Die Dritte Flandernschlacht

Selten hat sich Geschichte so oft wiederholt wie im Ersten Weltkrieg. Die Soldaten im Westen, sofern sie überlebten, kehrten immer wieder zu ihren Schlachtfeldern zurück. im Frühjahr 1917 waren dies der Pas-de-Calais und die Champagne gewesen. Im Sommer wurde es Flandern. Dort hatten sich Deutsche und Franzosen im Herbst 1914 einst den „Wettlauf zum Meer“ geliefert, um sich schließlich einzugraben und im bitteren Stellungskrieg zu verharren.

In Flandern wollten die Briten 1917 den Krieg beenden

Hier wollte Marschall Haig mit seinen Tommies nun den Durchbruch schaffen. Die letzte Großoffensive der Briten war 1915/16 vor Gallipoli auf der Chersonnes kläglich gescheitert, die Sommeschlacht 1916 war mehr ein Entlastungsangriff als eine eigenständige Offensive. In Flandern aber wollte die britische Heeresführung nun ihr Meisterstück liefern. Nach dem Vorspiel von Arras (April) und Messines (Mai/Juni) gingen am 31. Juli zwei britische Armeen auf breiter Front zum Angriff über, unterstützt von der französischen 1. Armee. Ihnen gegenüber lag die 4. deutsche Armee. Ziel der Briten war zuerst einmal, den Zugang zu den deutschen U-Boothäfen an der belgischen Küste abzuschneiden. Seit Monaten tobte in den Weltmeeren der uneingeschränkte U-Bootkrieg, mit dem sich die OHL aus den Fesseln der englischen Hungerblockade befreien wollte. In Reaktion hierauf waren die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten – das gab der Entente zusätzlichen Auftrieb, konnte sie nun doch hoffen, bald frische Truppen aus Übersee an ihrer Seite zu haben.

3000 Geschütze nahmen die deutschen Gräben unter massives Feuer, mittlerweile ein eingespieltes Ritual. Dann ging es los. Die angreifenden Infanteristen wurden von Maschinengewehrgarben empfangen, die Deutschen wehrten sich mit allen Mitteln, erstmals auch mit Senfgas, das nicht nur die Lunge schädigte, sondern auch die Haut furchtbar verätzte. Die 22 Mark IV-Panzer, der Stolz der britischen Rüstungsindustrie, kamen nur schwerfällig voran, etliche blieben in den unzähligen Granattrichtern stecken, mit denen das Schlachtfeld übersät war. Um Langemarck wurde, wie schon 1914 heftig gerungen, doch diesmal lagen hier keine unausgebildeten Abiturienten, sondern abgehärtete Frontschweine mit drei Jahren Fronterfahrung, die nichts mehr aus der Ruhe brachte.

Die Briten hatten alles gegeben, doch es war nicht genug

Haig wechselte seine Befehlshaber aus und ließ auf Poelkapelle vorrücken. Seine Männer nahmen das Dorf im Nordosten von Ypern unter schwersten Verlusten, doch es reichte nicht. Paschendaele, ein Flecken ein paar Kilometer weiter östlich, hieß das Ziel. Hier wollte Haig die Entscheidung erzwingen. Mitte Oktober begann hier das furchtbarste Gemetzel in der Geschichte des britischen Heeres nach der Somme.  Truppen aus Kanada, Australien und Neuseeland gaben alles für ihr Empire. Die erste Offensive wurde abgeschlagen, Ende Oktober folgte die zweite. Die Deutschen unter ihrem General Sixt v. Arnim – bald hieß er nur noch „Der Löwe von Flandern“ wehrten sich erbittert, doch am Ende waren die Kanadier siegreich. Paschendaele fiel. Doch es war ein teuer erkaufter Sieg. 16.000 Mann kostete die Einnahme des flämischen Dorfes. Und die deutsche Siegfriedlinie hielt noch immer. Die Briten hatten alles gegeben, doch es war immer noch nicht genug. Am 10. November stellte Haig die Offensive ein. Nun setzte er alles auf die bevorstehende Panzerschlacht, die er den Deutschen bei Cambrai liefern wollte Sie sollte den Übergang vom infanteristischen Stellungs- zum motorisierten Bewegungskrieg bringen.

Der junge Leutnant Ernst Jünger erlebte die Dritte Flandernschlacht, das das Jahr 1917 an der Westfront dominierte, als Führer eines Spähtrupps. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Da wir unsere Aufgabe als Späher mit Eifer betrieben, kamen wir oft an Orte, die eben noch unbeschreitbar gewesen waren. So taten wir einen Einblick in das Verborgene, das auf dem Schlachtfeld geschah. Überall stießen wir auf die Spuren des Todes; es war fast, als hause keine lebende Seele in dieser Wüste mehr. Hier lag hinter einer zerzausten Hecke ein Gruppe, die Körper noch von der frischen Erde bedeckt, die nach dem Einschlag auf sie heruntergerieselt war; dort waren zwei Meldeläufer neben einem Trichter, aus dem noch der stickige Dunst der Sprenggase schwelte, zu Boden gestreckt. An einer anderen Stelle fanden wir viele Leichen auf einer kleinen Fläche verstreut: ein in den Mittelpunkt eines Feuerwirbels geratener Trägertrupp oder ein verirrter Reservezug, der hier sein Ende gefunden hatte. Wir tauchten auf, umfassten die Geheimnisse dieser tödlichen Winkel mit einem Blick und verschwanden wieder im Rauch.“

Mythos Paschendaele

In England ist Paschendaele bis heute ein Mythos. Es war das letzte große Blutvergießen an der Westfront. 500.000 Mann, Deutsche und Briten, wurden verwundet, erkrankten oder blieben vermisst. 80.000 starben in der Schlacht, auf den Mohnfeldern Flanderns, die so ungeheures Leid sahen.

 

Der Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München: Piper). © Konstantin Sakkas, 2014. Header: Schlussszene aus Blackadder, SE04E06 “Goodbyeee”, BBC 1989: Tim McInnerny, Hugh Laurie, Rowan Atkinson, Tony Ronbinson.

Des Westens wahre Werte

Eine Fernsehserie, deren Protagonist erst seinen depressiven Parteifreund, dann eine kleine Journalistin heimtückisch ermordet und anschließend durch Lügen und Intrigen Präsident der USA wird, wird weltweit als höchster Ausdruck der westlichen politischen Kultur gefeiert, und ein Film, dessen Protagonist, ein reicher Unternehmer, seine – von ihm wirtschaftlich abhängige – Geliebte mit dem Gürtel verprügelt, gilt als erhabenster Ausdruck von Liebe und Selbstbestimmung.

Merkt eigentlich niemand, wie tief wir schon im Dreck stecken? Sieht niemand, dass unsere westliche Kultur längst ihren Bankrott erklärt hat? Die Rede von den westlichen Werten ist längst nur noch Gerede, ist nur noch dünne Tünche über einer biopolitischen Realität, in der nur mehr Sozialdarwinismus, Dominanz und Ausbeutung zählen. Seit je definiert sich der Westen als Antipode zum vermeintlich barbarischen Orient; doch nicht das Orientalische, sondern das Westliche ist heute das eigentlich Barbarische.

Der Westen ist barbarisch, nicht der Orient

Dass es so kam, war freilich nicht zwangsläufig. Es ist Folge davon, dass der Westen seine eigenen Werte nicht mehr ernst nimmt. Der Geist des Neoliberalismus hat in den vergangenen dreißig Jahren einen tiefgreifenden Gesinnungswandel bewirkt, dem sich niemand, der am öffentlichen Leben irgendwie teilhabt, mehr entziehen kann. Die westliche Kultur befindet sich auf einem dauernden Drogentrip, der in krassem Widerspruch zu dem steht, was bei uns offiziell an Respekt, Toleranz und Menschlichkeit gelehrt wird.

„Zakat heißt: Du hilfst den Schwachen“ – so wirbt ein islamischer Verein in der Berliner U-Bahn. Im Westen heute wird dagegen gelehrt: ist einer schwach, tritt ihm nochmal ins Kreuz, schlag ihn nochmal ins Gesicht. Stürze den, der fällt, anstatt ihn zu stützen. Unter Hohngelächter wird Suizidalen in deutschen Innenstädten zugerufen: „spring doch, spring doch“! Man „hat nicht“ schwach zu sein. Schwäche ist eine Schande, ist die eigene Schuld. Und schuldig bist du auch, wenn Dir ein anderer Deine Ehre – huch, gibt es das überhaupt? – nimmt. Selbst schuld, Du Opfer. Eine westliche Institution, die offen dafür werben würde, „den Schwachen zu helfen“, würde sich hoffnungslos lächerlich machen.

Sadomasochismus als Leitideologie des Westens

Dieses sadomasochistische Meisternarrativ ist der eigentliche westliche Wert von heute, und es ist die große Lebenslüge des Westens, dass er zwar „Voltaire“ sagt, aber eigentlich „Sade“ meint. Durch diese Delegitimierung des Menschlichen aber – und sie geschieht systematisch und planvoll – beraubt sich der Westen seiner eigenen Legitimation. Man schaue sich einmal eine „ehrliche“ Serie über den Westen an wie, immer noch, Homeland oder neuerdings Designated Survivor, und man weiß, was gemeint ist.

Die westlichen Narrative von heute folgen allesamt einem gewaltpornographischen Grundmuster: noch eine Steigerung, noch eine Grenzüberschreitung, noch ein Exzess. An den Menschen und seine Würde, auf die sich der Westen seit der atlantischen Revolution vor zweihundert Jahren beruft, denkt man nicht mehr.

Mit den westlichen Werten ist es wie mit des Kaisers neuen Kleidern: alle reden über sie, aber niemand hat sie wirklich „gesehen“. Doch wie im Märchen, so ist es auch in der Geschichte nur eine Frage der Zeit, bis dem Westen seine Menschheits- und Menschlichkeitsvergessenheit irgendwann um die Ohren fliegt. Aber: wollen wir wirklich zulassen, dass es so weit kommt?

 

Vorstehender Text wurde von der Redaktion des Deutschlandfunk Kultur im Juni 2017 als Beitrag in der Sendung “Politisches Feuilleton” abgelehnt. © 2017, Konstantin Sakkas

Header: Brody und Issa. Szenenfoto aus Homeland, Season 1, Episode 9 (“Crossfire”). Rechte: Showtime

Die Verteidigung der Feigheit. Die deutschen Eliten und der 20. Juli 1944

Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis des konservativen deutschen Widerstands zum NS-Regime geschrieben worden. Dass es für die deutschen Eliten, insbesondere den Adel, ein “langer Weg zum 20. Juli” war, hat die jüngere Forschung eindrücklich bewiesen, insbesondere Stephan Malinowski mit seiner bahnbrechenden Studie “Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus”. Heute steht fest: Dem viel gepriesenen Opfergang des deutschen Adels und Großbürgertums nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ging eine lange und tiefe Kollaboration mit dem NS-Regime voraus. Doch ein wesentlicher Aspekt wurde bis heute kaum thematisiert: nämlich die Bedingungen in Sozialcharakter und Habitus, die die Verstrickung der deutschen Eliten mit der NS-Diktatur erst möglich machten. Und diese Bedingungen reichen weit in die Geschichte vor Hitler zurück.

Sebastian Haffner stellte 1947 zur Geschichte der konservativen Eliten fest:

Es ist keine glanzvolle Geschichte. Der eine kurze Moment des Glanzes und der Tat, den sie enthält, führt unmittelbar zur Katastrophe und ist vielleicht, von einem möglichen Gesichtspunkt aus, nur das Ergebnis eines furchtbaren Fehlers. Es ist eine Geschichte des ‘Beinahe’ – quälend und tief unbefriedigend, herzbewegend und beunruhigend.

Doch woher kommt dieses politische Versagen im Widerstand gegen Hitler? Die Sozialgeschichte verweist hier gern auf die ideologische Affinität der Eliten zum Nationalsozialismus; die wahren Gründe liegen aber woanders. Zweifellos fanden zwar manche von Untergangsängsten geplagte Adlige und Großbürger in völkischer Bewegung und Rassenlehre verwandte Motive; dem gegenüber stehen indessen zahllose, durchaus glaubwürdige Äußerungen von Desinteresse, ja Belustigung über die theoretischen Inhalte der NS-Bewegung. Und tatsächlich: Für die meisten von ihnen war – nicht anders als für Hermann Göring, von dem das Zitat stammt – der Nationalsozialismus gerade in seinen wesentlichen Aspekten in Wahrheit nicht mehr als “ideologischer Kram”.

Die Gesellschaft sah den Parvenü in Hitler – und freute sich doch über sein Ritterkreuz

Doch das hinderte nicht nur, nein: Es begünstigte vielmehr gerade die Allianz der gesellschaftlich Einflussreichen mit den politisch Mächtigen. Denn die gesellschaftliche Elite, übrigens nicht nur in Deutschland, blickte schon immer gern auf die politischen Machthaber herab – und folgte trotzdem willig ihren Befehlen, auch unter Hitler. Rolf Hochhuth drückt dies in seinem “Stellvertreter” unvergleichlich treffend aus:

Die Gesellschaft [ … ] sieht den Parvenü in Hitler – und freut sich doch, nicht wahr, wenn ihre Söhne sein Ritterkreuz erhalten.

