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Castel del Monte und Sanssouci oder Die beiden Friedriche. Historisches Fragment

Der Staufische und der Zollernsche Friedrich, Federico Secondo und der Große König, das Kind von Apulien und Europas verlorener Sohn: gegensätzlich nicht unbedingt, aber unterschiedlich, zueinander unbezogen scheinen diese beiden allerdings dazustehen, umso mehr, da die Geschichtswissenschaft, die deutsche wie die europäische, beide nie in den Kontext, in die Beziehungs zueinander gerückt, in welche sie gehören, sie dagegen stets separat und als Kinder ihres jeweils eigenen Zeitalters betrachtet. Zwischen der Geschichte des Mittelalters und jener der Neuzeit verläuft in der Geschichtswissenschaft, der deutschen, sehr strengen zumal, ein tiefer Graben, seit die moderne Geisteswissenschaft Abschied nahm von dem universellen und universalhistorischen Anspruch, mit dem sie einst in die Welt trat. Eine vergleichende Betrachtung, eine Parallelbiographik über die Zeitalter hinweg konnte so nie stattfinden, und wo sie es doch tat, zog sie sich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu, der Illegitimität.

Derlei Vorbehalte interessieren hier freilich nicht. Uns geht es um Wahrheit. Hat die Postmoderne unter dem Diktat der Richtigkeit, welche ein Pragma, kein Dogma ist (denn ob ein elektrischer Anschluss richtig steckt, eine elektronische Datenübertragung richtig abläuft, bewahrheitet sich nicht, sondern zeigt sich schlicht), hat nun die Postmoderne unter jenem Diktat das Fragen nach Wahrheit auch verlernt; so ist darum die Wahrheit selbst nicht aus der Welt. Statt der Naturwissenschaft, der königlichen Wissenschaft, sinnlos nachzueifern, an deren Pragmatik der Richtigkeit sie stets wird scheitern müssen, sollte und müsste die Geistes- und ionsbesondere die Geschichtswissenschaft vielmehr wieder den weg der Wahrheit gehen, die Suche nach der Wahrheit annehmen. Das schließlich ist ihre Aufgabe bei der Vorbereitung politischer und religiöser Theorie, welche wiederum das Politische, gestern wie heute, bestimmen und welche durch die Arbeit von Presseagenturen, Think Tanks, Medien und Bloggern in die Welt hinein gegeben werden. –

Beide, der staufische wie der preußische Friedrich, waren Reizfiguren, Spalter, nicht Versöhner, zu ihrer Zeit und über ihren Tod hinaus. Beide waren zudem Heimatlose – eine Kondition, die der eine durch exzessives, wenn auch durch sein Regentenamt motiviertes Reisen zu temperieren suchte, während der andere, wiederum einer Gepflogenheit seiner Zeit folgend, sich für sein Herrscherleben auf das Territorium des ihm zugefallenen Königreichs zurückzog und dies nur, ausgerechnet, zu kriegerischen Zwecken dann und wann verließ. Des preußischen Friedrichs einzige Auslandsreise führte den frischgebackenen achtundzwanzigjährigen König im Sommer 1740, inkognito, versteht sich, nach Lothringen, das älteste und auch rangälteste Stammland des Heiligen Römischen Reichs, dessen Glied seine brandenburgische Markgrafschaft und damit auch er waren, ein Land freilich, das soeben den Regenten gewechselt hatte und nun, wenngleich für eine gewisse Dauer noch formaliter unabhängig, zu Frankreich gehörte.

Friedrich, der Staufer, das sagt schon sein „apulische“ Beiname, war nicht einmal dem Namen nach der Deutsche, als den man ihn politisch-historisch zweifelsohne ansehen darf und muss. Der Sohn eines schwäbischen Fürsten und einer italienisch-normannischen Prinzessin, der Tochter Rogers des Zweiten von Sizilien und somit Großnichte Robert Guiskard, jenes aus Frankreich nach der Halbinsel verschlagenen Desperados, der dem Kaiser Romanos IV. Bari, Byzantions letzten italienischen Stützpunkt, wegnahm, dieser Frau, Konstanzes von Sizilien Sohn also verbrachte die meiste Zeit seiner Herrschaft wiederum, trotz seines Deutschtums, außerhalb der Grenzen des Reiches, vorwiegend in Italien, wo er auch geboren war. Dessen Süden, der Mezzogiorno, Sizilien war damals das Phantasien, das Märchenland des Okzidents, in etwa jenes Land, welches später die beiden Amerikas werden sollte und von dem es im Zauberer von Oz heißt, es müsse irgendwo hinterm Regenbogen liegen.

In diesem phantastischen Landstrich, der siebenhundert Jahre lang, von jenem zweiten Roger bis zum Zug der Tausend Garibaldis im neunzehnten Jahrhundert, ein sonderbares eigenständiges Königreich bildete und der sich doch nie in eine reguläre Staatlichkeit nach nordeuropäischem Vorbild finden konnte, baute sich der Kaiser Friedrich sein eigenes Märchenschloss mit dem stolzen Namen Castel Del Monte, Bergschloss, was stets ein wenig wie Castel del Mondo klingt, wie Burg der Welt. Der Welt, dem Weltganzen Burg, Geborgenheit bieten, es bergen wollte der schwäbisch-fränkische Mischling, dessen Stammburg Hohenstaufen, im malerischen Filstal nahe Göppingen gelegen, noch innerhalb der Grenzen des alten Limes fiel, die zugleich die Grenze zwischen der alten römisch-keltischen und der neuen, slawisch-germanischen Zivilisation auf dem Gebiete Deutschlands markieren. Er, Friedrich, war noch ein Kind des Limes, war ein Schwabe, ein Sohn Roms, und indem es ihn nach Sizilien zog, zog es ihn an die äußerste Spitze des weströmischen Reiches, dessen Nachfolge sein Vorgänger auf dem Thron zu Aachen, der große Karl, Papst und Kaiser einst abgetrotzt hatte (genauer: der griechischen Kaiserin Irene der Athenerin, welcher sophistische westfränkische Hofgeistliche sinnigerweise die Befähigung zum Kaiseramt und zur Nachfolge Augustus’ und Konstantins absprachen).

Die Geschichte Siziliens ist die Geschichte eines geographisch-politischen Zwitters. Es nimmt während der klassischen Periode im Altertum die Stelle als Bindeglied zwischen Ost und West ein (wobei der Osten damals der zivilisierte, der Westen der wilde Teil des Mittelmeerbeckens war), die im Großen Kleinasien einnahm als Bindeglied zwischen dem Orient, dem Land Sumers, Babylons und Ägyptens, und dem minoisch-mykenischen Westen, aus dessen Anfängen nach dem Fall Trojas langsam erst eine Hochkultur herausschälte, wie sie im Osten bereits zweitausend Jahre lang bestanden hatte.

Dieses Sizilien behielt seine Mittlerrolle auch über den Fall Westroms, die gotische Landnahme, die Wiedereinsetzung der griechischen Herrschaft durch Justinian und Herakleios und schließlich die beginnende arabische Invasion hinaus. Früh, noch als Kleinkind, erbte Friedrich die Krone Siziliens, nach dem Tod seines Vaters Heinrich im Jahr 1197. Früh sah er sich zerrissen zwischen der deutschen Pflicht und dem italienischen Frohsinn, zwischen der mühseligen, kleinschrittigen Regentenarbeit im Reich und der leichtfüßigen, genialisch hingeworfenen, aber eben auch bequem vom großen Welttheater abgeschatteten Herrscherberuf auf der Insel.

Friedrich, ein großer Weltsüchtiger, früh Waise, früh isoliert, sofort hingeworfen auf Überlebenskampf, auf die Macht fixiert um des bloßen, physischen Fortbestandes willen, viele Frauen verbrauchend, war nun, wie alle Weltsüchtigen, zugleich ein großer Weltflüchtiger. Sein Oz war Sizilien, seine Insel der Seligen war es, sein Camelot.

Camelot! Überhaupt Camelot! Wenn es ein deutsches Camelot des Mittelalters gab, dann dies, Castel Del Monte, das Märchenschloss, in dem der Falkner und Briefeschreiber, in so vielen Sprachen gewandt wie kaum einer seiner barbarischen Zeitgenossen, seinen Traum vom eu zen, vom gut leben lebte, ihn auslebte und darüber sich mit der Welt, die ihn nicht verstand, nicht verstehen wollte und konnte in ihrer unendlichen, idiotischen Plattheit, zerkrachte. Zweimal exkommunizierten ihn ein alter, bärtiger Mann in Rom, dieser Kloake des Mittelalters, dieser zum Dorf heruntergewirtschafteten ewigen Stadt, die doch nur ein ewiges Ghetto war, zerrissen und zerschossen von den ewigen Sippenfehden seiner Patriziergeschlechter, die Raubritter im Gewande von Stadtbürgern waren! Zweimal warf der affige alte Mann, der sich in die Toga der Quiriten von einst kleidete und einen lustigen Hut mit drei statt, wie beim Kaiser, nur einem Reifen auf dem Haupt trug, den Bannstrahl auf ihn, auf Federico, den Herrn der Welt und stellte ihn auf eine Stufe mit Vogelfreien, mit Wilddieben, Häretikern und kräuterkundigen Huren, auf die Schandpfahl und Scheiterhaufen warteten. Das ihm, dem Kaiser, dem Herrn der Welt, dem stolzen, ja sogar einzigen Träger des Kaisertitels!

Dem einzigen, ja. Friedrich war keine zehn Jahre alt, da stürmten deutsche und französische Ritter das schöne, stolze Konstantinopel, dieses prächtige und zugleich irgendwie doch wunderliche Relikt einer längst vergangenen, untergegangenen Zeit, plünderten es aus und trieben, angestachelt vom venezianischen Dogen Enrico Dandolo, einem hasserfüllten alten Männlein, ihren Mutwillen mit den reichen Gütern und den stolzen Menschen dieser Stadt, der Kapitale der christlichen Welt. Einen Kaiser, der tatsächlich regierte, hatte dieses Kaiserreich der Römer, das erst eine spätere Zeit Byzanz nannte, da schon nicht mehr, und so konnten sich die fränkischen Herren dort installieren und ein eigenes, das lateinische Kaiserreich ausrufen.

Es gehört zu jenen Zufällen der Geschichte, die eben keine Zufälle im herläufigen, idiomatischen Verständnis des Wortes sind, dass Friedrichs des Zweiten Regierungszeit ausgerechnet in jene Epoche, jenes halbe Jahrhundert fällt, in dem der byzantinische Thron vakant war. Von 1205 – da war der kleine König von Sizilien gerade elf Jahre alt – bis 1261 – da war er gerade elf Jahre tot – regierte im einst so stolzen Konstantinopel der Graf von der Champagne und seine Verwandten und deren Nachkommen, während die byzantinischen Geschlechter sich neue, kleine Reiche, freilich mit den alten wohlklingenden Titeln installierten, die Laskariden in Nizäa, die Komnenen in Trapezunt. Ein Ostrom gab es in dieser Zeit, trotzdem der Kaiser in Nizäa als sein Prätendent auftrat, faktisch nicht, und so konnte der Staufer sich in der Tat als Herr von Osten und Westen, als Kaiser des gesamten Römischen Reiches fühlen.

Das hatte es seit Justinian, der das alte Reich durch die schwererrungenen, blutigen Siege über die Goten im sechsten Jahrhundert nochmals, das letzte Mal, geeint, der sogar Nordafrika wieder an dieses Reich herangeführt hatte, nicht mehr gegeben. Der italienische Westen ging dem byzantinischen Kaisertum in den nächsten Jahrhunderten verloren, und Karls des Großen Kaiserkrönung durch Papst Leo am Weihnachtstage des Jahrs 800 vollendete beziehungsweise remanifestierte, was mit dem Fall Westroms an die Thüringer vierhundert, oder auch schon mit der Diokletianischen Reichsteilung fünfhundert Jahre zuvor schon eingetreten. Ohne es direkt beabsichtigt zu haben, ohne darin eingebunden zu sein, ein Kind, das er damals war, hat der König-Kaiser Friedrich geschafft, ja: bereits fertig vorgefunden, wovon die Kaiser vor ihm, die Kaiser der Kreuzzugszeit stets nur geträumt hatten: ein legitimes Gesamtkaisertum über Okzident und Orient, von Lothringen und dem Arelat tief im heutigen Frankreich bis hin nach Anatolien und Jerusalem.

Friedrich war es denn auch, der den Jerusalemer Königstitel, der bei der Familie Montferrat gelegen, über deren Erbin Jolanda von Brienne, seine zweite Frau, ins Titelregister der römisch-deutschen Könige und Kaiser hineinholte. Über ihn, den Staufer, über seine Ehe mit der jungen, hübschen Königin ging dieser höchste Titel der Christenheit über ins Erbe der habsburgischen, dann bourbonischen Könige von Spanien und der habsburgisch-lothringischen Kaiser von Österreich.

Die Herrscherjahre Friedrichs sind wie ein Vakuum zwischen hohem, „klassischem“, und spätem Mittelalter, wie ein Zwischenakt zwischen der alten Ritter- und der jungen Städtezeit, zwischen dem ungeschliffenen, aber mythenumrankten Barbarentum der romanischen und dem immer feineren, aber auch schwermütigeren und neurotischeren Chiliasmus der gotischen Epoche. Der Renaissance des zwölften Jahrhunderts ließ der Staufer seine eigene Renaissance folgen. Die Bücher der antiken Weisheit, der durch die Griechen gesammelte und konservierte Schatz des alten Orients, dieser Gral des europäischen Geistes lag offen und entsiegelt vor ihm, dem Gebieter über Trinakria, die alte Magna Graecia, das Einfallsgebiet der Sarazenen und verlorene Exarchat der Byzantiner, von wo aus er, im unmittelbaren Umfeld jäh und mühelos durchregierend mit harter Hand und brutalem, aber packendem Griff, Schriftverkehr pflegte mit dem Kaiser, dem andern Kaiser, den es ja doch irgendwie gab, in Nizäa, der alten, ehrwürdigen Konzilsstadt, Geburtsstätte der christlichen Riten, und mit dem arabischen Sultan. Mit letzterem, dem Ayyubiden Al-Kamil (die osmanischen Türken traten erst ein halbes Jahrhundert nach Friedrichs Tod die Herrschaft an), schloss Friedrich gar einen Friedensvertrag, zu Jaffa im Jahr 1234, was ihn in den Augen der beharrenden, phantasielosen römischen Kirche vollends zum Antichristen stempelte.

Weltlos wirkt er auf uns, viel weltloser als sein Großvater, der erste Friedrich, der den Enkel auf vorhersehbare Weise im neunzehnten, geschichts- und weltbewussten Jahrhundert aus der kollektiven Erinnerung, aus der staufischen Mythe verdrängte. Der da im Kyffhäuser im Thüringer Sachsenwald, hoch über der Bauernkriegsstadt Frankenhausen thronend sitzt und der Wiederkehr harrt: den zweiten, andern Friedrich meinten sie ursprünglich damit, nicht den ersten, rotbärtigen, den teutschen Biedermann, der, obwohl auch gebannt und Begründer des staufischen Kampfes gegen die Kirche, pflichtschuldig, wenn auch nicht heldenhaft den Kreuzfahrertod starb, als er 1190 im Kalykadnos ertrank, dem kleinasiatischen Strom, in dem badend sich einst schon der große Alexander beinahe den Erkältungstod geholt hätte. Bis dahin, bis zur Moderne, die mit dem ungreifbaren, unnachweisbaren Mittelalter ihre Schwierigkeiten hatte, meinte das Volk nicht diesen, sondern jenen, den Halbitaliener, den Apulier und Normannen, hellhaarig vielleicht auch er, aber ganz anders in seiner Art und seinem Wesen, wenn es vom großen Kaiser sprach, der wiederkehren würde, das Reich aufzurichten, das es nicht mehr gab.

Gegenüber diesem großen Weltlosen, diesem Napoleon des dreizehnten Jahrhunderts, dessen Leben eines Stendhal würdig gewesen, nimmt sich der Chevalier de Brandenbourg, Frédéric le philosophe, langweilig und bieder aus. Das ist freilich nicht dem Menschen Friedrich geschuldet, nicht seinem Charakter, sondern seinem Schicksal. Der Geschichtsgang Europas hatte die Schwelle zu Resignation und zu Schwermut bereits überschritten, als Prinz Friedrich von Preußen an einem Sonntag im Jahr 1712 zur Welt kam. Er hatte im Haus den Wassermann, der Staufer den Steinbock. Noah und Amalthea, der Weltertränker und die Götteramme, hier Luft, dort Erde in der Sonne: widersprüchlich, gegensätzlich sind beide Typen einander, und doch verbindet sie das Nervöse und Unstete, die Unruhe und die Hast: äußerlich diese beim Preußen, innerlich beim Staufer. Dieser ein Getriebener, der sich mit den Grenzen, die sein Zeitalter ihm mannigfaltig zog, nicht abfand und sein gewalttätiges Genie darein investierte und darin verbrauchte, diese Grenzen niederzureißen; jener ein Gehetzter, der sich gern mit der bequemen Rolle des Prinzgemahls und englischen Statthalters im ruhigen, beschaulichen und damals schon sehr aristokratischen Hannover beschieden hätte, dem aber durch das Zeugungsorgan des Vaters und den vorzeitigen Tod zweier älterer Bruder das Schicksal vorschrieb, König zu werden, und zwar König eines kleinen, schwachen und noch aufstrebenden Staates, eines Staates, der ganz am Anfang stand und dessen Mission es war, das römische Kaisertum, das in der Hand des Erzherzogs Karl, seines Namens der sechste Erwählte Römische Kaisers, lag, zu beerben. Dieser Karl übrigens war – eine eigenartige Form, wie translatio imperii sich manifestiert – der Taufpate des Prinzen Friedrich, der mit vollem Namen Friedrich Karl, nicht, wie sein Vater, Friedrich Wilhelm hieß, und sein Tod am 20. Oktober im Jahr des Heils 1740 leitete die Epoche Friedrichs ein und die Epoche der Großen Politik in Deutschland.

Friedrich heißen wollte dabei der eine so wenig wie der andere. Federico und Frédéric, so hießen sie sich selbst und ihrem nahen und fernen Umfeld ein Leben lang, und in ihrer beider Fall war es erst die glorifizierende Nachwelt, genauer: die Nachwelt des neunzehnten Jahrhunderts und des aufkommenden deutschen Nationalgefühls, die aus Federico il falconiere und Frédéric le philosophe, die aus dem Welschen und dem Französling deutsche Helden machten.

Es liegt hier eine Besonderheit des deutschen Geschichtsgangs, der zugleich verweist auf die Besonderheit der deutschen Territorialität, dass nämlich seine Größten der eigenen Nation, um die so viel Aufhebens gemacht wurde in unserer, in der deutschen Geschichte, entweder nicht ganz angehörten, oder sich ihr nicht ganz angehörig fühlten. Karl der Große war vielleicht mehr Deutscher als Franzose, aber vor allem anderen Franke (dies so sehr, dass die regimekonforme Geschichtswissenschaft des Nationalsozialismus, wie etwa Wolfgang Venohr in seinen Memoiren berichtet, ihn explizit als „Karl den Franken“ oder „Karl den Sachsenschlächter“ verschrie). Karl der Fünfte wurde in Gent geboren, hatte eine spanische Mutter und verstand sich zeitlebens als Burgunder, was schon damals keiner validen staatlichen Kategorie mehr entsprach. Schon er sprach, obzwar der Staat der Valois damals noch in der Kinderschuhen steckte und mehr als einmal um ein Haar vom großen Gegner im Süden und Osten geschluckt worden wäre, das französische Idiom besser als Deutsch und übrigens auch Spanisch. Rudolf der Andere, das verrückte Genie auf dem Hradschin, das der eigene Bruder hochverräterisch, aber unbeanstandet durch Hof und Klerus das letzte Jahr seines Lebens auf seiner eigenen Burg, ins einer eigenen Residenz in schmählichem Hausarrest hielt, fühlte als Böhme und sprach lieber Tschechisch und Spanisch als das zopfige, unorganisierte Deutsch seiner Epoche, Grenzgänger er selber zwischen dem großen, weiten und tiefen europäischen Osten und dem atlantischen Flügel des Kontinents, wie Mark Aurel stets im Sattel, die drohenden Türken zu bekämpfen, und wie jener eigentlich ein Geistesmensch, Tagträumer und Melancholiker, dabei ungeheurer sinnlich und von Geistesgaben so mannigfaltig, das das Zeitalter, wie bei Federico, nicht ausreichte, ihm Möglichkeiten zu ihrer Erschöpfung zu gewähren. Albrecht Waldstein schließlich, den Grillparzer im Bruderzwist unhistorisch auf Rudolf treffen lässt, liebte den italienischen Stil, fiel ins Italienische, sobald er, soweit er dies konnte, sein Innerstes auftat, und lebte auf seinem Friedland das Leben eines italienischen Renaissancefürsten mehr als das als eines deutschen Duodezpotentaten. Deutsch fühlte von diesen exemplarischen Deutschen keiner sich.

Auch die Preußenkönige waren erst schwäbische Fremdlinge im fränkischen Nürnberg, dann fränkische Fremdlinge in der Brandenburgischen Mark, mit der Kaiser Sigismund den Burggrafen Friedrich den Sechsten 1417 – da war die Mark wieder einmal als erledigtes Reichslehen an den Kaiser gefallen – belehnte, und später, seit dem Großen Kurfürsten, überwiegte in ihnen die welfisch-oranische Tradition, der sich im neunzehnten Jahrhundert viel wettinisches Blut beimischte. Beide, der Soldatenkönig und sein großer Sohn, hatten welfische Mütter, die in sich das Blut burgundischer, vielleicht sogar italienischer Vorfahren des späten ersten Jahrtausends trugen. Louise Henriette, die große Landesmutter des siebzehnten Jahrhunderts, war Oranierin und brachte mit der protestantischen Wirtschaftsethik auch das Orange des Schwarzen Adlerordens ins Land, das so gar nicht passen will zum martialischen Schwarzweiß des Zollernwappens, noch zum gediegenen Blau der preußischen Infanterie. Vor allem aber waren die Brandenburger und Preußen, wie alle hohen Herren ihrer Zeit, Frankophile oder doch Frankophone. Alle, auch der deutschtümelnde Friedrich Wilhelm I., sprachen sie das Idiom der Ludwige, Racines und Corneilles besser als die eigene Muttersprache. Friedrich Wilhelm IV., der verrückte Romantiker auf dem Thron, war der Erste, der öffentliches und sauberes Reden in der deutschen Sprache hoffähig machte (bis dahin war es höchstens salonfähig gewesen). Er regierte von 1840 bis 1861.

Bei Friedrich, dem Wassermann, ging die Frankophilie über ins Manische. Nichts verband den Jüngling mit dem kärglichen Vaterhaus, dem bescheidenen Dominium, das der liebe Gott seiner Familie zu Herrschaft anvertraut. Nahm der Staufer, in Jesi beim italienischen Ancona geboren und als italienischer Prinz erzogen, es bestenfalls als sportliche Herausforderung, auch in seine deutschen Länder Ordnung zu bringen (was ihm freilich nicht gelingen konnte), so war es beim Hohenzollern brennende Sehnsucht, auszubrechen aus der quetschenden Enge der lächerlich „Schloss“ geheißenen väterlichen Jagdhütten zu Caputh und Wusterhausen und englischer Prinz zu werden. Vierzehn Jahre, zwei Jahrsiebte lang zog sich der erbitterte Streit hin zwischen der welfischen, probritischen Mutter und dem brandenburgischen, Österreich und damit dem Reich zuneigenden Vater, der die Lösung der Frage am Ende mit Gewalt durchsetzte: Friedrich, sein Bruder August Wilhelm und die jüngere Schwester Charlotte Philippine heirateten Kinder des Fürsten von Bevern, Nichten und Neffen der Kaiserin-Gemahlin Elisabeth Christine. Friedrichs, des Kronprinzen, Schicksal und Zukunft als deutscher Fürst war besiegelt.

