Revolution des Bewusstseins

Zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt: Eine Philosophie für unsere Zeit

Es gehört zu unserem Zeitalter, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Noch nie in der Geschichte war der Mensch so wenig mit sich eins wie heute; noch nie war das Leben so sehr Frage und so wenig Antwort wie jetzt. Die Orientierungslosigkeit, das Nicht-wissen-wohin ist das Prädikat, mit dem spätere Historiker unsere Epoche auszeichnen werden; es hat seine augenscheinliche Begründung schon darin, dass uns in Deutschland und Europa heute die eine große philosophische Identifikationsfigur fehlt, mit der noch unsere Eltern und Großeltern aufwuchsen. Die Zeiten, da eine ganze Generation einem Adorno, einem Jean-Paul Sartre oder einem Michel Foucault huldigte, sind lange vorbei. So ist Hannah Arendts 100. Geburtstag gewiss kein schlechter Anlass, die Gegenwärtigkeit einer Denkerin ins Bild zu rufen, die als einzige Frau unter die großen Philosophen des 20. Jahrhunderts eingegangen ist. Sie war eine Ausnahmeerscheinung im Denken des vergangenen Jahrhunderts; so sehr Ausnahme, dass keiner der Ehrentitel, die man ihr verleihen könnte, wirklich voll auf sie passt, weil jeder zu kurz griffe. Niemand nennt sie Emanzipatorin, obwohl sie die Emanzipation durch ihr bloßes Leben ebenso energisch vertrat wie Betty Friedan oder Simone de Beauvoir; kein Philosophielexikon zählt sie zum Existenzialismus, obwohl sie in der Fundamentalanalyse des Daseins ebensolche Höhen erklommen hat wie ihre Lehrer Heidegger und Jaspers; die Soziologie feiert ihre Horkheimers und Bourdieus, den Namen Arendt kennt sie nicht, und die Geschichtswissenschaft von heute labt sich an der quasi-statistischen Historiografie etwa Hans-Ulrich-Wehlers und will nichts wissen von der gewagt-gewaltigen Überschau über das historische Dasein des Menschen, welcher Hannah Arendt in ihren Werken eine unvergessliche Form verliehen hat. Die Heimatlose, die sie im Leben war, ist sie auch im Tode geblieben; es ist Zeit, dass wir ihr die Ehre erweisen, die ihr gebührt – um der Wahrheit willen, die sie uns in ihrem Denken und Leben als Erbe hinterlassen hat. Jedermann weiß, dass Hannah Arendt Jüdin war; und wüsste man es nicht, so sprechen ihr Schicksal und die Erkenntnisse, die sie aus ihm gewann, eine zu deutliche Sprache, als dass nicht klar würde, wie sehr diese Frau in der Tradition eines Denkens stand, für das, durch alle Leiden, Zweifel und Irrungen hindurch, die Schönheit und Heiligkeit des menschlichen Lebens doch immer den höchsten Rang inne hielt. Das Jüdischsein der Hannah Arendt hat, wie alles Menschenschicksal überhaupt, seinen einmaligen Ausdruck in jener berühmten Szene, die das Buch Genesis erzählt: Da begegnet Jakob mitten in der Nacht einem Fremden; die beiden ringen miteinander, bis der Morgen graut, und da erst offenbart der andere seine wahre Identität. Es war Gott selber, der Jakob angegriffen hatte, um ihn zu prüfen. Und Jakob bittet den Fremden, der ihn zuvor noch töten wollte und in dem er nun seinen Schöpfer erkennt, ihn zu segnen. Und nicht als Jakob mehr geht er dann fort, sondern mit dem Namen Israel, dem »Gottes-Streiter«: Denn er hat die Probe bestanden, die große Prüfung, der jeder Mensch in seinem Leben einmal unterworfen wird. Wir Heutige wissen oder ahnen doch mindestens, was diese Erzählung eigentlich meint: den Kampf des Menschen und der Menschheit mit sich selbst. Denn der Mensch ist der eigentliche Gott, das Heilige, das nicht getötet werden darf, sondern das es hier, auf dieser Welt, zu entwickeln gilt – hin zu der Vollkommenheit, auf die es in seinem Wesen angelegt ist. Hannah Arendt, diese große, wunderbare Idealistin des 20. Jahrhunderts, hat an dieser Vollkommenheit nie gezweifelt, auch nicht an der Chance, sie in der Welt zu verwirklichen. Sie war zugleich Zeitzeugin, Opfer und Chronistin der schrecklichsten Vergewaltigung, die dem Menschsein in der Geschichte Europas angetan wurde. 