Immer in der Geschichte vertraten die Oberschichten, die sich ja eben nicht durch Genie und Leistung, sondern durch Tradition definieren, den Vorbehalt der Distinguierten gegenüber der Staatsgewalt. Oft genug ähnelte der Monarch mit seiner mal plumpen, mal kreischigen Exzentrik viel mehr dem einfachen Volk als den Aristokraten, die seinen Hofstaat bildeten; ein genialischer Feuerkopf wie Friedrich der Große entsprach der elitären Zucht des Adels ebenso wenig wie der gutherzige Biedermann Ludwig XVI. Die klassische Antipathie der Reichen und Schönen gegenüber den Mächtigen hat Thomas Mann in seinem Roman “Königliche Hoheit” einfühlsam illustriert:

Nein, es war klar, dass [Prinz] Klaus Heinrich mit Trümmerhauf” – einem seiner adeligen Spielgefährten – “an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. [ … ] Er [ … ] war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert.

Die hier skizzierte Kluft zwischen den Regierenden und der ersten Bevölkerungsklasse hatte eine schwerwiegende Konsequenz: nämlich die Verurteilung der Oberschichten zur fortwährenden Selbstverleugnung. Über Jahrhunderte hinweg musste sich der Adel krampfhaft beherrschen, um Leuten zu dienen, die er eigentlich verachtete; ohne die er aber soziologisch betrachtet nichts war. Und das war geltendes Recht: Noch 1903 galt in Preußen-Deutschland, dass “alle Adelssachen reine Gnadensachen” seien. Der Adelsstatus an sich unterlag noch in moderner Zeit keiner unabhängigen Judikative, sondern allein dem Gutdünken des Königs. Ohne jede Rechtfertigung konnte der König einem Adeligen den Adel aberkennen, ihn aus der Armee ausstoßen, ihn seiner Ämter und Würden für verlustig erklären, ihm die Pension streichen.

Der erste Stand im Staat konnte jederzeit alles verlieren; seine soziale Fallhöhe war beispiellos; das einfache Volk dagegen hatte wenig zu verlieren, entschloss sich leichter zur Rebellion und erreichte auf diese Weise nach und nach bedeutende Verbesserungen seiner Rechtsstellung. Der letzte schlesische Industriearbeiter hätte gegen eine ungerechte Behandlung vor einem ordentlichen Gericht klagen können; Fürst Bismarck aber, der bewunderte Reichsgründer, wäre 1891 wegen Majestätsbeleidigung von Kaiser Wilhelm II. um ein Haar auf die Festung Spandau geschickt worden – wogegen er sich kaum hätte wehren können.

Selbstverleugnung verdirbt den Charakter

Die Selbstverleugnung, die unweigerliche Konsequenz der Zwitterstellung zwischen sozialem Prestige und politischer Ohnmacht, bildet nicht den Charakter, auch wenn der Adel das bis heute gern behauptet; nein, sie verdirbt ihn. Sie war die eigentliche politische Tradition des deutschen, vor allem des preußischen Adels, und sie reicht lange zurück. Ausgerechnet über Friedrich den Großen, der vom Adel, dem er ungeheuere Opfer abverlangte, zu Lebzeiten nie geliebt wurde, kennen wir einen bemerkenswerten Bericht:

Im vierten und fünften Jahr des Siebenjährigen Krieges war Friedrich II. von seinen nahen und nächsten Umgebungen weder geliebt noch geschätzt noch sogar mehr gefürchtet. Ich sage dies, weil ich es mit Augen gesehen habe. Während dass wir hinter ihm herritten, machte ein junger Polisson namens Wodtke, Brigademajor von der Kavallerie, oft allerlei lächerliche Posituren hinter seinem Rücken, ahmte seine Stellung nach, wies auf ihn hin und dergleichen, um uns andere zu belustigen. Wodtke hatte Friedrichen auch den Beinamen Totengräber gegeben; der Kürze wegen nannte er ihn nur Gräber, und so hieß auch der Held in unseren vertraulichen, scherzenden und spottenden Unterhaltungen.

Die Gründe dafür lagen nicht nur in den Strapazen, denen sich Adel und Offizierkorps in Friedrichs Kriegen fortwährend ausgesetzt sahen (kein anderer Stand hatte prozentual so hohe blutige Verluste im Krieg vorzuweisen wie der Adel); in ihre Empörung hinein spielte zudem vielfach das Bewusstsein herrschaftlicher Anciennität gegenüber den Hohenzollern, einem ursprünglich unbedeutenden süddeutschen Geschlecht, das ihnen im 15. Jahrhundert der Kaiser als Statthalter in der Mark Brandenburg vor die Nase gesetzt hatte. Und als 1757 “die Nachricht von Friedrichs Niederlage bei Kolin ins Magdeburgische kam, freuten sich die Herren [gar], dass es nun ‘mit den Hohenzollern bald aus’ sein werde.” Nach außen freilich drang nichts davon. Man fluchte innerlich – und gehorchte.

Niemand war von der Obrigkeit so abhängig wie der Adel

Denn niemand war von der Monarchie als Institution so sehr abhängig wie der Adel, der deutsche ganz besonders. Als Gutsbesitzer, deren Existenzgrundlage die ländliche Scholle war, wussten die Adligen, dass jedes Aufbegehren gegen den König sofort vom nächstniederen Stand, nämlich Bauern und Bürgern, reflektiert und imitiert würde. Wenn – so die heimliche Überlegung, die jedem Aristokraten noch im Schlaf geläufig war – die Gutsbesitzer gegen die Krone rebellieren, so stellen sie automatisch deren übergesetzliche Legitimation infrage; damit aber die Legitimität von Herrschaft überhaupt, also auch ihre eigene!

Wenn ein Adliger einen König absetzen kann, warum dann nicht auch ein Leibeigener seinen adligen Gutsherrn? Dann wäre es wohl mit dem Feudalismus vorbei gewesen. Um seine eigene materielle und gesellschaftliche Lebensgrundlage zu erhalten, wählte der Adel die Knechtschaft unter dem monarchischen Absolutismus, der ihm freilich moralisch das Genick brach.

Der deutsche Partikularismus, der aus jedem Duodezherrn im Heiligen Römischen Reich einen kleinen Sonnenkönig machte, hat den deutschen niederen Adel über Jahrhunderte zu einer ausgesprochenen Hörigkeit erzogen. Anfangs freilich nicht ohne Widerstände: Etwa in Brandenburg-Preußen schlugen der Große Kurfürst 1672 und sein Enkel, der Soldatenkönig, 1731 adelige Opposition brutal nieder.

Die Hinrichtung Kattes, des Jugendfreundes Friedrichs des Großen, nach dessen gescheitertem Fluchtversuch war auch ein Exempel des Königs gegenüber seinem Adel; und wenn es in jener berühmten Kabinettsorder, die den Tod Kattes besiegelte, hieß: “fiat justitia et pereat mundus”, also: “Die Gerechtigkeit soll leben, und wenn die Welt dabei untergeht” – so meinte “Mundus” auch “Le Monde”, also die große Welt der Schönen und Reichen, die glaubten, für sie gelte Recht und Gesetz nicht. Eben doch: Vor der Staatsgewalt, so das Fanal des Königs, zählen weder Rang noch Herkunft. Und der Soldatenkönig brachte auch den preußischen Absolutismus auf die berühmte Formel: “Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität und stabilisiere die Souveränität wie einen “rocher de bronce”, wie einen Felsen von Erz.

Ausgerechnet im etatistischen Frankreich entwickelte sich dagegen eine recht selbstständige, unbequeme und rebellische Elite. Im ganzen 16. Jahrhundert kämpfte die französische Krone gleich an zwei Seiten mit dem Adel: einerseits mit der hugenottische Aristokratie, repräsentiert durch charismatische Persönlichkeiten wie den Admiral de Coligny; andererseits mit der katholischen Reaktion und selbstbewussten Grandseigneurs wie den Herzögen von Guise an der Spitze.

Das Selbstgefühl des französischen Adels erlitt zwar unter Ludwig XIV. erhebliche Einbußen; doch ganz verschwand es nie. Einen neuen Höhepunkt erreichte es dann in der Französischen Revolution 1789, die in ihrer frühen Phase ganz maßgeblich von Aristokraten – man denke etwa an den Grafen Mirabeau – getragen wurde. In seinem Roman Narrenweisheit hat Lion Feuchtwanger dem oft selbstlosen Einsatz des französischen Adels für Aufklärung und Revolution ein Denkmal gesetzt.

Ähnliches gilt für die englische Entwicklung. Die politischen Revolutionen auf der Insel gingen fast ausschließlich von der Oberschicht aus, die sich von der Magna Charta 1215 bis zur Glorious Revolution 1688, mal mit guten, mal mit weniger guten Folgen, als effektives Korrektiv monarchischer Entscheidungen bewährte. Noch 1936 zwang die englische aristocracy den deroutierten Edward VIII. zur Abdankung, nachdem dieser sich als Bräutigam der kapriziösen Wallis Simpson unmöglich gemacht hatte.

Zum Vergleich: Als zwei Jahre zuvor Hitler während der RöhmAffäre die SA-Führung liquidieren ließ, waren am Ende auch zwei adelige Reichswehrgeneräle in ihren Privatwohnungen unter den Ermordeten. Doch deren Standesgenossen rührten keinen Finger; Reichswehrminister General von Blomberg erließ sogar einen Tagesbefehl, in dem es hieß: “Die Wehrmacht dankt dem Führer durch Hingebung und Treue!”

Selbstverleugnung und  Selbstaufgabe gehörten seit Jahrhunderten zum Habitus des Adels

Aber das war – es sei wiederholt – eben keine neue Entwicklung. Selbstverleugnung und Selbstaufgabe waren kein Produkt der besonderen Gegebenheiten des NS-Staates; sondern sie gehörten schon seit Jahrhunderten zum politischen Habitus des Adels. Wenn im 19. Jahrhundert der preußische General Julius von Hartmann in seinen Memoiren behauptete, es sei “von jeher sehr viel Liberalismus in dem Offizierskorps gewesen”, so meinte dies lediglich das hergebrachte Privileg des Adels, ein besonderes Standesbewusstsein im Staat haben zu dürfen, weil man diesen Staat exemplarisch verkörperte. Adeliger Liberalismus bezog sich auf das klassische Recht auf den Kasinowitz über den Monarchen, mehr nicht. Der Adel durfte meckern und Witze machen, weil er, wenn es ernst wurde, auch als Erster gehorchen musste.

Besonders deutlich wurde dies in der Bismarck-Zeit, als, nach dem Sieg über die konservative Brudermacht Österreich 1866, der preußische Adel anfing, seinen entfremdeten Standesgenossen Bismarck zu hassen, der überdies eine bürgerliche Mutter hatte Während seiner ganzen Reichskanzlerschaft war dann der “Eiserne Kanzler” nirgends so unbeliebt wie beim Adel: wegen seiner prinzipienlosen Politik, seines rauen Stils in Personalfragen und seiner persönlichen Erfolge, die den Rahmen des Gewohnten sprengten.

1865 noch einfacher Freiherr und Reserveoffizier, war er 1871 Fürst und General mit einem Millionenvermögen; dass manch ostelbischer Junker in seinen Salongesprächen Bismarck vor Neid, aber auch aus ideologischen Gründen die Pest an den Hals wünschte, belegen einschlägige Passagen in Theodor Fontanes “Irrungen, Wirrungen”. Als Bismarck schließlich 1874 den Grafen Harry Arnim wegen Landesverrats vor Gericht stellen ließ, bestätigte das nur die Vorurteile seiner konservativen Kritiker. Freilich: Aufbegehrt haben sie nicht.

Das Gleiche wiederholte sich dann unter dem viel gehassten Wilhelm II. Nicht die Arbeiter spotteten über den Kaiser und seinen verkümmerten Arm; sondern die elitären Offiziere der Potsdamer Garde. Sie ließen im Kasino nach dem ersten Glas Wein die Ordonnanzen wegtreten, um ohne Furcht vor Denunziation über den Obersten Kriegsherrn lästern zu können; sie verunglimpften ihn als “Guillaume le timide”, “Wilhelm den Ängstlichen”, weil ihnen seine Politik nicht offensiv genug erschien; und sie fielen als Erste über ihn in ihren Memoiren her, als Wilhelm 1918 schließlich abdankte und ins Exil ging. Und auch hier zeigt sich wieder ihre Doppelmoral: Als nämlich 1919 Paul Graf Hoensbroech die Führungsschwäche des Kaisers öffentlich anprangerte, forderte ihn der pensionierte General von der Schulenburg zum Duell, obwohl der sich ganz genauso über Wilhelm II. geäußert hatte – allerdings privat!

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln. Die abstruse Maxime Kants: “Räsonniert, soviel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!”, passt ideal auf die preußisch-deutsche Oberschicht, die sich ihre soziale Privilegiertheit über Jahrhunderte hinweg mit einer beispiellosen politischen Impotenz erkauft hat. Symbolisch steht hier das Wort eines Flügeladjutanten aus der Entourage des letzten Hohenzollernherrschers: “Der Kaiser hat uns alle entmannt!”

Dies fand seine fatale Fortsetzung im Dritten Reich. Wieder begegnen wir jener seltsamen moralischen Indifferenz und typisch elitären “Mischung aus Verdrängung, Disziplin und Lebenslüge”, die ausgerechnet Hitlers früheste Kritiker – und das waren ja gewiss die Konservativen – zu seinen zuverlässigsten Stützen werden ließ.