Man sieht hier bereits den entscheidenden Unterschied aufleuchten zwischen dem einen und dem andern Friedrich, zwischen Federico und Frédéric, dem Falkner und dem Hundeliebhaber, Schriftsteller sie beide, wenngleich aus gegensätzlicher Haltung heraus: den Kaiser Friedrich zwang die Unreife seiner Zeit, unter den Möglichkeiten zu bleiben, die ihm das Zeitalter der entstehenden Nationalstaaten zweifelsohne geboten haben würde. Den König Friedrich dagegen zwang genau dieses Zeitalter, in das er nämlich hineingeboren wurde, eine Rolle zu spielen und einen Platz einzunehmen, die er sich nicht wünschte und denen er sich, wie seine brieflichen und literarischen Zeugnisse mannigfach belegen, nicht gewachsen fühlte. Friedrich, dem Schiller nachsagte, von seinem Throne sei die deutsche Dichtung „schutzlos, ungeehrt“ gegangen, wäre wohl sicher ein Maecenas und Musenfürst geworden, hätte die eigene Stellung dies zugelassen. Goethes Herzog Karl August, dessen politischer Rang sich einzig ausdrückte in dem militärischen, den er nämlich beim preußischen Heer besaß (er machte als Generalleutnant den Ersten Koalitionskrieg im Gefolge Friedrich Wilhelms II. mit), konnte sich gar nichts anderes leisten als einen Musenhof, an dem das Geld gerade einmal zur mehr oder weniger auskömmlichen Bestallung klassischer und romantischer Kapazitäten reichte, aber zu mehr auch nicht. Friedrich, hineingepresst und geprügelt in die Rolle des Rektors der nordostdeutschen Streusandbüchse, musste König sein, musste ein Konzept entwickeln und dieses auch durchsetzen. Ohne es bei seinem Intellekt natürlich jemals zu sein, ging dieser König doch hinein in seine politische Biographie als ein Naivling, der für seine Naivität einen hohen Preis zahlen sollte. Dass er mit dem Einmarsch in Schlesien das Rendezvous des Ruhms gesucht habe, dessen Beiprodukt es wurde „de donner une figure à la Prusse“, seinem abgewrackten Preußen eine Gestalt, eine Rolle zu geben: diese Behauptung war, bei allem Kalkül, gewiss, weniger Mascerade, als man glauben mag.

Ein Naivling nun war der andere, staufische Friedrich nun gerade nicht. Aber, wir deuteten es schon an, seine Zeit war in gewisser Weise zu naiv, zu sehr jenseitsbezogen in dem starren, hämmernden Bewusstsein ihrer Kurzlebigkeit, ihrer Verfallenheit an Armut, Krankheit und Tod, als dass sie die Bögen und Sprünge hätte ermessen können, die der jugendliche Kaiser-König mit der Zeit und der Welt vorhatte. Friedrichs Dominium war die alte griechische Kolonie Sizilien, wo noch heute in manchen Gegenden ein griechischer Dialekt gesprochen wird, und ein Grieche, das heißt ein Orientale – denn dies ist einunddaselbe – war er im Herzen. Begierig nach der Wissenschaft und den Frauen, sog er das Wissen des Altertums, ob durch arabische Vermittlung oder in seiner reinen, griechischen Form in sich auf. Sein auratischer Lebensraum war die Levante, das östliche Mittelmeer, das alte oströmische Reich, dem er ein zweiter Justinian hätte sein können, der, gleich dem ersten, in Melfi und Capua seine Konstitutionen erließ, der Recht und Gesetz schuf, wo vorher Chaos und Willkür um sich griffen, und der im freien Walten des lebendigen Geistes in den Naturreichen den höchsten edelsten Beleg der Größe und des Genies Gottes des Allmächtigen erblickte.

Nicht nur die byzantinische Sedisvakanz, auch die Tatsache, dass Friedrich noch die arabische Herrschaft im Orient erlebte, die ihm keine ernsthafte Bedrohung war, begünstigte sein Wirken. Im Grunde zielte darauf der Bann der Päpste, erst Gregors des Neunten, der den Inquisitionsprozess einführte, dann Innozenz’ des Vierten, mit dem sich das Drama des Investiturstreits, mit dem letzten Salier einst gütlich beigelegt, wiederholte: was Friedrich der Zweite im Auge hatte, war nichts weniger als die Wiederherstellung eines kohärenten westöstlichen Reiches, von Deutschland über Reichsitalien und Sizilien reichend über Griechenland und Anatolien hinweg bis hin nach Syrien und Palästina, hinüber zu den Kreuzfahrerstaaten. Der Traum Alexanders und Cäsars und später Napoleons war auch Federicos Traum: das alte okzidentalisch-orientalische Reich wieder einigen, Europa zu ihren Wurzeln an der levantinischen Küste zurückführen, die Feuersbrunst, die von Troia, das nun Byzantion hieß, immer noch lodernd aufstieg seit zweieinhalbtausend Jahren, endlich löschen und Frieden einkehren lassen in die Länder rings um das große Becken zwischen Gibraltar, wo die Mauren einst den ersten Schritt auf europäischem Boden getan, bis hinüber nach Ägypten, von wo Prinz Moses einst nach dem gelobten Land Kanaan aufgebrochen.

Die Wiedervereinigung des lateinischen Westens mit dem griechischen Osten, dessen wiederum östlicher Teil unter der schon wankenden Herrschaft der Araber stand (wieder einmal tat sich ein Zeitfenster auf, Schluss zu machen ein für allemal mit der Bedrohung des Orients und Europas altes Vaterland heimzuholen ins Europäische Reich): das war Federicos großer Traum. Kaum begriffen vom überspannten und kurzatmigen deutschen Stefan-George-Nationalismus, der, zwischen Römerverehrung und Germanenstolz schwankend, nicht das feinste politische Gespür besaß, stand dieser Mann in Zeitströmen, die weit zurückreichten hinter den Bann, den das bieder-spießige Sacerdotium Romanum vor dem Geschichtsbewusstsein seiner Gläubigen errichtet hatte. Dieser Friedrich wusste, dass der Westen sich stets aus dem Orient heraus erneuert hat, so wie der Makedone Alexander nach Hyrkanien und Persien fuhr, um sich mit Roxane und Stateira zu paaren; so wie Caesar nach Ägypten ging, Kleopatra unterwarf und mit ihr die größte, berauschendste Wonne erlebte, die ein König und eine Königin wohl je miteinander erlebten. Und noch die späten Römer der Gotenzeit riefen in ihrer Not – Felix Dahn und der deutsche Professorenroman wollten es freilich anders haben – den Kaiser in Konstantinopel, der Nova Roma, zu Hilfe, der ihnen Belisarius und Narses schickte, die sie endlich von der Pest aus dem Norden befreiten. Friedrich von Sizilien wollte das alte Eurasien, wollte Asien und Europa einen. Den Titel Römischer Kaiser nahm er ernster, radikaler als alle seine Vorgänger und Nachfolger, den schwermütig-genialischen Karl den Fünften und seinen vollends indolenten, aber genialen Großneffen Rudolf vielleicht ausgenommen.

Derlei Pläne trug Frédéric le Pfilosophe, wie der Sechzehnjährige in hübscher orthographischer Unbeholfenheit gegenüber der drei Jahre älteren Schwester notifizierte, nicht mit sich herum. Es war nicht mehr die Zeit der gekrönten Theokraten – der erste staufische Friedrich hatte gar noch Karl den Großen durch den von ihm eingesetzten Gegenpapst heilig sprechen lassen –, sondern die der Philosophenkönige. Ein Männerbund war im dreizehnten Jahrhundert nur möglich als Brieffreundschaft wie die zwischen dem Kaiser und seinen arabischen Freunden, im Zeitalter des Barock aber sammelte man sich in Fruchtbringenden Gesellschaften, bald sogar in Freimaurerlogen, die bewusst an die große Zeit des Mittelalters, eben die Epoche Federicos, anknüpften und die neben Fürstlichkeiten, auf welche die Gesellschaften der Renaissance und des siebzehnten Jahrhunderts noch beinahe ausschließlich ausgerichtet gewesen, auch gewöhnliche Adlige, ja sogar schlichte Bürgersleute wie Monsieur Arouet immer häufiger in ihre Kreise rezipierten.

Mit der Demokratisierung des Denkens und des gegenseitigen Austausches wurde aber zugleich das, worauf dieser Austausch sich bezog: wurden die Leiber demokratisiert: die der Menschen und die der Staaten. Es ist vielleicht ein notwendiges Erzübel der Geschichte, dass die Höhepunkte der Geistigkeit nicht eben zusammenfallen mit passenden territoriellen Bedingungen. Die Griechen der attischen Demokratie, die wir uns als ein Volk von Hochbegabten vorstellen mögen, wären vielleicht dazu berufen gewesen, mit ihrem Geist den Erdkreis zu beherrschen; allein dieser Erdkreis, jedenfalls Griechenland, mit dem es ja hätte beginnen müssen, war in seiner Struktur nicht ausgelegt auf kohärente Herrschaft. Die intellektuellen Zirkel des frühen und mittleren achtzehnten Jahrhunderts, die die Sattelzeit in Deutschland, das Empire in Frankreich, die Regency in England vorbereiteten, diese drei fruchtbarsten Kulturepochen der neueren europäischen Geschichte: sie hatten alle geistigen und moralischen Mittel und Eignungen an der Hand, aus dieser Welt eine bessere zu machen, Prinz Friedrich mit seinem heißblütigen, emphatischen Antimachiavel war der beste Proband hierfür; jedoch, diese Welt hatte sich lange schon, seit den Erschütterungen zwischen der großen Pest im vierzehnten Jahrhundert und den Türkenkriegen zweihundert Jahre darauf, darauf eingestellt, sich selbst verbessern zu müssen, von einzelnen großen Individuen oder ihrer Peergroup nichts erwarten zu können und nichts erwarten zu dürfen. Die Länder und Völker, genauer: ihre Seelen – denn auch das Unbeseelte hat seine eigene Animalität, wie der tote Putz, der dennoch von den Wänden bröckelt –, sie hatten längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Den großen Herrschern, die sie, die Völker, im Mittelalter gehabt haben mögen – Federico war der größte unter ihnen, für die abgeklärte Postpostmoderne ohnehin nicht mehr fassbar –, war die Zeit damals nicht reif; nun, fünfhundert Jahre später, waren die Herrscher, war das Herrschertum der Zeit nicht mehr reif. Es hatte sie überlebt.

Friedrich von Brandenburg, dem es mit seinem Antimachiavel ja genau darum gegangen war: zu zeigen, dass er die Welt mitgestalten konnte und wollte, und weniger darum, moralische Grundsätze auszudiskutieren, spürte dies, die Überreife von seinesgleichen, als Erster und mit der ganzen tragischen Härte, die den Schicksalen Zuspätgekommener eignet. Sein politisches Leben war denn auch wenig anderes als der späte Nachvollzug eines altertümlich-mittelalterlichen, heroischen und sich aufstemmenden Heerkönigtums, das in seiner Zeit längst überholt war und das er in einer Mischung aus Narzissmus und Melancholie ein letztes Mal verewigte in den Büsten der Adoptivkaiser, fein säuberlich herumgruppiert um sein Landschlösschen Sanssouci, ein eingeschossiges, architektonisch eigentlich unmögliches (die Frontfassade ist eher eine Farce), dabei höchst charmantes bauliches Zeugnis aus der Spätzeit des heroischen Zeitalters. Unter dem Druck und Eindruck einer fatalen Erziehung zur Selbstverleugnung und Selbstüberwindung stürzte er sich in das schlesische Abenteuer, von dem er nicht ahnen mochte, dass es Herzstück zweier ganz anderer Abenteuer werden sollte, die das Schicksal Europas und der Welt verändern sollten: des Österreichischen Erbfolgekrieges zwischen Frankreich und Österreich und des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Russland.

Es ist ein zwischen heroischem männlichem Aufbäumen und trotziger pueriler Verweigerung changierendes Schicksal, das sie beide, Frédéric und Federico, miteinander verbindet und wiederum voneinander scheidet. Die Verweigerung des Staufers war Resistenz gegen Kritik, die des Zollern Resistenz gegen das Politische selbst. Und wo dieser sich aufbäumte gegen das, was er als Leid empfand („Quando avrà fine il mio tormento?“) und was die patriotische Schule der Fontane, Molo und Venohr folgsam als Passion erzählten, da bäumte jener sich auf gegen Prinzipien, die er als unsinnig, falsch oder unangemessen betrachtete. Friedrich von Hohenzollern hätte überhaupt darauf verzichtet, irgendein Prinzip zu haben, hätte man ihn dafür von der Bürde des Königtums, diesem überholten Tand, erlöst. Es war schon damals die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr, und nur die Ohnmacht der Völker duldete fürstliches und dann diktatoriales Heroentum noch für eine Weile, bis 1945 auch damit Schluss war. Ein hoher Bundeswehrgeneral illustrierte einen Vortrag, den er 2003 in der Berliner Preußischen Gesellschaft zur Lage im Kosovo hielt, mit dem in Jugoslawien aufgenommenen Screenshot eines Graffitos, das die Liedzeile zeigte: We don’t need another hero. Eine bittere Pointe an einem selbsternannten Hort des Heroischen.

Bei alldem verwundert es umso mehr, dass der Preuße, nicht der Staufer der Wirksamere von beiden war. Friedrichs des Andern, des Erwählten Römischen Kaisers Reichsidee scheiterte, kaum dass er ihre Verwirklichung unternommen hatte. Sein eigenes, deutsches Reich erlitt unter seiner Regierung den entscheidenden Knick in seiner Verfassungsgeschichte, festgeschrieben in den beiden Staatsgrundgesetzen, der Konföderation mit den geistlichen Fürsten, erlassen in Stellvertretung des Kaisers durch seinen Sohn Heinrich, 1231, und dem Statutum in favorem principum ein Jahr darauf. „Übergang des Reiches vom Stammes- zum Territorialverband“, ist die lexikalische Standardformel hierfür. Tatsächlich markierten sie den Beginn des deutschen Sonderweges und den partikularistisch, heute sagte man: liberal motivierten Verzicht darauf, die große, glänzende weltpolitische und weltgeschichtliche Rolle zu spielen, die dem Land zwischen Rhein und Oder zugedacht gewesen und die sein italienischer Kaiser mehr als jeder andere vor und nach ihm vor Augen und im Sinn hatte.

Das Reich zerfiel zum Partikularstaat, das ostwestliche Imperium, das europäisch-asiatische Großreich wurde nicht verwirklicht; stattdessen traten westmongolische Reiterhorden anstelle der derweil gräcisierten, verfeinerten levantinisch-ägyptischen Araber, mit denen der Kaiser sich so gut verstand. Das Papsttum distancierte sich weiter vom Kaisertum und manövrierte sich selbst damit in the long run ins Schisma (Friedrichs Epoche war auch die Epoche der aufkommenden großen spätmittelalterlichen Häresien, der Katharer und Waldenser und der ritterschaftlichen Geheimbünde, der Deutschordensherren, der Johanniter und der Templer, und sie alle waren nach Osten gerichtet: die Templer in Jerusalem, die Johanniter auf Rhodos, die Deutschen in Kurland und Semgallen). Sizilien fiel achtzehn Jahre nach Friedrichs Tod an die Franzosen, kam allerdings später über den aragonesisch-habsburgischen Umweg an Kaiser und Reich zurück, bis es ihm das nunmehr bourbonische Spanien 1735 endgültig entriss.

In einem allerdings war Friedrich politisch auf weite Sicht ungeheuer wirksam: als er 1226 die goldene Bulle von Rimini erließ, worin er den Deutschen Orden einsetzte in die Herrschaft über das Land der heidnischen Prußen, das Land, das nachmals „Preußen“ heißen, nach Tannenberg in einen polnischen und einen deutschordensherrlichen Teil zerfallen, welch 1618 an Kurbrandenburg kam, bis das Ganze 1772 wiedervereint an die nunmehrige preußische Krone fiel, die ihre Münzen nun nicht mehr auf den rex Borussorum, sondern den rex Borussiae prägen ließ. Die Geburtsstunde Preußens fand im friderizianischen Rimini statt, und es war, wie sich zeigen sollte, die Geburtsstunde des modernen Deutschland. Dass dieses alte heidnische, dann durch ärarische Zisterziensermönche und abgehärtete ritterliche Geheimbündler preußische Land an der Weichselmündung heute nicht etwa zu Polen, sondern, garantiert durch die Verträge von 1945 und 1990, zu Russland gehört, ist dabei keine Ironie, sondern ein Fingerzeig der Geschichte: so wie Federico Secondo auf Byzanz als nicht mehr leuchtendes, aber strahlendes Vorbild, so blickt das heutige Deutschland auf und nach Russland.

Eine kleine genealogische Anekdote illustriert die doppelte, byzantinisch-preußische Dimension dieses geistig-politischen Erbganges: es war der Neffe des Kaisers aus seiner Ehe mit der schönen Jolante von Brienne, Philippe von Courtenay, über dessen Tochter Katharina der Titel des Lateinischen Kaisers von Konstantinopel, dem semisalischen Recht folgend, sich durcherbte über die Häuser Valois, Burgund und Kleve bis zu jener schicksalhaften Ehe zwischen Maria von Jülich und Berg mit dem armen, von Gott und der Welt verlassenen Herzog Albrecht Friedrich von Preußen, dem sie vier Töchter schenkte, darunter Anna, die Gemahlin des Kurfürsten von Brandenburg Johann Sigismund wurde und so den einst so glorreichen, märchenhaften Titel des Kaisers von Byzanz, den höchsten Rang, den die fränkischen Kreuzfahrer seit den Tagen Gottfried von Bouillons errungen haben, in die Familie der Kurfürsten von Brandenburg, Könige in Preußen und schließlich Deutschen Kaiser brachte. Als sein Vater am 31. Mai, schon in Agonie, aber geistig klar bis zuletzt, auf dem Sterbebett, zitternd und schweißnass, die eigene Abdankung unterschrieb und mit brechender Stimme seinem Sohn Friedrich, dem einst so sehr gehassten und nun so sehr geliebten, die unsterblichen Worte entgegenhauchte: „Jetzt bin ich nicht mehr König!“ – da erbte dieser junge, schöne, vielgedemütigte und doch vielgeliebte Mann, hochsensibel und im Herzen voll Hochmut, mit dem preußischen Königsamt auch das längst erloschene des – Kaisers von Konstantinopel lateinischen Glaubens.

Es war ein friderizianischer Moment im doppelten Sinne. Der alte und der junge Friedrich, Federico und Frédéric, der stolze, gesund-arrogante Italiener, der eigentlich ein Normanne war, abgehärtet und doch zivilisiert durch die Mutter und den Geist der Zeit, und der weiche, schwäbische Französling, Zartheit im Herzen und gestählt erst durch die Faustschläge des Vaters, durch die Brutalität seiner häuslichen und dann politischen Erziehung, von dem Manöver in Dresden, als der Alte ihn vor Hoheiten und Exzellenzen blutig schlug wie einen Stalljungen, bis zur Nacht auf den Altarstufen von Elsnig: hier fanden sie in einem mystischen Akt der Translation zusammen, zueinander. Dass das byzantinische Regiment während seiner Herrschaft bei westlichen Geschlechtern lag – erst Lothringern, dann Kapetingern –, war mehr als nur eine passende Pointe auf Friedrichs von Hohenstaufen Römisches Kaisertum: er war der Kaiser des Ostens und des Westens, er verkörperte mit seinem Weltenschloss, dem er ungeniert einen eigentlich völlig übertriebenen, hier aber gerade einmal angemessenen Namen gab, verkörperte mit seinen Falken, diesen Symbolvögeln der Freiheit, des todverachtenden Individualismus, deren Dressur niemals ohne ihr schweigendes Einverständnis geschieht: er verkörperte die union sacrée, den heiligen Bund zwischen Levante und Westen , zwischen Griechen- und Lateinertum, zwischen dem Land der aufgehenden Sonne, in dem das Griechische auch nach Mohammed stets präsent war, und dem der untergehenden. Er, Federico Secondo, antizipierte in seinem Sein, dem politischen und dem privaten, die große, reißende, die ausgetrockneten Äcker benetzende Sturm- und Glückswelle der Renaissance, die zweihundert Jahre nach seinem Tod mit Macht auf Westeuropa zubranden sollte:

 

Vertrieben von Barbarenheeren,

Entrisset ihr den letzten Opferbrand

Des Orients entheiligten Altären

Und brachtet ihn dem Abendland.

Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,

Der junge Tag, im Westen neu empor,

Und auf Hesperiens Gefilden sprossten

Verjüngte Blüten Ioniens hervor.

 

Fridericus, der preußische Schlachtenlenker, der in Wahrheit ein mäßiger Taktiker, aber ein großer Konnetabel war und ein, paradox an diesem Schöngeist, noch größerer Soldatenvater („Alter Fritz auch gerade! Und die Stiefeln in die Höhe gezogen!“), wollte von der deutschen Literatur, zu deren Blüte er bei Rossbach, dem Hippokrene Deutschlands, den Samen aussäte, nichts wissen, und unverewigt bliebt er durch Schillers, des größten Dichters deutscher Zunge, Feder. Dabei war er selber Denker und Dichter, mehr als jeder schreibende deutsche Fürst es seit der Renaissance war, ein echter Poet und ein echter Intellektueller auf dem Thron, der mit ungespielter Wehmut dachte an seinen verfehlten Beruf:

 

Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust.

 

Auf und an ihn, den Künstler, hätten Schillers Verse gerichtet sein können, auch wenn er der Nachwelt nichts so Ikonisches hinterlassen hat wie Federico ihr sein Buch über die Falkenjagd. Aber das Schicksal wollte, das der Schriftsteller Friedrich vergessen ward, während die Welt, seit Stefan George und seinem Kreis spätestens, den Künstler Federico feiert:

 

Vor allen aber strahlte von der Staufischen  

Ahnmutter aus dem süden her zu gast

Gerufen an dem arm des schönen Enzio

Der Grösste Friedrich · wahren volkes sehnen ·

Zum Karlen- und Ottonen-plan im blick

Des Morgenlandes ungeheuren traum ·  

Weisheit der Kabbala und Römerwürde

Feste von Agrigent und Selinunt.

 

Stefan Georges Siebenter Ring, so sehr er sich müht, in der eidetischen Annäherung an seinen Kaiser aufzugehen, verrät doch ganz die kraftlose Dekadenz des Jugendstils, die unglaubliche Geschichtsblindheit, die damals schon in Deutschland Mode war und die zu unsinnigen politischen Konzepten wie dem Bündnis mit der Türkei 1914 führte oder dem vorsätzlich herbeigeführten Bruch mit Russland. „Volkes Sehnen“ ist ein Mann wie Federico nie, so wenig wie ein Mann wie Frédéric de Brandenbourg. Schöngeister und Gewaltmenschen, wie sie beide waren, eigenen sich vielleicht für den Thron, aber nicht für die Tribüne, schon gar nicht für die völkische. Volkstümlich jedenfalls war keiner von ihnen im eigentlichen Sinne. Die Nachwelt bestrickten sie beide mehr als ihre blasse Gegenwart, die sie als Quälgeister und Antichristen wahrnahm, besessen vom Bataillieren, von edlen Hunden und Greifvögeln und vom Bau stolzer, kostspieliger Kastelle, auf denen sie dann im vertrauten Kreis über Gott und die Welt philosophierten, sich mühsam entspannend bei rassigen italienischen Frauen der eine, bei adligen preußischen Zöglingen der andere:

 

Potsdam, o Du verfluchtes Loch!

