen; nur das Dazwischentreten des Kommandanten der Festung Wesel, wo man sich gerade aufhält, verhindert einen Sohnesmord. Leutnant von Katte, der geliebte Jugendfreund des Prinzen, der ihm zur Flucht nach England verhelfen wollte, wird vor ein Kriegsgericht gestellt; man erkennt auf lebenslange Haft, aber der König persönlich ändert das Urteil ab und verurteilt Katte zum Tode. Der Hinrichtung muss Friedrich, der selber unter strenger Bewachung steht, zusehen. Und auch der Sohn soll sterben. Kaiser Karl VI. und der greise Prinz Eugen intervenieren persönlich für den preußischen Kronprinzen; Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, der erste Feldherr Preußens, fällt vor dem König auf die Knie und bittet um Gnade; das rettet dem Jungen das Leben.

Friedrich ist achtzehn Jahre alt, als dies über ihn hereinbricht. Das sind die Jugenderinnerungen, mit denen ein junger Mann, der den Thron erben soll, ins Erwachsenenleben tritt.

Man darf diese Vorgeschichte nie vergessen, wenn man das politische Schicksal Friedrichs des Großen voll begreifen will. Ihre Schatten haben ihn nie verlassen; der Schatten des gewalttätigen Vaters, der den Knaben aus heiterem Himmel mit der Vorhangskordel erdrosseln will. Hierher rührt jene „vergewaltigte Kindlichkeit, die hinter physischer Kraftleistung, Hochspannung, schallender Aktivität fühlbar wurde“[6] und die bei aller Genialität, bei aller hinreißenden Liebenswürdigkeit und Schneidigkeit nie ganz von ihm wich.

Vorerst freilich freute sich der Achtundzwanzigjährige, der 1740 den Thron bestieg, seiner neu gewonnenen Freiheit. Schnell erkennt er, dass Preußen, ein armer Agrarstaat von gerade zwei Millionen Einwohnern und noch deutlich vom Aderlass des Dreißigjährigen Krieges gezeichnet, nur bestehen kann, wenn er expandiert. Er entschließt sich zu einem folgenschweren Schritt und annektiert Schlesien, eine der reichsten Provinzen Österreichs. Diese schlesische Annexion wird nach dem Vater sein zweites Schicksal.

Europas politisches Gedächtnis hat Friedrich den Überfall auf Schlesien, den George P. Gooch recht gouvernantenhaft „eines der sensationellsten Verbrechen der neueren Geschichte“[7] nannte, bis heute nicht verziehen – wegen seines sensiblen Charakters, dessen Feinheit man mit Weichheit verwechselte und dem man kriegerische Ambitionen nicht zutraute; vor allem aber wegen der geistesgeschichtlichen Situation. Hätte Friedrich seinen so genannten schlesischen Raub ein halbes Jahrhundert früher begangen, spräche heute kein Mensch mehr davon; ebenso wenig wie von den Reunionen Ludwigs XIV., der Verwüstung der Pfalz und dem anschließenden Weltenbrand, den Frankreich und Habsburg im Jahr 1701 um die spanische Thronfolge entfachten. Aber 1740 lagen die Dinge anders. Die Philosophie der Aufklärung hielt langsam Einzug ins kollektive Bewusstsein; vor allem aber hatte niemand damit gerechnet, dass gerade Friedrich von Preußen die Vorstellungen von politischer Moral, die sich ja gerade erst herausbildeten, so fundamental infrage stellen würde. Denn 1739, nur ein Jahr zuvor, hatte er, noch als Kronprinz, jene Schrift veröffentlicht, an der sein Leben lang, und darüber hinaus, gemessen werden sollte: den Anti-Machiavel.

„Der ‚Antimachiavell‘“, so urteilte Joachim Fest, „ist häufig als ein Dokument unverbindlicher, literatenhafter Schwärmerei gedeutet worden. In Wirklichkeit traten in der Streitschrift Überzeugungen hervor, die mit [Friedrichs] innersten Wesen zu tun hatten. Doch hat er den Widerspruch zwischen humanitärem Ehrgeiz und den Zwängen der Staatsräson nie aufgelöst: er hat der Macht seine Träume, seine Maximen und, wie er selber geäußert hat, sein Leben geopfert – und sie doch illusionslos verachtet; er hat Kriege geführt – und darunter gelitten. Man verfehlt das Wesen der Erscheinung, Friedrichs lebenslangen Konflikt mit dem, was er für seine Schuldigkeit hielt, wen man darin nur den Ausdruck jener sentimentalen Cäsarenpose sieht, die auf Eroberungszügen die Tragik beklagt, dem Glück der Untertanen nicht auf andere, menschenfreundlichere Weise dienen zu können.