Erinnert sei nur an die obskuren Planungen, wie man Hitler, den “tollwütigen Hund”, den “böhmischen Gefreiten” umbringen wolle, um am Ende meistens doch wieder vor ihm strammzustehen, wie man schon vor Friedrich, vor Bismarck und vor Wilhelm strammgestanden hatte: 1938 während der Sudetenkrise, 1940 beim Einmarsch in Frankreich, 1943 an der Ostfront – Überlegungen, Pläne, und Versuche hat es viele gegeben, und ihr moralischer Wert steht außer Frage; doch ihr Dilettantismus war beispiellos und Gott sei’s geklagt beschämend.

Jener Dilettantismus aber kam auch daher, dass diese Elite seit Jahrhunderten keinen Schuss mehr abgegeben hatte, der ihr nicht von oben, will sagen von der Obrigkeit befohlen worden war, von jener Obrigkeit, die Martin Luther einst heiliggesprochen hatte. Was geschehen konnte, wenn die Elite wenigstens einmal gegen diese Obrigkeit handelte, zeigte sich beim Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944.

Unfähig zu selbständigem, entschlossenem Handeln

Nirgends kam ihr indolenter, passiver Habitus so deutlich zum Vorschein wie an jenem so bitter erfolglos endenden Tag: Der leichtsinnige Gedanke, ausgerechnet einen halb verkrüppelten Offizier wie Stauffenberg mit einem Bombenattentat zu betrauen; die Trägheit des Generals Fellgiebel, der noch nach der Explosion in der “Wolfsschanze” Hitler mit der Pistole hätte erschießen können, es aber nicht tat; die Nervosität General Olbrichts, der drei Stunden lang in Berlin die Hände in den Schoß legte, während Stauffenberg mit Müh und Not ein Flugzeug bekam; schließlich die aberwitzige Naivität, mit der man ausgerechnet Major Remer, einem notorischen Nationalsozialisten, die Verhaftung von Goebbels anvertraute: All dies zeigt, wie ungeeignet und unfähig diese Männer zu selbstständigem, entschlossenem Handeln waren, mochten ihre Grundsätze und Überzeugungen moralisch noch so aufrichtig gewesen sein.

So versteht man auch den bissigen Kommentar des Hitler-Gegners Friedrich Reck-Malleczewen, der am Tag nach dem Attentat in sein Tagebuch notierte:

Ein wenig spät, ihr Herren, die ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt.

Ähnlich sah es auch Joachim Fest, dessen Vater Hans einst lieber Amt und Würden aufgegeben hatte, als jene Zwitterstellung zwischen innerer Rebellion und äußerem Konformismus zu wählen, in der man allein schon dadurch zum Täter werden kann, indem man es unterlässt, das Richtige zu tun. Beispielhaft hier der Vergleich zwischen deutschem und italienischem Widerstand, den Fest anstellt:

Als Dino Grandi sich am 25. Juli 1943 zur Sitzung des faschistischen Großrats begab, auf der Mussolini gestürzt werden sollte, hatte er zwei Handgranaten bei sich. Am Eingang des Saales zum Palazzo Venezia war das erste Mitglied des Rates, auf das er stieß, Cesare de Vecchi. Da Grandi fürchtete, Mussolini werde sich zur Wehr setzen und auf ihn schießen, fragte er kurz entschlossen de Vecchi, ob er eine der Granaten übernehmen und notfalls auf den Duce werfen wolle, und de Vecchi willigte augenblicklich und ohne irgendeine Gegenfrage ein. Es war die Schwäche des deutschen Widerstands, dass er keinen Grandi hatte und selbst einen de Vecchi nicht.

Freilich: Die deutschen Widerstandskämpfer durften für sich in Anspruch nehmen, es wenigstens versucht zu haben, und diesen Ruhm kann ihnen niemand nehmen. Gleichwohl gibt es eine bedenkliche Nähe zwischen ihnen, die immerhin etwas taten, und jener großen Mehrheit, die zwar über Hitler grummelte, aber nichts tat. Gerade in Militär und Diplomatie fanden sich viele Mitwisser der Attentatspläne.

Sie alle wären nach einem erfolgreichen Staatsstreich mit fliegenden Fahnen zu den neuen Machthabern übergegangen, denn mit Hitler verband sie kaum etwas; doch sie leisteten nach wie vor brav ihren Dienst und igelten sich ein in ein Gehäuse aus Hoffnung, Fatalismus und sogenannter Pflichterfüllung – eine Haltung, die noch im Jahr 2009 ausgerechnet Richard von Weizsäcker prononcierte, als er in einem Interview mit dem SPIEGEL versuchte, seinen Vater Ernst, Staatssekretär bei Außenminister von Ribbentrop und früh eingeweiht in die Judenvernichtung, von den Vorwürfen der Nachwelt mit ziemlich aggressiver Apologetik freizusprechen. Wenn der deutsche Adel je eine Ideologie hatte, dann jene dumpfe, schwerfällige und einfallslose Ideologie des “Auf-dem-Posten-Bleibens”.

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung, sondern in ihrem politischen Opportunismus

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung; eher schon, wie Stephan Malinowski richtig betont, in ihrer mentalen Depravation seit dem Ersten Weltkrieg, ihrer ungeheuerlichen Brutalisierung von Haltungen und Meinungen; vor allem aber in ihrem tief verwurzelten politischen Opportunismus. Dieses Problem gründet sich nicht auf eine Ideologie, sondern auf den unfreien Habitus. Dessen Konstanten Anpassung, Selbstverleugnung, Gehorsam und Resignation wirken viel verderblicher als manche Überzeugung.

Nazis und NS-Gegner wussten, was sie taten, und taten es aus freien Stücken; die Eliten aber gingen 1933 die alten, eingetretenen Pfade durch die Institutionen weiter, die sie schon zweihundert Jahre lang gegangen waren. Sie wurden Generäle und Staatssekretäre, manche auch SS-Führer, so wie ihre Väter und Ahnen eben Obristen, Kammerherren oder Botschafter geworden waren, und bildeten sich noch ein, sie könnten sich die Abzeichen des neuen Regimes wie Modeartikel an den Rock heften und trotzdem rein bleiben von seinen Verbrechen.

Gerade durch diese Unentschlossenheit und Trägheit aber wurden viele von ihnen schuldig. Gewiss waren die meisten von ihnen keine Nazis; doch waren sie moralisch deshalb besser? Sie waren ideologisch gar niemand, mit dem Wort Hannah Arendts: Sie waren “Niemande”, sie “weigerten sich, Personen zu sein”. Und genau dies macht die Schwere ihres Versagens aus:

Sie folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.

Der Historiker Christian Gerlach wies vor einigen Jahren nach, dass die Einsatzmeldungen der SS-Mordkommandos im Russlandfeldzug 1941 auch über die Schreibtische Tresckows und seines Adlaten Rudolf-Christoph von Gersdorff gingen. Hier zeigt sich das moralische Dilemma in voller Schärfe: Denn natürlich ist dieser Nachweis ja kein Beleg für eine Mittäterschaft; aber allein schon das bloße Mitwissen macht jemanden in einer Position wie Tresckow und Gersdorff schon mitschuldig. Gerade Gersdorffs Karriere – Tresckow nahm sich nach dem gescheiterten Attentat 1944 das Leben – zeigt exemplarisch die Realitätsblindheit des konservativen Widerstands:

Da steht einer eindeutig gegen Hitler, riskiert mehrmals sein Leben bei Attentats- und Umsturzversuchen, entgeht knapp der Verhaftung – und bleibt dennoch bis zum letzten Kriegstag auf seinem Posten, wird General, Stabschef einer Armee, Ritterkreuzträger, alles unter dem Oberbefehl von Adolf Hitler, kurz: Er tut nach außen hin so, als wäre nichts gewesen, mag er im Inneren auch noch so sehr in Opposition stehen. Kann man sich eine schlimmere Form der Selbstverleugnung vorstellen?

Zum Nicht-Handeln gehört, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt

Auf diesen Habitus passt musterhaft, was Hannah Arendt in ihrem Buch “Eichmann in Jerusalem” über die so genannte “innere Emigration” sagte:

Über alle jene, die im Dritten Reich Stellungen, und oft genug hohe Stellungen, innehatten und dann nach dem Kriege sich selbst und der Welt erklärten, sie seien jederzeit ‘innerlich Gegner des Regimes’ gewesen. Nicht, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht, ist hier die Frage; entscheidend ist, dass es in der ganzen geheimnisverseuchten Atmosphäre des Hitlerregimes kein besser gehütetes Geheimnis gegeben hat als solche ‘innere Opposition’. Das war unter den Bedingungen des Naziterrors fast eine Selbstverständlichkeit; wie mir einmal ein sehr bekannter ‘innerer Emigrant’ [ … ] versichert hat, mussten sie ‘nach außen’ sogar nazistischer auftreten als gewöhnliche Nazis, um ihr Geheimnis zu wahren.

Wirklicher Widerstand wäre entweder ein klarer, sehr wahrscheinlich ein hoffnungsloser Kampf gewesen, den man freilich niemandem abfordern kann, da wir wissen, welche Risiken er für den Betreffenden mit sich brachte; oder aber Nicht-Handeln, konsequenter Rückzug aus dem gesellschaftlichen Organismus überhaupt, freiwillige Isolation und Einsamkeit, so wie der Vater Hans von Joachim C. Fest sie beispielhaft vorlebte. Hannah Arendt:

In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nicht-Teilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.

Zu diesem Nicht-Handeln aber gehört, in Arendts Worten, dass man “nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt”; dass man sich vom Spiel des Gesellschaftlichen, das nur allzu schnell bitterer, schmutziger und verbrecherischer Ernst werden kann, freiwillig isoliert; dass man auf sichere Posten und glatte Lebensläufe, auf schmucke Orden und hohe Ränge verzichtet hätte.

Man macht niemandem eine Szene: nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer

Doch gerade dazu fehlten der Elite: Adel und Militär, aber auch der Wirtschaftselite, der Wille und der Mut. Sie waren es zwar gewohnt, auf der Bühne zu stehen; aber als Statisten, wenn auch gut betucht. Sie lebten, mit Heideggers Wort, im “man”, und dies wurde ihnen zum Verhängnis: “Man” tritt ins Heer ein; “man” tut seine sogenannte Pflicht; “man” erhält das System aufrecht, um Schlimmeres – etwa den viel beschworenen Bürgerkrieg! – zu verhüten; “man” macht niemandem eine Szene, nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer, auch wenn die Ehe eine Farce und das Regime eine Mörderbande ist.

Das machte sie zu Komplizen Hitlers, und auch die wenigen, die dann wirklich am 20. Juli zur Tat schritten und dafür mit dem Leben bezahlten, waren in ihrer Haltung immer noch so sehr vom “man” bestimmt, dass sie in jenem Augenblick, in dem sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirklich handeln und nicht gehorchen sollten, bitter und tragisch versagten.

 

Obiger Beitrag wurde am 24. Juli 2011 im Rahmen der Sendung “Essay und Diskurs” im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Nach der Veröffentlichung kam es zu heftigen Kontroversen im Sender sowie zu persönlichen Angriffen auf den Autor durch Hörer. © Konstantin Sakkas, 2011. Beitragsbild: Claus Graf Schenk von Stauffenberg als Hauptmann, ca. 1940. © Alamy.

Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder “gescheitert” bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes “Im Anfang war die Tat”, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: “Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.

In Auschwitz gab es kein Happy End

László Nemes’ “Son of Saul”, ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2016

Die brutalste Szene spielt sich gleich zu Anfang ab. Die Gaskammer in Auschwitz-Birkenau. Gerade wurde ein ungarischer Transport vergast. Die Türen springen auf, das Sonderkommando macht sich an die Arbeit. Blut, Kot und Urin überall, man sieht die nackten, blutverschmierten Brüste von Frauen. Zum Sonderkommando gehört auch Saul Ausländer (dass er so heißt erfahren wir erst später im Film). Auf einmal hört er ein Röcheln. Was unmöglich scheint, und doch durch die Akten der Lager-SS selbst historisch verbürgt ist (auch Rolf Hochhuth erwähnt diese Vorkommnisse im Schlussakt seines 1962 uraufgeführten Stellvertreters): ein Junge, vielleicht gerade in die Pubertät gekommen, hat die Vergasung überlebt, erwacht, schwer atmend, gerade aus seiner Bewusstlosigkeit.

Schon ist der SS-Arzt zur Stelle. Der Junge wird auf eine Bahre gelegt. Der SSler tastet ihn erst ab, überprüft die Vitalfunktionen. Er setzt beide Hände auf den Leib des Jungen auf. Dann erstickt er ihn, leise, “fachmännisch”, unaufgeregt. Die Männer des Sonderkommandos, unter ihnen der jüdische Arzt, stehen neben ihm. Es gibt keine Emotionen, kein Geschrei, keinen expliziten Gewaltexzess. Der SSler tötet den Jungen, wie man seine Schnürsenkel bindet, wie man ein Auto betankt oder eine Klingel drückt. Dem jüdischen Arzt neben ihm sagt er am Ende nur trocken: “aufschneiden”. Der dem Tod vergeblich entronnene Knabe soll in die Autopsie, physiologisch interessant ist das Phänomen ja allemal.