Führst Du doch heut in die Hölle noch,

Und nähmst ihn mit, mitsamt seinen Hunden,

Da wär der auch gleich mit abgefunden.

Schont nicht Fremde, nicht Landeskinder,

Immer derselbe Menschenschinder,

Immer dieselbe, verfluchte Ravage,

Potsdam, o Du große Blamage!

 

Sicher liegt hierin das tiefere Dilemma in der Rezeption beider Männer, der populären wie der wissenschaftlichen, die insbesondere in Deutschland nach dem Muster vorgeht, das Otto von Bismarck in das lustige Bild eines Menschen fasste, der, indem er einen engen Waldweg entlanggehe, eine lange Stange der Breite nach im Mund trage. Während der Staufer so weit von uns entfernt ist, dass seine Figur für allerlei Romantizismus herangezogen wurde, so ist uns der Hohenzoller zu nah, als dass man nicht der Verführung erläge, sein Wirken und seine Persönlichkeit einzuordnen in die Kontexte von Aufklärung, Revolution und Reformen. Hier wie dort führen derlei Einordnungen nicht weiter: Beide Männer folgten einer Reichsidee, beide scheiterten an ihr. Federico wollte Camelot ins Politische übersetzen, und hatte sich als Standort dieses Camelot die alte Magna Graecia, Kornkammer des Mittelmeeres, Gefechtsstand und Beobachtungsposten ausgesucht, Trinakria, die insulare Dreifaltigkeit, auf der Griechentum, Italität und Orientalität einander die Hand reichten (dass das Griechische etwa in Georges Federico-Rezeption keine Rolle von Gewicht spielt, zeigt, wie sehr dem deutschen lyrischen Nationalismus zur Kraft die Kultur, zur stählernen Faust der Feinschliff fehlte, um in der Welt zu wirken). Frédéric dagegen wollte das Politische nach Camelot zurückführen, wollte die Büchse der Pandora der großen Politik aufgehoben wissen in seiner Gralsburg Ohnesorge auf dem Weinberg zu Potsdam, wo das Brackwasser des Titanenkampfes, der doch nur ein blutiges und schmutziges Ränkespiel ist, zurückverwandelt würde in funkelnden Wein. Doch wie dem Staufer am Ende nur mehr sein Kastell blieb, nur die Liebhaberei statt der tatsächlichen Macht: so blieb dem Preußen am Schluss statt der geliebten Liebhaberei nur die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, blieb ihm nur noch der schäbige blaue Rock, in den der Vater ihn einst gesteckt, der Sterbekittel, der durch ihn schließlich zum Symbol wurde, fortlebend noch im immer etwas bläulich schimmernden Feldgrau vom Kaiserlichen Heer des Weltkriegs bis zu den Armeen der beiden deutschen Staaten.

Königsberg und Konstantinopel: zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Geschichte dieser beiden Männer ab. Wäre Federico als Angehöriger der Komnenen oder Laskariden geboren worden, er hätte, von der anderen Seite des Meeres kommend, vielleicht das Riesenwerk der Einigung Eurasiens vollbracht, an dem der deutsche Kaiser als geistlicher Untertan des Bischofs von Rom scheiterte, scheitern musste. Und Frédéric? Wäre als Herzog von Preußen, bis zum Großen Kurfürsten noch Lehnsmann des Königs von Polen und so verwurzelt im alten Reich und im „neuen“, östlichen Europa gleichermaßen, vielleicht glücklicher geworden, hätte das Leben eines Tempelherrn, Vorstehers eines musisch-ritterlichen Männergeheimbundes geführt, das ihm so sehr stand, ihm, dem Freimaurer und Geheimgesellschafter zu Rheinsberg, das er romantisch-antikisierend nur „Remusberg“ nannte, da hier der erschlagene Bruder des Romulus, der offenbar doch nicht erschlagen, weitab vom Mittelmeer der Legende nach ein eigenes Reich, gleichsam ein askanisches Hyperboreia begründet habe. Der Prinz von Remusberg zu Königsberg (was für ein passender Name für ein friderizianisches Camelot!), Senior des Ordens der geistigen und weltlichen Erneuerung, und der Kaiser des Ostens und des Westens, in Personalunion Patriarch der einen unierten Kirche, Gebieter über das ganze Mittelmeer von Spanien und dem Arelat bis nach Syrien und Ägypten und Erneuerer aller Reiche, von denen die europäische Menschheit je geträumt: was wäre dies für ein Gespann, was wären dies für anders große, erfüllte und märchenhafte Leben geworden!

Das Schicksal wollte es anders. So wenig Federico das europäische Reich retten konnte, das in der wackeligen Kohabitation von Aachen und Byzanz vierhundert Jahre lang bestanden hatte, so wenig vermochte der Chevalier von Brandenburg die Idee des Königtums zu retten. Drei Jahre, nachdem er auf Sanssouci den letzten Hauch tat, stürmte das Volk in Paris, das immer die Stadt seiner Träume gewesen, die Bastille, rutschte ausgerechnet Frankreich, das bewunderte Vorbild, die Krone der Staatskunst, dessen größten Sohn Arouet er, Flüchtling und Spion dieser zugleich, drei Jahre lang auf Ohnesorge beherbergt hatte, ins Chaos, in den Dreck, und sein Retter, der Griechenjüngling aus Korsika, Hauptmann Bonaparte, führte es nur aus diesem Chaos, um nach vollzogener Transition in die neue Zeit selbst wieder schmählich abzutreten vom Parkett der Weltbühne, ausgeschlossen, ausgestoßen auf das schwüle Eiland vor Afrika. Geliebt wurden sie beide, der Korse und der Preuße, aber die Liebe rettete sie nicht vor dem politischen Tod.

Das brauchte sie freilich auch nicht, denn die Liebe ist ewig, nicht nur die Liebe im Privaten, sondern auch die Liebe in der Politik. Was sehnte der kleine Prinz Frédéric sich nach Liebe, der hochbegabte, hochsensible, blutig geschlagene, gedemütigte und verfemte Princillon, als Jüngling schon vom grausamen Vater aus irgendeiner grausamen Laune heraus vom Obristen zum Fähndrich degradiert, als Erwachsener vom Reichstag zu Regensburg in die schändliche Acht getan, zur Fahndung ausgerufen wie ein Wilddieb und Brunnenvergifter, notifiziert offiziell als reichsrebellischer Markgraf, nicht als der König, der er war! Wie reich, wie überschäumend wurde sie ihm zuteil, diese Liebe, nach der er sich immer brennend verzehrt hat, er, der Weiche, Zarte, dessen Weg zum Manne ein so dornenreicher war; der diesen Weg, Taminos Ganz durchs Feuer, so krüpppelhaft und so glorreich beschritt und zuende schritt:

 

Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert,

Ach, hättest Du nur öfters zu plündern permittiert…

Fridericus Rex, mein König und Held,

Wir schlügen den Teufel für Dich aus der Welt.

 

Größere Liebe erfuhr keiner in der neueren Geschichte der Könige und großen Männer, ausgenommen nur Kennedy, der letzte Märchenprinz auf dem Stuhl einer großen europäischen Macht (denn Kennedys Amerika war noch ein europäisches Amerika). Was hätten seine Grenadiers und Musketiers, stinkend, schwitzend, hungernd und elendiglich verreckend in Schnee und Eis, in Schlamm und Matsch ihm, dem großen Benützer, dem rasenden Egoisten und Egozentriker nicht alles vorwerfen können! Den Hunger und den Durst, die Hitze und den Frost, der ihre Hände und Füße verstümmelte, die verpesteten Pfützen, aus denen sie ihren Durst stillten, und das verschimmelte graue Brot, das sorgfältig mit den Ratten sie sich teilten, die Bajonettstiche in den Bauch, die Lungenschüsse und zerfetzten Gedärme, die zerrissenen Hoden und abgehackten Gliedmaßen, das Blut, das sie spieen, den verdorbenen Stuhl, den sie ausschieden unter höllischen Krämpfen, die zehntausend Kilometer, die sie hin- und hermarschierten in schlechten, zerrissenen Stiefeln, ohne Mantel im Winter, die nackten Hände auf dem blanken, vor Kälte klirrenden Gewehrlauf, in den sieben endlosen Jahren des Entscheidungskampfes um Schlesien, ihre Witwen endlich, die sich zergrämten, alleingelassen in der Blüte des Lebens und ausgeliefert einer harten, brutalen Welt, die Waisen, greinend und hilflos ohne den liebenden Vater, all das vergossene Blut, die bitteren Tränen, die Wut, die Verzweiflung, die Angst und den ekligen, hässlichen Tod, den sie für ihn starben!

Aber nein: das einzige, was sie ihm, dem geliebten, schnöseligen Prinzen mit seiner Flöte, seinen unsinnig teuren Tabatièren und französischen Gilets, seinen angeberischen, hochgezüchteten Windhunden und seiner verschnörkelten, klassizistischen Sprache vorwarfen, war dies eine: dass er, der korrekte General, sie nicht genügend hat plündern lassen. Es ist die schönste, rührendste und tiefste Pointe der jüngeren Weltgeschichte: es ist das Lächeln der masochistischen Geliebten, ausgepeitscht bis zur Folterung durch den arroganten, selbstsüchtigen Liebhaber, der sie dominiert und den sie nur „den Prinzen“, „den Schönen“ nennt, dieses schönste, herrlichste Lächeln überhaupt, das es gibt in dieser Menschenwelt, das Lächeln der absoluten Hingabe: der absoluten Selbstaufgabe, das stolz und bekennend sich lagert über das Weinen vor Schmerz, ihr Weinen, deren Rücken schon blutig ist und deren Geschlecht schmerzt von der Heftigkeit des Verkehrs: I let you set the pace, ’cause I’m not thinkin’ straight. Geduldig lässt sie das Werk über sich ergehen, nimmt seine Schläge und harten Stöße freudig auf, und als er fertig ist und er sie fragt, ob es ihr auch wehgetan habe, lächelt sie ihn strahlend an und sagt: „ja“. Und auch jetzt noch, jetzt erst recht schlüge sie und schlügen sie den Teufel für ihn aus der Welt. Denn sie liebt ihn, der sie achtlos behandelt als Besitz, und sie, die Soldaten, lieben ihn, den Vielgeliebten, der ihr Herr ist und verfügt über ihre Leiber und ihre Seelen, ce beau prince sans merci. Es ist das Todeslächeln, das seine Grenadiere in der Agonie ihrem Fridericus, ihrem roi charmant schenkten, dem Märchenprinzen von Charlottenburg, dem Kavalier von Brandenburg:

 

I once had sons, but now have none,

I bred them toiling sairly,

And I would bear them all again

And loose them all for Chairlie –

 

So sang die schottische Mutter, die unter Blut und Schmerzen ihre Söhne gebar, die einen nach dem andern sterben sah und die alle noch einmal austragen, noch einmal gebären und noch einmal hergeben würde, wie die Heilige Jungfrau, die Venus von Nazareth, ihren eingeborenen Sohn hingab, damit er, Prince Charlie, lebe! Und so gäben sie alle ihre Leben noch einmal und wieder und wieder, damit er, König Friedrich, der Jüngling-Vater, lebe:

 

Da lächeln all vier, und der eine spricht:

‚Nee, Freund Budiker, so geht es nicht!

Du kannst mal zuhören, wenn wir fluchen,

Aber du darfst es nicht selber versuchen.

Wir dürfen frech sein und schimpfen und schwören,

Weil wir selber dazu gehören

Wir dürfen reden vom Menschenschinder,

Dafür sind wir ja seine Kinder.

Potsdam, o Du verfluchtes Loch –

Aber er ist unser König doch,

Unser großer König! Gott soll mich verderben,

Wollt’ ich nicht gleich für den Fritzen sterben!

 

Dem Stauferkaiser blieben solch heiße Liebesschwüre versagt. Nicht freilich, weil er ihrer nicht würdig gewesen, sondern weil er ihrer nicht bedurfte, oder: nicht zu bedürfen schien, vor allem aber, natürlich, weil es nicht die Zeit war für die große Aufbietung von Gefühlen. Gefühle, überhaupt! Wenn es die überhaupt gab im Mittelalter, dann richteten sie sich aufs Jenseits, auf Gott und die andere Welt, l’altra vita, in dem der Sohn Gottes Gerichtstag halten würde zu richten die Lebenden und die Toten. Ein expliziter Diesseitsbezug in Denken und Fühlen tauchte erst auf, als man merket, wie gefährlich und gefährdet dieses Diesseits war: als die große Pest, die zuletzt zu Zeiten Justinians und des Herakleios gewütet und in deren giftiger Winde Schatten die Araber die Festung Europa, deren Grenze damals noch in Syrien verlief, berannten und stürmten, als die Pest nun nach sechs Jahrhunderten mit Gewalt wiederkehrte, inmitten des nervösen vierzehnten Jahrhunderts. Da besannen sie sich auf einmal auf sich selbst, so sichtbar und eindeutig konfrontiert mit der Unerbittlichkeit Gottes, die in einigen das Gefühl entstehen ließ, dieser Gott sei vielleicht deshalb so unerbittlich, weil die Bitten der Erdenkinder gar nicht zu ihm drängen, weil es diesen Gott womöglich gar nicht gebe? Da bestieg Petrarca, der erste Verliebte der neuen Zeit, den Mons ventosus, eine unerhörte, so gar nicht christlich-bescheidene Eigenmächtigkeit, und Boccaccio schrieb seinen Decamerone, die erste moderne Beschreibung einer Sexparty, hastig und mit erstaunlicher, ganz ungewohnter Entschlossenheit ausgerichtet von Menschen, die fühlten, dass „über ihnen der Tod schon die knochigen Hände kreuzte“ und dass er vielleicht besser sei, das Leben, das, immerhin, einem im Wege des schicksalhaften Zufallens geschenkt worden, einfach zu leben, so lange es noch sei. Eine neue Ordnung der Zeiten führte sich ein.

Unter den Gestalten des Mittelalters wirkt er statuarisch wie Napoleon und Caesar, nicht quecksilbrig wie Fridericus und Alexander. Nervös waren beide Friedriche, der Schwabe wie der Brandenburger, doch bei diesem kam zum Nerv die Emotion, bei jenem dagegen der Trieb. Erblickte Friedrich Hohenzollern im Tier den Spiegel der eignen geschundenen Seele – ein Erblicken, das ihn zu seinem Windspiel Arsinoe bald vor seinem sagen ließ: „Sie sagen, Du habest keine Seele, mein Liebling, aber siehe! Du hast eine, gewiss.“ –, so sah Federico im Falken kein Objekt der Trauer über die Härte und Gemeinheit der Welt, sondern vielmehr die ultimative Bestätigung der Herrlichkeit des Daseins durch die Naturreiche, der Kraft, zu welcher der Mensch fähig, durch das Tier, dem Logos und Ethos nicht im Wege.

Aus beiden Friedrichen strahlt Herrlichkeit und eine ungeheure Männlichkeit. Um dieser Männlichkeit willen wurden beide von falschen Elternfiguren erbittert und mit aller körperlichen und seelischen Brutalität und Grausamkeit bekämpft: der eine durch das Papsttum, das seine Schergen und Bannprediger losließ auf den stolzen Löwen Federico; der andere durch den Proletenvater und dann durch die Betschwester in ihrer Hofburg, diesem klösterlichen Gemäuer, und ihre Gefährtinnen in Paris und Sankt Petersburg. Es waren ins Politische versetzte Eltern-Sohn-Konflikte, diese beiden Schicksale, es war abgrundtiefer, bodenloser Hass auf Individuation, auf Individualität, den beide sich zuzogen, der beiden die Biographie, die politische und auch die private, ruinierte und verhunzte. War nicht der stolze sizilianische Prinz, der Sohn der Konstanze und Gatte der schönen Jolanda, eingezogen in die Grabeskapelle zu Jerusalem, das Haupt in Demut gesenkt, so demütig, wie nur ein Stolzer es sein kann? Hatte nicht der Preußenprinz die schlesischen Stände, die Schönaichs und Hatzfeldts, die Hochbergs und Gersdorffs, die Geistlichkeit und das Patriziat, nachdem das alte, stolze Breslau kampflos genommen ward, den Untertaneneid auf den eigenen Degen statt auf das in Berlin in der Rumpelkammer vergessene Reichsschwert leisten lassen? Waren sie nicht Dichter und Krieger, Literaten und Feldherrn in einem gewesen, Beispiele der höchsten, schönsten Blüte, die Männlichkeit auf dem Thron erreichen kann? Und hatte die Umwelt, die Epoche, in der sie lebten, zu leben verdammt waren, nicht alles daran gesetzt, diese Blüte welk zu machen, nicht alles daran gesetzt, das zarte Pflänzchen zu vernichten, das da emporwuchs, unaufhaltsam, treibend noch in der größten Dürre, noch in der übelsten Vernachlässigung? Wunder an Kraft, Wunder an Schöpferkraft und an Überlebenswillen sind diese beiden, Federico Secondo und Frédéric II. Söhne eines Zeitabschnitts sogar, wenn man, wie die französische Geschichtswissenschaft, das Mittelalter nicht mit der Reformation, sondern erst mit der Revolution enden lässt, Kinder der Renaissance auch, desselben Äons, der eine ihr Gebärer, der andere ihr Vollender.

Freilich, der preußische Friedrich lebte in kleineren Dimensionen, und kleiner waren auch die Dimensionen, kleinteiliger die Verhältnisse, in denen er dachte und wirkte. Längst hatte das Papsttum seine Rolle als hemmender, lähmender und einschläfernder Dominator des westlichen Europa eingebüßt, längst überflügelt durch die Gewalt des Sturmwelle Luthers, welche Britannien weitertrug, hinaus auf die Weltmeere, ein neues Reich, eine neue Welt, und zwar eine innere und äußere, zu schaffen. Links von Rom lag nun Amerika, das Ziehkind Englands, und rechts von ihm Russland, seit der Ehe der Prinzessin Zoe Palaiologina mit dem Zaren Iwan III., zwanzig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, der Statthalter Europas an der mohammedanischen Front. Nicht die Welt an sich, die Große Politik waren kleiner geworden, im Gegenteil: in den Vereinigten Staaten, die ihren ersten völkerrechtlichen Vertrag mit Friedrichs Preußen im Jahr 1785 schlossen, kündigte sich eine Kultur des selbstverständlichen think big an, die auch den großen europäischen Mächten, von Spanien einmal abgesehen, das indessen seit der bourbonischen Machtübernahme in die Bedeutungslosigkeit versunken war, nicht geläufig war, geschweige denn dem armen Mittelstaat Preußen. Aber die Rolle Deutschlands und damit Europas, die Rolle der römischen Welt schrumpfte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das Deutschland der Reformation, also Preußen, dessen König seit dem Großen Kurfürsten und dem Edikt von Potsdam als supremum caput reformatae religonis galt (auf merkwürdige Weise verband dies Preußen geistig-politisch zugleich mit Großbritannien und Russland, denn es rückte es jedenfalls aus dem alten, präreformatorischen Kontext der europäischen Machtpolitik mit zwei katholischen Souveränen als Antagonisten): dieses Deutschland stieg in der preußischen Persona auf zu Macht, Geltung und Bedeutsamkeit, als links und rechts von ihm, geschieden durch einen Ozean und ein Faltengebirge, durch den Atlantik und den Ural, zwei neue, ganz andere, unglaublich leibliche, physisch potente Mächte emporstiegen, vor denen selbst das mächtige Frankreich nichts mehr galt.

Friedrich, der Schöngeist und Freidenker, stand so vor einer doppelten Herausforderung: sich selbst eine politische Figur und seinem Staat eine weltpolitische Figur geben zu sollen. In gewisser Weise verband ihn dies wieder mit Friedrich Hohenstaufen: so wie der zwischen deutscher und orientalischer Frage stand und zwischen ihnen zerrissen wurde: so stand Friedrich zwischen Ost und West und traf bis zuletzt keine Entscheidung für einen von beiden. Die Franzosen liebte er, ohne sie, die sich bei Rossbach aus dem Krieg verabschiedet hatten, achten zu können; auf die Russen blickte er herab, ohne sie, die ihm die Krone, das Reich und das Leben gerettet, doch zugleich geringschätzen zu können. An ihrer Seite machte der schon vergreisende König in den Siebzigerjahren überhaupt erst den ersten Schritt in die richtige, großdimensionierte Machtpolitik: die Annexion Preußens königlichen Anteils, die Einverleibung des im Thorner Frieden dreihundert Jahre zu vor einst an das mächtige Polen-Litauen verlorengegangenen kompletten Stammlandes seiner Preußen, die Heimholung des Deutschordenslandes durch den Freimaurer. Zur selben Zeit geschah dies, als die Kaiserin Jekaterina die Krim und Novorossija eroberte, das alte Stammland der Kiewer Großfürsten, aus denen das moskowitische Zarentum hervorging.

Friedrich Hohenstaufen hatte die zerstrittenen deutschen Fürsten im Rücken, deren Länder er, obwohl sämtlich formaliter Reichslehen, nicht in der Weise akkumulieren konnte, wie es im Westfrankenreich bereits vor Karl dem Großen geschehen. Hier wie da fehlten Deutschland vierhundert Jahre Rückstand, dem Staufer gegenüber Frankreich, dem Preußen gegenüber Europa. In einem Europa des frühen dreizehnten Jahrhunderts hätte ein Friedrich der Große Deutschland konsolidieren und damit die Voraussetzung für eine staufische Weltpolitik fünf Jahrhunderte später schaffen können. Federico Secondo, hätte er im achtzehnten Jahrhundert gelebt, wäre ein Napoleon avant la lettre geworden, unbelastet vom Odium der Revolution, das es vermochte, sogar die Erzfeinde Russland und England, den Sultan noch an ihrer Seite, gegen ihn aufzubringen, hätte, Italiener wie der Korse, doch ungleich mehr credibility besessen als legitimer Erbkönig und als Deutscher, aus der Mitte Europas kommend und nicht seiner keltisch-fränkischen Peripherie, deren siècle d’or zu Zeiten des Empire lange vorbei war.

Ein wesentlicher Unterschied liegt zwischen dem Staufer und dem Preußen, und er liegt in ihrem Verhältnis zur Väterlichkeit. Der Staufer als Originalgenie, das den Vater nie verlor und ewig am übermenschlichen Großvater gemessen wurde, den es nie kennen lernte, wurde aufgezogen in dem Bewusstsein, sein eigener Vater zu sein. Als Kind schon erhielt er die sizilianische Krone, keine zwanzig war er, als er im Kampf um die römisch-deutsche Krone obsiegte, und dem Sechsundzwanzigjährigen setzte der Papst in Rom die Kaiserkrone auf. Ohne Willen, ohne allergrößte Kraftanstrengung ist dieser Lebenslauf nicht vorstellbar. Früh wurde Federico in die Rolle hineinerzogen, der Welt, die ihm zu Füßen lag, Vater zu sein, früh musste er indes feststellen, dass diese Rolle ihm mit Gewalt und monströser Zähigkeit bestritten wurde durch den, der sich qua Amt zum Vater, zum Hirten der Völker bestellt sah.

