Zur Freiheit gehört auch Dienen

Warum die Wiedereinführung eines Pflichtdienstes eine gute Idee ist

 

Ja, ich habe „gedient“. Und ja, ich habe es gerne getan (und nicht, was ein Leichtes gewesen wäre, meine Sehschwäche vorgeschützt oder einen eloquenten Verweigerungsantrag geschrieben, wozu ich zweifelsohne prädestiniert gewesen wäre). Diese Zeit – obwohl es nur neun Monate waren und diese ganz gewiss nicht nur eitel Sonnenschein – hat meine Biographie entscheidend geprägt, so wie die von Millionen Männern, ob sie nun als Soldaten an der Waffe oder als Rettungssanitäter oder beim Technischen Hilfswerk ihre Dienstpflicht erfüllt haben.

 

Eine allgemeine Dienstpflicht erdet. Nein, ich möchte nicht der Spaßgesellschaft den Stecker ziehen. Aber ein Jahr Dienst in Uniform oder uniformer Arbeitskleidung könne, so finde ich, wirklich nicht schaden in einer Zeit, in der schon im Kindergarten ein Pferdchen auf der linken Brustseite anzeigen soll (und das soll es ja), welchen Wert ein Mensch angeblich hat und welchen nicht. Denn entgegen einem Grundversprechen des Liberalismus, der Gleichheit aller Menschen, leben wir auch im Westen mittlerweile in extrem disktinktionsintensiven Gesellschaften. Dass aber eine Klassengesellschaft, wie sie in dem Film „Eiskalte Engel“  von 1999 vorexerziert wird, langfristig Gift für den Zusammenhalt und die Menschlichkeit in einem Gemeinwesen ist, sollte eigentlich jedermann einleuchten.

Allgemeine Dienstpflicht verhindert eine Klassengesellschaft

Eine allgemeine Dienstpflicht mildert die Distinktion. Längst wird zum Beispiel an Universitäten messerscharf unterschieden, ob jemand auf einem Auslandsjahr war oder nicht. Die fiktive „Lisa“ aus der Studentenapp „Jodel“, die den Satz „kannst Du bitte das Licht aus-“ mit „-tralien, da war ich nach dem Abi!“ beendet, ist hier sprichwörtlich. Verpflichtender Wehr- oder Zivildienst, vor dem Ghettokids und Zehlendorfer Gymnasiasten gleich sind, kann hier Abhilfe schaffen.

 

Dazu kommt das – ich weiß, dieses Wort ist im Deutschen vergiftet – Gemeinschaftserlebnis. Ich habe beim „Bund“ im Biwak nach stundenlangem Marsch in glühender Hitze mit Leuten aus derselben Flasche getrunken und die sprichwörtliche „letzte Ration“ (natürlich war es nicht wirklich die letzte) geteilt, die ich im normalen Leben wahrscheinlich nie getroffen hätte. Und das ist gut so. Noch heute erleichtert mir, studiertem Philosophen und Historiker, der Austausch über die Militärzeit, mit Leuten in der Kneipe ins Gespräch zu kommen, mit denen ich sonst eigentlich „nichts zu tun“ habe. In einer Zeit, in der Arroganz und Hochnäsigkeit bei Jungs und Mädchen als Tugenden gelten, die man nicht schnell genug einüben kann, und in der die soziale Segregation von Stadtvierteln mit bedenklichem Tempo voranschreitet, kann ein bisschen Demut sicher guttun.

Ehemalige Gediente wissen oft besser mit Autorität umzugehen

Auch das Verhältnis zu Autorität und die Handhabung eigener Autorität später im Berufsleben werden durch die Diensterfahrung positiv beeinflusst. Den meisten Ärger im Berufsleben hatte ich interessanterweise mit Vorgesetzten, die nicht gedient hatten. Sie vergriffen sich gern mal im Ton, weil sie Menschenführung nie unter der Extrembedingung eines Pflichtdienstes geübt haben, in dem man sich seine Untergebenen eben nicht aussuchen kann, und oft zeigten sie auch weniger Verantwortungsgefühl als ehemalige Gediente. Gerade meine Unteroffiziere und Fahnenjunker von damals aber wussten sehr genau, wie weit sie gehen konnten und wo die roten Linien lagen. Und in meinem Freundes- und Bekanntenkreis verhält es sich so, dass diejenigen mit Diensterfahrung verlässlicher, weniger zimperlich und oft auch generöser sind als andere – jedenfalls unter denen, die aus Deutschland oder einem anderen westlichen Land kommen.