Die Bereitschaft zur Selbstverleugnung, die Neigung, alle sanfteren Bedürfnisse als Wehleidigkeit abzutun, hat schließlich typenbildend gewirkt und den Kern dessen hervorgebracht, was man den preußischen Charakter nennt. Nie zeigte er sich gelöst, nie frei, sondern immer überwach, nervös, immer auf dem Quivive, in […] ‚fürchterlicher Überspanntheit’ […].“[8]

Diese Überspanntheit war das Erbe seiner Jugend, das er, wenn auch modifiziert, ins Mannesalter mit hinüber nahm. Die verzehrende Angst vor Vernichtung war die eine, der brennende Ehrgeiz zur Selbstbewährung die andere Konstante seines Charakters. Mit dem schlesischen Raub, der freilich Preußen in der Tat territorial und machtpolitisch erst „eine Figur gab“[9], wie Friedrich es ausdrückte, wollte er sich bewähren, wollte der Welt zeigen, dass er es locker mit den royalen Vettern im Reich, in Frankreich, England und Österreich aufnehmen konnte. Doch Friedrich geriet an Maria Theresia. Für die blutjunge Erzherzogin wird das Jahr 1740, als halb Europa über ihr österreichisches Erbe herfällt, zum bleibenden Trauma; den Traum von der Rückgewinnung Schlesiens gibt sie bis an ihr Lebensende nicht mehr auf. Die Geister, die er hier rief, sollte Friedrich nicht mehr loswerden. Sein Biograph Johannes Kunisch schreibt:

„Schon hier fällt auf, wie sehr Friedrich dazu neigte, in Extremen zu denken, und dass er als Möglichkeiten seines Handelns nur die Katastrophe oder den Triumph zu erkennen glaubte. Es ist jenes Prinzip des alles oder nichts, das dann besonders in den Krisen des Siebenjährigen Krieges seinen Selbstbehauptungswillen ins Heroische zu steigern vermochte. […] Anzeichen für dieses aus einer traumatisch erfahrenen Bedrohung erwachsene Lebensgefühl hatte es auch während der Kronprinzenzeit gegeben. […] Seit dem Schlesienabenteuer jedoch gewann die innere Spannung zwischen einem elementaren Durchsetzungswillen auf der einen und einem bis in tiefe Depressionen reichenden Fatalismus auf der anderen Seite eine politische Dimension, die dann für die gesamte Regierungszeit des Königs prägend blieb,“[10]

Freilich: in den ersten Jahren gelingt dem jungen König Friedrich alles. Er erobert Schlesien im Handstreich, verteidigt die neugewonnene Provinz in einem zweiten schnellen Krieg und erwirbt sich Meriten als Reformer im Innern. Die Folter wird abgeschafft, die Zensur gelockert und strikte religiöse Toleranz geübt. Schloss Sanssouci wird errichtet, und die Freundschaft mit Voltaire, der sich 1752 für eine zeitlang in Potsdam niederlässt, verleiht dem frankophilen König, der Deutsch nur „wie ein Kutscher“[11] spricht, aber sechs Bände französischer Poesie hinterlassen hat, den legitimen Nimbus europäischer Geistesgröße.

In jenem zweiten Schlesischen Krieg von 1744 bis 45 bildet sich auch sein Feldherrntalent heraus, und beim Einzug im winterlichen Berlin Ende 1745 akklamiert man ihn, der bei Hohenfriedeberg seinen ersten selbständigen Sieg erfochten hat, schon als „Fridericus magnus“, als „Friedrich den Großen“[12]. Sekurität aber, das Gefühl, „angekommen zu sein“, will sich bei allem ernstgemeinten Verzicht auf weitere Eroberungen nicht einstellen. Die Preußen, so schreibt der König, müssten „toujours en vedette“ sein, ‚immer auf Posten’ und „stets mit gespanntem Ohr auf der Wacht gegen ihre Nachbarn stehen und jeden Augenblick bereit sein, die verderblichen Absichten ihrer Feinde abzuwehren“[13]. Dass das kein Grundsatz gesicherter Staatlichkeit ist, weiß Friedrich selber am besten; die Einverleibung Schlesiens stempelt ihn, der es den europäischen Großmächten doch nur gleichtun, sein Preußen von einer dritt- zur zweitklassigen Macht erheben wollte, zum „Aggressor und Friedensbrecher“[14]:

„Ich hoffe, die Nachwelt, für die ich schreibe, wird bei mir den Philosophen vom Fürsten und den Ehrenmann vom Politiker zu scheiden wissen. Ich muss gestehen: wer in das Getriebe der großen europäischen Politik hineingerissen wird, für den ist es sehr schwer, seinen Charakter lauter und ehrlich zu bewahren. Immerfort schwebt er in Gefahr, von seinen Verbündeten verraten, von seinen Freunden im Stich gelassen, von Neid und Eifersucht erdrückt zu werden“ [15]

Das waren ehrliche Worte, aber sie wurden nicht gehört. Seit dem Dresdner Frieden 1745 arbeitet Maria Theresia, die ihren lothringischen Gemahl Franz Stephan nun endlich auf dem Thron Karls des Großen placiert hat, an der Revanche, und 1756 ist es soweit. Friedrich, den seine Agenten in Dresden über die geheimen Bündnisverhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Russland auf dem Laufenden halten, entschließt sich zum Präventivschlag und marschiert in Sachsen ein. Wieder steht er als Rechtsbrecher da, wieder kommt zur existenziellen Bedrohung der Ruch des Verbrechertums und der Verworfenheit.

Freilich begründet dieser dritte Schlesische Krieg, der sieben Jahre dauern soll, auch den Ruhm des Großen Königs – und mit ihm den ersten deutschen Nationalmythos seit dem Dreißigjährigen Krieg, seit Gustav Adolf. „Und so war ich denn auch preußisch, oder um richtiger zu reden, Fritzisch gesinnt“, bekannte später Goethe, der als kleiner Junge im Frankfurter Elternhaus begierig die Neuigkeiten von der Front aufgesogen hatte, setzte aber hinzu: „Denn was ging uns Preußen an. Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüther wirkte.“[16] Preußen: das war ein Phantom, das die Gestalt Friedrichs erst mit Leben füllte, dies allerdings so gründlich, dass auch der notorisch anti-nationale Goethe bekennen musste:

„Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Thaten des siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für Einen Mann stehn. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und theilen, und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Theilnahme derselben entziehen.“[17]

Das ‚Schicksal des Allerletzten’ hat Friedrich allerdings geteilt, und wenn irgendetwas, dann machte ihn dies zum ‚Großen’ – nicht das im Überblick doch recht unkomplette, wenn auch im epochalen Durchschnitt sicher imposante innenpolitische Reformwerk. Der innere Wert der zahllosen Anekdotenblättchen, die seit damals generationenlang produziert wurden, liegt in ihrer auratischen Authentizität. Denn jenen König, der nach der schmerzlichen Niederlage von Kolin 1757 gedankenverloren auf einem Baumstamm sitzt und aus dem Dreispitz eines einfachen Kürassiers trinkt; der im Schneetreiben von Leuthen den Fahnenträger der Avantgarde zur Schlacht einweist und der auf den Stufen einer Dorfkirche und bei Kerzenschein den Tagesbefehl nach dem schweren, blutigen Sieg von Torgau 1760 schreibt, gab es wirklich. Und es war auch nicht Pose, sondern ehrliche Anklage eines brutalen Geschicks, wenn er, der Hochbegabte, der ein strahlender Sonnenkönig hätte werden können, aber nur der erste Grenadier seiner Armee sein durfte, im Feldlager die Verse Voltaires zitierte:

„ Ich bin bloß ein Mensch, dem Leide geweiht.

Mein Schutzschild ist nur die Standhaftigkeit.“[18]

Die Jahre von 1757 bis 1761 wurden zu einer beispiellosen Belastungsprobe für Preußen und seinen König; physisch und psychisch. Mit dem österreichischen Sieg beim böhmischen Kolin im Juni 1757 zerbrach nicht nur der militärische Nimbus des bis dahin unbesiegten roi connétable, der, für seine Zeit unüblich, die Strapazen des Feldzuges persönlich mit seinen Truppen teilte; hier zerbrach auch seine Hoffung auf einen schnellen Frieden mit Österreich und damit, wie Venohr schrieb, seine „heitre, optimistische Seele“[19]. Der Krieg, in den sich Kaiserin Elisabeth von Russland mit eindeutigen Eroberungsabsichten eingeschaltet hat, ist ein Zweifrontenkrieg, die numerische Übermacht der antipreußischen Koalition erdrückend; Friedrichs einziger nennenswerter Verbündeter ist England, das, ebenso wie Frankreich, im „Umsturz der Koalitionen“ 1756 die Seiten gewechselt hatte. Die, später übermäßig glorifizierten, Siege der Jahre 1757 und 58: Roßbach, Leuthen, Zorndorf, sind nur Atempausen; die Niederlage bei Kunersdorf an der Oder 1759 dagegen eine Katastrophe: Der König verliert die Hälfte seiner Armee, denkt, wie so oft, an Selbstmord und ist tagelang nicht ansprechbar.