Ganz anders dagegen Frédéric le Philosophe. Sein Leben war diktiert nicht von physischer Vaterlosigkeit, aber von dem melancholischen Schmerz dessen, der sich früh bewusst ist, den „falschen“ Vater zu haben, und der viel Lebenskraft darein investiert, sich an dieser Fehldisposition, die strenggenommen keine, jedenfalls keine irdische, ist, abzuarbeiten. Man hat gute Gründe, Friedrichs des Großen Heldenreise zu erzählen als eine Suche nach dem verlorenen Vater. In Wahrheit aber war es, das weiß die Psychologie, viel eher die Suche nach der Mutter, und zwar nach der guten, bejahenden Mutter. Das Böse als Vater, als Mann: das war nur äußere Hülle, war nur die Gestalt, die das Inkarnat des Archetypus der böse,n verschlingenden Mutter, der Kali annahm, welcher der Prinz Aphrodite als ersehntes und verfehltes Ideal entgegensetzte. Und so sehnte Friedrich der Einzige, der Jüngere, im Grunde sich nach Friedrich dem Apulier, dem Älteren, den er anrief in seinen grellen Alpträumen, die ihn heimsuchten seit der terrorisierten Kindheit, seitdem der Vater ihn morgens mit der Vorhangskordel zu erdrosseln drohte, und noch in jenen bitterkalten oder süßlichschwülen Nächten, in denen „auf einer Trommel der Held saß“, wie es die biedermeierliche Legende wissen wollte, seiner Schlacht denkend, während ihm in Wahrheit doch einfach nur kalt ums Herz war, um das Herz, das, des liebenden, mütterlichen, umgebenden Schoßes beraubt, auf den Vater, den Retter in der Not, den deus ex machina den Blick voll Angst und Sehnsucht wandte:

 

„Aber selbst mit den Adlern als Bundesgenossen waren sie noch an Zahl unterlegen. Und in dieser letzten Stunde erschien Beorn. Keiner wusste, wie und woher er kam. Er kam allein und in Bärengestalt. Ja, er schien in seiner Wut zu einem riesigen Untier geworden zu sein. Sein Gebrüll klang wie Paukendröhnen und Kanonendonner. Er fegte Wölfe und Orks wie Strohhalme und Federn aus dem Weg. Dann fiel er über die Nachhut her und brach wie ein Donnerschlag durch den Ring, den die Orks um die Zwerge geschlossen hatten. Auf einer niedrigen Hügelkuppe hatten sich die Zwerge um ihre Fürsten geschart. Beorn hielt inne und hob Thorin auf, der von Speeren getroffen war, und er trug ihn aus dem Tumult. Rasch kehrte Beorn zurück. Sein Zorn hatte sich verdoppelt, nichts widerstand ihm, keine Waffe schien gegen ihn etwas zu nützen. Erjagte die Leibwache auseinander, fasste Bolg und zermalmte ihn. Da überfiel Entsetzen die Orks und sie flohen nach allen Richtungen.“ 

Standard
Essay, Geschichte, Politik und Gesellschaft

Die europäische Frage und Deutschland. Gedanken zum dritten Oktober

Von Max Weber stammt der Satz, die deutsche Einigung sei ein Jugendstreich, den das Land auf seine alten Tage lieber unterlassen hätte, wenn diese Einheit nicht zugleich Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte. Die Einheit, von der Weber hier sprach, war natürlich die erste, Bismarcksche, jene Erklärung zweiundzwanzig deutscher Fürsten und sowie der Senate der drei souveränen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck im Jahre 1870, miteinander einen ewigen Bund zu schließen. Der frühe Weber mag nach den Maßstäben der linken Bielefelder Schule ein glühender Nationalist gewesen sein; seiner Feststellung wohnte gleichwohl nichts Irrationales oder platt Voluntaristisches inne, wenn er in ihr implizit die Forderung aufstellte, das frisch gebackene deutsche Reich müsse entweder etwas in der Welt bewegen wollen, oder aber es hätte sich am besten gar nicht erst konstituiert.

Dem Bismarckschen Topos von der Saturiertheit des jungen Reiches, der hier gern als Konterthese angeführt wird, wohnte nämlich tatsächlich weniger Besinnung, als Resignation, ja Melancholie inne, die dann und wann die Grenze zur Selbstdestruktivität streifte. Es war zur Zeit des aufbrechenden Konflikts mit dem jungen Kaiser Wilhelm II., als der Isegrimm auf Schloss Friedrichsruh offen davon zu phantasieren begann, den Reichstag abzuschaffen und das Reich selbst in einen normalen Fürstenbund nach Art des 1866 auf dem Blutfeld von Königgrätz untergegangenen Deutschen Bundes zurückzuverwandeln. Saturiert wäre dieser neue Deutsche Bund dann allemal gewesen – aber ebenso politisch, das heißt außenpolitisch handlungsunfähig und historisch ein unglaublicher Anachronismus, eine fürstliche Eidgenossenschaft im Vergrößerungsglas, schlicht: ein politisches Unding.

Natürlich kam es anders. Die konstitutionelle Ordnung des Deutschen Reiches wurde nicht angetastet, aber Bismarck wurde entlassen, während sein Kaiser das Land in genau die Richtung zu treiben begann, die Weber, der der gleichen Generation wie der Kaiser angehörte, im Sinne gehabt. Von Wilhelm bis Hitler, von 1890 bis 1945, trieb Deutschland Politik, Weltpolitik, bewegte es etwas in der Welt – wohin freilich dies führte, ist uns allen bekannt. Die Stunde Null, das schicksalhafte Jahr 1945, markiert eine menschliche und moralische Katastrophe, ebenso wie, ja geradewegs indem sie das schuldvolle und schuldhafte Scheitern deutscher Weltpolitik markiert.

Dabei war 1945 weltpolitisch und universalgeschichtlich längst nicht die große Wendemarke, als welche sie die leider nach wie vor ziemlich provinzielle offiziöse deutsche Geschichtswissenschaft ihren Leser und Zuhörern nur allzu gern verkauft. Das war vielmehr 1914, vielleicht auch 1919 oder 1867, für einige auch 1878, das Jahr des Berliner Kongresses, oder 1923, das Jahr des Lausanner Vertrages; aber gewiss nicht 1945, das Jahr nicht „des“, sondern zweier separater Kriegsenden, nämlich des europäischen – oder vielmehr deutschen – 8. Mais und des japanisch-chinesischen, fernöstlichen 2. Septembers, die folgerichtig noch heute, in den USA genauso wie in Russland, als zwei separate Feiertage, begangen werden, der eine für den Sieg in Europa, der andere für den Sieg in Fernost.

Eine Wendemarke war 1945 aber ganz sicher für Deutschland, das damals aufhörte, das Reich zu sein, das sich zu nennen es gerade einmal runde siebzig Jahre gewohnt war, um von diesem Status jäh hinabzusinken auf den eines bloßen Landes, eines unter fremder Verwaltung stehenden Zonenstaates. Auf seinen ersten offiziellen Staatsbesuchen hörte der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht selten anstelle einer Nationalhymne, die es offiziell nicht mehr beziehungsweise noch nicht wieder gab, das Lied „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, einen damals beliebten Schlager, der jene Stimmung vorwegnahm, die fortan und bis ins nun siebenundsechzigste Jahr seines Bestehens das nationalkulturelle Markzeichen des Landes werden sollte, weithin vernehmbar in die fernsten Winkel der Erde: Ironie. Manchmal spielte das Musikkorps des Landes, dem der neue Kanzler seine Aufwartung machte, auch die Melodie zum Lied „Heidewitzka, Herr Kapitän“, die Erkennungsmelodie des neuen Rheinbundes, als den viele, allen voran der Kölner Katholik Adenauer selbst, die neue, junge Bundesrepublik betrachteten, ein Territorium etwa auf dem Gebiet jenes kurzlebigen Königreichs Westfalen, das der große Napoleon hundertfünfzig Jahre zuvor unter dem Regime seines überforderten, aber immer heiteren und etwas retardierten Bruders Jerôme errichtet hatte, zuzüglich der vier alten süddeutschen Staaten Hessen, Baden Württemberg und zuletzt Bayern, dem der Aufteilungsplan der großen Drei, auf Schloss Cecilienhof im Spätsommer 1945 beschlossen, so endlich die Chance gab, aus der auratischen Nähe zu Osteuropa, zum slawisch-habsburgisch-balkanischen Verbund auszuscheiden und eine westeuropäische Musterregion zu werden.

Der Status, ein besetztes Land zu sein, hat das Bewusstsein der Bundesrepublik in seiner Tiefe geprägt, und es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Psychologie wie der Völkerpsychologie, dass derlei Prägungen erst dann an die Oberfläche treten, wenn sie wenigstens de jure nicht mehr in Kraft sind. Der Antiamerikanismus unserer Zeit, meistens ein Projekt von Angehörigen der Babyboomer- und nachfolgender, also junger Generationen, reflektiert diesen Astralschmerz von Eltern und Großeltern, die aus der aktiven Partizipation am politischen Leben und also auch am Herumwälzen solcher Problematiken längst ausgestiegen sind. Tatsächlich handelt es sich bei ihm um nichts als ein verschlepptes Virus, um das Traktieren und Wiederkäuen der Kalter-Kriegs-Situation, die mit der Unterzeichnung des Einigungsvertrages und seinem Inkrafttreten am heutigen dritten Oktober vor fünfundzwanzig Jahren sein Ende, oder wenigstens die manifeste, unwiderrufliche Ankündigung dieses Endes, fand (endgültig zuende war er dann mit der Auflösung der Sowjetunion und der Transition Russlands unter der Regierung Jelzin Ende 1991). Amerikahass ist in einem Deutschland, in dem das Auswendiglernen von Schillers „Glocke“ verpönt ist und das seine Wehrpflicht abgeschafft hat, nur die Camouflage eines ihm tief innewohnenden Selbsthasses.

Die Entlassung Deutschlands in Einheit und Souveränität durch die ehemaligen Sieger- und Besatzerstaaten wirkt universalgeschichtlich betrachtet als ein Akt von so überbordender Großzügigkeit, dass man unwillkürlich ins Fragen kommt, wie denn Deutschland, beziehungsweise die beiden Deutschlands, die es von 1949 bis eben 1990 unter diesem Namen gab, zu der Ehre gekommen sei; wie es sich diese Ehre, dieses unverhoffte Glück denn verdient habe. Tatsächlich hat es weder das eine noch das andere, und zwar ganz einfach darum, dass dieser Akt von Nahem betrachtet wenig von Großzügigkeit an sich hat. Die großen Fügungen in der Geschichte sind nie, oder doch höchst selten, Ergebnisse von Leistung oder Kraftanstrengungen; sondern es sind eben – Fügungen. Das Schwinden der Blocksituation, das sich, in den Siebzigerjahren bereits angekündigt, mit dem finalen Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion seit Beginn der Achtziger und dem Amtsantritt Gorbatschows 1986 unübersehbar bemerkbar machte, brachte die entscheidende, hinreichende Bedingung der Teilung Deutschlands, und damit seiner Negation als souveräner unitarischer Staat, in Fortfall. Die neue geopolitische Konstellation, das erkannte schon um 1970 der polnische Graf Brzezinski, seines Zeichens Sicherheitsberater unter Jimmy Carter und schon unter Kennedy und Johnson nicht ohne Einfluss, würde nicht die russisch-amerikanische sein, sondern die westlich-fernöstliche, mit dem Orient, also dem eigentlichen, klassischen Osten Europas, der sich von Adrianopel bis Kabul, vom ionischen Westen der Türkei bis an den Rand des Himalaya erstreckt und auf dessen Territorium von Zarathustra über Homer bis auf Jesus von Nazareth sich die gesamte europäische Mythologie verwirklicht hat, als Mittelfeld, als Länderschlauch, unendlich reich an fossilen und menschlichen Energien, aber ebenso unendlich arm an zivilisatorischer Struktur und Halt.

Inmitten dieser Konstellation, in dieser geopolitischen Lage stehen wir: steht die Welt heute, steht Europa und steht schließlich Deutschland als das Herzzentrum dieses Europas, das es seit den Tagen Friedrichs und Napoleons war, und zugleich als sein Wirtschaftsmotor, der er seit den Tagen Adenauers und Erhards ist. Paradoxerweise war es das planvoll-planlose Herunterwirtschaften Griechenlands, des ältesten und ärmsten europäischen Staates, das die Schleusen zu jener massenhaften Fluchtbewegung öffnete, die sich, durch alle Medien tausendfältig verbreitet, nunmehr seit Monaten über die Balkanhalbinsel hinweg nach Deutschland hinein ergießt. Schon handelt man die Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren ominöse Sphinxhaftigkeit, wie bei vielen Frauen ihrer Generation, vor allem Reflex früher Schnitte in der Biographie und daraus sich entwickelnder Asexualität ist, als Favoritin für den Friedensnobelpreis, und jedermann, der sein Leben in den letzten sieben Jahren nicht auf dem Mond verbracht hat, weiß, was mit einer solchen Auszeichnung intendiert und gemeint wäre: das formelle Zuschieben des Schwarzen Peters, der heute de facto schon längst bei Deutschland liegt.

So jedenfalls sieht es der Rest der Welt, von jenen unglücklichen Menschen abgesehen, die sich tagtäglich schrecklichen Imponderabilien aussetzen, um in das gelobte Land zu kommen, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, dessen wirtschaftliche und rechtliche Struktur aber die Befriedigung aller wesentlichen vitalen Bedürfnisse zu Bedingungen garantiert, die schon wenige hundert Kilometer weiter südlich, in Italien und Griechenland, zweifelsohne phantastisch genannt würden.

Deutschlands Stärke ist seine Wirtschaftlichkeit, das erkannten die Gründerväter der Bundesrepublik gleich nach dem Zusammenbruch mit Argusaugen. Sie erkannten, dass es viel leichter und gefälliger und dazu vor allem viel unauffälliger ist, die Weltherrschaft durch ökonomische Höchstleistungen zu erringen als durch die perniziöse und ewig unkalkulierbare Exposition auf dem Schlachtfeld. Das Volk Goethes, Schillers und Hölderlins, des Dichters von „Patmos“ und der „Schlacht“, der die zweite Hälfte seines Lebens in einem Irrenhaus in Tübingen verbrachte, um dort ganze zehn Jahre vor Ausbruch des Krimkrieges, des ersten modernen Krieges überhaupt, zu sterben, er selbst ein unglaubliches, wunderliches Relikt einer Zeit, die noch tief im Mittelalter steckte: dieses Volk, dem in dem einzigen Geniestreich, zu dem sie fähig war, die deutsche Nachkriegsliteratur mitsamt einigen Intellektuellen, die den Namen damals verdienen mochten, ein Denkmal setzte, erkannte nun, nach dem Zusammenbruch, messerscharf, dass es sich viel leichter nach der alten patrizischen Art leben lässt, die das Rheinland und den Süden, die Franken, Schwaben und Bayern vor der Geschichte gegenüber dem kriegerischen, agrarisch-industriellen Osten so lange so klein gehalten hatte, wie sie selbst nicht weltgeschichtliche Geltung hatte. Nun, da der westliche Kapitalismus und Individualismus auch in Deutschland endlich angekommen, hatte sie sie.

Doch 1945 markiert eben auch und vor allem den endgültigen eintritt der Geschichte ins Zeitalter des Wirtschaftlichen, und da, auf diesem Boden, ausgerechnet, erlebte jenes Land, das auf seine Weberschen alten Tage noch zwei Weltkriege angefangen und sich zweimal unendlich blamiert hatte, mit einem Mal und völlig mühelos seine Aristie. Das Pragma des Wirtschaftswunders, das nach den von Soziologen so genannten trente glorieuses, den dreißig fetten Jahren von 1950 bis 1980, alsbald in der Senke der Stagflation verschwand, wurde in der Fremdwahrnehmung zum Dogma, mit dem Deutschland, bis 1990 das Land der Scheckbuchdiplomatie, nach wie vor und heute noch mehr als früher identifiziert wird wie zwischen 1871 und 1918 mit dem Schreckbild des Potsdamer Premierlieutnants.

Genau dieses Dogma, das eben längst kein Pragma mehr ist (worüber unsere, meine Generation, die den vielsagenden Beinamen „Y“, sprich: „why“, also „warum“ trägt, trotz geschönter Arbeitsmarkt- und Exportzahlen sich keiner, aber auch wirklich keiner Illusion hingibt), dieses Dogma also droht nun Deutschland zum Verhängnis zu werden. Die Ära Schröder, so verheißungsvoll mit ihr der unattraktive Muff der spätbundesrepublikanischen Generation Kohl abgestreift und ausgeschlichen zu werden schien, diese Ära des Kriegskindes, vaterlos aufgewachsen im gesichtslosen Hannover, wo es sich aber, wie in allen gesichtslosen Städten, gut leben lässt, ist mit zwei Leistungen in die Geschichtsbücher eingegangen, und beide besitzen eine Strahlkraft, die weit über ihre unmittelbare politische Wirksamkeit hinausreicht: mit der Verweigerung der Teilnahme am Irakfeldzug der Administration Bush junior, und mit der Einführung der sogenannten Hartz-Reformen.

Mit beiden Projekten reagierte Schröder auf die Präponderanz des Wirtschaftlichen, die sich nach 1990/91, nach dem „Ende der Geschichte“, was Geschichte als Politik alten, klassischen Typs meinte, mit Macht einstellte und nach und nach alle Lebensbereiche durchdrang, in den letzten zehn Jahren dank der Revolution des Internets, maßgeblich vorangetrieben durch die Konzerne Apple und Samsung, auch Kultur und Bildung.

Bei den Hartz-Reformen ging es dabei weniger um Verschärfung der bestehenden Sozialhilfe­-Regelungen (diese waren immer sehr streng), sondern um zu erzielende Einsparungen beim Arbeitslosengeld I, das in seiner vorherigen Verfassung arbeitslos gewordenen Festangestellten gleichsam eine Leibrente auf unbestimmte, wenn nicht unbegrenzte Zeit zusicherte. Beim 2. Golfkrieg aber ging es um die Erhaltung der prekären Stabilität im Nahen Osten, dessen östliche Grenze das Land zwischen Euphrat und Tigris seit den Tagen Assurs ist, einer Stabilität, die sich nach den stürmischen Zeiten Nassers und Mossadeghs in der ganzen Levante, von Mesopotamien bis nach Libyen, eingestellt hatte, geschaffen und erhalten durch diktatorische Regime, deren Führer, von Ghadaffi bis Saddam, allesamt Männer fortgeschrittenen Alters waren, als man 2003 damit begann, einen nach dem anderen zu stürzen. Weil Amerika nun diese Stabilität, mühsam unter vielen Schlägen dem Schicksal abgetrotzt, in einem kühl kalkulierten, aber darum nicht minder erratischen Gewaltschlag einzureißen trachtete, sagte Schröder Nein – und sicherte sich selbst dadurch für eine weitere Legislatur die Regierungsgewalt.

Der Irakfeldzug unter Bush jr. war dabei durchaus noch ein Instrument aus dem Kalten Krieg, eine klassische Intervention, mit der der eine Global Player dem anderen zuvorzukommen suchte. Während Russland nach der chaotischen Ära Jelzin um die eigene wirtschaftliche und politische Stabilität kämpfte, öffnete sich den Strategen im Weißen Haus ein schmales Zeitfenster, die orientalische Frage ein weiteres Mal in der Richtung zu behandeln, die die weitere Versorgung der US-amerikanischen Wirtschaft mit den notwendigen fossilen Ressourcen gewährleistete, von denen man annahm, dass sie sonst in Hände fallen mochten, denen sie dann nicht mehr zu entwinden wären.

Ein weiteres Mal aber in der langen Kette westmächtlicher Interventionen seit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, worin England und Frankreich ihre Interessensphären auf dem Grund des zerfallenden osmanischen Reiches, und ganz ohne Einbeziehung des mitten in der Brussilow-Offensive feststeckenden und innerlich schon stark zerfressenen Zarenreiches, absteckten, ein weiteres Mal also hatte man auf westlicher Seite außer dem planen Schlagwort der Demokratisierung kein weiterreichendes Konzept, um die orientalische Frage ins Reine zu bringen. Ging und geht es in Afghanistan tatsächlich um die Erstickung des Brandherdes, den die USA unter Brzezinskis weise-verschlagener Regie in den Achtzigerjahren selbst entzündet hatten, „um der Sowjetunion ihr Vietnam zu bereiten“, so geht es westlich davon, im Irak und in Syrien, ums Öl allein und damit um das berechnete Herstellen von Instabilität, um die gezielte Produktion von Chaos.

Das Hauptproblem, das sich bei solch utilitaristischer Handhabung menschlicher Probleme stellt – denn menschliche Probleme sind es zuletzt ja alle –, ist immer das gleiche, und es ist erstaunlich simpel, so simpel, dass man sich leicht der Esoterik verdächtig macht, wenn man es beim Namen nennt: die betroffenen Völker merken, dass man sie nur als Mittel zum Zweck behandelt, sie spüren und wissen ganz genau, wie ernst oder nicht ernst man sie nimmt, und nimmt man sie nicht ernst, so werfen sie dies auf einen früher oder später zurück. Deutschland, dessen Geschichte seit der Schlacht bei Roßbach bis zur Offensive der Roten Armee östlich von Berlin im Frühjahr 1945 eine einzige Geschichte des nationalen Gekränktseins und der neurotischen Willensaufbietung zur „nationalen Auferstehung“ war, dieses Deutschland, einst so geschichtsversessen und nun nur noch geschichtsvergessen, sollte dies – eigentlich – am besten wissen. Denn dass Deutschland – und hier kommen wir zum eigentlichen Punkt – nach 1945, nach seiner Aufteilung in vier Besatzungszonen und schließlich zwei parallele Staaten und Gesellschaftssysteme nicht aufsässig wurde gegen das Regime der Sieger: dies lag ganz einfach daran, dass man in Deutschland, in der Bevölkerung, vor allem aber in den Eliten sehr wohl wusste und weiß, dass Deutschland nicht geschwächt, sondern gestärkt aus diesem katastrophalen Krieg hervorgegangen; dass es mit der Kapitulation, der Unterwerfung unter Besatzungsrecht nur ein Mäntelchen überzog, das camouflieren sollte, dass hier das mächtigste Land Kontinentaleuropas besetzt und aufgeteilt wurde. Dass es too big too fail sei, war stets die Überlebensdevise deutscher Staatlichkeit gewesen; nie war sie mehr als in der Epoche zwischen der Unterzeichnung des Viermächtestatuts und jener des Zwei-plus-vier-Vertrages, als in jenen bleiernen, Seele und Geist lähmenden, aber wirtschaftlich unglaublich prosperierenden fünfundvierzig Jahren zwischen 1945 und 1990.

To big to fail, zu groß zum Scheitern zu sein, taugt als Devise freilich nur in Zeiten der Passivität und der Unterwerfung. Entlassen in Unabhängigkeit, in Einheit und Souveränität, stellen sich dem wiedervereinigten Deutschland andere, neue Probleme, auf die es politisch bislang noch nicht definitiv reagiert hat. Europa und die Welt, insbesondere Russland, das sich seit ebenso langer Zeit wie Deutschland auf einem ähnlichen Weg des Aufstiegs befindet – hier wie dort begann er 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg und der Rezipierung beider Mächte, wenn auch aus unterschiedlichen Ausgangspositionen heraus, in den Zirkel der europäischen Großmächte, und hier wie dort manifestierte er sich ein halbes Jahrhundert später erst faktisch auf dem Blutfeld von Leipzig, dann juristisch 1815 auf dem Wiener Kongress –, die Welt also schaut seit 1990 auf dieses junge, so gar nicht wider Erwarten und schon gar nicht irgendwie revolutionär aus seiner Erstarrung erwachte Deutschland und erwartet von ihm den Schiedsspruch, der das politische System von heute endlich ordne.