1933, das Jahr der Machtergreifung, bedeutete auch ihre persönliche Zivilisationskatastrophe: Von der Gestapo verhört und nur durch Zufall frei gelassen, floh sie nach Frankreich; der deutsche Einmarsch 1940 machte dieses Exil zur Todesfalle, und Hannah Arendt musste, nach einer grausigen Zwischenstation im Durchgangslager von Gurs, weiter fliehen, diesmal nach Amerika, wo sie an der Seite eines neuen Mannes auch ein neues Leben begann. Und auch dies mit großen Hindernissen: Als freie Autorin musste sie sich über Wasser halten, und erst ihre fantastische Studie über die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, die in den fünfziger Jahren erschien, bescherte ihr Ruhm und ein sorgenfreies Dasein. Der Sprung in die Achtbarkeit einer akademischen Wissenschaftlerin gelang ihr gleichwohl auch damals nicht – ebenso wenig übrigens wie heute. Freilich, die NS-Forschung rezipierte eifrig und anerkennend ihre Werke, und es war nicht das geringste Verdienst des jüngst verstorbenen Joachim Fest, dem Denken der Hannah Arendt im Spiegel seiner eigenen Schriften zur gerechten Anerkennung verholfen zu haben; und doch: Gerade als Philosophin ist ausgerechnet diese Frau, die die Philosophie des letzten Jahrhunderts, das Leiden in der Welt, die ideologischen Verirrungen der Zeit und den Weltschwund der Moderne, so authentisch wie kein anderer erlebt und gedeutet hat, bis heute nicht eigentlich gewürdigt worden. Aber Hannah Arendt ist – trotz der ironischen Negation, mit der sie Günter Gaus in einem Interview einst überraschte – als Philosophin wie für unsere Zeit geschaffen. Scharf wie kein existenzphilosophischer oder marxistischer Denker erkannte sie die geistige Situation der Zeit, wenn sie feststellte, dass alle angestammte soziale und geistige Lebenswelt seit dem 19. Jahrhundert, vollends aber seit Auschwitz aus Europa geschwunden war; mit dieser Welt aber zugleich das Gefühl, beheimatet zu sein, und mit diesem Gefühl – ein Zusammenhang, der erst der Generation der heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen langsam klar wird – der Sinn für Verantwortung. Hannah Arendt zeigte, dass ein so unmögliches Verbrechen wie das Hitlers nicht aus einem imaginären »Bösen« herrührt, sondern aus dem Unvermögen des Menschen, mit der Welt – einer sinnlos und weltlos gewordenen Welt – noch etwas Vernünftiges, also Gutes anfangen zu können. Blaise Pascal charakterisierte einst die Tätigkeit der modernen Wissenschaft als »Divertissement«, als Vergnügung und Ablenkung; eine Zuschreibung, die ihre höchste Realität erlangte in den Lagern der Nazis, wo mit allem Ernst und aller modernen, ausgetüftelten Strukturiertheit an etwas so gnadenlos Unernstem, Strukturlosem gearbeitet wurde wie der Abschaffung von Menschen nur ihres Menschseins wegen. Denn, was heute in Dokumentationen und Seminaren immer noch falsch erklärt wird: In die KZ und Vernichtungslager kamen gerade nicht die Regimegegner, sondern ganz und gar Unschuldige, Unbefleckte, die man ausrottete ganz einfach deshalb, weil sie bloß da waren (echte Regimegegner wurden gewiss ebenso ermordet, aber durch Genickschuss oder den Galgen und nicht durch Gas, und nach einem Gerichtsverfahren samt Anklage und Verteidigung, natürlich unter einem pervertierten Rechtssystem; einem System aber immerhin – während der eigentliche Terror in den Lagern, in Russland ganz und gar ohne System war, unbegründet und unbegründbar). Gegen das Da-Sein, gegen das Sein in der Welt, der sinnlosen und daher nichtswürdigen Welt der Moderne richtete sich das Wüten Adolf Hitlers; gegen das Dasein schrieben die großen Romanciers seit Stendhal ihre Prosa der Hoffnungslosigkeit, schrieb der Philosoph Heidegger sein Werk »Sein und Zeit«. Heidegger übrigens, ihren Lehrer und Liebhaber, brachte Hannah Arendt in ihren Werken zusammen mit Adorno, seinem schärfsten (und scharfsinnigsten) Kritiker – eine Leistung, die bis heute nirgendwo protokolliert ist. Was Hannah Arendt da schuf, war wissenschaftsgeschichtlich die Versöhnung von Ontologie und Soziologie; geistesgeschichtlich war es der Versuch, eine wesensmäßige, quasi religiöse Deutung des Menschseins mit seiner sozialgeschichtlichen Beschreibung in Einklang zu bringen. Nirgendwo ist ihr das besser, großartiger gelungen als in »Vita activa«, ihrem