Dann geschieht das erste „Wunder des Hauses Brandenburg“[20]: Die verbündeten österreichischen und russischen Truppen können sich auf keine gemeinsame Strategie einigen und ziehen ab, Friedrich hat, trotz einiger weiterer Rückschläge, bis zum Winter Ruhe. Das nächste Jahr bringt dann zwei Entlastungssiege, während ihm sein Schwager Ferdinand von Braunschweig auf dem westlichen Kriegsschauplatz gegen die schlecht geführten und unmotivierten Franzosen den Rücken freihält. 1761 steht Friedrich abermals am Rande des Abgrunds: Im August schließen ihn die Alliierten im Lager Bunzelwitz in Schlesien ein, 150.000 Mann gegen 50.000. Doch auch diesmal rettet den „bösen Mann aus Berlin“[21], wie ihn die zornige Maria Theresia nur nennt, die Uneinigkeit seiner Gegner.

Als dann nur wenige Monate später Zarin Elisabeth, seine verbissene Feindin, aus dem gewohnten Vollrausch endlich nicht mehr aufwacht, lichtet sich der Horizont. Auf den Thron folgt ihr Neffe Peter von Schleswig-Holstein – ein jugendlicher Enthusiast, der den Preußenkönig glühend verehrt, mit ihm sofort Frieden schließt und seine russische Heeresgruppe, die gerade noch Berlin besetzt hatte, preußischem Kommando unterstellt. Ein Jahr noch schleppen sich die Kampfhandlungen dahin, doch auch ein erneuter russischer Thronwechsel und die unveränderte Zähigkeit der Kaiserin in Wien können am Status quo nichts mehr ändern: Im Februar 1763 wird der Friede von Hubertusburg geschlossen. Schlesien bleibt preußisch.

Der Siebenjährige Krieg war Friedrichs Heldenepos; daran hat keine kritische Geschichtsschreibung etwas ändern können, ja, sie wollte es auch gar nicht. „Seit Alexander“, so sah es auch Rudolf Augstein, sicher sein luzidester Kritiker, „hatte kein Erbkönig sich dem Gedächtnis der Zeitgenossen so eingeschrieben wie Friedrich. Er war der letzte legitime Monarch, der seine Schlachten selber schlug.“[22] Aber der Siebenjährige Krieg, der das jugendzeitliche Trauma seines Königs endgültig ins Politische übersetzte, befestigte auch die geistige Gestalt Preußens als „abgerissener, immer ächzend verausgabter, von Zerbrechlichkeitsängsten heimgesuchter“[23] Staat, der seine Aufnahme in den Zirkel der europäischen Großmächte kaum realer Kraft und Stellung verdankte, sondern dem unheimlichen Mythos, der sich um seinen Fürsten gebildet hatte.

Nichts drückt vielleicht diesen Mythos authentischer aus als das Bild, das Adolph Menzel ein Jahrhundert später vom Zusammentreffen Friedrichs mit dem jungen Kaiser Joseph II. in Neiße 1769 gemalt hat: Hier der durch viele Leiden früh vergreiste, schon altersmilde lächelnde König; da der juvenile, feuerköpfige Kaiser, der dem einst vielgehassten Widersacher seiner Mutter nun mit der trunkenen Begeisterung eines Fans entgegentritt, der seinen angebeteten Star hinter der Bühne besuchen darf. Es ist die letzte große „ecce homo“-Szene des Absolutismus: die staunende Reverenz des tatendurstigen Jünglings vor dem weiß gewordenen Heroen, der in seiner Person nochmals das ganze Panoptikum menschlicher Größe und menschlicher Tragik wie in einem jener prächtigen Barockporträts hatte Gestalt werden lassen: die bravourösen Handstreiche und die dramatischen Abstürze; den Jammer der Untertanen und den Spott der Gegner; aber auch die seltsamen, zauberhaften Fügungen, das hans-im-Glück-hafte, so gar nicht rationalistische oder protestantische, aber wundersame und dabei allzumenschliche Dem-Tod-von-der-Schippe-Springen, das Friedrich so oft und so glücklich widerfahren war: von den fürstlichen Fürsprechern nach seinem Fluchtversuch über all die tüchtigen Generale, die seine genialischen, aber oft ungestümen und deshalb falschen Entscheidungen korrigierten und ihn aus dem Abgrund rissen, bis zu jenem wunderlichsten Requisit der Weltgeschichte: der Schnupftabakdose von Kunersdorf, die ihm im Kugelhagel das Leben rettete. Sie ist heute noch auf Burg Hohenzollern zu bewundern, samt Einschussstelle.