Es ist im deutschen kollektiven Bewusstsein – sicher eine späte Frucht der reeducation durch die amerikanische Kulturindustrie in der unmittelbaren Nachkriegszeit, auf deren Zug dann die neuen sozialen Bewegungen nach 1968 aufsprangen, ohne sich dessen auch nur im Ansatz bewusst zu sein –, es ist in diesem deutschen Bewusstsein kaum beziehungsweise gar nicht verankert, dass Deutschlands Aufstieg nicht 1945, auch nicht 1871 oder 1867 begonnen hat, sondern auf dem Wiener Kongress im Jahre 1815. Aus, nicht grundloser, Furcht vor immer neuer französischer Aggression schlug das intelligente, aber darum noch keineswegs intellektuelle Tandem Metternich-Castlereagh dem preußischen Biedermann,  Orgelspieler und Militärmusiker Friedrich Wilhelm III. seinen Herzenswunsch, die Annexion Kursachsens und damit die ersehnte Arrondierung seines Kernlandes im schlesisch-böhmischen Winkel, brüsk ab, entschädigte ihn dafür aber mit der Zusprechung der Rheinlande und Westfalens. Auf einmal lag das deutsche Kohlerevier auf preußischem Territorium, preußische Regimenter bezogen auf den Festungen zwischen Aachen und Koblenz Garnison, und die westdeutsche Finanzelite mit ihren sagenhaften Reichtümern geriet unter preußische Judikatur. Man könnte sagen, der Nibelungenschatz von Worms und Xanten, das alte Burgundenerbe ging in preußische Hände über, ging über in die Treuhänderschaft des zisterziensisch-calvinistischen Soldatenstaates. Es würde fünfzig Jahre brauchen, bis die Früchte der Turboindustrialisierung, die diese Annexion für das arme, ständig ausgeblutete Agrarland Preußen bedeutete, reif sein würden, und genau diese fünfzig Jahre brauchte es: 1865, ein halbes Jahrhundert nach Wien – der nunmehrige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck-Schönhausen war „zufällig“ genauso alt wie dieses halbe Jahrhundert – unterzeichneten der Kaiser von Österreich und der König von Preußen im malerischen Luftkurort Bad Gastein in den Alpen jene Konvention, in der dem Königreich Preußen das Herzogtum Lauenburg zum lächerlichen Preis von 2,5 Millionen preußischen Talern überschrieben wurde: die erste Landerwerbung Preußens nach einem halben Jahrhundert der außenpolitischen Stagnation, der erste Gauner- oder Geniestreich des nicht mehr jungen, aber jugendlich aggressiven Ministerpräsidenten, der im Andenken daran zu seiner Entlassung fünfundzwanzig Jahre später passenderweise mit dem Rang eines Titularherzogs von Lauenburg belohnt werden sollte. Bis heute verblieb diese erste Bismarcksche Trophäe unter deutscher Hoheit, bis heute nennt sich der zugeordnete Landkreis, obzwar es längst keine Herzöge mehr gibt, „Herzogtum Lauenburg“. Die Geschichte kennt keine Zufälle.

Kein Jahr war seit Gastein vergangen, da standen preußische Kavalleriespitzen vor Wien, und der unglückliche Franz Joseph, der mit seiner „exzentrischen“ Sissi in mancher Weise das dekadent-mondäne Gegenpaar zum selig-bürgerlichen und natürlich auch etwas altfränkisch-verschlafenen Biedermeiertraumpaar Friedrich Wilhelm und Luise bildete, war gezwungen, in Prag, der alten deutschen Kaiserstadt, den Austritt seines Landes, aus dem ein halbes Jahrtausend lang dieser Kaiser hervorgegangen war, aus dem Deutschen Bund und konkludent damit das Ende dieses Bundes in aller Form zuzugeben. Nun war der Weg frei für Bismarck, ce barbare de génie, wie er am französischen Hof hieß: Aus dem Deutschen wurde der Norddeutsche Bund, und aus dem Norddeutschen Bund durch Beitritt der vier süddeutschen Staaten im Kriegsjahr 1870 – diesmal ging der Krieg nach Dänemark und Österreich gegen Frankreich – schließlich das Deutsche Reich.

Es war das erste seines Namens, das auch formaliter so hieß: sonst hatte der Erwählte Römische Kaiser, wie die Nachfolger Karls des Großen in kecker Herausforderung des griechischen Kaisers in Konstantinopel sich nannten, den „König in Germanien“ irgendwo an dritter oder vierter Stelle in seiner Titulatur geführt, mehr oder weniger gleichberechtigt mit sagenhaft, ja mystisch rauschenden Bezeichnungen, die sich auf Burgund, Italien oder gar Jerusalem bezogen. Die rheinische Industrie, der westdeutsche Kapitalismus hatten möglich gemacht, was der sprichwörtliche preußische Volksschullehrer, die preußische Felddienstordnung und die friderizianische Verwegenheit des preußischen Regierungschefs, eines pommerschen Corpsstudenten, auf dem Parkett der Weltgeschichte ins Werk setzten.

Freilich war die Lawine, die hier ins Rollen zu kommen schien, in Wahrheit gar keine Lawine, sondern eine ganz reguläre Verfaltung in der Geologie der Staaten, vorhersehbar und im Lauf der europäischen Dinge beschlossen seit dem späten siebzehnten Jahrhundert, seitdem die habsburgische Monarchie, deren Oberhaupt in allmählich eingeschlichener Personalunion fast stets auch zum jeweiligen Römischen Kaiser gewählt wurde, sich im Abwehrkampf gegen die Türkengefahr, seit der glänzenden Kette von Siegen vom Kahlenberg über Zenta bis Belgrad als Vorwerk Europas im Osten etabliert, darob aber den Westen aus dem Auge verloren hatte. Die „Welt“ mochten unterdessen andere untereinander aufteilen, Frankreich, Britannien; der Kaiser „machte“ die Politik des europäischen Festlandes, und der preußische König Friedrich, der mit zweitem Namen nach dem letzten Habsburger Karl hieß und mit einer Nichte der Kaiserin die erzwungene Ehe einging – Elisabeth Christine hießen beide, und Braunschweigerinnen, Welfinnen waren sie, Sprossen des ältesten bestehenden Adelsgeschlechts Europas –, dieser Friedrich also, Schöngeist und Hypersensibler, den Wassermann in der Sonne und im Haus den Zwilling, ungreifbar und rätselhaft sie beide: er nun setzte sich, erst behutsam, dann unter ungeheurer, bis zur Auszehrung reichender Anstrengung, an die Stelle des Kaisers, der nun kein Habsburger, kein Österreicher mehr war, sondern Erbe und letzter Regent des ältesten noch souverän bestehenden karolingischen Staates: des Herzogs von Bar und Lothringen Franz Stephan, den das deutsche Kaiserregister als Franz I. führt.

Mit dem Avancement Brandenburg-Preußens und seines Friedrichs und der Abdrängung Österreichs aus Deutschland – sie begann definitiv 1756 mit dem dritten Krieg um Schlesien und endete 1866 mit dem Fiasko der Donaumonarchie bei Königgrätz – verlagerte sich zugleich der Schwerpunkt europäischer und überhaupt der Weltpolitik vom Süden in den Norden Eurasiens. Die Blockkonstellation von 1917, der Antagonismus zwischen Sankt Petersburg und der angloamerikanischen Kombination, wurde pünktlich hierzu 1762 auf dem Frieden von Paris geboren. Die englische Inbesitznahme der französischen Kolonien in Nordamerika war dabei nur Intermezzo, das die englische Bourgeoisie an der Ostküste nur einmal mehr in der Absicht bestärkte, mit dem Ancien Régime in Westminster zu brechen und einen eigenen, einen wirklichen Staat des europäischen Bürgertums zu errichten. Denn das, nichts anderes, sind ihrem Wesen und Ursprung nach zuallererst die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Existenz in einem weiteren Pariser Frieden, 1783, bekräftigt wurde.

Diese epochale Verschiebung vom Süden in den Norden Eurasiens, von der islamischen zur russo-amerikanischen Frage also spielt sich zeitgleich ab zum Aufstieg Deutschlands über die brandenburgisch-preußische Schiene zur Macht und Großmacht: 1700 bis 1900, vom Frieden von Karlowitz bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches, reicht diese time range, in der an Stelle der türkischen die russische „Gefahr“ tritt und an Stelle Britanniens langsam, aber unaufhaltsam die USA. Immer aber im Herzzentrum dieser Bewegung steht Deutschland, von der schmerzlichen Jugend als friderizianische Streusandbüchse bis zur stolzen Reife als Bismarckisch-Wilhelminischer Fabriken- und Kanonenstaat. Deutschland, daran hat außer den Deutschen selbst nie jemand gezweifelt, war der heimlich-unheimliche Spiritus Rector dieser Bewegung, dieses gewaltigen geschichtlichen Flügelschlagens.

Nun stehen wir, zweihundert Jahre nach Wien und fünfundzwanzig Jahre nach der Einheit, vor einem weiteren Flügelschlag, dessen Richtung zugleich entscheiden wird über das Schicksal und die Zukunft Europas als Ganzes. Wenn durch das Heranwachsen Deutschlands die orientalische Frage, die die politische Figur Europas seit dem Tod Kaiser Justinians und der Geburt des Propheten Mohammed im Abstand von fünf Jahren, im sechsten Jahrhundert nach Christus, bis zu jenem Frieden von Karlowitz, den der griechische Graf Alexander Mavrokordatos in der Kaiserstadt Wien, dem neuen Konstantinopel, aushandelte – wenn also durch dieses Heranwachsen die orientalische Frage aus dem Bewusstsein Mitteleuropas für drei Jahrhunderte wich, um Platz zu machen für die Diskussion der neuen Frage, ob Deutschland zum westlichen oder zum östlichen Block gehören wolle: so stellt sich diese Frage nun, seit 1990/91 wiederum nicht mehr. Stattdessen ist die orientalische Frage aufs Tapet zurückgekehrt, und in sie invertiert die Frage nach dem Fortbestand Europas, des weiten und dunklen Kontinents, der einst sein Lebenselixier darin fand, die Weite zur Nähe und das Dunkel zu Licht zu machen.

Diese orientalische Frage lässt sich aber nur lösen, wenn Europas den tieferen Sinn der Orientalität dieses Orients begreift, einen Sinn, der sich merkwürdig einfach erschließt, behilft man sich mit ein wenig Etymologie: denn wessen Osten ist der Orient, der ja dem Namen nach ein Osten ist, wenn nicht Europas? Sind Europa und der „Nahe“ Osten nicht schon historisch, mythologisch und politogenetisch zwei Flügel einunddesselben Körpers, die beiden Schwingen des geheimnisvollen, zuerst in Sumer als Symboltier aufgetretenen Doppeladlers, dessen eines Haupt zur Linken auf die europäischen Wälder, das andre aber zur Rechten auf die orientalische Wüste schaut, und den vom griechischen König der Rhomäer über den Erwählten Römischen Kaiser deutscher Nation bis zum Zaren und Selbstherrscher aller Reußen stets die Nachfolger dieser mesopotamischen Urzelle europäisch-orientalischer Staatlichkeit im Wappen führten?

Es gehört zu den schmerzhaften Fehldeutungen des gegenwärtigen politischen Diskurses in einem Land, dessen Bürgern auf den Schulen und Hochschulen jedes tiefere Verständnis für historische und ethnische Zusammenhänge systematisch aberzogen wurde und wird, dass man das orientalische Projekt gemeinhin für ein amerikanisches hält. Richtig ist daran nur so viel, dass die USA, ein Inselstaat in einer insularen Lage wie vormals Britannien, freilich in unheimlicher Vergrößerung und deshalb auch in vergrößerter Bedürftigkeit und vergrößerter Daseinsangst; dass diese USA also nichts mehr fürchten als das Versiegen ihrer Energiequellen, ein Versiegen, das zugleich das Ende des amerikanischen Traumes bedeuten und das Land zurückkatapultieren würde in die Zeit, ehe der erste europäische Seefahrer aus dem europäischen Mittelalter, aus der düsteren, schwerlippigen Welt Matthias Grünewalds und Hieronymus Boschs heraus, den Fuß setzte auf den Boden dieses gelobten, von der ausbeuterischen Zivilisiertheit Eurasiens unberührten Landes. Was der Schweiz, diesem Amerika Europas und gelobten Land jedes Individualisten, soweit Individualismus prioritär in den Dimensionen körperlicher und wirtschaftlicher Unversehrtheit sich auslebt, was der Schweiz ihre seit Marignano, seit dem Jahr 1515 und also einem genauen halben Jahrtausend peinlich gepflegte und behütete Neutralität ist: das ist den USA der Primat des Wirtschaftlichen, der ihnen den ungebrochenen Zufluss von Material und Menschen garantiert, ohne den der gesellschaftliche Aufstieg des Einzelnen in einem kompetitiven System nicht gedacht werden kann.

Territoriales Arrondissement ist für einen Inselstaat keine Option. Diese Erfahrung machte England, das daraufhin ja erst in die Phase des maritimen Kapitalismus eintrat, in der angevinischen Zeit auf bittere Weise, bis es durch das Mädchen von Orléans endgültig aus Frankreich und so aus dem europäischen Festland insgesamt hinausgeworfen wurde. Dem Insulaner bleibt als Alternative zur Existenzsicherung nur das Errichten von überseeischen Handelspositionen und die stets neue listenreiche Befestigung und Legitimierung derselben. Der hierdurch gestiftete Unfriede ist der Preis, der hierfür gezahlt, die zu seiner Beseitigung erbachten Menschenopfer die rituelle Reinigung, die hierfür vollzogen werden muss. Doch eben weil dieses System keinen dauerhaften Frieden, keine dauerhafte Stabilität verheißt: eben darum sind die Opfer auch nie ausreichend, und niemals wiegen sie, ideologisch jedenfalls, jene auf, die auf der Gegenseite erbracht werden, deren erzwungene Passivität erst das Equilibrium herstellt für die Hyperaktivität des von jenseits des Meeres her Einfallenden.

Fatal am amerikanischen Interventionismus, der wie im Merkantilen, so im Politischen das direkte Erbe des britischen und mit Abstrichen des französischen antrat – der Nahe Osten wurde als Erbmasse 1917 unter den beiden Ententestaaten aufgeteilt, ausgerechnet in dem Jahr, in dem das zaristische Russland als Bündnispartner, den man hätte berücksichtigen müssen und der die Idee vom Dritten Rom und der Wiederrichtung eines christlichen Kaiserreiches im Orient als Staatsmythos und Staatsauftrag auffasste (und dies, obzwar nicht mehr zaristisch, unter Wladimir Putin wieder tut), ausfiel, und die Amerikaner traten erst mit dem Abzug des letzten britischen Hochkommissars von Palästina und der Errichtung des israelischen Staates im Jahr 1948 auf den nahöstlichen Plan –; fatal an diesem Interventionismus ist die Weltlosigkeit, mit der er gezwungenermaßen auftritt in Weltgegenden, die im siebten Jahrhundert nach Christus von jener europäischen – und damit auch von der US-amerikanischen! – Entwicklung, deren Motor sie selbst bis dahin gewesen, mit Gewalt abgeschnitten wurden. Der Orient sehnt sich nach nichts mehr als danach, gleichsam heim ins Reich Europa geholt zu werden; Amerika, selbst ein Emancipatum Europas, ein aus der prärevolutionären Stände- und Kirchturmgesellschaft mit Blutzehntem, Schandpranger und ius primae noctis Freigelassener, der darum in seiner Staatlichkeit umso mehr in den Maschen des Ancien Régimes festhängt (Polizeigewalt, Stand-your-ground-Exzesse und ein latenter De-facto-Bürgerkrieg zwischen Schwarzen, Hispanics und der WASP-Oberschicht sind die politische Realität in diesem Wirtschaftswunderland): dieses Amerika kann Künder und Verbreiter der europäischen Idee in jenem Länder- und Völkerschlauch zwischen Marokko und Afghanistan unmöglich sein. Die vergangenen fünfzehn Jahre zwischen der Intifada von Ramallah und der Zerstörung Palmyras durch den Islamischen Staat haben es mit brutaler Eindrücklichkeit bewiesen.

An den Parolen, mit denen die westliche Welt 2001, pünktlich zu Beginn des dritten Jahrtausends, in den „Krieg gegen den Terror“, der zuvörderst ein Krieg gegen Afghanistan war, zog, war weniger ihre Verlogenheit problematisch (über diese machte kein vernünftiger Mensch zwischen San Francisco und Wladiwostok jemals sich ernsthafte Illusionen), als ihre wesenhafte Insuffizienz: man gewinnt kein Volk und kein Land mit der bloßen Verkündigung von „Werten“. Napoleon, der das vielleicht grandioseste Konzept für den eurasischen Block im Sinne hatte seit Alexander und Cäsar, dieser Napoleon scheiterte mit diesem Konzept, weil es nicht genügt, eroberte Reichsgraf- und -ritterschaften umzuwandeln von spätmittelalterlichen Zwingstätten in Präfekturen einer modernen Administration mit konstitutionell verbrieften Freiheits- und Gleichheitsrechten, wenn man mit der Gleichheit und Freiheit zugleich nicht auch eine Idee, eine Vision verkündet, womit die Eroberten sich selbst originär identifizieren können.

Ein erobertes oder kolonisiertes Volk will vom Kolonisator das eine Wort hören: „Ihr gehört zu uns“, oder noch besser: „wir gehören zu Euch“. Schon die deutsche Einheit krankt und hinkt, gestern wie heute, an der mangelnden geistigen Integration von Ost- und Westbevölkerung, was sich darin ausdrückt, dass der durchschnittliche westdeutsche Bourgeois mit McDonalds und den Billboard Top 40, der ostdeutsche Arbeiter aber nicht selten mit heimischen Goethelesungen und selbstproduzierten Lebensmitteln sozialisiert wurde (etwas, was man seit den Neunzigern nun gesamt-, das heißt westdeutsch mit hitzigen Exzellenzprogrammen und einer übertriebenen Biologisierung der Agrarwirtschaft auszugleichen sucht, beides relativ erfolglos, beschaut man allein die politisch-ideelle Dimension). Wenn schon aber auf solch kleiner Ebene, wie wirkt sich die Kluft zwischen redemptorischem ideellem Anspruch und kraftlosem, weil rein aufs Materielle gestelltem materiellem Auftritt (denn Werte sind eben „Werte“, keine Ideen) dann erst auf globaler Ebene aus? Wenn Europa nicht bald mit einem geschlossenen weltpolitischen Konzept auf die Bühne tritt, dann wird es diese Bühne womöglich gar nicht mehr betreten, dann wird vielleicht tatsächlich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft eine Gotteskriegerin auf dem Kanzlerstuhl sitzen, wie es sich einige bereits ausmalen, während sich das, was vom europäischen Bürgertum übrig bleibt, verzweifelt um die Plätze auf den Einbürgerungslisten der Schweiz und der skandinavischen Staaten reißen wird. Bizarr mag diese Vision fraglos erscheinen; unrealistisch ist sie darum noch lange nicht.

Die deutsche Einheit war deshalb ein so mühelos erhaltenes Geschenk, weil sie, weil die Frage nach der territorialen Integrität Deutschlands seit der Ära Reagan schon längst nicht mehr auf der Agenda der Tagespolitik stand. Dass die Sowjetunion nach den planwirtschaftlichen und rüstungspolitischen Fehlentscheidungen der Ära Breschnew den Vorposten Ostdeutschland nicht mehr lange würde halten können, war so vorhersehbar, dass ein hellsichtiger Publizist wie der Westberliner Historiker Wolfgang Venohr schon Anfang der Achtziger ohne Weiteres ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ veröffentlichen konnte. Als Otto Habsburg-Lothringen sein österreichisch-ungarisches Grenzzaun-Picknick veranstaltete und ostdeutsche Touristen im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag ihre Lagerplätze aufschlugen, hatte die Welt gerade zwei schwere Kriege hinter sich, die anzeigten, worum es wirklich gehen würde in der Zeit nach dem Kalten Krieg: die Kriege zwischen Iran und Irak und zwischen Afghanistan und der Sowjetunion.

Als es dann so weit war; als Weizsäcker und Kohl ihre polierten, aber schwunglosen Reden gehalten und Schäuble, der ewige fleißige Arbeiter im Weinberg des Herrn, sein unermüdliches Verhandlungswerk zum Abschluss geführt hatte, wofür die Geschichte ihn, wie einst der Teufel die brückenbauenden Bauern und Bürger im Mittelalter, einen bitteren Preis zahlen ließ: da flackerten schon ganz andere, den Deutschen seltsam fremde Fragen und Probleme auf am Bildschirm der internationalen Politik: der Kroatienkrieg, in dem das morgenländische Schisma, weltgeschichtlich weitaus bedeutungsvoller als die mitteleuropäische Reformation, sich am alten Konflikt zwischen griechisch-orthodoxen Serben und lateinischen Kroaten neu entzündete, dann der Bosnien- und schließlich der Kosovokrieg, in dem, was in keinem deutschen Geschichtsbuch auch nur die Rolle einer Fußnote spielt, mit umso größerer Gewalt ins deutsche öffentliche Bewusstsein trat (Peter Handke war vielleicht der einzige deutsche Intellektuelle, in dessen Bewusstsein es trat beziehungsweise der dies öffentlich machte – Sympathien hat es ihm freilich keine eingetragen, ihn vielmehr die letzten gekostet): das Pragma der islamischen Bedrohung Europas, das das christliche Zeitalter weit über 1453 hinaus dominierte und heute wieder dominiert, es südlich der Vojvodina aber, des Teils von Serbien, der Österreich nach dem Frieden von Belgrad 1739 blieb, auch in der Zeit dazwischen stets dominiert hat.

Wenn es im Jahr des Heils 1990 auf europäischem Boden genau einen islamisch geprägten Staat, nämlich das blockfreie Albanien, gab, dessen prominenteste Tochter ausgerechnet die katholische Ordensschwester Agnes Gonxha Bojaxhiu war; so gibt es seit dem Ende des Kosovokrieges, den ausgerechnet ein grüner Außenminister in der deutschen Öffentlichkeit hoffähig machte, nunmehr drei: das Kosovo selbst, Bosnien und eben Albanien. Man verstand – und versteht bis heute nicht – die Emphase, mit der die jugoslawischen Völker, die vom frühbyzantinischen Kaiser Herakleios dem Großen einst auf die illyrische Halbinsel geholt wurden, um die dorthin vom Schwarzen Meer her einfallenden Awaren abzuwehren, sich gegen jeden Anschein, jede noch so zaghafte Andeutung einer möglichen Islamisierung ihres Landes mit Händen und Füßen, und manchmal eben auch mit Exzessen der Gewalt und des Hasses, wehrten und heute, in Mazedonien, wieder wehren. Man versteht bis heute nicht, worin, jenseits von Platon und Themistokles, die politische und geopolitische Bedeutung Griechenlands liegt, das sich der Turkifizierung über vierhundert Jahre hinweg eisern widersetzt hat; das im Westen, wohin die konstantinopolitanische Intelligenz im späten Mittelalter flüchtete, die Renaissance in Gang setzte und nun heute unter Aufbietung aller Kräfte darum kämpf, in eigenem Interesse, das zugleich aber das Interesse ganz Europas ist, seine Stellung als Bindeglied zwischen Europa und dem Orient, die aber eben zugleich das Bollwerk der christlichen Welt gegen den politischen Islam ist, zu behaupten. Man wünschte sich, dort auf dem Balkan wie in Westeuropa, Deutschland möge zwischen den eigenen nationalen und den gesamteuropäischen Interessen jene Übereinstimmung herstellen, die in einem Land wie Griechenland oder Italien oder auch nur Kroatien und Serbien wie selbstverständlich besteht. Man wünscht sich, von Deutschland, dem man seine Einheit auf einem Tablett solidesten Silbers serviert hat, möge endlich seine europäische Verantwortung entschlossen ergreifen, möge den Platz einnehmen, um dessen Zuweisung, nämlich in der front row des europäischen Mächtekonzerts, es dreihundert Jahre lang so verbissen und hysterisch gekämpft hat. Parolen wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ senden denen, die es wünschen, von Michel Houellebecq bis Yanis Varoufakis, das eindeutig falsche Signal.