Auschwitz: ein Arbeitsplatz des Grauens

“Son of Saul”, erst mit dem Grand Prix von Cannes, dann mit zahlreichen weiteren internationalen Filmpreisen, darunter dem Golden Globe und dem Critics Choice Award, und schließlich mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2016 ausgezeichnet, ist eine einzige Vergewaltigung, Hundertsieben Minuten lang. Er zeigt kein Erbarmen, er zeigt aber auch keinen offenen Hass, weder bei den Tätern noch bei den Opfern. Er zeigt nur pure, nackte, kalte Gewalt. Unaufgeregt, weil selbstverständlich. “Son of Saul” zeigt Auschwitz als das, was es wirklich und vor allem anderen war: als einen Arbeitsplatz des Grauens.

Beklemmung beherrscht den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute an diesem Abend im “Delphi Filmpalast” in Berlin-Charlottenburg. Mit Bedacht hat die ausrichtende Jewish Claims Conference den Vorabend des internationalen Holocaustgedenktags für die in Fachkreisen langersehnte Voraufführung des Films ausgewählt. Es gibt keine Höhepunkte und keine Tiefpunkte. Alles ist in einen schmutzigen grau-braunen Schimmer getaucht. Eine farblose Farbe, weltlos wie die Farben eines Alptraums. Es gibt keine Hoffnung, keine Entspannung, keinen Lichtblick. Schmutz, Dreck, überall. Der biographische Horizont des Films sind die wenigen Wochen und Monate, die den Männern des Sonderkommandos zum Überleben bleiben, bis sie selber ermordet werden, aber es ist ein biologischer Horizont, kein existenzieller. Die Negativität dieses Auschwitz’ ist absolut, so sehr, dass die Absolutheit zur Abstraktheit wird.

Papst Johannes Paul II. soll, als man ihm Gibsons “Passion of the Christ” zeigte, gesagt haben: “It is, as it was.” Dieselben Worte lassen sich über “Son of Saul” sagen. Kein Spielberg, kein Polanski, auch kein Theodor Kotulla (“Aus einem deutschen Leben”) oder Stefan Rutzowitzky, dessen “Fälscher” 2008 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielten, haben das, was Auschwitz und die Shoa wirklich waren, so brutal ehrlich eingefangen wie dieser Film, mit dem sich der nicht einmal vierzigjährige Regisseur László Nemes als wahrhafter Zauberlehrling entpuppt hat.

Blick in die Hölle durchs Schlüsselloch

Der Film ist auf 35 Millimeter gedreht, die Sprachen historisch original und unsynchronisiert (jiddisch und deutsch, seltener ungarisch und polnisch), die Kamera filmt permanent aus Sauls Blickwinkel, wenn sie nicht ihn selbst zeigt. Wir schauen in die Hölle durchs Schlüsselloch. Das zischende Ankommen der Deportationszüge, das Ausziehen in der Umkleide, begleitet teils durch aufmunternde Lügen (“wir brauchen Handwerker hier”, “nach dem Bad gibt es erstmal eine warme Suppe”, “merken Sie sich Ihren Kleiderhaken”), teils durch Drohungen und offene Gewalt. Das Hineinpressen der Häftlinge, einer steht auf den Füßen des andern, in die Gaskammer, das Zuschnappen der eisernen Türriegel. Sofort beginnen die Männer des Sonderkommandos – “stoisch” wäre das falsche Wort hierfür – mit dem Einsammeln der Kleidungsstücke. Dann das Schreien und Trommeln der Deportierten in der Kammer. Nichts ist so gewaltsam wie dieses Schreien, dieses Trommeln, denn man weiß, während man im Kinosessel sitzt, dass dieses Schreien und Trommeln vergeblich, sinnlos, ja: lächerlich ist. Sie sollen ja sterben, sie sollen ja ausgeliefert und hilflos sein. Ihnen wird niemand helfen, ihr Schicksal ist beschlossene Sache. Das ist Gewalt: Auslieferung. Keinen-Ausweg-lassen. Ver-nichtung: jemanden ins Nichts stellen, in die – wie fehl am Platz ein solch hochgestochener Ausdruck hier – Aporie, die Ausweglosigkeit.

Doppelt Opfer: die Männer des jüdischen Sonderkommandos

Ausgeliefert sind auch die Männer da draußen, von denen der Film handelt. Lange Zeit war das Schicksal der Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau und den anderen Vernichtungslagern der blinde Fleck in der Shoa-Forschung, auch im kollektiven Gedächtnis, dem der Täter und auch der Opfer. Einige unglückliche Formulierungen Hannah Arendts ließen es lange Zeit so aussehen, als seien diese Männer Mittäter gewesen. Dabei waren sie nicht nur genauso Opfer wie die anderen, sondern waren es sogar in doppelter Weise.

Die Männer des Sonderkommandos, unter ihnen überdurchschnittlich viele Griechen (wegen deren sowohl in West- als auch in Osteuropa ungeläufiger Sprache schien der SS bei ihnen der Geheimhaltungsaspekt am besten gewahrt), hatten die Opfer, unter Bewachung des SS, in die Gaskammern einzuschleusen, und sie hatten nach jedem Vergasungsvorgang die Leichen aus den Gaskammern zu holen und in den Krematorien zu verbrennen – nicht ohne ihnen vorher Goldzähne aus dem Gebiss zu brechen und etwa mitgeführte Wertgegenstände aus den Körperöffnungen zu holen. Der Ungar Géza Röhrig, dessen schönen, weichen Gesichtszügen man seine 48 Jahre nicht ansieht und der selber zahlreiche Familienangehörige in der Shoa verlor, spielt die Hauptfigur, Saul Ausländer.

Saul, Zeuge der eingangs geschilderten Szene, glaubt in dem Jungen seinen Sohn zu erkennen (später wird sich herausstellen, dass er entweder überhaupt keinen Sohn hat, oder aber dies jedenfalls nicht sein Sohn ist – leiblich nicht ist, denn im Geiste hat er ihn adoptiert in dem Augenblick, da er ihn leben sah inmitten der Toten). Er bedrängt den jüdischen Arzt, die Leiche der Autopsie zu entziehen und vor der SS zu verstecken. Das, und die Vorbereitung und Durchführung des Sonderkommando-Aufstands vom 7. Oktober 1944, sind die Storylines des Films. Sie geben ihm die narrative Halterung – jedoch, Halt geben können, ja: sollen sie nicht.

Die Shoa kannte keine Rationalität

Ausländer gelingt es tatsächlich, den Leichnam vor der Schändung durch das Skalpell zu bewahren. Er will ihn, seinen, Sauls Sohn, rituell bestatten und braucht dazu einen Rabbi, den er mit geradewegs manischer Unbeirrbakeit, aber letztlich erfolglos unter den neuankommenden Deportierten sucht. Immer wieder bringt er damit sein Kommando in Gefahr – und mit ihm den historisch verbürgten Plan, sich gegen die SS-Peiniger zu erheben, die Krematorien zu sprengen und aus dem Lager zu fliehen.

Das Kommando: das sind vor allem zwei Männer: Abraham (Levente Molnár) und Biedermann, letzterer Oberkapo und damit Leiter des Sonderkommandos. Es sind ungleiche Brüder, dieser der aktive, jener der passive Part, der eine versonnen und auf sein Ziel fixiert, der andere illusionslos, aber voll heimlichen Mitleids. Biedermann, verkörpert von Urs Rechn,  ist die unausgesprochene Vaterfigur, für Saul wie für das ganze Kommando. Er leitet, so weit Leitung und damit Verantwortung möglich ist in der Hölle, die kein System ist, sondern blankes Chaos, pure Hässlichkeit.

Vor allem die Figur des Biedermann widerlegt das gängige Klischee, wonach die Kapos – dass dies außerhalb der Sonderkommandos, also in den Arbeitslagern, übrigens niemals Juden waren, sondern in der Regel “arische” Kriminelle, wird in diesem Diskurs immer noch gern unterschlagen – “schlimmer als die SS” gewesen seien. Vielmehr waren sie zweifach Verdammte, ausgeliefert der unmöglichen Zwitterposition, Opfer zu sein und zugleich den Tätern zuarbeiten zu müssen. Ums eigene Überleben ging es dabei nur scheinbar, denn die Shoa kannte keine Rationalität, kannte keine kausale Logik. Man war ausgeliefert, so oder so. Die Zuarbeit für die Täter bedeutete tatsächlich Überlebenshilfe: indem der Kapo, die Faust der SS im Nacken, aussortierte, rettete er diejenigen, die er übrig ließ. Das Warum dieses Übriglassens steht in diesem existenziellen Umfeld nicht mehr zur Debatte; das Dass, seine Faktizität allein genügt.

Rechns Stimme ist stets dem Brechen nah, wenn er mit den “Vorgesetzten” sprechen muss, immer zitternd, wie durchlöchert, vollgesogen mit dem Bewusstsein, es nur falsch machen zu können, keine Sicherheit haben zu können, so wie die Stimme eines missbrauchten Kindes, das sich seinen gewalttätigen Eltern gegenüber zu rechtfertigen hat und doch genau weiß, dass es diesen Dialog nur verlieren kann, weil es einen Dialog, zu dem dem Worte nach stets zwei gehören, hier nicht gibt. Die Szene, in der der wurstige Oberscharführer Voss, gespielt von Uwe Lauer, ihm befiehlt, eine Liste mit siebzig Männern seines Kommandos, “die er entbehren kann”, zusammenzustellen, gehört zu den furchtbarsten Bildern des ganzen Films. Gegen Ende, kurz bevor der Aufstand dann tatsächlich losbricht, wird auch er zur Vergasung wegselektiert, und der entsetzte Schrei seiner Männer “Das gehörte Biedermann!”, als sie wieder einmal die Habseligkeiten der Vergasten in der Umkleide aufzusammeln haben, ist das Startsignal zur Revolte.

Jeder Versuch zum Untergang verurteilt

Auch die Geschichte dieser Revolte ist eine Geschichte des Scheiterns. Die Gruppe um Saul, der kein Kämpfertyp ist und von den sowjetischen Kriegsgefangenen unter den Kommandoleuten gleichsam zum Gefecht getragen werden muss, bricht zwar aus dem Lager aus, fügt auch der SS Verluste zu. Doch das Krematorium bleibt intakt, hat doch Saul zuvor das Bündel Sprengstoff, das er von einem weiblichen Mithäftling hatte abholen sollen, auf dem Rückweg zu seinem Kommando verloren. Wie immer war er auch hier auf der Suche nach einem Rabbi, der dem toten Jungen, der immer noch im Kühlraum liegt, das Kaddisch sprechen soll.

Am Ende – die Gruppe verschnauft gerade in einem Holzverschlag in den Wäldern um Auschwitz – werden auch sie aufgespürt von einem SS-Trupp. Ein kleiner polnischer Junge, vielleicht zehn Jahre alt, hat sie entdeckt, visiert sie ein paar Augenblicke lang unsicher an – der einzige retardierende Moment im Film. Vielleicht eine halbe Minute lang weiß der Zuschauer nicht, wie es weitergeht. Gehört der Junge zu den Häftlingen? Ist er Jude? Wird er den Flüchtigen helfen? Saul schaut ihn an, lächelt zum ersten Mal im ganzen Film, es ist das erste Lächeln überhaupt in dieser brutalen, weltlosen Welt. Man weiß nicht, wieso, aber etwas wie Entspannung macht sich breit.

Dann freilich, und nur zu vorhersehbar, beginnt der Junge zu laufen, direkt in die Arme des SS-Trupps, der ihn vermutlich ausgesandt hat. Ein Mann hält dem Kleinen den Mund zu, nicht brutal, das ist auch gar nicht nötig in dieser Welt, in der die Rollen von Beherrscher und Beherrschtem so klar und unerbittlich verteilt sind, nur so lange, bis seine Kameraden an dem Holzverschlag sind. Gleich hört man Karabiner- und Maschinenpistolenfeuer, während der SSler den Jungen davonlaufen lässt. Und da läuft und hüpft er tatsächlich davon, über Stock und Stein, während das Gewehrfeuer im Hintergrund knattert.

Erniedrigung und Demütigung sind allgegenwärtig in “Son of Saul”

Nie war der Kinobesucher dem Grauen von Auschwitz so nah wie hier. Im Saal ist es totenstill, immer wieder gehen einige Zuschauer hinaus, weil sie es nicht mehr ertragen. Wir sehen weibliche Häftlinge im “Effektenlager Kanada”, angetrieben und beschimpft von Aufseherinnen. “Komm her, Du Schlampe.” Gewalt, Erniedrigung und Demütigung sind allgegenwärtig in “Son of Saul”. Es muss nicht geschossen oder getötet werden, um die Seele zu töten. Es gibt keine Action, es gibt keinen positiven story twist, kein love interest wie in “Schindlers Liste”, kein glückliches Entkommen wie in “Das Leben ist schön”Kein Oberscharführer Holst, der, trotzdem er die ganzen “Fälscher” hindurch mordet, doch hier und da ein brutal-“nettes” Wort für “seine” Häftlinge hat. Kein Amon Göth, der in einer existenzialistischen Pointe aus der Laune heraus einer Schindler-Jüdin das Leben rettet (“Du bist gesund. Du kannst arbeiten.”). Hier ist, wie es bei Kavafis heißt, wirklich “jeder Deiner Versuche zum Untergang verurteilt”.