eigentlichen Hauptwerk. »Vita activa« enthält die brillanteste Beschreibung unseres Zeitalters, und es ist bezeichnend allein für den Stand unseres Vermögens zu Spekulation und transzendentaler Forschung, dass das Buch selbst unter Fachleuten immer noch lediglich als politologische Studie firmiert. Dabei geht es darin ja – wie der Titel sagt – ums Tätigsein, die ausgezeichnete Daseinsweise des Menschen, die ihn vom Tier, von der Pflanze und vom leblosen Stein unterscheidet und die ihn zum wahrhaft göttlichen, wenn auch vielleicht nicht von Gott geschaffenen Geschöpf macht; damit aber geht es auch um die Welt, die durch unser Tun erst ihren Sinn oder Unsinn erhält. Im Tätigsein liegen zugleich das größte Risiko und die größte Chance des Menschseins. Wenn Hannah Arendt von der »Weltlosigkeit« der Moderne spricht, so meint sie die absolut negative Freiheit des Nicht-Tätig-Seins, den höllischen Abgrund der Betätigungslosigkeit, den die – übrigens folgerichtige und gar nicht verwerfliche – Technisierung und Simplifizierung des Lebensalltags heraufgeführt hat; jenen Abgrund, den heute so viele erfahren, ob sie an einem ungeliebten Arbeitsplatz beschäftigt sind oder ungeschäftig zu Hause sitzen. Ob nun beschäftigt oder unbeschäftigt – in beiden Fällen ist der Mensch, wenn er das, was er tut, nicht mit Liebe und Feuer tut, betätigungslos, und die schlimmste Konsequenz, die er hieraus ziehen kann, ist der Mord aus verzweifelter Langeweile: der Mord an der Welt und an sich selbst, wie ihn die Hitlerzeit in grauenhafter Vollendung beispielhaft vorgelebt hat. Gerade aus der Weltlosigkeit aber, wenn sie nur erst erkannt und begriffen wird, kann die Welt ganz neu erwachsen. Das will uns Hannah Arendt sagen: dass wir an einem historischen Wendepunkt stehen; an der Wende vom Nicht-Tätigsein zum eigentlichen, vollgültigen Wirken an und in der Welt. Auch die Voraussetzung dazu nennt sie: eine wahre Revolution, nicht allein der sozialen, wie sie Marx, nicht allein der politischen Ordnung, wie sie die konservative Revolution prophezeit hat – beides sind Konzepte der Leere und Destruktion, weil sie das Wesentliche nicht beachten, was den Menschen, jeden von uns, zum Gott macht: sein Bewusstsein. Hannah Arendt verkündet, wenn auch nirgends wörtlich, eine Bewusstseinsrevolution. Nicht irgendein von außen, von den Umständen an uns herangetragenes Ideal, sondern das, was jeder von uns selbst, aufrichtig und ohne Verstellung, vom Leben will, ist das eigentliche, das höchste Ziel eines jeden Lebens. Nach diesem Ziel, so lehrt uns Hannah Arendt, gilt es jeden von uns zu fragen. Die Voraussetzung dieses Fragens lehrt die Philosophin, wenn sie dem Buch über das Tätigsein die unsterblichen Worte des älteren Cato als Epilog schenkt: »Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.« Das mag einfach klingen, konservativ, abgetan; wer aber wirklich versucht, ernsthaft sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sein eigenes Wollen unverstellt zu suchen, der gelangt zu der schönsten und höchsten Form der Freiheit: einem echten, ethischen Individualismus, der nicht auf das Allgemeine schwört wie der Kommunismus und nicht auf das Konkrete wie der Kapitalismus. Von diesem ethischen Individualismus war der Mensch faktisch nie weiter entfernt als heute; bewusstseinsmäßig aber steht er ihm heute näher denn je, denn gerade weil er an nichts Äußeres mehr glauben kann – sei es die Nation, sei es die Gesellschaft, sei es Gott -, hat er die Chance, das, was ihm kein Terror und keine Langeweile nehmen kann: sein Ich zu ergreifen und darin wahrhaft glücklich zu werden. Wenn aber erst jedes Individuum diesen Schritt getan haben wird, dann wird auch unser Zeitalter im Ganzen wieder sein Zuhause finden und die Welt wieder welthaft werden. Beides, den Verlust des Zuhauses und den Weg dorthin zurück, der je vorwärts führt, wollte uns Hannah Arendt zeigen; wir sollten ihr dafür danken.

Erschienen am 14. Oktober 2006 im Neuen Deutschland anlässlich des 100. Geburtstags von Hannah Arendt.

Titelbild: Hannah Arendt als junges Mädchen

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