So wie die Zukunft des einigen Deutschlands 1990 in Europa lag, so liegt die Zukunft des einigen Europa im Orient. Was von den normannischen Kreuzfahrerheeren bis zu den Bataillonen des ANZAC vor Gallipoli wechselnden Koalitionen europäischer Staaten nicht gelang: einem einigen Europa unter der wirtschaftlichen und damit politischen Führung Deutschlands, das einer Allianz mit Russland unter seinem belorussischen, in deutscher Literatur geschulten Präsidenten offen gegenüberstünde, sollte und muss es gelingen.

Die Perspektive für den Fall, dass es nicht gelingt, liegt offen zutage: das Ausbluten des Orients, das Überlaufen der reichen europäischen Staaten durch Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten – in den armen wie Griechenland oder Italien will ja niemand von ihnen bleiben – und damit die Katalysierung des sozialstaatlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der ja schon intrinsisch seit den Achtzigerjahren sich bei uns abzeichnet; der mit der wirtschaftspolitisch verpatzten Wiedervereinigung weiter an Fahrt aufgenommen hat und dem Remedur zu schaffen ausgerechnet der Arbeitersohn Schröder die unseligen Hartz-Gesetze promulgierte, deren Umsetzung wiederum anders als eine gigantische Verhunzung nicht zu nennen ist.

Am Exemplum der Flüchtlingskrise, die in der urbanen, aber wenig metropolitanen Regionalstruktur Deutschlands ihre eigene Wirkung entfaltet (in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie München wird das tagtägliche massenhafte Ankommen von Flüchtlingen ganz anders wahrgenommen, wirkt es sich strukturell viel unmittelbarer aus als etwa in Berlin mit seiner schieren Ausdehnung und seiner für eine Großstadt eher dünnen Besiedlung – nur ist Berlin auch die einzige Stadt ihrer Art in ganz Deutschland); an diesem Exempel vollzieht die alte historische Gesetzmäßigkeit neuerlich ihre Erprobung, wonach Probleme, die im Außenverhältnis eines Staates nicht rechtzeitig gelöst werden, sodann auf sein Inneres zurückschlagen. Schon die Griechenlandkrise war ein Annoncement, gleichsam die Präambel dieses Gesetzes und seines neuerlichen Eintritts; die Flüchtlingskrise, pünktlich im Sieben-Jahres-Abstand zu jener aufgetreten, wird nicht mehr nur Präambel sein.

Wenn Weber, als bürgerlicher Intellektueller unbehaftet von der naiven nationalistischen Trunkenheit der frühen Jahre der Kaiserzeit, das Deutsche Reich des Mangels an weltpolitischem Ehrgeiz schelten konnte, so kann der Intellektuelle von heute das Deutschland von heute dessen mit gleichem Recht schelten. Die faktischen und auch formellen Zwänge, denen dieses Deutschland auch nach seiner Einigung vor einem Vierteljahrhundert unterliegt, sind das eine; das andere sind die Notwendigkeiten, die die Eliten des Landes entweder nicht erkennen können oder nicht erkennen wollen. Der Aufstieg des Kapitalismus in den vergangenen sechs Jahrhunderten hat die Frage nach der Organisation politischer Einheit ja nicht aus der Welt geschafft oder sie ad absurdum geführt; der Kapitalismus hat lediglich die Wirtschaftlichkeit der Menschheit auf einen neuen Boden gestellt. Doch die zarte Pflanze des Überflusses verwandelt sich so rasch in ein fleischfressendes Monstergewächs wie die Flamme des Lagerfeuers in einen Feuersturm; das Mitsein mit anderen, das Stehen in einer Umwelt, biologisch genauso verstanden wie anthropologisch, ist eine elementare Kondition des In-der-Welt-Seins, welche nicht von Ungefähr Philosophie und Psychologie, die eine die Tochterdisziplin der anderen, zu Anfang unserer modernen Zeitrechnung, um die Wirren des Ersten Weltkrieges herum, der europäischen Menschheit mit mahnerischer Geste ins Bewusstsein gerufen haben. Da reicht es nicht, gleichsam das Pferd vom Schweife aufzuzäumen und als Bürgerbewegung für Naturschutz und Menschenrechte auf die Straßen zu gehen, wenn andererseits die Führung des mächtigsten Landes Europas jedes tragfähige Konzept, jedes Konzept überhaupt für eine europäische Zukunft vermissen lässt.

Kein Volk Europas, das wenigstens ist die Haltung aller übrigen europäischen Völker, lässt eine europäische Haltung derzeit dringlicher vermissen als das deutsche, obwohl es der deutsche Dichter Friedrich von Hardenberg war, der am Scheitelpunkt der deutschen Sattelzeit, die eine europäische Sattelzeit war, der an der Zeitscheide zwischen dem friderizianischen Ancien Régime und der napoleonischen Moderne einen kleinen Traktat mit dem großen Titel „Die Christenheit oder Europa“ veröffentlichte.

Ein Deutschland, das nichts weiter als ein kontinentales, ein europäisches US-Amerika sein will, wird nur zu rasch an seine Grenzen stoßen. Zu gering und zu schwach sind die möglichen Absicherungen gegen eine Welt von Feinden, die sich ihm dabei in den Weg stellen würde. Grenzzäune entlang des Bayrischen Waldes und des Bodensees wären genauso falsch und genauso fatal wie ein blöde-emphatisches „Refugees Welcome“-Schönwettermachen. Längst sind die USA vom Bürgerrechtsstaat, der sie unter Kennedy einmal zu werden schienen, zum vormärzlichen Maßnahmenstaat zurückgeschrumpft, in dem ein schrankenloser Klassismus waltet in Verbindung mit der verbissenen Behauptung ihrer überseeischen neokolonialen Interessen (TTIP und die Farbenrevolutionen sind zwei Instrumente aus demselben Baukasten). Auf dieser Ebene wird Deutschland nicht mithalten können.

Zu den äußeren Bedrohungen kommen die inneren in einem Land, über das seit Beginn des neuen Jahrhunderts eine beispiellose Welle der Prekarisierung und Pauperisierung hineinbricht, in einem Land, das von seinen letzten beiden Führungsgenerationen politisch, sozial und kulturell in Grund und Boden gewirtschaftet wurde und dessen junge Führungsgeneration aus Angst vor Verarmung keine Kinder mehr in die Welt setzt. Thomas Piketty, David Graeber, zuletzt auch der deutsche Professor Christoph Türcke haben in ihrer jeweils eigenen Sprache das Ungleichgewicht, in dem unsere westliche Wirtschafts- und Sozialordung sich befindet, in so deutlichen Farben und mit so dicken Strichen gezeichnet, dass nur ein Blinder ihre darin ausgesprochene Warnung nicht vernähme. Das hindert die Eliten freilich nicht daran, den Rest der Bevölkerung für Blinde zu halten, ebenso wenig wie es sie selbst daran hindert, sich blind zu stellen.

Dass zu politischen Jubiläen Sonntagsreden geschwungen werden, ist kein deutsches Unikum. Es ist historisch bewährt wie die Rituale am sonntäglichen Familientisch. Was bedenklich stimmt, ist das völlige Fehlen jeder Stärke, die gänzliche Abwesenheit von Kraft in diesen Zeremonien, die keine sein wollen. Die schiere Impotenz dringt dem politischen Deutschland von heute aus jeder Pore. Seine beispiellose Unschneidigkeit und Unsmartheit, sie mag sich noch so sehr als vorausschauendes Managertum deklarieren, ist Indiz nicht seiner Schlagkraft, sondern seiner Indolenz – und seiner Unaufrichtigkeit. Die große Krise steht in Flammenzeichen am Horizont der Epoche geschrieben. Nicht in fünf, auch nicht in zehn, aber in zwanzig, vielleicht in fünfundzwanzig Jahren, zum nächsten runden Einheitsjubiläum, wird sie da sein. Kiew, wo seit einem halben Jahrzehnt ein blutiger Bürgerkrieg tobt, ist keine eineinhalbtausend Kilometer von Berlin entfernt, die gleiche Strecke wie von hier in die Emilia-Romagna oder an die Atlantikküste. Zwischen der Türkei und Griechenland herrscht ein gefährlicher Schwebezustand, seit sechzig Jahren, als die letzten schweren, furchtbaren türkischen Massaker an der griechischen Minorität in Konstantinopel stattfanden, temperiert nur durch die gemeinsame Mitgliedschaft in der NATO. Nordafrika ist, was es seit der Ausrottung der barbaresken Piraterie im achtzehnten Jahrhundert nicht mehr war, zum Pulverfass geworden, nachdem die diktatorialen, aber Stabilität sichernden Föderaten-Regimes von Libyen bis Syrien, entlang des aufgehenden Mondes im östlichen Mittelmeerbecken, nacheinander dethronisiert wurden. Europa ist nicht mehr Schauplatz eines Wettkampfes zweier außereuropäischer Hegemonialmächte; Europa ist jetzt die target range eines clash of civilizations, dessen Epizentrum die arabische Halbinsel und dessen Peripherie der levantinisch-orientalische Komplex ist.

Zugute halten kann, ja muss man der deutschen Indolenz, dass die Einheit und damit die, zumindest offizielle (hierüber kann an dieser Stelle weiter nichts gesagt werden), Handlungsfähigkeit als souveränes Land noch keine dreißig Jahre, noch kein Menschenalter alt sind. Deutschland muss erst wieder laufen lernen, beziehungsweise es muss es recht eigentlich überhaupt erst lernen, klammern wir die neunzehn oder, je nach Lesart, dreiundzwanzig Jahre des ersten unitarischen deutschen Staates aus, in denen unter der ruhevollen Ägide des allseits respektierten Riesen aus dem Sachsenwald in die traditionelle Unruhe des europäischen politischen Theaters so etwas wie eine vorübergehende, erholsame Windstille eingetreten war.

Doch die Geschichte kennt, wie das Leben, keine Schonfrist, die große Politik keinen Welpenschutz. Deutschland, dieses ewig von Identitätsproblemen heimgesuchte Stück Erde zwischen Rhein und Oder, dessen Unklarheit über den eigenen Standpunkt sich in seiner unpersönlichen Selbstbezeichnung so schön offen ausspricht (denn „deutsch“ oder althochdeutsch „tiusk“ bedeutet ja schlicht „volksmäßig“, „volkhaft“, meint mithin keinen besonderen Stamm wie etwa France die Franken oder Ellada die Hellenen), dieses Deutschland hat heute, was es in den ersten hundertzwanzig Jahren seiner Existenz als Nationalstaat nicht hatte: das übrige Europa als Bundesgenossen, zuzüglich Russlands, das unter seinem Zar-Präsidenten Putin wieder jene Politik aufgenommen hat, die das kaiserliche Russland von Peter dem Großen über Peter III. bis Alexander II. einst betrieb und die dem Deutschland Bismarcks durch seine Politik der wohlwollenden Neutralität und des Den-Rücken-Freihaltens überhaupt erst gestattete, Deutschland zu werden. So schnell, so unerwartet und unverhofft aber dieses Deutschland diesen Kranz alter und ehrwürdiger großer und kleiner Staaten als Bundesgenossen gewann: so schnell kann es sie auch wieder verlieren. Die Folgen aber dieses Verlustes, für es selbst und für Europa oder die Christenheit, wären nicht abzuschätzen.
Header: Antoine-Jean Gros (1771-1835), Zusammentreffen Kaiser Franz II. und Napoleons nach der Schlacht bei Austerlitz, 4.12.1805. Öl auf Leinwand, 1812. Standort: Louvre. Quelle: Wikimedia Commons. Filter: Instagram 

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Les derniers jours des Temps modernes. La première Guerre mondiale et la véritable idée d’Europe

Alors même que l’Allemagne n’avait pas plus de culpabilité dans le déclenchement de la guerre que les autres participants, c’était pourtant depuis le Moyen-Âge à la « question allemande », que l’avenir de l’Europe devait se décider, telle est la thèse de l’historien Konstantin Sakkas. L’Allemagne prit sur elle le fardeau de la culpabilité historique dans un aveuglément naïf et en même temps violent. En se laissant aller dans cette guerre dépourvue de sens, celle-ci en arriva d’abord aux « derniers jours de l’humanité » (Karl Kraus). Et nourrie à partir des vécus de cette guerre, se présente à présent devant les peuples l’idée d’une Europe sans États, apolitique, l’Europe des régions.

Voici bientôt cent ans éclatait la première Guerre mondiale, et avec elle prit fin, non seulement une époque, mais encore une ère. Ce qui vint après, ainsi l’écrivait Christian Comte de Krockow dans son étude très remarquée La décision de 19541, est encore nouveau, inconnu et innommé. Aujourd’hui nous regardons en arrière sur ces cent ans, comme le premier siècle légitime d’une époque nouvelle, d’une nouvelle ère.

La division canonique de l’histoire du monde en Antiquité, Moyen-Âge et Temps modernes, était alors comparativement un jeune topos. Ce n’est qu’en 1702 que l’érudit de Halle, Christoph Martin Keller (« Cellarius »), l’introduisit dans la connaissance ; auparavant on avait partagé l’histoire — pour la Terre elle-même, on admettait alors qu’elle consistât en 6000 ans — selon ce qu’on appelait les quatre grands empires : l’Assyrien, le Perse, le Grec et le Romain. Le pont qu’on jetait à partir de l’Empire romain, qui sombra en 476 ap. J.-C. par la seconde prise de Rome par Odoacre et la chute du dernier empereur Romulus, on le réalisait à partir de la figure du penser dite de la « translatio imperii : la remise (spirituelle) de la notion d’empire de Rome aux Francs, dont l’État, au 8ème siècle, en tant que Grand Empire d’Europe, commença à s’établir de la Bretagne à l’Italie centrale et des Pyrénées à la Saxe orientale — avec l’apogée impressionnant du sacre impérial de Charlemagne, à la Noël de l’année 800.

L’idée de ne plus se trouver au Moyen-Âge, mais au contraire dans une autre époque,  « nouvelle » justement, surgit il est vrai, tôt déjà dans les têtes des êtres humains. Jacob Burkhardt en data justement l’apparition, dans son ouvrage canonique La culture de la Renaissance en Italie, à l’aube du 14ème siècle, et dans la science historique, les courants spirituel, juridique et économique qui  avaient fait irruption depuis l’époque des Hohenstaufen, depuis le début du 12ème siècle, depuis longtemps tel un signe annonciateur évident des Temps modernes (« Renaissance du 12ème siècle » est ici, par exemple, un slogan courant). Il est vrai que le sentiment d’être des  « Temps modernes », était encore vraiment jeune en 1914 — malgré cela ces Temps modernes prirent déjà fin, justement en cette année-là, comme outre le Comte de Krockow, des penseurs comme Martin Heidegger, Hannah Arendt et Hans Blumenberg devaient aussi le voir.

Pour comprendre cela, il vaut la peine de jeter un coup d’œil sur les constellations politiques qui avaient précédé l’éclatement de la guerre. La guerre eut lieu entre les cinq grandes puissances européennes. Depuis le 18ème siècle, celles-ci étaient l’Angleterre, la France, la Russie, l’Autriche (depuis 1867 en union réelle au sein de la Double Monarchie austro-hongroise) et l’Empire allemand, qui  avait pris naissance en 1871, quasiment à partir du royaume de Prusse ; on parlait aussi de « pentarchie européenne ». S’y étaient adjoints les Etats-Unis d’Amérique, en tant que concurrent silencieux sur le champ économique mondial, avec leur déclaration d’indépendance de 1776, et selon le cas, avec leur union politique définitive de 1865. Ils ne jouèrent pourtant un «véritable » [en français dans le texte, ndt] rôle politique qu’à partir de leur entrée en guerre, en 1917. Nous avons donc au plan de la constellation à faire d’abord, en ce début de la première Guerre mondiale, à rien d’autre qu’à une réédition de l’immémorial motif européen de la guerre fratricide. Quelques dimensions essentielles on veuille aussi lui accorder, en 1914, celles-ci étaient, pour le moins au premier plan, d’ordre économique et territorial et aussi spirituelles, d’une manière certainement indéterminée. On peut dire, que toutes les commotions depuis l’époque carolingienne, et donc depuis le temps de Charlemagne, sont à ramener au fait que ce grand empire-là — auquel on s’est efforcé et qui s’est réalisé pour un temps bref — se décomposa rien qu’en États indépendants qui s’efforcèrent, à partir environ du premier millénaire après le Christ, à se développer par la force, d’abord politiquement, puis économiquement et plus tard aussi par leurs religions et idéologies.

Le jeu de quilles européen

Cette tendance devint particulièrement sensible à partir du commencement des Temps modernes, qui fut en même temps le début de ce qu’on a appelé l’inimitié germano-française. Elle commença avec la campagne italienne du roi Charles VIII de France en 1494, et s’acheva avec le Traité d’amitié franco-allemande, qu’on appelle le Traité de l’Élysée, le 22 janvier 19632 — une date vraiment récente, si l’on pense que la majorité de la population actuelle l’a encore vécue (il y a 50 ans). L’inimitié franco-allemande commença par la lutte pour la domination de cette partie de l’ancien empire de Charlemagne qui, après la mort de son fils Louis le pieux, en 840, prit naissance au Traité de Verdun en 843, comme la partie centrale de l’empire (appelée Lotharingie, à partir de 855, ndt). Elle s’étendait alors, en gros, depuis les Pays-Bas actuels — des côtes de la Mer du Nord, au travers de la Lorraine, la Bourgogne et la Provence, jusqu’au Nord de l’Italie, Milan et la Lombardie, et de là aussi, jusqu’à Rome — et cette partie centrale de l’héritage de Charlemagne, —  et même en fait depuis sa conquête par les Goths au 5ème siècle —, n’avait plus jamais retrouvé de tranquillité politique.

C’est exactement dans et autour de cette bande de régions du Nord au Sud — que les médiéviste raillent volontiers en la qualifiant de « jeu de quilles » — qu’on dut au total se battre lors de la première Guerre mondiale. Le plan de bataille allemand, qui avait été projeté, au plus tard dés les années 1890, par le feld-maréchal Alfred comte de Schlieffen, s’orientait très exactement sur ce scénario territorial : La masse de l’armée allemande était censée comprimer l’armée française dans un puissant mouvement d’encerclement en arc, de « droite » à « gauche » et donc du Nord vers le Sud, et de « la broyer » en tenaille à la frontière suisse (D’où le slogan connu, que dut avoir prononcé Schlieffen tandis qu’il agonisait dans le délire de sa fièvre : « Renforcez-moi donc l’aile droite ! »). L’arc du front à l’Ouest s’étendait de la Belgique, dont la neutralité, garantie par le droit international, fut violée d’une manière funeste par le gouvernement de l’empire (ce qui fit entrer l’Angleterre en lice, laquelle autrement serait restée très vraisemblablement neutre ; mais elle avait garanti la Belgique, réfrénant ainsi des désirs insensés d’annexion allemande), au travers des Flandres, les Vosges, la Champagne et l’ancien duché de Bourgogne (ainsi s’était appelé autrefois l’ensemble de l’empire franc médian entre l’Ouest et l’Est) jusque vers Pontarlier et la frontière suisse. En 1915, la triple alliance se décomposa — c’était une construction boiteuse d’alliance remontant aux années 1880 entre l’Empire fédéral d’Allemagne, fidèle aux « Nibelungen » et l’Autriche d’une part, et le jeune royaume d’Italie, d’autre part — et un nouveau front s’ouvrit donc directement au travers des Alpes, cette fois entre l’Autriche et l’Italie, que les Habsbourg n’avaient pas oublié depuis longtemps, puisque leur secondo- et tertio-génitures, leurs vices-rois et gouverneurs militaires, en dominaient autrefois les deux-tiers du pays. La guerre s’étendit donc passablement exactement sur la bande de ces régions, depuis les côtes flamandes de la Mer du Nord en haut, jusqu’en Lombardie en bas et les côtes de l’Adriatique, pour la possession desquelles on avait combattu de haute lutte, non seulement le petit-fils de Charlemagne au 9ème siècle ; mais encore, au tout début des Temps modernes, d’abord ce qu’on a appelé les Guerres d’Italie (1494-1558), puis les « guerres de rapine » de Louis XIV et la Guerre de succession d’Espagne (1701-1714), jusqu’aux guerres de coalition, comme on les a appelées, entre la France révolutionnaire et les vieilles monarchies européennes coalisées (1792-1814). Considérées au plan purement territorial et au plan purement européen, c’était donc en définitive l’héritage de Charlemagne, pour lequel combattirent les cinq grandes puissances européennes de 1914 à 1919.

L’homme malade sur le Bosphore

Considéré autrement, il s’agissait à vrai dire de vraiment beaucoup plus. En 1814, au moment où Napoléon, à la bataille d’Arcis-sur-Aube, fut battu par le duc autrichien Schwarzenberg et hissa le drapeau blanc, quelques semaines plus tard à Paris, l’Europe se trouvait encore structurellement profondément enfoncée dans le Moyen-Âge. Il n’y avait pas d’électricité, ni de mobilité sur rail, ni d’aviation. Par contre, en 1914, l’Europe se trouve pleinement dans le modernisme. Dans aucun siècle précédent le 19ème, il n’ y eut autant d’inventions et découvertes ouvrant autant de perspectives. Quantitativement, celles des 20ème et 21ème sont largement supérieures, mais qualitativement, dans le laps de temps entre 1814 et 1914 elles sont bien plus nombreuses et importantes qu’entre 1914 et 1963, ou bien entre 1963 et 2013. Les technologies de l’information et les structures de la redistribution du bien-être se sont en partie radicalement modifiées ; mais au plan de la mentalité, l’Europe se trouva à partir de 1945 à « l’heure zéro », dans une telle sorte de choc de stupéfaction, un sentiment de ne-plus-être-de-droit, de dépolitisation, qu’ensuite, en 1992, alors que la Guerre froide faisait désormais partie de l’histoire, Francis Fukuyama dut mettre à l’ordre du jour son fameux slogan de « la Fin de l’histoire ».3

Winston Churchill considérait, comme on le sait, l’époque qui va de 1914 à 1945, comme une seconde Guerre européenne de trente ans, lors de laquelle tout fut tourneboulé. Cette guerre de trente ans eut deux conséquences immédiates : premièrement, elle fit entrer les USA en lice, lesquels, sous peu, tant au point de vue économique que militaire, se démasquèrent vis-à-vis de l’Europe comme nettement supérieurs. Et deuxièmement, elle alla chercher l’Orient, et avec elle l’Islam, sur la scène du théâtre politique mondial. Depuis l’époque des Croisades, l’Empire turc qui devait plus tard porter le nom de son fondateur dynastique, Ottoman, s’était clandestinement préparé comme une puissance dans un ordre secret, certes selon les apparences, dirigée contre l’Europe, mais qui veillait en vérité sans cesse au moyen d’une pression extérieure à ce que l’Europe restât ensemble. Ceci se manifesta une dernière fois par cette clause de l’acte fondateur de Vienne de la Sainte Alliance, par laquelle le Sultan à Constantinople excluait son adhésion, puisqu’en effet, il n’était pas chrétien.