Und doch gibt es einen heimlichen Pulsschlag, der diese Handlung, die ja bewusst als Nicht-Handlung inszeniert ist (was bereits manche Kritiker im Blätterwald hermeneutisch spürbar überfordert), antreibt. Es ist das pure Überlebenwollen, sich vermeintlich nicht scherend um die Hässlichkeit, die es Minute für Minute peinigt und bedroht. Da schleicht sich Saul einmal ins “Krankenrevier”, um nach dem Leichnam seines Sohnes zu sehen, und gerät in eine Besprechung der SS-Sanitätsoffiziere. Was er hier wolle, wird er mit gespielter Höflichkeit gefragt. “Putzen” antwortet er und gestikuliert gespielt linkisch mit den Händen, um davon abzulenken, dass er gar kein Putzzeug bei sich hat, und der SSler macht seine Sprache und seine Gestik höhnisch nach: “Put-zen, put-zen”. Der Jude will sein Leben retten in diesem Moment, und noch dafür wird er ausgelacht von den Bestien, die ihn in diesem Moment zwar leben lassen, aber nur deshalb, weil er in ihren Augen schon gar nicht mehr zu den Lebenden gehört, sein physisches Ende ohnehin von vorneherein festgeschrieben ist. Aber das Ausgelachtwerden hat Saul mit einberechnet. Es gibt keine Tortur, nicht körperlich und nicht seelisch, der er sich nicht unterzöge, um weiterzuleben und – um sein Ziel, den Leichnam des Jungen würdig zu bestatten, zu erreichen.

Das Überlebenwollen ist der heimliche Pulsschlag des Films

Zwar gelingt auch dies am Ende nicht – aber: auch die SS bekommt die Leiche des Jungen nicht zu fassen. Mit auf die Flucht aus dem Lager am Tag des Aufstands schleppt Saul auf den Körper des Toten, den er als seinen Sohn ansieht und den er aus der Autopsie geschmuggelt hat. Am Fluss angelangt, will er ihn bestatten, ein französischer Jude soll das Kaddisch sprechen, weiß aber nach ein paar Worten nicht weiter – es wird klar: er ist gar kein Rabbi. Also nimmt Saul den Jungen wieder auf seine Schultern und wirft sich in den Fluss. Da entreißt die Strömung ihm das Bündel. der eingewickelte Tote wird fortgetragen von den Wellen, während Saul ans Ufer, von dem er losgeschwommen, zurückkehrt. Die letzten Bilder zeigen ihn mit den Kameraden in jenem Holzverschlag. Biedermann und Abraham sind da schon tot, und Saul wird ihnen gleich nachfolgen.

Das Schicksal des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz wurde lange Zeit vom kulturellen Gedächtnis in Deutschland ignoriert. Mit dieser hässlichen omertà bricht der Film endgültig – anschließend an eine Tendenz der vergangenen zwanzig Jahre, die dieses Kapitel endlich gebührend und auch öffentlich resonant “aufarbeitete”. Der Einsatz im Sonderkommando mag die, die ihn überlebten (tatsächlich konnten sich einige der Aufständischen vom 7. Oktober 1944 anschließend unter die normalen Häftlinge mischen und bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 durchhalten), gerettet haben; ihre Seelen hat er nachhaltig beschädigt. Die Bilder und Erlebnisse in den Gaskammern und Krematorien wurden die Betroffenen ihr Leben lang nicht mehr los.

Als letzter Überlebender des Sonderkommandos gilt Dario Gabbai, ein sephardischer Jude aus Thessaloniki, das über Jahrhunderte, unter byzantinischer, türkischer und dann wieder griechischer Herrschaft, eine der größten jüdischen Diaspora-Gemeinden beherbergte, ehe die Nazis aus der Vielvölkerstadt eine “city of ghosts” (Mark Mazower) machten. Sein Name – der Dreiundneunzigjährige lebt in Kalifornien – fällt mehrmals an diesem Abend im “Delphi”, und ihm verdanken wir auch eines der bewegendsten Zeugnisse dessen, wozu der Mensch noch im schlimmsten Leid fähig ist:

“Unter den an diesem Tag vergasten Opfern waren auch zehn Bekannte von uns und Familienangehörige aus Griechenland. Als wir da mit dem Verbrennen der 390 Körper fertig waren, verbrannten wir von unseren Freunden und Bekannten jeden einzeln, nahmen die Asche eines jeden und taten sie in eine Büchse, schrieben den Namen drauf, das Geburtsdatum und den Todestag. Wir begruben sie und sagten sogar Kaddisch.”

(Zit. n. Gideon Greif, Wir weinten tränenlos. Augenzeugenberichte des jüdischen “Sonderkommandos” in Auschwitz. Dt.: Köln 1995.)

Das Schweigen der Medien

“Son of Saul” hat in den deutschen Medien, anders als im Rest der Welt, bislang kaum beachtenswerte Resonanz gefunden. Die großen Zeitungen und Anstalten drückten sich mit wenigen Ausnahmen an einer großflächigen Berichterstattung bislang konsequent vorbei. Eine Rolle spielt sicherlich, dass der Film den beliebten Mythos von den “bösen Sonderkommandos” gründlich zerstört, mit dem viele Deutsche sich bzw. ihre Vorfahren immer noch von der Schuld der Shoa heimlich exkulpieren.

Und natürlich spielt die künstlerische Qualität des Films eine Rolle, die deutsche Sehgewohnheiten überfordern mag: die Schonungslosigkeit der Darstellung und vor allem der Erzählung. Das deutsche Geschichtskino, das seit Eichingers “Untergang” auf den Spuren einer klandestinen positiven Wiederaneignung seiner jüngsten Vergangenheit wandelt, als deren stilistisch und moralisch bedenklichstes Zeugnis Nico Hofmanns “Unsere Mütter, unsere Väter” gelten dürfte, möchte schlicht nicht mehr an die “Moralkeule Auschwitz” erinnert werden. Und in den großen Blättern von der ZEIT bis zur FAZ, die sich ihre intellektuelle credibility einst genau durch die Auseinandersetzung mit solchen Stoffen erwarben, diskutiert man derweil lieber, ob man Flüchtlinge vom Besuch öffentlicher Schwimmbäder ausschließen soll, als sich mit den genozidalen Konsequenzen auseinanderzusetzen, die ein real existierender Rassismus im Handumdrehen haben kann.

Den Finger in diese Wunde legt dafür Géza Röhrig, der an diesem Abend in Berlin gleichsam spokesperson für Cast und Crew ist (Regisseur Nemes ist nicht dabei). Emphatisch und aufrüttelnd erinnert er an die massiven Repressionen, denen Sinti und Roma im heutigen Ungarn ausgesetzt sind. Aber seine mahnenden Worte gelten beileibe nicht allein seiner Heimat Ungarn und der Rechtsregierung unter Viktor Orbán. Immerhin wurde der Film, mit angeblich 900.000 Euro denkbar knapp budgetiert, neben dem Sponsoring durch die Jewish Claims Conference auch durch staatliche ungarische Gelder gefördert.

Doch ausgerechnet Deutschland wollte sich an seiner Realisierung nicht beteiligen – obwohl es das Land der Täter ist, obwohl vier Deutsche in “Son of Saul” in Haupt- und Nebenrollen zu sehen sind, neben Rechn und Lauer Björn Freiberg und Christian Harting, der als süßlich-sadistischer Oberscharführer Busch christophwaltzsches Format beweist. Die deutsche Filmbranche und, bislang zumindest, auch die deutsche Medienbranche müssen sich die Frage gefallen lassen, wieso ihnen anspruchslos-gefällige (und oftmals nicht einmal mehr das) TV-Unterhaltung immer noch wichtiger ist als ein solches Meisterwerk.

Géza Röhrig: This didn’t start with Hitler

Auf dem Podium im Anschluss an die Vorführung fällt auch der entscheidende Satz des Abends: “This didn’t start with Hitler. It started with the middle ages.” Unverdautes Mittelalter, ein passiv-aggressives Zurückscheuen vor der Moderne grassieren immer noch im kollektiven Bewusstsein des alten Europas, in Deutschland insbesondere, verbunden mit einer gleichsam staatlich geförderten Unklarheit über den eigenen historischen Standort. “Son of Saul” wird, wenn er am 10. März in die deutschen Kinos kommt, für Aufregung sorgen – und, so ist zu hoffen, vielleicht auch für Besinnung.

© Konstantin Sakkas, 2016. Abdruck und Zweitverwertung, auch auszugsweise, nur nach vorheriger Genehmigung des Autors. 

 

“Saul fia / Son of Saul”. Ungarn 2014. Regie: László Nemes. Drehbuch: László Nemes, Clara Royer. Mit: Géza Röhrig, Urs Rechn, Levente Molnár. Produktion: Gábor Rajna, Gábor Sipos. Rechte: Sony Pictures Releasing GmbH, Berlin. Filmstart in Deutschland: 10. März 2016. Grand Prix de Cannes 2015, Golden Globe 2016, Critics Choice Award 2016, Academy Award 2016.

 

Header: Christian Harting und Geza Röhrig in Son of Saul. Szenenfoto. Rechte: Sony Pictures Releasing GmbH.

“Son of Saul” in der Internet Movie Database

Griechenland. Europas Intervention ignoriert Geschichte

Die Geschichte der Griechen wiederholt sich: Seit 1830 entzündet sich ihr Zorn immer wieder an nationalem Unvermögen gepaart mit ausländischer Einmischung. Wäre die europäische Politik klug, würde sie dies berücksichtigen.

Die Deutschen unterschätzten die Griechen – damals 1941, als sie gemeinsam mit den Italienern am Ende des Balkanfeldzuges das Land besetzten und die Briten vertrieben. Sie wussten um die griechische Tapferkeit. Mit starkem Widerstand aber rechneten sie nicht – weder dem der Armee noch dem der Partisanen.

Wehrmacht und SS überzogen Griechenland mit einem brutalen Besatzungsregime. Gnadenlos wurden Güter requiriert, im ersten Besatzungswinter verhungerten schätzungsweise hunderttausend Griechen. Und Gegenwehr bekämpfen die Deutschen mit erbarmungslosen Repressalien.

120 Kommunen, die bis heute als Märtyrerdörfer in Erinnerung sind, wurden ausgelöscht, die berühmtesten unter ihnen: Kalavryta, Komneno, Distomo. Beinahe die ganze jüdische Bevölkerung Griechenlands fiel dem Holocaust zum Opfer, darunter die einst größte jüdische Gemeinde Europas in Saloniki.

Deutsche Besatzung politisierte Griechenland

Das Aufbegehren gegen Besatzung und Repression politisierte die Griechen. Mehrheitlich unterstützten sie den kommunistischen Widerstand, der nach und nach die ländlichen Regionen weitgehend kontrollierte. Seine Mitglieder verübten nicht nur Sabotageakte gegen die Wehrmacht, sondern bekämpften auch griechische Kollaborateure, die mit den Besatzern einträgliche Geschäfte machten und diese teilweise militärisch unterstützten.

Als sich die Deutschen zurückziehen mussten, steigerten sich die Feindseligkeiten zwischen Kommunisten und Royalisten zum erbitterten Bürgerkrieg. Er endete mit der Eingliederung Griechenlands ins westliche Bündnis. Dafür hatte sich besonders Winston Churchill stark gemacht, der Hellas nicht an den Stalin verlieren wollte.

Doch der von außen beeinflusste Regimewechsel hinterließ eine schwärende Wunde im Nationalbewusstsein, das sich von Briten und Amerikanern um seine eigene Heldengeschichte betrogen sah. Denn dieselben linksgerichteten Politiker und deren Parteigänger, die die Herrschaft der Nazis abgeschüttelt hatten, wurden jetzt erneut Opfer von Verfolgung und Unterdrückung.

Bürgerkrieg und Westbindung stabilisierten Klassensystem

Für die griechische Unter- und Mittelschicht setzte sich zudem das alte Klassensystem fort. Eine schmale Oberschicht aus Adel und Besitzenden regiert das Land seit seiner Neugründung 1830, damals noch unter dem Protektorat Englands und Frankreichs. Dabei herausgekommen waren immer wieder Staatspleiten und außenpolitische Niederlagen wie das Scheitern des Feldzuges gegen die Türkei 1922.

Fünfundsiebzig Jahre sind seit dem Bürgerkrieg vergangen – Jahre, in denen sich die verfeindeten gesellschaftlichen Lager nicht versöhnten – auch nicht, nachdem die Militärdiktatur von Demokratie und Mitgliedschaft in der EU abgelöst worden war.

Mehr noch: heute widerholt sich Geschichte. Der Wunsch, sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu befreien, geriet zum Desaster, an dem der Westen seinen Anteil hat, erst als großzügiger Kreditgeber, dann als drakonischer Gläubiger.

Europa muss den Zorn über ausländische Einmischung verstehen

Und wieder richtet sich der Zorn der Griechen gegen sich selbst, gegen den Staat und gegen die Einmischung von außen, vor allem gegen die Deutschen mit ihrer Austerity oder die Amerikaner mit ihrer Wallstreet. Man mag die ganze Schulden-Banken-und-Strukturkrise als selbstverschuldet ansehen oder auch als heilsam. Doch stiftet nichts mehr Unfrieden als das Déjà-vu des Gefühls, erneut fremdgesteuert zu werden.

Die europäische Idee verspricht, jede Nation mit ihrer eigenen Heldenerzählungen ernst zu nehmen. Das hieße auch, dass einflussreiche Partner von heute wie England, Frankreich und besonders Deutschland ihre unrühmliche Rolle in Griechenlands Geschichte nicht vergessen.

Kluge Politik ließe Athen deshalb seinen eigenen Weg aus der Krise finden. Und keinesfalls dürfte solidarische Hilfe oder eigennützige Strenge wie eine fremde Intervention daherkommen. Kluge Politik sollte die Griechen nicht unterschätzen, anders als es einst die nationalsozialistischen Deutschen taten.

Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2016 im Politischen Feuilleton auf Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. © Konstantin Sakkas

Header: Generalfeldmarschall Walther v. Brauchitsch (Mitte, mit Marschallstab) vor der Akropolis, Mai 1941. Quelle/Rechte: Bundesarchiv

Angst und Schrecken. “Terror” als Strategie des mind change

Der am Montagabend ausgestrahlte TV-Film “Terror” mit einem eher unterdurchschnittlich spielenden Florian David Fitz in der Hauptrolle bescherte der ARD Traumquoten. Zu heiß das Thema, zu verlockend die Möglichkeit, durch sein Vote den Ausgang des Films selber mitbestimmen zu können – das Kalkül der Produzenten ging auf.  Annähernd sieben Millionen Zuschauer wollten Oliver Berbens Adaption eines Romans von Ferdinand v. Schirach sehen.

Auch die Abstimmung darüber, ob die Hauptfigur, der Luftwaffenmajor Lars Koch, für den eigenmächtigen Abschuss einer von Terroristen entführten und als fliegende Bombe eingesetzten Passagiermaschine zu verurteilen oder freizusprechen sei, ging eindeutig aus. Fast 87 Prozent der Voter stimmten für Freispruch. 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten: für die Mehrheit der an der Abstimmung Beteiligten ein klarer Fall. Allerdings haben überhaupt nur 600.000 Menschen an der Abstimmung teilgenommen (Quelle: BILD.de), also ein Quorum von nicht einmal zehn Prozent, gemessen an der Einschaltquote.

Suggestive Versuchsanordnung

Das Problem an solchen Fragestellungen, aus der Spieltheorie wohlbekannt als das Trolley-Dilemma, ist freilich selten ihr Inhalt, sondern die Versuchsanordnung – beziehungsweise deren Suggestivität. Jeder, der sich ein wenig damit auskennt, wie Medien “gemacht” werden, weiß, dass es nicht auf die eigentliche Aussage ankommt, sondern auf den spezifischen Zugang, den Access, über den man seine Zuschauer bzw. Leser an die Aussage heranführt. Inszeniert wird eine bestimmte Entscheidungssituation, aber die Inszenierung, eben die Szene ist das eigentliche, versteckte Postulat, das transportiert und propagiert werden soll.

Dass sich eine Mehrheit der ZuschauerInnen für einen Freispruch des angeklagten Majors aussprechen würde, war voraussehbar und wurde so auch von einigen Medien vorhergesagt. Dieses Votum und die ihm inhärente Rechtsfrage: nämlich ob man Leben gegen Leben aufrechnen, wenige Menschenleben für viele opfern dürfe, soll hier aber nicht debattiert werden. Debattiert werden soll, wie realistisch das Szenario überhaupt ist, in das diese Rechtsfrage eingebettet wurde.

Wie realistisch ist das Terror-Szenario überhaupt?

Wir leben bekanntlich im Zeitalter des Kriegs gegen den Terror. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center am elften September 2001 ist die Abwehr des islamistischen Terrorismus das handlungsleitende Dogma westlicher Außen- und in immer größerem Maße auch Innenpolitik. Der Ausbruch der Arabellion, die Syrienkrise und schließlich die Terroranschläge in Frankreich, unserem wichtigsten Nachbarland, brachten dieses weltpolitische Setting in den letzten Jahren Schritt für Schritt näher an Deutschland.

Nun ist es unbestritten, dass es einen islamischen Fundamentalismus und, als dessen militanter Arm, einen islamistischen Terrorismus gibt – übrigens nicht erst seit dem elften September. Die neuere Geschichte des Dschihadismus reicht ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurück, genau genommen schon ins achtzehnte Jahrhundert. Damals entstand in der arabischen Wüste der Wahabitismus als Reaktion auf den (west-) europäischen Imperialismus, der nach dem atlantischen, pazifischen und afrikanischen Raum sich anschickte, im Orient die Nachfolge des wankenden Osmanischen Reiches anzutreten – mit Erfolg, wie die Geschichte des Orients von Napoleons Nahost-Expedition 1798 bis zum Sykes-Picot-Abkommen 1916 zeigt.

Der Orient seit 1990 wieder Zentrum der Weltpolitik

Während der Kalte Krieg, der sich überwiegend in Mitteleuropa und Fernost abspielte, den Orient nur sekundär berührte, rückte der Nahe Osten unmittelbar nach dem Ende des Ost-West-Konflikts 1990 wieder ins Zentrum des politischen Weltgeschehens. Ein historischer long run führt direkt vom zweiten Golfkrieg (Operation Desert Storm) 1991 zur Schlacht um Mossul, die heute in ihre entscheidende Phase geht.

Im global age bleiben Konflikte selten regional begrenzt, und so werden wir alle mehr und mehr zu Kombattanten, gleichsam zu politischen Prozessbeteiligten im Kampf gegen den Terror. Das große Stichwort lautet hier Flüchtlingskrise. Die Massenflucht von arabischen Bürgern aus ihrer verwüsteten und verarmten Heimatländern nach Europa wird von vielen hierzulande in Zusammenhang gebracht mit zwei Phänomenen: einer drohenden Verarmung unserer westlichen Volkswirtschaften und einer gestiegenen Terrorgefahr.

Verarmungs- und Terrorangst werden auf Flüchtlinge projiziert

Ein Film wie “Terror” befestigt nolens volens die Wahrnehmung, wir im Westen befänden uns in einem solchen Setting aus Verarmung (die Flüchtlinge wandern in die Sozialsysteme ein!) und Terrorismus (mit den Flüchtlingen kommen die Terroristen!). Hier liegt die große Gefahr eines solchen Films: in der unnötigen und unrealistischen Dramatisierung des Politischen.

Mit dieser Tendenz freilich fügt “Terror” sich ein in eine Strömung, die in den westlichen Medien seit Jahren präsent ist und immer mehr an Fahrt gewinnt. Uns soll suggeriert werden, wie befänden uns in einem Ausnahmezustand, um dann im Wege einer entsprechenden Notstandsgesetzgebung die Freiheitsrechte auszuhöhlen (in den USA ist man damit schon sehr weit gekommen) – und, was vielleicht noch schwerer wiegt, um vom eigentlichen großen Problem unserer Zeit abzulenken: nämlich der neuen sozialen Frage.

Teilhabe als Prinzip von Politik ist in Gefahr

Der Philosoph Volker Gerhardt hat einmal “Partizipation”, also Teilhabe als das Prinzip von Politik benannt. Niemals in der Geschichte wurde das universelle Teilhaberversprechen von Politik so weitgehend eingelöst wie in der Zeit zwischen Zweitem Weltkrieg und Nine Eleven. In dieses halbe Jahrhundert fällt der Kalte Krieg, der viel eher Kalter Friede heißen müsste, eine Epoche, die immer mehr Menschen den Aufstieg in die Mittelklasse ermöglichte, ein Leben in Frieden, Wohlstand und Zufriedenheit. Im Westen ebenso wie im Ostblock und, in deren Windschatten, eben auch im Nahen und Mittleren Osten.

Seit dem Wegfall der Blockkonstellation, die beide Seiten beständig dazu anhielt, den Wohlstand ihrer Bevölkerung nach Kräften zu fördern, ist das Prinzip der Teilhabe als handlungsleitendes Prinzip von Politik gefährdet. Die Ungleichheit wächst in Gestalt eines immer ungünstigeren Kapital-Einkommensverhältnisses, wie der französische Ökonom Thomas Piketty (Le Capital au XXIe siècle) gezeigt hat.

Terrorangst soll von der sozialen Frage ablenken

Diese Entwicklung trifft die Politik freilich nicht unvorbereitet. Immer in der Geschichte reagierten Eliten  auf die Entstehen neuer Ansprüche mit einer bestimmten Strategie: die Verlagerung der sozialen Bedürfnisse ins Außenpolitische. So lässt sich die law-and-order-Politik in den USA nach Nine/Eleven erklären, so auch der Rechtsruck in fast allen europäischen Staaten seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 und der kurz darauf einsetzenden Orientkrise, die mit der Zerstörung der politischen Systeme Ägyptens, des Iraks und Syriens begann und eine Fluchtwelle gigantischen Ausmaßes auslöste. Der Front National, AfD und PEGIDA und natürlich auch der Brexit sind Symptome dieser Strategie, die uns in kürzester Zeit eine Renaissance des Nationalismus und auch des Rassismus beschert hat, die meine Generation (Jahrgang 1982) nicht für möglich gehalten hätte.

Polizeifarce um Al-Bakr, Pogromstimmung nach der Kölner Silvesternacht

In diese Strategie nun fügt sich “Terror” optimal. Uns wird suggeriert, wir befänden uns längst im Krieg gegen den Terrorismus. Man denke an Polizeifarce um den mutmaßlichen Terroristen Al-Bakr, eine Figur wie aus dem Homeland-Script, den die sächsische Polizei erst entwischen ließ, um ihn dann drei Tage später von drei “guten Syrern” versandfertig abgeliefert zu bekommen, um diesen sich dann wiederum einen Tag später in seiner Zelle “in einem unbeobachteten Augenblick” aufhängen zu lassen, woraufhin dann, als wäre das nicht schon merkwürdig genug, auch die vermeintlich “guten Syrer” unter Terrorverdacht gerieten. Man erinnere sich auch an die auffälligen Unstimmigkeiten im Vorfeld der Anschläge auf das Pariser Bataclan-Theater vor rund einem Jahr, auf die ein paar Tage später immerhin der frühere GSG-9-Kommandeur Ulrich Wegener – und der muss es nun wirklich wissen – in einem TV-Interview aufmerksam machte. Und man erinnere sich auch, wie im Nachgang zu den “Ereignissen in Köln” in der letzten Silvesternacht eine geradezu pogromartige Stimmung gegen Ausländer – “Nordafrikaner” und “Araber” – erzeugt werden sollte, die angeblich eine Gefahr für “deutsche Frauen” darstellten. –

Wer oder was auch immer hinter alldem steckt: die Tatsache, dass Medienerzeugnisse wie “Terror” im Kontext einer Renationalisierung und Remilitarisierung stehen, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Autor selber spielte in dieser Strömung eine nicht unmaßgebliche  publizistische Rolle, so als historischer Essayist beim inzwischen stark nach rechts abgedrifteten politischen Magazin CICERO in den Jahren 2012 und 13 sowie als Koautor eines Buches über den Ersten Weltkrieg (Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein), das im Jubiläumsjahr 2014 in einer Koproduktion von BILD-Zeitung und Piper Verlag erschien.

Martina Gedeck stellt in “Terror” die richtige Frage: wieso wurde das Stadium nicht geräumt?

Unbestritten: es gibt eine islamischen Terrorismus. Fragwürdig ist aber, wie weit dieser schon vorgedrungen ist und wie groß seine politischen und militärischen Chancen tatsächlich sind. Martina Gedeck (die mit Abstand am besten spielte) fiel im ARD-Film die wenig dankbare Rolle zu, die Staatsanwältin zu spielen, die gleich zu Beginn der Verhandlung die eigentlich entscheidende Frage stellte: wieso nämlich niemand die Räumung der Münchner Allianz-Arena verfügt habe, des fiktiven Anschlagsziels, auf das die Terroristen das entführte Flugzeug nach dem Muster Nine Eleven lenken wollten.

Dieselbe Frage, natürlich abgewandelt, sollten und müssen wir uns stellen: warum lässt man es überhaupt so weit kommen, dass der “Islamische Staat” (ISIS) eine so mächtige Stellung im Nahen Osten erringen konnte und den beiden größten Militärmächten der Weltgeschichte, den USA und der Russischen Föderation, ernsthaft Probleme bei seiner Niederschlagung bereiten kann? Warum lässt man es so weit kommen, dass trotz Überwachung und Vorratsdatenspeicherung Terroristen überhaupt eine realistische Chance haben, ein Flugzeug zu entführen und es auf 70.000 Menschen stürzen zu lassen? Und vor allem: was will man mit so einem Schreckensszenario bezwecken?

Diese Fragen, echte politische Fragen, sollen und müssen wir uns stellen, anstatt uns in ein ebenso rührendes wie rührseliges Bühnenarrangement von Schuld und Entscheidung emotional einwickeln zu lassen, um aus dieser Emotionalität heraus dann politische Entscheidungen zu treffen, die uns eines Tages womöglich unsere höchsten Werte kosten können: nämlich Freiheit, Gleichheit und Partizipation.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Florian David Fitz as Major Lars Koch in “Terror”, ARD, 18. October 2016. Quelle & Rechte: ARD

 

 

Niemand braucht die AfD

Die AfD: der Aufstand der Abgehängten

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat begonnen, und die Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD nun auch ins Berliner Landesparlament einziehen wird. Das aber bedeutet nichts weniger als eine Gefahr unabsehbaren Ausmaßes. Denn die AfD ist das Überflüssigste und Gefährlichste, was die deutsche Politik seit der Wiedervereinigung hervorgebracht hat.

Diese so genannte Alternative für Deutschland, die weder eine Alternative, noch für Deutschland ist, ist eine Versammlung von Naivlingen, Brandstiftern und Idioten, die einen veralteten Welt- und Geschichtsbild anhängen und keinen blassen Schimmer von der Welt haben, in der wir leben. In dieser Welt funktioniert alles durch Kompromisse, nichts durch Gewalt. In dieser Welt gibt es längst keine Grenzen mehr, und das ist auch gut so. In dieser Welt lebt alles von einer klugen, wohldosierten Mischung aus Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein. Und genau daran, an Verantwortungsbewusstsein, mangelt es den Spitzenvertretern der AfD fundamental. Ihre Partei ist eine klassische Protestpartei.