Seit 1763 gehörte Preußen zur europäischen Pentarchie; aber es war nur eine „Großmacht cum grano salis“[24], wie später Bismarck zugab, und das Problem seiner fehlenden historischen Legitimität, seines buchstäblichen Auf-die-Landkarte-Geworfenseins, in einem Wort: den Makel seiner mühseligen Konstruiertheit wurde es nie los, auch wenn es 1786, beim Tod des Königs, diplomatisch respektiert und militärisch potent, wirtschaftlich stabil und mit fünf Millionen Einwohnern einigermaßen gut besiedelt dastand. Zu Recht sah Heinrich Mann, an politischem Scharfsinn seinem Bruder keineswegs unterlegen, in Friedrichs Person

„das vorweggenommene Preußen – Deutschland wie es eines späten Endes werden sollte. Die Überspannung der Kräfte, das ist er. Das ‚gefährliche Leben’ für alle Tage, die herausgeforderte Entzweiung des einzelnen Landes mit der europäischen Ordnung, man erkennt ihn.“[25]

Diese Entzweiung war in seinem Lebensweg, vielleicht in seinem Charakter angelegt. Ob je ein Mensch sich ihrer Kraft hätte entziehen können, ist fraglich; Friedrich wenigstens konnte es nicht. Die Flucht vor der Peinigung, die sein Vater ihm angetan hatte, trieb ihn dem Abenteuer in die Arme; er, der ein talentvoller Beau auf dem Thron hätte sein können, der vielleicht auch einen wahren Musenhof, ein preußisches Weimar hätte errichten können, fügte sich stattdessen in die Rolle des gekrönten Schmerzensmannes, die ihm das Schicksal zugedacht hatte. Gerade die genauen Kenner seiner Geschichte hatten – mehr als die plumpen, bloß dilettierenden Vergötterer und Verteufeler – an dieser Relation zwischen Politischem und Privatem nie einen Zweifel. So ist auch für Kunisch nicht abwegig,

„den Zugriff auf Schlesien und dann die jahrzehntelange, gerade im Siebenjährigen Krieg immer wieder existenzbedrohende Auseinandersetzung mit dem Hause Habsburg als grandiose ‚Externalisation eines ursprünglich verinnerlichten traumatischen Konflikts’ zu betrachten. Es bestehe bei Persönlichkeiten wie Friedrich offensichtlich ein Zwang, schreibt der Psychoanalytiker Ernst Lürßen, die Bedrohungskonstellation ‚in der Inszenierung des eigenen Schicksals immer neu zu wiederholen’, ja diese geradezu heraufzubeschwören, um den eigenen Überlebenswillen immer wieder von Neuem unter Beweis zu stellen. Vor diesem Hintergrund könnte jenes ‚provokante Risikoverhalten’ zu erklären sein, das von Friedrichs Fluchtversuch bis zu den Schlachten von Kolin und Hochkirch so handgreiflich in Erscheinung tritt.“[26]

Friedrichs politische Aufgeklärtheit hinterließ, außerhalb des Mentalitären, jenseits der Verwaltungsorganisation nur wenige Spuren – bekanntlich auch, weil sein religiös schwärmerischer Nachfolger die alte Toleranzpolitik nicht weiterführte, und weil das heraufziehende Napoleonische Zeitalter mit seinem aggressiven Nationalismus keinen Raum mehr ließ für den nonchalanten royalen Internationalismus des ancien régime. Das Los der Leibeigenen hat er, wo er konnte, gemildert, einige Exempel an gar zu mittelalterlich auftretenden Gutsbesitzern statuiert, die königlichen Domanialbauern aus der Erbuntertänigkeit befreit; doch die feudale Gesellschaftsordnung im Ganzen ließ er unangetastet, und die große Rechtsreform blieb unvollständig. Wer Friedrichs zahlreiche Schriften aber – er wirkte als Philosoph, Historiker, Lyriker, Memorialist und nicht zuletzt als leidenschaftlicher Briefeschreiber – unvoreingenommen liest, kann sich über die Aufrichtigkeit seiner Ideen schwer täuschen. An die verwitwete Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen schrieb er 1766:

Alle Menschen sollten von selber im Einvernehmen leben. Die Erde ist weit genug, um sie alle zu beherbergen, zu ernähren und zu beschäftigen. Zwei unselige Worte, mein und dein, haben alles verdorben. So entstanden Eigennutz, Missgunst, Ungerechtigkeit, Gewalttat und alle Verbrechen.“[27]

Der real existierende erleuchtete Despotismus, den Friedrich beispielhaft durchexerzierte, kam an dieses Ideal nicht heran; doch das war nicht seine Schuld. Eine Wirtschaftsordnung, die so alt ist wie die Weltgeschichte, wirft auch ein Schriftsteller auf dem Thron nicht in einem Menschenalter um. Und dennoch hat Friedrich auch als Politiker Erstaunliches geleistet; weniger durch praktische Innovationen, aber durch das Lehrstück seines politischen Schicksals: dass es am Ende besser sei, die Ruhe und damit den Frieden zu bewahren, als in Eroberung, in Revolution, ob auf oder gegen den Thron, sich zu verwirklichen. Wer einen Siebenjährigen Krieg durchgemacht hat, ist vom Furor des Politikmachens gründlich geheilt. Was Kunisch ihm, einig mit einem frühen Kenner, dem Grafen Mirabeau, für die preußische Monarchie attestiert, hätte durchaus ausstrahlen können auf ganz Alt-Europa: nämlich die Botschaft des Friedens, nicht aus verschwärmtem Idealismus, aber aus Besinnung und Selbstzurücknahme:

„Über den hemmungslosen, durchaus persönlich motivierten Expansionsdrang seiner ersten Regierungsjahre hinaus ist er schließlich in eine Herrschaftsauffassung hineingewachsen, die sich hingebungsvoll und uneigennützig an den Erfordernissen der preußischen Monarchie orientierte – eines Machtgebildes, das zu seinen Lebzeiten ununterbrochen bedroht und angefochten blieb. […] Je mehr ihm in den Feldzügen der Schlesischen Kriege bewusst wurde, welche weitreichenden Konsequenzen mit dem Zugriff auf Schlesien verbunden waren, desto entschiedener begriff er sein Herrscheramt als eine Aufgabe, die ihm harte Pflichten und ein hohes Maß an Selbstentäußerung auferlegte. Sein Handeln galt nun nicht mehr persönlicher Ruhmbegierde, sondern nur noch der Bewahrung des mühsam und unter hohen Opfern Erreichten.“[28]

Das ist zweifellos richtig, und hier liegt auch der Grund, warum selbst Leopold von Ranke, der Erzhistoriker der Bismarckzeit, „zu den Eroberern, welche die Welt mit ihrem Kriegsruhm zu erfüllen streben und nur immer weiter um sich greifen“[29], Friedrich gar nicht zählen wollte. Friedrich war kein Karl XII. von Schweden, schon gar kein Napoleon, und seine politischen Ziele waren im Grunde erstaunlich bescheiden. Der kämpferische Grundzug seines König-, aber vor allem seines Feldherrntums war defensiv, nicht offensiv; er gab seinem Leben die Tönung des Schwermütigen, Vergeblichen und Gescheiterten. Joachim Fest:

„Das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit hat den preußischen Charakter im Ganzen geprägt und ihm den angestrengten Zug zur Härte gegeben, das häufig Verbogene, Malträtierte oder sogar Gebrochene, das am auffälligsten an seinen beiden großen Königen zutage tritt: der eine im Grunde ein leutseliger, gutmütiger Mann, aber Sklave einer tyrannischen Idee, unter der er selber zum Tyrannen wurde; der andere ein empfindsamer Schöngeist, weich, nervös, hochherzig, dekadentes 18. Jahrhundert, ein Flötenspieler und Menschheitsbeglücker.“[30]

Der Wahrheit am nächsten kommt vielleicht wirklich, was Thomas Mann in seiner Friedrich-Apologie schrieb, die – entgegen einem beliebten Vorurteil – Schönfärberei kaum nötig hatte, weil es an diesem traurigen Leben so wenig schönzufärben gab: „Er war ein Opfer. Er musste unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen, er durfte nicht Philosoph, sondern musste König sein.“[31] Da er dies nun aber, offenbar, sein „musste“, entschloss er sich, es auch voll und ganz zu sein, im Leiden und im Gelingen, in Pose und Ernst, in seiner Donquichotterie und in seiner Epopöe – der einzigen, die eine deutsche Dynastie hervorgebracht hat und mit der sich höchstens noch Karl V. und Wallenstein, beide ihm vielfach verwandt, vergleichen lassen. Er war kein Ritter ohne Fehl und Tadel, aber er war ein menschliches Gesamtkunstwerk. Ein rex tragicus, den man kaum lieben, aber immer liebhaben konnte. War Kaspar Hauser das Kind von Europa, so war Friedrich von Preußen sein verlorener Sohn.