La totalité du pouvoir politique au 19ème siècle tourna donc autour du maintien de la Turquie, « l’homme malade sur le Bosphore. Si les Turcs s’étaient trouvés, en 1683 encore, aux portes de Vienne, et avaient alors passé pour la terreur du monde civilisé, ils se retrouvèrent alors tout d’un coup carrément sous les petits soins affectueux de la diplomatie européenne. La grande peur, qui ôtait alors le repos à tout le monde, c’était, pour préciser, qu’au Moyen-Orient, l’ancienne région géographique clef de l’Europe, les deux grands adversaires en lutte pour le « partage du monde » en vinssent à un conflit sanglant : Angleterre et Russie.

Au début du 20ème siècle encore, c’était la grande peur de l’Europe cultivée qu’ont pût en venir à une « guerre mondiale » entre les deux puissances : l’Angleterre — la mère patrie du colonialisme et à l’époque dominatrice sur le quart de la surface de la Terre — et la Russie — d’apport récent au concert des puissances européennes, qui avait élaboré son rôle de puissance secrètement protectrice de la Prusse entre 1763 et 1871. Cette dernière ne surgissait plus seulement, alors, comme protectrice du mouvement de libération panslave dans une Europe de l’Est gérée par l’Autriche, mais au contraire, elle manigançait en même temps la « libération » de ses coreligionnaires orthodoxes dans les Balkans et dans le Caucase, ce qui ne revenait à rien d’autre qu’à une expansion dans le proche et le Moyen-Orient et la Perse, précisément aux frontières de l’Inde, laquelle était la colonie royale britannique, depuis 1876, avec le statut d’Empire en titre. Ici, comme sur les Océans — la marine militaire passait alors pour une  partie d’avenir de la force militaire — on attendait le grand abordage entre l’Ours et la Baleine, entre la Russie et l’Angleterre.

L’autre conflit, qui semblait quant à lui comparablement insignifiant à côté de cela, dominait l’événement politique depuis 1871. Quand bien même violente, l’opposition germano-française semblait de ce fait résolue, de sorte que l’Allemagne sous la «  conduite » de la Prusse et d’Otto von Bismarck, était parvenue à s’unifier et à défendre avec cela les régions sur la rive gauche du Rhin. Une seule et unique épine dans le pied : les nouvelles régions du Reich, que le vainqueur de 1871 s’était réservées — une région, qui certes depuis des siècles avait été allemande, mais qui était à présent française depuis Louis XVI ; dont la population pensait et se sentait majoritairement française et, aussi malgré le traitement le plus bienveillant que lui avaient réservé les autorités allemandes, songeait à peine renoncer à sa véritable identité nationale profonde. Ici reposait la cellule souche du revanchisme français depuis 1871, et la raison pour laquelle tout simplement l’Allemagne et la France n’étaient jamais entrées dans une alliance.

 

De l’enclume au marteau — et alors ?

Au moyen de l’unification du Reich, mais aussi par le potentiel économique et militaire ainsi libéré, — l’Allemagne était, autour de 1900, la seconde puissance mondiale derrière les Etats-Unis mais devant l’Angleterre — l’Allemagne était devenue l’aiguille de la balance ; elle était devenue de facto, comme le constata Sébastien Haffner, la plus grosse puissance de l’Europe,5 et — qu’on y pense un peu ! — ceci pour ainsi dire à partir du néant, sans avoir eu le parcours historique des siècles que les autres puissances disposaient derrière elles. En 1866, il y avait encore la vieille confédération allemande, une sorte de cæcum du Saint Empire romain, avec une constitution de république princière et, par moment, 39 États membres. Cinq ans plus tard, il y eut un empire allemand. Tout un chacun, sauf la France bien sûr, voulut être associé à cet empire allemand, pour mener à bien ces objectifs respectifs. Seule l’Allemagne elle-même — et c’est ce qu’avait étonnamment et sincèrement mis en place son fondateur Bismarck — n’avait plus aucun objectif de politique extérieure ; en tout cas, du point de vue territorial, elle était effectivement « rassasiée », voire « saturée ».

Des critiques de l’Allemagne, c’est-à-dire de la Prusse, reprochaient à Bismarck, le « barbare de génie » et on lui en fait encore le reproche aujourd’hui, d’avoir été un fondateur d’agitation et d’avoir détruit l’ancien équilibre européen. Le fait est que Bismarck lui-même connaissait au mieux l’instabilité de sa construction de puissance politique : la formule proverbiale de « cauchemar des coalitions » ne devait jamais le quitter jusqu’à la fin de sa vie.

Que l’ancien prince de Bismarck fut renversé en 1890, au moyen d’une intrigue de cour et avec la connaissance et la volonté du jeune empereur Guillaume II, cela est considérée aujourd’hui chez les profanes comme chez le public spécialisé, comme une grave erreur et comme la πςώτου ψεύδοζ, qui finalement, 24 ans plus tard, mena à l’éclatement de la guerre mondiale. Ce n’est que durant ces dix dernières années que fut prudemment corrigé le jugement de condamnation, autrefois déjà canonique, visant le dernier empereur allemand, entre autres par Christopher Clark et Eberhard Straub, après que déjà dans les années 1990, l’essayiste berlinois Nicolaus Sombart avait entrepris une avancée ingénieuse dans cette direction.

Le fait est qu’au plan de la politique fédérale, l’Allemagne se retrouva en plein dilemme en 1890. Cela ne pouvait qu’aller de travers, en effet, n’était-ce avec la Russie (comme du temps de Bismarck) ou bien avec l’Angleterre (comme cela fut sans cesse favorisée par la politique anglaise avant et après Édouard VII, qui régna de 1901 à 1910). L’Allemagne était, pour la première fois dans son histoire, pour parler dans le jargon du temps de Bismarck, « d’enclume devenue marteau » — mais elle ne sut rien entreprendre avec ce marteau. Ce n’est pas l’Angleterre, mais l’Allemagne qui choisit, avec l’arrivée au pouvoir de Guillaume II, en 1888, la splendid isolation  ; elle ne pouvait pas intervenir de manière judicieuse dans les conjectures de politique mondiale de l’Angleterre et de la Russie.

Encerclement

Ainsi en vint-on, en 1907, à l’événement diplomatique que personne n’eût tenu alors pour possible : l’Angleterre et la Russie conclurent donc une alliance l’une avec l’autre, tout en étant idéologiquement aussi éloignées l’une de l’autre qu’il est pensable (l’une, une monarchie parlementaire très industrialisée ; l’autre, un état agraire autocratique, dont la révolution n’est plus qu’une question de temps). Comme toutes deux étaient séparément alliées à la France, il y eut donc la « triple Entente ». L’encerclement de l’Allemagne était achevé, ses alliés —  Autriche-Hongrie, Bulgarie et l’Empire ottoman (l’Italie, neutre changea les fronts en 1915) — n’étaient pas autour d’elle des soutiens, mais au contraire une décharge stratégique militaire durable.

Lorsqu’au 28 juin 1914, le successeur au trône de la Monarchie k.u.k., le Grand duc François-Ferdinand, lors d’une visite de manœuvre à Sarajevo, fut assassiné par des nationalistes serbes, il ne fallut que cinq semaines pour que l’Europe fût en guerre. La Bosnie et l’Herzégovine étaient, en 1908, placée sous le protectorat autrichien par décision internationale, en tout cas avec la  désapprobation de la Russie qui, depuis les jours de Catherine la Grande, avait toujours considéré les Balkans comme sa sphère d’hégémonie. La Russie était la puissance protectrice de la Serbie, cette dernière prit les dispositions nécessaires pour aller au devant de la population nationale autrichienne indignée, mais cela n’aida en rien : parmi les 26 points de l’ultimatum autrichien, adressé au gouvernement monarchique serbe, il s’en trouvait aussi deux, qu’aucun gouvernement au monde ne pût jamais accepter, sans discréditer son État. Le refus partiel et, avec cela, l’entrée en vigueur du casus belli, avait été planifié par le parti autrichien favorable à la guerre, autour du général en chef, le Feldmarschal Conrad von Hötzendorf.

Comme il fallait s’y attendre, immédiatement là-dessus, la Russie s’immisça en disant qu’une intervention militaire autrichienne contre la Serbie ne pourrait être tolérée. La saillie de la Russie fit entrer en lice l’Empire allemand, lequel s’était allié à la vie et à la mort à l’Autriche et avait délivré au gouvernement autrichien les pleins pouvoirs illimités (le fameux chèque en blanc) pour une intervention contre la Serbie — car c’est seulement avec la puissante Allemagne, économiquement forte et hautement armée, sur ses arrières que l’Autriche, démodée et arriérée, pouvait principalement oser une passe d’armes. « En larmes », comme il est rapporté, l’ambassadeur allemand à Saint-pétersbourg, Frédéric Comte de Pourtalès, transmis la déclaration du guerre allemande, le 1er août (40 jours auparavant, la Russie — qui était alors gouvernée par la dynastie allemande Schleswig-Holstein-Gottorf — et la Prusse, étaient encore des amies proches. Étant donné qu’entre la Russie et la France était en vigueur, depuis 1894, une alliance offensive et défensive, l’Allemagne prit les devants et déclara la guerre à la France le 3 août. Car on s’était déjà placé dans ce conflit insensé et cela depuis vingt ans. Ici, l’approche de cet éclatement de la guerre devient tout à fait inconcevable. Le conflit dans les Balkans — lequel, quatre ans plus tard du reste, s’achèvera avec, comme on pouvait s’y attendre, la dislocation des deux empires du Sud de l’Europe restés multinationaux : la Double Monarchie austro-hongroise et l’Empire ottoman — s’avère une simple voie détournée, afin de laisser de nouveau renaître le conflit originel France-Allemagne. Le danger du « rouleau compresseur russe », qui fut beaucoup exorcisé (de fait l’armée russe est à peine plus moderne que celle autrichienne ; en outre, le moral au combat des recrues qui souffrent beaucoup du régime tsariste, est misérable) sera stoppé à la bataille près de Tannenberg et aux lacs Masures, par la huitième armée allemande sous les ordres du Général en chef von Hindenburg, par la suite Reichpräsident. Par contre, les sept armées allemandes, qui avaient espéré prendre Paris, dont elles avaient approché de 100 km suite à une avancée fébrile, restèrent bloquées en septembre sur la Marne (« miracle de la Marne »). Avec cela, la guerre à l’Ouest, pour les deux adversaires en était arrivée au point stratégique zéro, avant même qu’elle eût correctement commencée. Il en ira ainsi quatre années durant : parfois les Français enregistrent un gain de terrain minimum, parfois ce sont les Allemands. Mais on reste pat.

La catastrophe primordiale du 20ème siècle

Toujours est-il que ce qui est décisif c’est que, depuis le 4 août, la Grande-Bretagne se trouve aussi en guerre avec l’Allemagne. Le commandement en chef des armées allemandes, pour des raisons purement stratégiques — ainsi que le prévoyait d’ailleurs le plan Schlieffen des années 1890, qui  écrasait par la force la neutralité belge — a ainsi violé la condition de l’ultimatum de la Grande-Bretagne, sous laquelle elle n’eût pas intervenu dans la guerre à l’Ouest (ce par quoi celle-ci eût été décisive pour l’Allemagne en quelques semaines). Mais les cent mille soldats britanniques qui intervinrent déplacèrent naturellement l’équilibre des forces naturellement aux détriments de l’Allemagne.

Tout le comportement de l’Allemagne dans cette guerre indique des traits d’auto-destruction : depuis le fait de prendre — sans restriction mais pas du tout nécessairement —fait et cause pour l’Autriche et sa politique d’expansion dévastatrice dans les Balkans, en passant par la violation de neutralité, l’ouverture de la guerre sous-marine illimitée en 1917 (ce par quoi les USA entreront en lice aux côtés de l’entente, jusqu’aux conditions éhontées de la paix de Brest-Litowsk, en mars 1918, par lesquelles un empire colonial est-européen était censé se créer sous la direction allemande. Un acte de brutalité, dont on interpréta la punition légitime en retour, un an plus tard à Versailles, entre temps aussi dans la recherche. Parmi toutes les puissances participantes, le Reich  allemand avait la moindre raison d’être dans la guerre et parmi tous les objectifs de guerre, les siens étaient les moins honorés par la raison et la logique.

La question de la culpabilité dans la guerre a été posée depuis la guerre elle-même, et avec insistance, comme autrement dans aucune autre guerre dans l’histoire. La première Guerre mondiale éclata, la seconde fut déchaînée — sur cette formulation l’union règne depuis longtemps dans la recherche comme dans l’opinion publique et de récentes contributions au point de vue renforcé sorties de la littérature n’y ont rien changé. La « catastrophe archétype du 20ème siècle », comme George F. Kennan caractérisa la guerre mondiale, dans une tournure fameuse, est dans sa genèse, aujourd’hui, comme il y a cent ans, un objet de fascination.

Il est vrai que tout dans l’histoire suit une logique interne conforme à l’être et d’un autre côté aussi au-delà du temps. Il ne s’agissait pas pourtant d’une  « revendication à la puissance mondiale », comme l’historien Fritz Fischer voulut le faire accroire, dans son ouvrage éponyme très controversé de 1961 ;6 mais au contraire, il s’agissait de cette logique. Selon elle, l’époque européenne aurait fait son temps. Mille cinq cent ans après la chute de Rome, les puissances européennes auraient sondé le politique dans sa pratique territoriale dans toutes les directions ; en 1914, elles se heurtaient finalement à leurs limites et il n’était que logique que la population de l’Europe du centre avec la défaite de 1918, se débarrassât  de ses monarques — rien qu’en Allemagne ceux-ci étaient au nombre de 20 princes régnants — ; car c’est le principe d’Abraham, selon lequel le prince est le berger de son peuple et s’il le mène assurément dans l’inconnu, c’est qu’il a perdu sa légitimité historique. Que les Allemands dussent se sentir dupés par leur épopée héroïque historique ; que la perte de l’empire dût activer dans les couches profondes de l’âme du peuple, un complexe du père, cela c’est une autre question.

Europe de régions

Peut-être comprenons-nous mieux le phénomène de cette guerre, qui surpasse sa propre tradition comme insensée et étrangère, si nous l’observons à partir d’une perspective d’avenir. Cent ans ne sont pas écoulés depuis, que le visage de l’Europe et du monde s’est complètement modifié. La puissance politique classique, sous le modus de son outrance erratique et infernale par le Reich allemand et deux guerres mondiales, a disparu du répertoire de la politique européenne ; et de plus, nous sommes tous entrés dans l’époque de l’économie, après qu’elle s’était déjà annoncé à l’époque de l’empire, par sa politique sociale et certes, sa circonspection pour le bien-être de ses sujets, mais tout en s’améliorant constamment même pour les classes inférieures et cela signifiait donc aussi l’exigence de prospérité et de bien-être que nous partageons désormais en Europe. Les USA et la Chine ont repris le rôle qui avait été réservé jusqu’en 1914 aux cinq grandes puissances européennes : tous deux pensent en grands projets territoriaux globaux, et activent ce qu’on caractérisait, dans les années 1850 en Europe, une « real ou Machtpolitik ». L’Europe, au lieu de cela, revient à ses anciennes racines enfouies sous le désert de mille ans d’une évolution compliquée et entortillée ; elle redevient lentement une Europe des régions.

Le caractère régional est la racine de l’élément européen. L’État universel, territorial, qui « met en caisse » [vereinnahmende] vers l’intérieur et « fait des projets à longue portée » [ausgreifende] vers l’extérieur, fut toujours quelque chose d’étranger à l’Europe, un octroi oriental, contre lequel les Grecs se sont défendus 100 ans durant, jusqu’à ce qu’Alexandre le Grand importât, dans sa méditerranée natale, l’idée d’un empire universel, dans le cadre d’une entreprise géniale, aventurière et nonobstant démentielle. De la Grèce, qui devint tout à coup la région-mère des monarchies modernes,  — Alexandre Demandt  y fait très récemment allusion dans son ouvrage brillant sur Alexandre7 —, cette idée passa par Rome, dont l’empire se forma en ne se groupant pas tout autour d’une région, mais au contraire, tout autour d’une seule et unique et superbe ville (Qui cela étonne-t-il aujourd’hui que c’est là, en Italie et en Allemagne que le régionalisme est particulièrement perceptible ?), pour se perdre ensuite dans le grouillement des grandes invasions. Charles le Grand/Charlemagne, dont se réclament les deux nations-mères de l’Europe post-moderne, la France et l’Allemagne, en tant qu’identité fondatrice, restaure de nouveau l’empire, non pas originellement politique, mais au contraire bien plus comme une unité-souche d’origine. La charge nationale, politique, ne vint que se rajouter après ; depuis que chacun de ses successeurs se crut devoir, à partir de sa nationalité propre, instituer l’Europe en tant qu’État d’ensemble. L’idée archétype de l’Europe — une libre vie ensemble, les uns avec les autres, de « tribus » et avec cela aussi, de régions diverses — est tombée dans l’oubli. Elle fut revendiquée, arrondie, dérobée et de nouveau enlevée[f], 1000 ans durant.

En 1914, le château de cartes du nationalisme européen s’effondra finalement sur lui-même. Avec la première Guerre mondiale, à vrai dire, la chose n’était pas faite ; il y fallut encore des évolutions beaucoup plus épouvantables, tout au long de ce continuum de 1914 à 1945, jusqu’à ce que l’Europe martiale y épuisât enfin ses énergies autodestructrices. Mais en 1914, ce fut la première lueur, la première détonation évidente, que les peuples de l’Europe étaient sommés par le fait qu’ils sont  frères, et non pas concurrents et que l’époque de la guerre fratricide touchait à sa fin.

Aussi n’est-ce pas un hasard — comme d’ailleurs principalement rien n’est « fortuit » dans le grand arc du temps que nous avons coutume d’appeler « histoire », — que cette « grande guerre », comme l’appellent toujours et encore Français et Anglais, avec une clairvoyance pathétique, se déroula principalement sur des champs de bataille de cette bande des régions qui s’étendent d’Ostende aux Alpes ; entre la Belgique, le plus jeune, et la Suisse, le plus ancien État neutre en Europe du Centre, dont le second devint, après la première Guerre, le Siège de la SDN, tandis que dans le premier, après une seconde Guerre encore bien pire, siégea l’Union Européenne. L’idée européenne — l’éloignement du national, l’atténuation du politique, la cession à l’individu de l’idéal d’unité centrale et d’unité, de la totalité : sur les champs arrosés de sang de la première Guerre mondiale, qui révéla au grand jour toute la barbarie et toute l’absurdité de la guerre dans son aveuglante absence de fioritures, cet idéal entama sa métamorphose en chrysalide, au milieu des peines et des convulsions.

Le rôle double que l’Allemagne y joua ici n’est pas étonnant, mais au contraire, conséquent. Quoique formellement — c’est ce qu’a montré d’une manière impressionnante la recherche des années passées — l’Allemagne n’a ni plus ni moins de culpabilité que les autres participants dans le déclenchement de la guerre (et avait nonobstant elle-même la moindre raison pour cela) ce fut pourtant la « question allemande », celle qui remontait au moyen-âge, voire en effet déjà au temps des Romains, à laquelle dut se décider l’avenir de l’Europe. L’Allemagne prit sur elle le fardeau de la culpabilité historique avec un aveuglement funeste, puéril et en même temps brutal : se laisser aller à cette guerre la plus dépourvue de sens de toutes les guerres, à en faire d’abord ce qu’elle devint : à savoir les « derniers jours de l’humanité » (Karl Kraus). Au point qu’à la fin, se trouve seulement désormais devant ses peuples, sans autre alternative, l’idée d’une Europe sans états, apolitique, l’Europe des régions, l’Europe de la fraternité, comme seule l’expérience de cette guerre a pu l’imprégner dans les esprits.

La fausse forme dut être brisée avec violence, pour que la bonne forme intérieure, la pure matière, en vint à se déployer ; l’idée archétype mythique de la Pax Europaea, de la paix européenne.

© Konstantin Sakkkas

Le texte précédant a paru dans le numéro 10/2013 du journal Die Drei.

Traduction française: Dr. Daniel Kmiecik, Paris

Header: Parade des troupes grècques lors de la fête de victoire alliée, Paris, 14 juillet 1919.

 

Notes :

  • Christian Compte de Krockow : La décision. Une investigation sur Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger (Thèse 1954, Stuttgart 1958.
  • Le traité de Locarno, que Gustave Stresemann et Aristide Briand signèrent en 1935, ne compte pas ici, car l’atmosphère fondamentale de revanche entre les deux nations en resta intact.
  • Francis Fukuyama : La fin de l’histoire. Où nous trouvons-nous ? Munich 1992.  Il se peut qu’on rétorque que l’époque de la Guerre froide était une moment d’extrême charge politique et fut bel et bien politique avec cela ; nonobstant, l’atmosphère fondamentale en Europe occidentale, en particulier depuis l’apparition de la culture pop moderne, dans les années 50 et 60, de décennie en décennie plus impolitique.
  • Une anecdote illustre très joliment cela de l’époque impériale. Guillaume II se laissa coiffer par un barbier alsacien, à l’occasion d’une manœuvre. L’empereur fut très satisfait du travail de cet homme et lui dit qu’il pouvait exprimer un vœu. Le coiffeur rétorqua, dans une attitude militaire et comme sous la menace d’un pistolet : « Majesté, rendez-nous l’Alsace-Lorraine ! »
  • Sébastien Haffner : Remarques au sujet d’Hitler, Francfort sur le Main 1978.
  • Fritz Fischer : Revendication à la puissance mondiale. L’objectif politique de guerre de l’Allemagne impériale 1917/1918, Düsseldorf 1961, 2009.
  • Alexander Demandt : Alexandre le Grand, Munich 2013.

 

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Essay, Geschichte, Politik und Gesellschaft

Griechenland gehört zu Europa

Griechenland war einst die Wiege Europas und das Land der Götter, heute gilt es als Land der Staatsverschuldung im Epizentrum der Finanzkrise. Insbesondere deutschen Konservativen und Neoliberalen sind die Beihilfen für Griechenland wie auch die übrigen südeuropäischen Staaten ein Dorn im Auge. Denn Deutschland war einst das Land einer absurden Staatsvergottung, heute beten die Deutschen das Wirtschaftliche an.Zwar ist nicht davon auszugehen, dass politische Kräfte wie die AfD in absehbarer Zeit in Regierungsverantwortung gelangen werden. Doch die Ignoranz oder Unkenntnis der historischen und politischen Bedingungen, die die Währungsunion und die finanzielle Solidarität innerhalb Europas notwendig machen, greift um sich.