Das Grundgefühl der AfD-Anghänger: nicht wirtschaftliche Not, sondern Weltfremdheit

Das Grundgefühl der Anhänger und Wähler der AfD ist das Gefühl, abgehängt zu sein. Diese Leute sind fortschrittsfeindlich, weil sie am Fortschritt nicht teilhaben, ja: weil sie den Fortschritt nicht begriffen haben. Sie hassen alles, was nach Freiheit riecht, ausgehend von der dumpfen Ahnung, was Freiheit bedeutet: nämlich Eigenverantwortung, Lernbereitschaft, Risikobereitschaft. Das sind die drei Grundtugenden der demokratischen Gesellschaft von heute. Die AfD tritt radikal gegen diese drei Grundtugenden auf.

Nun ist es nicht so, dass man diese Haltung nicht nachvollziehen könnte. Das Paradoxe ist eher, dass die AfD ausgerechnet von den Leuten gewählt wird, die vom Leben in der postmodernen Freiheitsgesellschaft und seinen Mühen und Fallstricken Null Ahnung haben. Den gleichen Vorgang konnten wir vor vier Monaten beim Brexit-Votum erleben: nicht die Vertreter der Generation Y haben für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt, nicht die junge, prekäre Mittelschicht, die von den aggressiven, wohlstandsgesättigten Babyboomern mit Gewalt davon abgehalten werden, endlich auch ein bürgerliches, behütetes Leben zu führen, und die Tag für Tag um und für ihr Überleben in der postmodernen Wildnis kämpfen. Sondern weltfremde, aber mehr oder weniger gut situierte Mittelschichtler mittleren Alters plus den üblichen Bodensatz an Fremdenfeinden, Nationalisten und Rassisten.

Diejenigen, die wirklich Grund zur Rebellion hätten, verteidigen die Demokratie

Diejenigen, die am meisten Grund hätten, auf die gegenwärtige Politik zu schimpfen; die das Recht dazu hätten, den Eliten Raffgier und Versagen vorzuwerfen, und die sich wirklich Sorgen um ihr Fortkommen und ihre Zukunft machen müssten: sie sind heute die engagiertesten, treuesten Verteidiger der Demokratie. Sie könnten wirklich Angst haben, aber sie haben keine Angst, denn sie kennen es nicht anders. Wer wie wir in den Neunziger- und Nullerjahren groß wurde, dem wurden alle Illusionen, die man über das Leben irgendwie haben kann, restlos ausgetrieben. Privat und politisch. Und darauf sind wir stolz, weil keiner von uns, um keinen Preis der Welt, in einer anderen Epoche als der heutigen leben möchte.

Deswegen fischt die AfD nicht hier, sondern bei den Abgehängten, den ewigen Losern, ob sie nun arbeitslos sind (was heute längst kein gesellschaftliches Distinktionskriterium ist, was jeder wissen wird, der mal in Berlin gelebt hat), oder auf ihren fetten Beamtenpensionen hocken und jetzt auf ihre alten Tage Bismarck und die “konservative Revolution” entdecken. Diese Leute sind es, die nie den Anschluss an unsere Welt gefunden, die ihn vermutlich auch nie gesucht haben, die jetzt durch ihre Stimme an der Wahlurne die Welt kaputtzumachen drohen, in der wir uns tagtäglich zurechtfinden und die längst ein global village, ein globales Dorf geworden ist, in dem buchstäblich alles mit allem zusammenhängt und in dem man nur hinfällt, um wieder aufzustehen und weiterzugehen. Für uns heißt Leben Problemlösen. Für die AfDler aber mit ihrer negativistischen, verkorksten Weltsicht ist das ganze Leben ein einziges Problem.

Die AfD bietet keine Alternative, sondern den Rückfall in die Barbarei

Die Abgehängten und Weltfremden faseln von Problembezirken, ohne sich wahrscheinlich jemals einen Döner in Neukölln bestellt zu haben. Sie fabulieren von der islamistischen Bedrohung, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie westlich der Orient längst geworden ist. Sie zittern um die finanzielle Stabilität Deutschlands und schieben die Schuld auf “die Flüchtlinge”, obwohl Rente und Arbeitslosengeld nach wie vor pünktlich kommen, obwohl die Straßenbahnen immer noch pünktlich fahren und man sich in  Deutschland immer noch relativ frei von Terrorangst bewegen kann. Diese schöne und freie und eben immer noch erstaunlich stabile und wetterbeständige Welt wollen sie kaputtmachen – weil es eben auch eine gefährliche Welt ist. Aber die Gefahr, das Risiko ist der Preis, den wir eben bezahlen müssen für Freiheit.

Die AfD bietet keine Lösungen, keine Alternativen, sondern nur den Rückfall in die moralische und politische Barbarei. Natürlich stehen wir vor großen Problemen: die wachsende Ungleichverteilung von Chancen zur Vermögensbildung, die auseinandergehende Schere zwischen Kapital und Einkommen (Thomas Piketty), die Erderwärmung, die wir gerade in Deutschland in diesem heißen Sommer wieder live erleben konnten, die lebensbedrohliche Krise der westlichen Mittelschichten und die Erschütterung des Orients durch die Stellvertreterkriege zwischen den USA und Russland, die dort seit 1990 geführt werden.

Die AfD argumentiert mit Topoi aus der historischen Rumpelkammer

Aber auf diese Probleme hat die AfD keine Antwort, ja: sie spricht sie gar nicht wirklich an. Die AfD argumentiert mit Topoi wie “Überfremdung”, “Rasse”, “nationaler Identität”: Topoi aus der Rumpelkammer der Geschichte, Topoi,  von denen wir hofften, sie gehörten gottlob definitiv der Vergangenheit an. Doch anscheinend, leider, finden sich immer genügend Idioten, die solche Topoi ernst nehmen und die denen, die damit werben, auf den Leim gehen.

Die Wahrheit ist: niemand braucht die AfD. Deutschland, das drittgrößte Exportland der Welt, muss ein Hort der Stabilität sein, wenigstens im Innern, wenn es schon außenpolitisch diese – zugegebenermaßen schwierige – Rolle nicht spielen kann. Ja, es stimmt: es ist viel versäumt worden in den letzten fünfzehn Jahren. Ja, es stimmt: Angela Merkel hat die politische Landschaft profillos und langweilig gemacht. Aber war das so schlimm am Ende? War – und ist – es nicht das kleinere Übel? Wir leben in einem System der checks and balances, innen- wie außenpolitisch. Der Mensch von heute ist reif genug, sich seien eigenen Weg zu suchen, frei von Bevormundung. Der Islam an sich ist keine reelle Bedrohung unserer westlichen Werte. Eine reelle Bedrohung aber sind die Unbelehrbaren, die sich abgehängt Fühlenden, die Ängstlichen, die glauben, man könne wieder “große Politik” machen mit Stacheldrahtzäunen und Maschinengewehren an der Mittelmeerküste.

Das große Thema von heute heiß soziale Ungleichheit, nicht “Überfremdung”

Soziale Ungleichheit, Bioethik, Ernährungswirtschaft, Energie: das sind Komplexe, über die es sich zu streiten lohnt, die uns und unsere Zukunft vital berühren. “Nation” und “Überfremdung” sind es nicht. Dahinter verbergen sich Fremdenhass, Lebensangst, Weltfremdheit, nichts anderes, und eine perfide Strategie, die westlichen Demokratien wieder Schritt für Schritt in autoritäre Obrigkeitsstaaten umzuwandeln. Dafür steht die AfD, für nichts anderes. Und deshalb sollte jeder vernünftige Mensch genau hiergegen seine Stimme erheben. Niemand, wirklich niemand braucht die AfD.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Süddeutsche Zeitung Magazin

 

8. August 1918 – Der schwarze Tag des deutschen Heeres 

Am 21. März 1918 begann die letzte deutsche Offensive: die „Große Schlacht um Frankreich“. Nach 1916, dem bisher schwersten Jahr des Krieges, hatte sich das Blatt 1917 durch die russische Revolution, den Sieg über Rumänien und das Scheitern der alliierten Offensiven im Westen für Deutschland gewendet. Allerdings waren im selben Jahr die USA auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Man rechnete damit, dass 1918 ihre Truppen in voller Stärke auf dem europäischen Festland angekommen würden. Gegen diese Übermacht würde Deutschland keine Chance haben.
Die Oberste Heeresleitung, die längst die faktische Macht im Deutschen Reich ausübte, sah sich unter Zugzwang. Durch den Frieden von Brest-Litowsk, der am 3. März 1918 zwischen Mittelmächten und bolschewistischem Russland geschlossen wurde, wurde eine Million deutsche Soldaten für die Westfront frei. Mit ihnen wollten Hindenburg und Ludendorff eine schnelle Entscheidung herbeizwingen. Ziel war ein Verständigungsfrieden. Es ging nicht mehr um Annexionen, wie sie einst im Septemberprogramm 1914 vor allem von den nationalistischen Alldeutschen lautstark gefordert worden waren, sondern nur noch um die Sicherung Deutschlands als souveräne Macht in Europa.

Keine Woche war seit der Ratifizierung des Brest-Litowsker Friedens vergangen, da gingen zweihundert deutsche Divisionen mit 3,5 Millionen Mann zum Angriff über. „Operation Michael“ war die erste von insgesamt fünf Offensiven im letzten Kriegsjahr. Drei deutsche Armeen griffen an der Aisne an, um einen Keil zwischen Briten und Franzosen zu treiben. Nach großen Anfangserfolgen geriet die Offensive ins Stocken. Nach der vergeblichen Belagerung von Amiens Anfang April wurde sie abgebrochen.

Unmittelbar im Anschluss ließ Ludendorff seine Truppen in Flandern vorrücken. Hier wollte er die britischen Truppen getrennt von ihren französischen Verbündeten zu stellen und zu schlagen. „Operation Georgette“, in deren Verlauf besonders heftig um den Kemmelberg bei Ypern gerungen wurde, verlief zwar erfolgreicher als „Michael“, wurde aber am 29. April auf Befehl Ludendorffs ebenfalls eingestellt. Er brauchte Soldaten für den entscheidenden Durchbruch, und der sollte, wie schon 1914, auf Paris zielen.

So begann am 27. Mai die Operation „Blücher-Yorck“. 42 deutsche Divisionen gingen an der Marne vor. Dank der flexiblen Stoßtrupptaktik drangen sie in den ersten Tagen tatsächlich 30 Kilometer weit vor, nahm 60.000 Franzosen gefangen und näherte sich Paris bis auf 92 Kilometer. Das „Paris-Geschütz“ feuerte mitten in die Stadt hinein. Parallel dazu griffen deutsche Einheiten an der Matz weiter nördlich an („Operation Gneisenau“), um Paris in einer Zangenbewegung einzunehmen. Doch inzwischen erhielten die Franzosen monatlich mehrere Hunderttausend amerikanische Soldaten Verstärkung, während die Deutschen ihre Verluste nicht ausgleichen konnten. Denn trotz der Friedensschlüsse mit Russland und Rumänien stand immer noch eine halbe Million Mann im Osten, um die eroberten Gebiete zu sichern. Schließlich verrieten deutsche Kriegsgefangene die Pläne ihrer Führung an die Franzosen. So konnte General Mangin den deutschen Vormarsch am 11. Juni bei Compiègne zurückschlagen. Gegen seine 150 Renault-Panzer waren die mangelhaft motorisierten deutschen Infanteristen machtlos.

Ludendorff unternahm einen letzten Anlauf. Seine fünfte Offensive, „Operation Marneschutz-Reims“, begann am 15. Juli. Sie zielte auf Reims, die alte französische Krönungsstadt in der Champagne. Doch auch diesmal machte ihm ein französischer Gegenangriff unter großem Panzeraufgebot einen Strich durch die Rechnung. Zudem war die deutsche Front um 130 Kilometer überdehnt, längst hatte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Westmächte verschoben. Am 6. August wurde die Offensive eingestellt.

Nur zwei Tage später gingen die Alliierten mit voller Wucht zum Gegenangriff über. Ihre „Hunderttageoffensive“ begann bei Amiens, wo sie die deutschen Linien durchbrachen und mehrere Kilometer tief vorstießen. Allein der 8. August 1918 kostete die Deutschen 30.000 Mann Verluste. Er ging als „schwarzer Tag des Deutschen Heeres“ in die Geschichte ein. Woche für Woche rückten die Alliierten nun vor, während es auf deutscher Seite immer häufiger zu Befehlsverweigerungen und Waffenniederlegungen kam. Vorrückende Soldaten wurden von ihren Kameraden als „Streikbrecher“ beschimpft. Die Offiziere waren nicht mehr Herr ihrer Mannschaften. Schließlich lag die Hauptkampflinie wieder auf der „Siegfriedstellung“ zwischen Arras im Artois und Soissons in der Champagne. Am 27. September 1918 wurde sie von drei alliierten Armeen bei Ypern durchbrochen. Nun war der Weg nach Deutschland frei. Die Oberste Heeresleitung, eben noch siegesgewiss, alarmierte die Regierung in Berlin und verlangte einen sofortigen Waffenstillstand. Der Krieg war verloren.

© Konstantin Sakkas, Ralf-Georg Reuth, 2016

Dieser Text erschien in Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014.