Und doch bleibt ein Vorwurf: Mit seinem stoizistischen Postulat eines Lebens im Verborgenen[32], einer echten vita contemplativa nicht ernst gemacht zu haben. Hatte er nicht gedichtet:
„Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

Die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust,

Und für des Herrschers Hochmut schien dies Herz verloren,

Das voller Mitleid war und kindlich unbewusst.“[33]

Natürlich ließ sich das für einen Souverän, der in seine öffentliche Verantwortlichkeit hineingeboren wird, nicht ohne Weiteres verwirklichen; doch hätte Friedrich sich nicht wirklich größeren, saubereren Ruhm erworben, hätte er sein Preußen beim Regierungsantritt in ein humanistisches Utopia umgewandelt, anstatt die eingetretenen Pfade europäischer Großmachtpolitik einzuschlagen, deren stumpfe Phlegmatik er doch gnadenlos durchschaute? Hätte er sich nicht doch dem scheinbar unbezwinglichen Diktat, das ihn einer Imperatorenkarriere entgegen trieb, entziehen und ein wahrer Friedensfürst werden können, zwar nur für sein kleines, armes Preußen, dort aber richtig?

Oder aber er hätte auf den Thron verzichtet, die Erbfolge an seinen Bruder abgetreten und als materiell sorgenloser Privatgelehrter sein Glück gefunden; denn dass ihm dies eigentlich angemessen gewesen wäre, darüber besteht kein Zweifel. Hinter jeder realen Biographie liegt als Schattenriss ihr im Leben verfehltes Ideal: Und wie Friedrich Wilhelm II. als vergnügter Playboy, Friedrich Wilhelm IV. als ein zweiter Schinkel und Kaiser Wilhelm II. als englischer Landedelmann glücklich geworden wären, so eben Friedrich II. als der Philosoph von Sanssouci: eine Mischung aus Voltaire und Prince de Ligne, ewig wissbegierig, ein Liebhaber nicht der schönen Frauen, aber des schönen Stils, vor allem mit genügend Zeit, sich die ihm in der Jugend geschlagenen Seelen-Wunden zu lecken. Er wäre seinen so geliebten Stoikern nachgefolgt, und zugleich vielleicht ein Prototyp des postmodernen Europäers geworden, der nicht mehr nach der Chimäre der Macht greift, sondern nach Selbsterkenntnis fragt.

Doch es sollte nicht sein. Friedrich wählte den Weg, der ihm schon leiblich als Sohn eines Königs vorgeschrieben war. Vielleicht war dies die größte Untat des Vaters an seinem Kind: dass er ihn einfach qua seiner Vaterschaft dazu zwang, denselben, unseligen Beruf zu ergreifen wie er; und hatte nicht der Vater selber einst die Regentschaft niederlegen und „aufs Land ziehen“ wollen – ein Wunsch, dessen Unerfüllbarkeit seine psychische Gereiztheit zweifelsohne nicht gemildert haben wird? Also wurde Friedrich König, tat seine so genannte Pflicht und wurde nicht glücklicher damit, als der Vater es geworden war.

Der spätere deutsche Nationalismus hat, bis zu Hitler, um all diese Hintergründe, die die wahre Geschichte ihres für die Propaganda zurechtgeschminkten Schlachtenlenker-Götzen ausmachten, nicht gewusst; oder er wusste darum und hat sie vor sich und dem „Volk“ geleugnet, oder aber, wie der listige Goebbels, sie ins Süßlich-Beschwichtigende umgebogen, getreu dem pseudo-optimistischen Motto aller Hysteriker ‚Davon geht die Welt nicht unter’, hinter dem sich tatsächlich ein seelenloser Fatalismus verbarg. Aber der linksliberale Emigrant Heinrich Mann, der sich als Patriziersohn mit Familienschicksalen und ihrer Wirkung gut auskannte, schrieb dem Philosophen von Sanssouci den ehrlichsten und wahrsten Nachruf, den der sich hätte wünschen können: „Lebt er dereinst mit keinem Staat mehr, dann umso sicherer in der Tragödie, die er sich selbst schrieb. Sein zerrissenes Königreich – vergangen. Übrig – der König von Preußen.“[34]

© Konstantin Sakkas, 2011

Eine gekürzte Fassung erschien im Dezember 2011 anlässlich Friedrichs 300. Geburtstages im Magazin CICERO.