 

Schließlich das Wirtschaftliche. Niemand wird bestreiten, dass sich die Personalsituation der Bundeswehr seit der Aussetzung der Wehrpflicht zum Schlechten entwickelt hat. Zudem droht sie dadurch zum Sammelbecken von Extremisten und Kriminellen zu werden. Eine Armee von charakterlich unberechenbaren Söldnern aber, wie wir sie in den USA de facto schon haben, liegt nicht im Interesse Deutschlands und nicht im Interesse Europas.

Bundeswehr wird als gesellschaftlicher Dienstleister gebraucht – auch im Frieden

Dieses Plädoyer für die Wehrpflicht bedeutet dabei nicht, dass ernsthaft mit Kriegsgefahr zu rechnen oder dass ein krisenhaftes außenpolitisches Umfeld herbeizusehnen sei. Schon zu Wehrpflichtzeiten spielten die Streitkräfte eine bedeutende Rolle im Katastrophenschutz, und auch ich habe 2002 an der Bekämpfung des Elbhochwassers teilgenommen – übrigens freiwillig. Unser Bataillonskommandeur ließ uns nachts antreten und rief „Freiwillige vor“; kaum einer wollte da zurückstehen. Auch ist denkbar, dass Soldatinnen und Soldaten im Rahmen der Wehrpflicht bei der Rettung von Flüchtlingen aus Seenot eine Rolle spielen könnten. Die Bundeswehr kann auch dann gesellschaftlicher Dienstleister bleiben, wenn sich – was ja zu wünschen ist – ihr verteidigungspolitischer Auftrag eines Tages erübrigt haben sollte.

 

Das alles gilt in erhöhtem Maße für den zivilen Sektor. Dass es in Deutschland einen Pflegenotstand gibt, weiß inzwischen jedes Kind. Dass der Wegfall von Zivildienstleistenden als Arbeitskräfte in der Pflege zu diesem Notstand nicht unwesentlich beigetragen hat, ist ebenfalls bekannt. Die Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht würde dieses Problem zwar nicht mit einem Schlag lösen, aber doch gewaltige Abhilfe schaffen. Und dass in der Dienstzeit mögliche künftige Berufspfade gelegt werden (wie das schon zu Wehrdienstzeiten der Fall war), versteht sich von selbst.

Egoismus als letztes Heiligtum der freien Gesellschaft?

In einer Zeit, die als letztes Heiligtum nur noch einen égoisme sacré anzuerkennen scheint, scheint es nicht verkehrt, die Heranwachsenden einer Generation wieder durch die nicht unbedingt hippe, aber existenziell grundlegende Erfahrung miteinander zu verbinden, eine Oma auf der Palliativstation auf ihrem letzten Weg zu begleiten oder bei einem Waldbrand- oder Hochwassereinsatz in Sommerhitze oder Winterkälte Hilfsdienste zu leisten. Nicht zuletzt, weil es dabei Werte zu erlernen oder zu vertiefen gibt, die heute verloren zu gehen scheinen, obwohl sie essentiell sind für das Gelingen der Freiheit: Selbstbeherrschung, Demut und auch Disziplin.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2018. Header. Soldaten des Wachbataillons beim feierlichen Gelöbnis, 2012 oder früher. Quelle: http://www.tagesspiegel.de

 

Advertisements

Die Causa Özil ist in Wahrheit eine Causa Erdogan

Nicht türkischer Patriotismus, sondern der türkische Nationalismus ist das Problem

Lange habe ich gezögert, mich zur Causa Özil zu äußern. Denn gleich dreifach fühle ich mich durch sie persönlich angesprochen: als Fußballfan, der den Sport leidenschaftlich verfolgt. Als Deutscher, der durch den Komplex Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in besonderer Weise historisch belastet ist. Und als Grieche, den ein spezielles Verhältnis mit dem Türkischen verbindet, das noch älter und tiefer ist als das deutsch-türkische Verhältnis.

Vorab: man muss Özils oft sehr zurückgenommene Selbstdarstellung auf und neben dem Spielfeld nicht mögen. Doch die Statistik spricht für sich: kein Mittelfeldspieler hat in den vergangenen Jahren in der deutschen Nationalelf so viele Torvorlagen geliefert wie Mesut Özil, und der Weltmeistertitel 2014 ist auch sein Verdienst. Bei einer solchen spielerischen Bilanz nachzutreten und ihm, wie es jüngst Uli Hoeneß tat, vorzuhalten, er habe zuletzt „nur einen Dreck gespielt“, ist unwürdig und schäbig – unabhängig davon, dass Özil bei seiner letzten WM in diesem Jahr tatsächlich versagte und, etwa im Südkoreaspiel, massenweise Chancen vergab. Ehre, wem Ehre gebührt.