Header: Frontverlauf Westfront September/November 1918. Quelle: Wikipedia

Terror und Teilhabe

Europa nach dem Anschlag von Nizza

Paris, nochmal Paris und jetzt Nizza. Der Terror lässt Europa nicht los. Längst befindet sich der Kontinent in einem kalten Kriegszustand, der Belagerungszutand, den Frankreichs Staatspräsident Hollande – so hieß es noch am Vorabend des Anschlags – zu Ende Juli auslaufen lassen wollte, wird nun verlängert werden. Verlängert auf unbestimmte Zeit. Denn eines ist klar: es wird nicht besser werden. Sondern schlimmer.

Warum? Die Frage aller Fragen stellt sich im Angesicht des Terrors, stellt sich im Angesicht realer, körperlicher und struktureller Bedrohung mit einer Vehemenz, die Europa nach dem Kalten Krieg lange nicht gewohnt war. Warum Terrorismus? Warum eine Serie von Anschlägen, die einen Anfang, aber kein absehbares Ende hat? Warum diese radikale Verunsicherung, die über die friedlichste Großregion der Erde seit einigen Jahren mit jäher Rasanz hereinbricht wie ein Gewitter über einen Sommerstrand?

Europa hat das Politische vergessen

Warum wir uns mit diesem Warum so schwertun, hat zwei Gründe. Zum einen die Unübersichtlichkeit in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute. Zum anderen die Verleugnung des Politischen. Denn das Europa, die europäische Öffentlichkeit von heute hat das Politische vergessen.

Dass es überhaupt so etwas wie große Politik nach 1990 noch gebe, ist allein schon eine ungeheuerliche Zumutung für einen Zeitgeist, der seit 1990 tatsächlich glaubte, das „Ende der Geschichte“ sei gekommen. Nun: wir stehen zwar tatsächlich an der historischen Wegscheide zwischen dem Zeitalter der Politik und dem kommenden age of the cyborg, das der israelische Starhistoriker Yuval Harari neulich ausgerufen hat. Nationalität hat die Rolle als essential von Politik, die sie zwischen 1789 und 1945 spielte, endgültig eingebüßt. Dennoch ist Politik nicht tot, soweit wir als das ihr zugrundeliegende Prinzip Partizipation, also Teilhabe verstehen, wie es der Philosoph Volker Gerhardt vor einigen Jahren formulierte. Die Frage der Teilhabe steht im Raum, wann immer mehr als ein Mensch auf dem Planeten lebt. Heute sidn es an die acht Milliarden. Acht Milliarden Menschen, die sich in sozialen Schichten und in territorialen Regionen organisieren: von der New Yorker Upper East Side bis in die Kriegs- und Krisengebiete von Syrien.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Wo es Teilhabe gibt, gibt es seit Menschengedenken auch Angst. Angst darum, bei der Teilhabe benachteiligt zu werden, zu kurz zu kommen, herunterzufallen, um persönliche Chancen des Glücks, des Aufstiegs und des Genusses betrogen zu werden. Terror – das lateinische Wort dafür – ist die expressive, gewalttätige Form dieser Angst. Und diese Angst ist real. Sie steckt in den Köpfen, in den Herzen, in den Körpern der Menschen. Die Angst, abgehängt, die Angst, zurückgelassen zu werden. Die Angst, nicht mithalten zu können. Diese Angst betrifft jeden von uns. Und sie betrifft, wie einzelne Menschen, so auch ganze Regionen. Nicht Nationen, nicht „Völker“, wie es Rechtspopulisten in ganz Europa denen von ihnen verführten Wählern weismachen wollen. Aber Regionen und ihre Bewohner. Afrika. Und auch den Orient.

Europa, der vielleicht selbstbewussteste Kontinent der Erde, ist geologisch und auch gepolitisch betrachtet nichts als der äußerste westliche Ausläufer einer riesigen Landmasse namens Eurasien. Europa zeichnet sich, so lange es besteht, aus durch eine explosive Mischung aus unerhörter geistiger Potenz, aus Erfinderreichtum einerseits und einer unglaublich fragilen und verletzlichen territorialen Situation andererseits. So lang es bestand, war dieses Europoa verletzlich. Der Kalte Krieg gönnte ihm von dieser Verletzlichkeit, die es an der Rand der Zerstörung, der phyisischen Auslöschung gebracht hatte, eine Atempause. Siebzig Jahre währt nun diese Atempause. Doch, so viel ist klar, diese Atempause ist zu Ende. Und die Einschläge kommen näher.

Frankreich ist nur der Anfang

Frankreich ist nur ein Anfang. Frankreich ist so verwundbar nicht etwa, weil es ein Problem mit seiner Einwanderung hätte, denn Deutschland ist inzwischen mindestens genauso ein Einwanderungsland, wie es Frankreich seit dem Ende der Kolonialzeit ist. Frankreich ist verletzlich, weil es die politische stärkste Macht Kontinentaleuropas ist. Frankreich verfügt über eine expressive politische Kultur. Frankreich verfügt über einen historischen Mythos. Frankreich verfügt über eine imperiale und eine koloniale Vergangenheit. Und Frankreich verfügt über eigene Atomwaffen.

Aus allen diesen Gründen verfügt Frankreich auch über geopolitische Konzeptionen, die weit über den kerneuropäischen Rahmen hinausreichen, in dem sich der Europadiskurs insbesondere in Deutschland seit Langem bewegt. Nicholas Sarkozy bewegte sich mit seinem Projekt einer Mittelmeerunion in diese Richtung. Wieso nennen wir den Orient Orient und nicht etwa Westasien? Weil der Orient historisch und geopolitisch nichts anderes ist als der Osten Europa, der vergessene östliche, eben „orientalische“ Flügel unseres Kontinents. Die Gründungsmythen Europas, vom Gilgameschepos über die attische Polis bis zum Leiden und der Auferstehung Jesu, sind orientalische Mythen. Europas, die abendländische Geschichte ist in the long run betrachtet nichts anderes als die Geschichte der praktischen Adaption dieser morgenländischen Mythen. Nur hat Europa diese seine Wurzel, und damit auch seine politische Verantwortung jenseits seiner Grenzen, gründlich vergessen.

Solang Europa seine Verantwortung wegdelegiert, wird sich die Schlinge weiter zuziehen

Solange sich die europäischen Mächte, und allen voran Deutschland, nicht dieser Wurzel und dieser Verantwortung besinnen, wird sich die Lage nicht bessern. Solange Europa immer noch glaubt, seine außenpolitische Verantwortung wegdelegieren zu können an die USA und Russland, wird sich die Schlinge um Europa weiter zuziehen mit unabsehbaren Folgen.

Terrorismus ist nicht die einzige Bedrohung, die unserer harrt. Genauso bedrohlich, wenn nicht bedrohlicher ist die Verarmung, auf die wir zurasen. Italien sei wie Griechenland, nur schlimmer, heißt es schon auf den Fluren Brüssels. Die Generation Y wird die erste europäische Generation seit Langem sein, aus der mehr Menschen sozial ab- als aufsteigen werden. Das äußere Problem Europas heißt Terror. Das innere Problem Europas heißt Angst.

Der Orient gehört zu Europa

Die Randregionen Europas sind der Orient und Nordafrika. In Intellektuellenkreisen in Frankreich und Deutschland ist dieses Denken längst Gemeingut. Nur politische wird dieses Denken immer noch nicht, oder nicht stark genug, kommuniziert. Millionen von Menschen leben dort, die teilhaben wollen an den unglaublichen Reichtümern, am Luxus der Globalisierung und des Sozialstaates, von dem das kleine Europa profitiert wie keine andere Region dieser Welt. Wer das Politische für old fashioned und nicht mehr aktuell hält, verkennt, dass es Wettbewerb und Distinktion auf der Welt gibt und geben wird, solange zwei Menschen an einunddemselben Platz leben werden, die sich voneinander unterscheiden und die einander überlegen sein wollen. Diese Distinktion, wir sagten es bereits, betrifft Individuen genauso wie Gruppen von Individuen. Die Mittelschicht wird durch den digital shift, den Wegfall von Millionen traditionellen Arbeitsplätzen und die Übermacht der Finanzwirtschaft aufgerieben. Die emerging middle class im Orient und der Levante wird durch Krieg und Bürgerkrieg ihrer wirtschaftlichen und materiellen Grundlage brutal beraubt und flieht in den Westen, flieht nach Kontinentaleuropa. Großbritannien, genauer England und Wales, haben darauf bereits reagiert und mit dem leave vote den Weg in die isolationistische Richtung eingeschlagen, den die USA, von jeher das politische und ideologische Vorbild des modernen Englands, seit Ende des Kalten Krieges bereits gehen.

Europa, das heißt Kontinentaleuropa, kann diesen Weg nicht gehen. Europa trennt kein Ärmelkanal vom Orient, geschweige denn ein atlantischer Ozean. Europa hat keinen Panzergraben. Europa muss den Tatsachen ins Auge sehen. Europa muss auch seine Geschichte wiederentdecken, anstatt dieses Feld den Rechtspopulisten vom Front national und von der AfD zu überlassen. Europa muss endlich eine gemeinsame außenpolitische Agenda auflegen. Europa muss sich politisch erweitern, nicht Richtung Russland, sondern Richtung Orient. Europa muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik auflegen, die hinausreicht über Subventionen und eine Währungsunion, die die reichen Volkswirtschaften reicher und die armen ärmer gemacht hat. Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln. Wenn nicht, dann fällt irgendwann der Vorhang.

Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln

Der Orient ist Europas Hinterland. An dieser Erkenntnis führt, das zeigen die jüngsten Ereignisse, kein Weg vorbei. Entweder die europäische Politik stellt sich dieser Erkenntnis; oder sie zerbricht irgendwann daran. Der Mensch, heißt es, lernt entweder durch Einsicht, oder durch Katastrophen.

Seit fünf Jahren stehen die USA und Russland einander im Orient gegenüber. Den IS versuchen sie, mit Drohnenschlägen zu bekämpfen. Bodentruppen will keiner von ihnen schicken, obwohl jeder weiß, dass nur das die Lösung bringen könnte. Warum? Weil niemand in Washington und Moskau sich einen zweiten Checkpoint Charlie leisten will und leisten kann. Beide Länder bilden in sich geschlossene politische und gesellschaftliche Kosmen. Beide haben ein Mittelschichtenproblem und kämpfen mit einer wachsenden öffentlichen Vesrschuldung. Beide werden autoritär regiert, beide fördern ihre Wirtschaft durch einen dezidierten Liberalismus, der zwar global agiert, aber das eigene Wohl – natürlich – in den Vordergrund stellt. Die europäischen Eliten und auch Teile der europäischen Mittelschicht orientieren sich längst gezielt in eine der beiden Richtungen. Sie wissen, was jeder von uns spürt: dass in Europa bald die Lichter ausgehen könnten, und dass es dann darauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die angestammte europäische Indifferenz ist eine Sackgasse

Die alte europäische Indifferenz, die nirgends so ausgeprägt ist wie in Deutschland mit seiner auf Konsens und Quietismus ausgelegten politischen Kultur, ist eine Sackgasse. Europa, das wollen viele hier nicht hören, verdankt seinen beispiellosen Aufstieg zu Ruhe, Frieden und Reichtum dem Agreement der beiden Supermächte nach 1945, die Deutschland und in seinem Windschatten die übrigen Länder West- und Osteuropas nach Kräften pamperten, um es nicht zum Schlachtfeld künftiger Weltkriege, die sehr wahrscheinlich das Ende der Welt bedeutet hätten, werden zu lassen, und um den Europäern die Lust auf imperialistische Abenteuer ein für allemal zu nehmen. Wer hat schon noch Lust darauf, die Welt zu erobern, wenn er sich jederzeit ein Flugticket in jeden Winkel der Welt kaufen kann? Wer hat es nötig, Lebensraum oder rohstoffreiche Räume zu erobern, wenn er im Überfluss lebt, seine Rechnungen zahlen und dazu noch Vermögen anhäufen kann?

Das war die europäische Vision von 1945 bis 2015, eine exogene Vision, Europa und den Europäern oktroyiert von Amerika und Russland, nicht im Kontinent selbst geboren. Ihr verdankten unsere Großeltern und Eltern den Frieden und Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte. Diese Epoche geht nun ihrem Ende zu, wenn sie nicht schon vorüber ist. Die alten Eliten müssen den Jungen Platz machen, die wirklich Ahnung vom heutigen Leben haben, weil sie dieses Leben und seinen brutalen Ernst on the edge kennen, und nicht nur aus Hollywood oder aus der Berichterstattung. Terror und Teilhabe: beides ist im Zeitalter der Globalisierung nicht voneinander zu trennen, so wie die Opfer von Nizza nicht zu trennen sind von den Unzähligen, die sich kein Ticket nach Nizza und kein Hotelzimmer dort leisten können.

Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können

Den Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können, nicht durch ein weniger. Die Angst wird man nur bekämpfen durch lautes und offenes Aussprechen der Dinge, nicht durch ihr geflissentliches Verschweigen und Beschönigen. Entweder die europäische Politik, allen voran Deutschland und Frankreich, lernen diese Lektion und setzen sie um. Oder es gibt noch mehr Terroranschläge, noch mehr Abgehängte und Verarmte, noch mehr tote Flüchtlinge im Mittelmeer, und irgendwann wird Deutschland Ground Zero des nächsten Terroranschlags.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Der LKW von Nizza, 14./15. Juli 2016