Header: Carl Röchling: Friedrich der Große in der Schlacht bei Zorndorf (1904).

______________________________________

[1] Johann Matthias Dreyer, Ueber das in Kupfer gestochene Bild des Preußischen Monarchen, in: Vorzüglichste deutsche Gedichte, Altona 1771.

[2] Brief an Karl Ludwig v. Knebel vom 25. Oktober 1788, in: Weimarer Ausgabe („Sophienausgabe“), Weimar 1887 ff., IV. Abteilung, Bd. 9, S. 44.

[3] Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt/Main 1989, S. 348.

[4] Wolfgang Venohr, Fridericus Rex, Bergisch-Gladbach 1990, S. 51.

[5] Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. Aus dem Frz. von Annette Kolb, Leipzig 1923, S. 123.

[6] So Walther Rathenau über Wilhelm II., Der Kaiser. Eine Betrachtung, in: Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen (ed. M. Kohlrausch), S. 267.

[7] Vgl. G. P. Gooch, Frederick the Great, London u.a. 1947, S. 11 (im Orig. engl.).

[8] Joachim Fest, Preußens letzter Untergang, in: Aufgehobene Vergangenheit, München 1983, S. 156 f.

[9] An den Grafen Algarotti am 17.1.1741, in: Œuvres de Frédéric le Grand, hrsg. v. Johann David Erdmann Preuß, 30 Bde., Berlin 1846-56, Bd. 18, S. 28 (im Orig. frz.).

[10] Johannes Kunisch, Friedrich der Große, München 2004, S. 173 f.

[11] Zit. n. Corina Petersilka, Zur Zweisprachigkeit Friedrichs II., in: Brunhilde Wehinger (Hrsg.), Geist und Macht. Friedrich der Große im Kontext der europäischen Kulturgeschichte, Berlin 2005, S. 54.

[12] Vgl. Venohr, Friedrich der Zweite, in: Sebastian Haffner, ders., Preußische Profile, Neuausgabe München 2001, S. 60.

[13] Vgl. Abriß der preußischen Regierung und der Grundsätze, auf denen sie beruht, nebst einigen politischen Betrachtungen (1776), in: Die Werke Friedrichs des Großen in deutscher Übersetzung, hrsg. v. Gustav Bernhard Volz, 10 Bde., Berlin 1913-14, Bd. 7, S. 216.

[14] Vgl. Venohr, Fridericus, S. 314.

[15] Denkwürdigkeiten (1742), in: Werke, Bd. 2, S. 2.

[16] Goethe, Dichtung und Wahrheit, in: Weimarer Ausgabe, I. Abt., Bd. 26, S. 71

[17] Goethe, a.a.O., S. 104.

[18] In einem Brief an Voltaire vom 9. September 1757, in: Œuvres, Bd. 23, S. 14 (dt. nach Venohr).

[19] Venohr, Fridericus, S. 343.

[20] Brief an Prinz Heinrich von Preußen, in: Politische Correspondenz Friedrich’s des Großen, hrsg. v. Johann Gustav Droysen u.a., Bd. 18, Berlin 1891, S. 510 (Nr. 11393).

[21] Vgl. Thomas Mann, Friedrich und die große Koalition, Berlin 1915, S. 60.

[22] Rudolf Augstein, Preußens Friedrich und die Deutschen, Neuausgabe Frankfurt/Main 1981, S. 27.

[23] Vgl. Fest, S. 167.

[24] Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Stuttgart 1959, S. 105.

[25] Heinrich Mann, Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen, Berlin-Weimar 1974, S. 152.

[26] Kunisch, S. 174.

[27] Brief vom 8.2.1766, in: Briefe Friedrichs des Großen, hrsg. v. Max Hein, Berlin 1914, Bd. 2, S. 150.

[28] Kunisch, S. 547.

[29] Leopold v. Ranke, Preußische Geschichte, Wiesbaden 1975, Teil II, S. 173.

[30] Fest, S. 156

[31]Thomas Mann, S. 118.

[32] In einem Gedicht an Charles Étienne Jordan vom 10. Juni 1742, in Werke, Bd. 10, S. 72 (Nr. 21).

[33] Ebd., S. 71.

[34] Heinrich Mann, S. 159.

Standard