Gegen Özil Patriotismus ist nichts einzuwenden

Etwas anders liegt die Sache beim leidigen Erdogan-Thema. Nun ist patriotisches Brimborium außerhalb Deutschlands nicht nur nicht ungewöhnlich, sondern gehört fest zur populären Kultur, so gut wie überall auf der Welt. Meine deutschamerikanischen Expartnerinnen mutierten gerne mal zu geradezu fanatischen US-Amerikanerinnen, denn das gehört sich nun mal. Ich selber habe meine erste Militärparade im Griechenlandurlaub in Athen erlebt: Mein Opa hatte mich mitgenommen, es war Anfang der Neunziger, und ich weiß heute noch, dass ich den Anblick der schier endlosen marschierenden Kolonnen, der aufgesessenen Artillerie und natürlich den Überflug der Luftwaffenformationen sehr genossen habe – auch wenn es heiß war und ich, wie alle Kinder, ellenlanges Herumlaufen und -stehen in der großstädtischen Sommerhitze eigentlich zutiefst hasste.

Und um schließlich nochmals auf die Fußball-Weltmeisterschaft zurückzukommen: wer sah, wie nach dem siegreichen Finale im Lushniki-Stadion der immer lustige, immer zu einem Scherz aufgelegte Antoine Griezmann vor seinem, kaum zehn Jahre älteren, Staatspräsidenten Emanuel Macron im strömenden Regen salutierte; wer anschließend Macron in der Kabine mit Pogba, Mbappé und Umtiti herumalbern sah, der wusste: dieser Sieg und diese Siegerehrung waren auch ein Akt der patriotischen Selbstvergewisserung eines Landes, das sich längst in einer wirtschaftlichen und auch politischen Krise befindet. Dieser Patriotismus aber ist nichts Dogmatisches oder gar Gewaltvolles, sondern etwas Spielerisches, quasi ein Rollenspiel mit der eigenen nationellen Identität, hilfreich eben bei der existenziellen Selbstvergewisserung, aber mehr auch nicht.

Gegen den patriotischen Gehalt in Özils Inszenierung mit Erdogan mitsamt einem zum Teil reichlich altmodischen Gepräge („hochachtungsvoll, für meinen Präsidenten“) ist also aus meiner Sicht nichts einzuwenden. Auch ich bin gerne Deutscher – und fühle dennoch in bestimmten Momenten sehr stark und sehr pathetisch den griechischen Anteil in mir. Das macht mich nicht weniger loyal gegenüber Deutschland.

Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg

Problematisch aber ist hier die Figur Erdogans, und das heißt: die Figur, zu der er durch sein politisches Handeln in den vergangenen Jahren geworden ist. Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg, der sich als Krisenintervention tarnt. Die Einnahme Afrins durch türkische Soldaten ist ein völkerrechtswidriger Akt, der indessen von der Weltgemeinschaft bislang nahezu widerspruchslos hingenommen wird. Die Gefangennahme und Inhaftierung Deniz Yücels war ebenso ein Rechtsbruch und mit den Normen des internationalen politischen Liberalismus nicht in Einklang zu bringen. Daran ändert auch nichts, dass sie womöglich als Retourkutsche für das abscheuliche so genannte „Schmähgedicht“ von Jan Böhmermann aus dem Jahr 2016 gedacht war, dessen Inhalt und Aussage sich bekanntlich Yücels Arbeitgeber, Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, coram publico„zu eigen gemacht“ hatte. Einen Journalisten wie Yücel, der einfach nur seien Job macht, dafür durch Einzelhaft büßen zu lassen, wäre derart Ausdruck eines vordemokratischen, autokratischen Politikverständnisses, dass er vielleicht in Game of Thrones passen würde, aber schwerlich ins Jahr 2018.

Man kann ein großer, mächtiger Staat sein, ohne Recht zu brechen, wenigstens nicht derart eklatant. Kein Journalist der New York Times, kein Mitarbeiter der BILD-Zeitung muss fürchten, im Gefängnis zu landen, wenn er oder sie Donald Trump oder Angela Merkel öffentlich kritisiert.

Erschwerend kommt im Fall Özil, der eigentlich ein Fall Erdogan ist, hinzu, dass sich Erdogan auf eine nationalistische Tradition stützen kann, die in seinem Land fester verankert ist als in vielen anderen modernen Gesellschaften. Wie das Deutsche Reich wurde das Osmanische Reich 1919 von den (westlichen) Siegermächten zerschlagen, doch anders als Deutschland hat der türkische Nationalismus und Expansionismus nie einen derart scharfen Dämpfer erhalten wie Deutschland schließlich 1945.

Seit 1974 hält die Türkei Nordzypern völkerrechtswidrig besetzt

Das sieht man an der politischen Kultur wie an der (außen)politischen Praxis der Türkei gestern wie heute. Seit 1974 hält die türkische Armee das nördliche Drittel Zyperns besetzt – gegen das Völkerrecht und gegen den Willen der Weltgemeinschaft. Bis heute hat kein Staat, nicht die USA, nicht Russland, das türkische Protektorat über Nordzypern anerkannt. Bis heute kommt es beinahe im Wochentakt zu Verletzungen des griechischen Hoheitsgebiets in der Ägäis durch die türkische Luftwaffe, ohne spürbare Sanktionen. Und im Syrienkrieg schließlich sieht Erdogan seine Chance gekommen, sein Territorium zu arrondieren – scheinbar legitimiert durch die Rolle als geopolitische Ordnungsmacht, die die Westmächte der Türkei mangels Alternativen gelassen haben – 1923 im Vertrag von Lausanne und 1952 durch den – synchron mit Griechenland vollzogenen – Beitritt zur NATO.

Die Türkei müsse sich vergrößern, hieß es vor einiger Zeit in einem O-Ton aus einer türkischen Stadt, der in den deutschen Hauptnachrichten gesendet wurde. Hier stellt sich die Frage: wie vergrößern, und in welche Richtung? Waren wir da nicht schon weiter?

Das Problem ist nicht der Islam. Das Problem ist der türkische Nationalismus

Die Causa Özil wirft ein Schlaglicht auf einen gefährlichen türkischen Nationalismus, der seine Sprengkraft aus seiner Anachronizität gewinnt – gerade auch im Vergleich mit seinem geopolitischen Umfeld. Deutscher oder griechischer Patriotismus etwa ist – abgesehen von den paar Verrückten, die tatsächlich noch ernsthaft von der Rückholung Konstantinopels träumen oder immer noch den verlorenen Ostgebieten hinterhertrauern – nicht mehr als eine pittoreske, durchaus liebenswerte Allüre. Und in der arabischen Welt sieht es ähnlich aus. Die Syrer singen in ihrer Hymne von Assur und Harun Ar-Raschid, die Ägypter sind stolz auf die Pharaonen, die Mamelucken und Muhammad Ali (den Feldherrn, nicht den Boxer) – doch beide wissen sie, dass ihre großen Zeiten als Nationalstaaten längst vorbei sind. Lieber sehen sie sich als Araber und als Muslime – was, entgegen einem leider auch in Deutschland häufig anzutreffenden Vorurteil, zur Schaffung und Stärkung demokratischer Strukturen und auch zu einer gewissen weltanschaulichen Liberalität eher beiträgt als nationalistische Borniertheit. Sowohl dem Konzept der westernness als auch dem des Panarabismus wohnt ein bestimmter Universalismus inne, der ethnische und ideologische Grenzen durchbricht und nach innen und außen für Verständigung sorgen kann.

Anders aber sieht es mit dem türkischen Nationalismus aus, der mit einer unseligen Wagenburgmentalität einhergeht. Die offensive Vereinnahmung Özils durch Erdogan ist ein Instrument dieses Nationalismus. Er bewirkt nicht Verständigung und Ausgleich, sondern er verschärft Widersprüche und führt schlimmstenfalls zur Eskalation.

Was uns Hoffnung geben kann: viele Türkinnen und Türken sehen die Sache genauso. Auch unter ihnen sind viele ein anachronistisches autoritäres Regime leid und wünschen sich demokratische Reformen und eine Überwindung des Nationalismus, der nicht in unsere Zeit passt. Mesut Özil aber kann man nur bedauernd zurufen: nicht Dein Patriotismus als Türke war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Sondern die konkrete Person dieses Präsidenten, mit dem Du Dich öffentlich identifiziert hast, und die Politik, für die er steht.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2018. Header. Messt Özil (.) und Recep Tayyip Erdogan, 2018. Quelle: http://www.zdf.de