Immer wieder hört man, auch von gebildeten Leuten, sie wollten nicht mit “ihrem Geld” die Schulden anderer, insbesondere Griechenlands, bezahlen. Was für ein Märchen. Niemand wurde im reichsten Land Europas wegen der Eurokrise enteignet. Es wurden Garantien abgegeben, weiter nichts. Und um das Vermögen von Großanlegern und Spekulanten müssen wir uns erst recht keine Sorgen machen.

Worum wir uns sorgen sollten, ist Europa. Natürlich ist Europa eine Transferunion! Natürlich brauchen wir einen europäischen Finanzausgleich! Ein Austritt oder gar Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone wäre fatal. Denn der Euro ist ein politisches Instrument, das dem europäischen Kultur- und Werteraum eine Klammer gibt. Er dient der Einigung Europas – das sonst eine zerfallende Region wäre.

Die EU erinnert territorial an das alte Römische Reich, in dem sich griechisch-christliche Kultur und römisch-fränkische Infrastruktur miteinander segensreich verbanden, bevor das Reich zerfiel. Die heutige EU reicht vom Hadrianswall in Schottland bis nach Bulgarien, ans Schwarze Meer. Doch die Europäische Union ist nicht mehr monarchisch-imperial geprägt wie seinerzeit das Römische Reich, sondern demokratisch-föderal. Diese heutige Union, dieses Europäische Reich ist ein gemeinsamer Kultur- und Werteraum, den es zusammenzuhalten und zu verteidigen gilt, heute, im Zeitalter des Wirtschaftlichen, eben auf wirtschaftlichem Wege.

Als Adenauer und De Gaulle die europäische Einigung ins Leben riefen, hatten sie genau dies im Sinn: ein Europa als “Dritten Weg”, zwischen den USA und Asien. Die europäische Währungs- und Solidarunion soll die Integrität dieser einzigartigen Kultur- und Wertegemeinschaft namens Europa gewährleisten, um die wir zweitausend Jahre lang gerungen haben. Im Angesicht von Putins Expansionskurs in der Ukraine, Erdogans reaktionärer Religionspolitik in der Türkei und des IS-Terrors in Vorderasien ist ein europäisches Zusammenhalten dringender nötig denn je.

Griechenland symbolisiert diese Kultur- und Wertegemeinschaft wie kein zweites europäisches Land. Nicht nur als Wiege des europäischen und später christlichen Erbes, sondern auch als geografischer Außenposten, der dieses Erbe, immer wieder verteidigt hat. Es aus kurzsichtigem ökonomischem Kalkül heraus aufs Spiel zu setzen, wäre das Todesurteil für die europäische Idee. Darüber sollten auch wir Deutschen uns endlich klar werden, wenn wir über griechische Staatsschulden sprechen.

© Konstantin Sakkas

Dieser Text wurde am 28. Oktober 2014, dem griechischen Nationalfeiertag (“Ochi-Tag”), auf Deutschlandradio Kultur gesendet. 

Header: Zeus entführt Europa. Mosaik, Byblos (heutiger Libanon), 3. Jh. v. Chr. 

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Essay, Geschichte

Die Somme-Schlacht

Am 1. Juli 1916 begannen die Briten unter ihrem Oberbefehlshaber, General Douglas Haig, ihre große Entlastungsoffensive an der Somme. Seit Februar tobte die Schlacht um Verdun. Die Franzosen hatten dort bereits zahlreiche wichtige Stellungen aufgeben müssen und brauchten dringend Hilfe. Ende Juni begannen die Briten ein siebentägiges Bombardement an dem Fluss Somme nordwestlich von Verdun, um die deutschen Stellungen sturmreif zu schießen. Die britische Führung wollte so erreichen, dass ihre Infanteristen am Tag des Angriffs das Niemandsland „nur mit dem Spazierstock bewaffnet“ würden überqueren können. Entscheidender Nachteil dieses Dauerfeuers war allerdings, dass es den Deutschen den Ort des bevorstehenden Angriffs verriet.Im Vorfeld des Angriffs wurden auch erstmals in diesem Krieg gigantische Sprengungen vorgenommen. In monatelanger Arbeit hatten britische Pioniere die deutsche Stellung „Schwabenhöhe“ bei dem Weiler La Boisselle unterminiert und Sprengstoff im Umfang von 27 Tonnen angebracht. Am 1. Juli um 7 Uhr 28 brachten sie die Höhe zur Explosion. Erdbrocken und Trümmerteile wurden einen Kilometer und höher in die Luft geschleudert, es gab Hunderte von Toten. Der Knall der Explosion war so laut, dass er noch in London zu hören gewesen sein soll. Die Briten gaben dem entstandenen Krater den Namen „Lochnagar-Krater“, in Anlehnung an die schottischen Regimenter, die hier lagen.

Zwei Minuten später traten dann 120.000 britische Soldaten zum Sturm auf die deutschen Stellungen an. Sie wurden sofort von heftigem MG-Feuer empfangen. Entgegen der Annahme der englischen Führung waren die deutschen Gräben nämlich zwar stark beschädigt, aber dennoch intakt geblieben. Es kam zu einem furchtbaren Blutbad: 20.000 britische Soldaten starben an diesem Tag, allein achttausend in der ersten halben Stunde. Es war der verlustreichste Tag in der britischen Militärgeschichte.

Besonders schlimm traf es die „Ulster Division“, in der nordirische Soldaten dem Vereinigten Königreich dienten. Bis heute gilt für sie der 1. Juli 1916 als Opfergang für Großbritannien. Um halb acht Uhr morgens griffen sie bei dem Dörfchen Thiepval an und stießen auf den fanatischen Widerstand württembergischer Truppen. Die Division verlor mehr als die Hälfte ihrer Männer.

Aus der Entlastungsoffensive wurde schnell ein eigener Kampfplatz, der bis dahin ungekannte Mengen an Menschen und Material verschlang. Bis in den November hinein rangen Deutsche und Briten, unterstützt von der 6. Französischen Armee unter General Fayolle, und verwandelten die idyllische Landschaft in eine Trichterwüste. Den britischen Hauptstoß führte die 4. Armee unter General Rawlinson. Haig, der Oberbefehlshaber, versteifte sich so wie auf deutscher Seite ein halbes Jahr zuvor Falkenhayn auf eine Strategie der „Abnutzung“ und des „Weißblutens“. Tatsächlich kam dabei aber, wie der britische Militärhistoriker Basil Lidell Hart, der selber an der Schlacht teilnahm, später festhielt, nur „dummes, massenweises gegenseitiges Abschlachten“ heraus.

Einen weiteren Einschnitt in dieser Schlacht stellte der erstmalige Einsatz von Panzern dar. Am 15. September griffen die Engländer mit 32 „Tanks“ bei Flers nahe der Stadt Bapaume an. Der Name war bewusst gewählt, um den Gegner über den wahren Zweck der neuartigen, gepanzerten Fahrzeuge irrezuführen. Tatsächlich war die Verwirrung unter den Deutschen groß, entscheidende Wirkung konnte die Panzerwaffe aber noch nicht erzielen, zudem verspielten die Engländer durch den beschränkten Einsatz das Überraschungsmoment. Die Hauptlast des Angriffs lag nach wie vor bei der Infanterie, das Nahziel der alliierten Offensive, die Einnahme von Bapaume, wurde nicht erreicht. Auch bei Verdun wurde die deutsche Linie gehalten. Am 18. November wurde die Offensive eingestellt.

Die Schlacht an der Somme war neben Verdun die blutigste des ganzen Krieges. Gemessen an ihrer Dauer war sie die verlustreichste. Haig wurde zwar Anfang 1917 zum Feldmarschall befördert, doch der Ruf als „Schlächter von der Somme“, der einem veralteten Schlachtplan Hunderttausende Soldaten blind opferte, blieb an ihm haften. Der Historiker Jörn Leonhard schreibt: „Nach der Somme-Schlacht war das Missverhältnis zwischen Raumgewinn und Opferzahlen unübersehbar. In etwa 150 Tagen hatten die deutschen Truppen auf 35 Kilometern Frontbreite etwa zehn Kilometer Gelände eingebüßt. Mit dem Rückzug auf die stark befestigte Siegfried-Linie Anfang 1917 konnten sie aber die Front insgesamt stabilisieren. Die Briten und die Empire-Truppen verloren insgesamt 420.000 Mann, die Franzosen 204.000 Mann, insgesamt hatten die Alliierten 146.000 Tote oder Vermisste zu beklagen. Dem standen 465.000 Mann deutsche Verluste gegenüber, darunter 164.000 Tote und Vermisste.“

© Konstantin Sakkas

Header: “Blackadder and his men before going over the top”. Szenenfoto, BBC 1989.  

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Essay, Geschichte, Philosophie, Politik und Gesellschaft

Die letzten Tage der Neuzeit. Der Erste Weltkrieg und die eigentliche Idee von Europa

Vor bald hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, und mit ihm endete nicht nur eine Epoche, sondern ein Zeitalter. Was danach kam, so schrieb Christian Graf von Krockow in seiner vielbeachteten Studie „Die Entscheidung“ von 1954, ist noch neu, unbekannt und unbenannt. Wir Heutigen blicken auf diese hundert Jahre zurück als auf das erste vollbürtige Jahrhundert einer neuen Zeit, eines neuen Zeitalters.

Die kanonische Dreiteilung der Weltgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit war dabei ein vergleichsweise junger Topos. Erst im Jahr 1702 führte ihn der Hallenser Gelehrte Christoph Martin Keller („Cellarius“) in die Wissenschaft ein; zuvor hatte man die Geschichte – von der Erde selbst nahm man damals an, sie bestünde seit sechstausend Jahren – eingeteilt nach den so genannten vier großen Reichen: dem assyrischen, dem persischen, dem griechischen und dem römischen. Den Brückenschlag vom römischen Reich, das 476 n. Chr. mit der zweiten Einnahme Roms durch Odoaker und den Sturz des letzten Kaisers Romulus unterging, vollzog man mittels der Denkfigur der „translatio imperii“: der (geistigen) Übergabe der (Kaiser-)Reichsidee von Rom an die Franken, deren Staat sich im 8. Jahrhundert als europäisches Großreich, von der Bretagne bis nach Mittelitalien, von den Pyrenäen bis nach Ostsachsen zu etablieren begann; mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstage des Jahres 800 als eindrücklichem Höhepunkt.

Der Gedanke, sich nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer andren, eben der „neuen“ Zeit zu befinden, tauchte freilich schon früh in den Köpfen der Menschen auf; Jacob Burckhadt datierte in seinem kanonischen Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ebenderen Beginn aufs frühe 14. Jahrhundert, und in der Geschichtswissenschaft gelten die geistes-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Strömungen, die über Europa seit der Stauferzeit, seit dem 12., Jahrhundert hereingebrochen waren, seit Langem als eindeutige Vorboten der Neuzeit („Renaissance des 12. Jahrhunderts“ ist hier zum Beispiel ein gängiges Schlagwort). Das Gefühl freilich, Neuzeit zu sein, war auch im Jahre noch 1914 ein recht junges – trotzdem ging in ebendiesem Jahr diese Neuzeit, wie es neben Graf Krockow Denker auch wie Martin Heidegger, Hannah Arendt und Hans Blumenberg sehen sollten, schon wieder zu Ende.

Um dies zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die geistig-politischen Konstellationen zu werfen, die dem Ausbruch des Krieges vorausgegangen waren. Der Krieg fand statt zwischen den fünf europäischen Großmächten; diese waren seit dem 18. Jahrhundert England, Frankreich, Russland, Österreich (seit 1867 in Realunion: Österreich-Ungarn) und das Deutsche Reich, das 1871 quasi aus dem Königreich Preußen hervorgegangen war. Man sprach hiervon auch als von der „europäischen Pentarchie“. Hinzugekommen als stiller Konkurrent auf dem Feld der Weltwirtschaft waren mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 bzw. mit seiner definitiven inneren politischen Einigung 1865 die Vereinigten Staaten von Amerika; eine veritable weltpolitische Rolle spielen sollten sie allerdings erst mit ihrem Eintritt in den Krieg, 1917.

Wir haben es also beim Ersten Weltkrieg konstellativ im Ausgang vorerst mit nichts anderem zu tun als mit einer Neuauflage des uralten europäischen Motivs des Bruderkrieges. Seine Wesensdimensionen konnten religiös, territorial, wirtschaftlich oder allgemein geistig sein; 1914 waren sie vordergründig wirtschaftlich-territorial, aber auf gewisse, unbestimmte Weise auch geistig. Man kann sagen, dass alle europäischen Erschütterungen seit der karolinigschen Zeit, also seit der Zeit Karls des Großen, darauf zurückzuführen sind, dass das von jenem angestrebte und für kurze Zeit auch realisierte Großreich in lauter kleine Einzelstaaten zerfiel, die seit etwa der ersten Jahrtausendwende nach Christus mit Macht nach ihrer politischen, wirtschaftlichen und später auch religiösen und ideologischen Selbstentfaltung strebten.

Besonders deutlich wurde diese Tendenz seit dem Beginn der Neuzeit, der nämlich zugleich der Beginn der so genannten deutsch-französischen Erbfeindschaft ist. Sie begann mit dem Italienfeldzug des Königs Karl VIII. von Frankreich 1494 und endete mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, dem so genannten Élysée-Vertrag, am 22. Januar 1963, dieses letztere ein recht junges Datum, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute es noch erlebt hat (50 Jahre). Sie ging aus vom Kampf um die Vorherrschaft in jenem Teil des alten Karlischen Reiches, der in der Reichsteilung, nach dem Tod seines Sohnes, Ludwig des Frommen († 840), im Vertrag von Verdun 843 als Mittelreich hervorgegangen war. Er erstreckte sich im Groben von der heute niederländischen Nordseeküste über Lothringen, Burgund und die Provence bis nach Norditalien, Mailand und die Lombardei, und von dort aus bis nach Rom, das politisch seit der Einnahme durch die Goten im Fünften Jahrhundert nicht mehr zur Ruhe gekommen war.

Es ist genau dieser Länderschlauch von Norden nach Süden, von Mediävisten spöttisch auch gern als „Kegelbahn“ bezeichnet, in und um den im Ersten Weltkrieg in der Hauptsache gekämpft werden sollte. Der deutsche Feldzugsplan, vom späteren Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen bereits in den 1890er Jahren entworfen, sollte sich genau an diesem territorialen Szenario orientieren: die Masse der deutschen Armeen sollte das französische Heer in einer gewaltigen Umfassung von „rechts“ nach „links“, also von Norden nach Süden drücken und an der Schweizerischen Grenze „zerquetschen“ (daher das bekannte Schlagwort, das der todkranke Schlieffen im Fieberwahn gebraucht haben soll: „macht mir den rechten Flügel stark!“). Der Frontbogen im Westen reichte von Belgien, dessen völkerrechtlich garantierte Neutralität die deutsche Reichsleitung unseligerweise brach (und damit England auf den Plan lief, das ansonsten sehr wahrscheinlich neutral geblieben wäre; aber Belgien, und damit eine Zähmung unsinniger deutscher Annexionswünsche hatte es nun einmal garantiert!), durch Flandern, Vogesen, die Champagne und das alte Herzogtum Burgund (so hatte früher das gesamte Mittelreich zwischen West- und Ostfranken geheißen) bis nach Pontarlier an die Schweizer Grenze.

1915 zerfiel der Dreibund, ein wackliges Bündniskonstrukt aus den 1880er Jahren zwischen den in „Nibelungentreue“ verbundenen Reichen Deutschland und Österreich einerseits und dem jungen Königreich Italien andererseits, und es wurde, und zwar direkt in den Alpen, eine neue Front eröffnet, diesmal zwischen Österreich und Italien, das den Habsburgern noch lange nicht vergessen hatte, dass ihre Sekundo- und Tertiogenituren, ihre Vizekönige und Militärgouverneure einst drei Viertel des Landes beherrscht hatten. Der Krieg erstreckte sich also ziemlich genau in dem Länderschlauch von der flandrischen Nordseeküste bis hinunter in die Lombardei und an die Adriaküste, um dessen Besitz sich nicht nur die Enkel Karls des Großen im Neunten Jahrhundert gerissen hatten; sondern um den noch in der gesamten frühen Neuzeit, von den so genannten Italienkriegen (1494-1558) über die „Raubkriege“ Ludwigs XIV. und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) bis zu den so genannten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den alten europäischen Monarchien (1792-1814) gerungen wurde. Rein territorial und rein europäisch betrachtet, war es das Erbe Karls des Großen, um das die fünf europäischen Großmächte 1914 bis 1919 stritten.

Anders betrachtet ging es freilich um viel, viel mehr. 1814, als Napoleon in der Schlacht bei der Stadt Arcis-sur-Aube durch den österreichischen Fürsten Schwarzenberg geschlagen wurde und ein paar Wochen Paris die weiße Fahne hisste, befand Europa strukturell sich noch tief im Mittelalter. Es gab keine Elektrizität, keine Mobilität auf der Schiene, keine Aviatik. 1914 dagegen steht Europa tief in der Moderne. In keinem Jahrhundert wurden so viele wegweisende Erfindungen und Entdeckungen gemacht wie im 19. Quantitativ sind ihm das 20. und 21. sicher überlegen, aber qualitativ ist der Abstand zwischen 1814 und 1914 viel größer als der zwischen 1914 und 1963 es war, oder der zwischen 1963 und 2013. Die Informationstechnologien und die Verteilungsstrukturen des Wohlstandes haben sich zum Teil radikal verändert; aber mentalitär steht Europa seit der „Stunde Null“, seit 1945 in einer Art positiver Schockstarre, einem Gefühl des Nicht-mehr-beteiligt-seins, der Entpolitisierung, das dann 1992, als auch der Kalte Krieg Geschichte war, Francis Fukuyama mit dem Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ auf den Punkt bringen sollte.

Winston Churchill sah bekanntlich die Zeit von 1914 bis 1945 als einen zweiten „europäischen Dreißigjährigen Krieg“ an, in dem alles durcheinandergewirbelt wurde. Zwei unmittelbare Konsequenzen hatte dieser Dreißigjährige Krieg: erstens: er rief die USA auf den Plan, die sich binnen Kurzem als den europäischen Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit und militärischer Schlagkraft heillos überlegen entpuppten. Zweitens: er holte den Orient und mit ihm den Islam auf die Bühne des weltpolitischen Theaters.

Seit dem Kreuzzugszeitalter hatte sich das Türkische Reich, das sich später nach seinem dynastischen Gründer osmanisch nennen sollte, klandestin als heimliche Ordnungsmacht herauspräpariert, die, zwar dem Anschein nach gegen Europa gerichtet, in Wahrheit durch äußeren Druck immer wieder dafür sorgt, dass Europa zusammenbleibt. Letztmalig manifestierte sich dies in jener Klausel der Wiener Gründungsakte der Heiligen Allianz, die den Sultan in Konstantinopel vom Beitritt ausschloss, da er eben kein Christ sei.

Das ganze 19. Jahrhundert dann drehte sich machtpolitisch um die Erhaltung der Türkei, des „kranken Mannes am Bosporus“. Hatten die Türken noch 1683 „vor Wien“ gestanden und als der Schrecken der zivilisierten Welt gegolten, so wurden sie nun von der europäischen Diplomatie auf einmal geradezu liebevoll gepflegt. Die große Angst, die alle umtrieb, war nämlich: dass im Nahen Osten, der alten geographischen Schlüsselregion Europas, die beiden großen Gegenspieler im Kampf um die „Aufteilung der Welt“ einmal blutig zusammenstoßen würden: England und Russland.

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die große Angst des gebildeten Europäers, dass es zu einem „Weltkrieg“ zwischen diesen beiden Mächten kommen könnte. England, das Mutterland des Kolonialismus, damals Herrscherin über ein Viertel der Erdoberfläche, und Russland, der spätberufene Neuzugang ins europäische Mächtekonzert, der sich seine Rolle als heimlich Schutzmacht Preußens zwischen 1763 und 1871 erarbeitet hatte und nun nicht nur als Schutzpatron der panslawistischen Freiheitsbewegung im österreichisch regierten Osteuropa auftrat, sondern zugleich die „Befreiung“ der orthodoxen Glaubensbrüder auf dem Balkan und im Kaukasus im Schilde führte, was auf nichts anderes hinauslief als auf eine Expansion in den Nahen und Mittleren Osten, nach Syrien und Persien, an die Grenzen Indiens, das britische Kronkolonie war, seit 1876 mit dem Status eines Titularkaisertums. Hier, sowie auf den Weltmeeren – die Kriegsmarine galt als Teilstreitkraft der Zukunft – erwartete man den großen Zusammenstoß von Bär und Walfisch, von Russland und England.

Vergleichsweise unbedeutend nahm sich daneben der andere Konflikt aus, der das europäische politische Geschehen seit 1871 dominierte. Der deutsch-französische Gegensatz schien dadurch, wenn auch gewaltsam, gelöst, dass es Deutschland unter „Führung“ Preußens und Otto von Bismarcks gelungen war, sich politisch zu einigen und dabei die linksrheinischen Gebiete zu verteidigen. Einziger Stachel im Fleische: die neuen „Reichslande“ Elsass-Lothringen, die die Sieger 1871 sich gleichsam als Kriegsbeute ausbedungen hatten – Land, das zwar vor Jahrhunderten einmal deutsch gewesen, seit Ludwig XIV. aber nun einmal französisch war, dessen Bevölkerung mehrheitlich französisch dachte und fühlte und, auch der wohlwollendsten Behandlung durch die deutschen Behörden trotzend, im Traum nicht daran dachte, seine eigentliche, innere Nationalidentität aufzugeben. Hier lag die Keimzelle des französischen Revanchismus seit 1871, und der Grund, warum in den vierzig Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges Deutschland und Frankreich schlechterdings nie ein Bündnis miteinander eingegangen sind.

Durch die Reichseinigung und das durch sie freigesetzte wirtschaftliche und militärische Potenzial aber – Deutschland war um 1900 hinter den USA und vor England die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – war Deutschland zum Zünglein an der Waage geworden; es war de facto, wie Sebastian Haffner festhielt, die stärkste Macht des Kontinents geworden, und – man bedenke! – dies aus dem Nichts! 1866 gab es noch den alten Deutschen Bund, verfassungsrechtlich eine Art Blinddarm des Heiligen Römischen Reiches, mit einer fürstenrepublikanischen Verfassung und zeitweise 39 Mitgliedsstaaten; fünf Jahre später gab es ein Deutsches Reich. Jeder, mit Ausnahme Frankreichs natürlich, wollte mit diesem Deutschen Reich verbündet sein, um seine jeweiligen Ziele durchzusetzen. Nur Deutschland selber, das hatte sein Gründer Bismarck erstaunlich aufrichtig eingeräumt, hatte kein wirkliches außenpolitisches Ziel mehr; es war gesättigt, „saturiert“.

Kritiker Deutschlands, d.h. Preußens, warfen und werfen Bismarck, dem „Barbaren von Genie“, denn auch bis heute vor, er sei ein Unruhestifter gewesen, der das alte europäische Gleichgewicht zerstört habe. Fakt ist, dass Bismarck selber um die Labilität seines machtpolitischen Konstrukts am besten wusste: der sprichwörtliche „Alptraum der Koalitionen“ (cauchemar des coalitions) sollte ihn bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen.

Dass der alte Fürst Bismarck 1890 durch eine Hofintrige und mit Wissen und Wollen des jungen, juvenilen Kaisers Wilhelm II. gestürzt wurde, wird bis heute bei Laien und Fachpublikum als schwerer Fehler angesehen und als πρῶτον ψεῦδος, als erster Fehler, der schließlich 24 Jahre später zum Ausbruch des Weltkrieges geführt habe. Erst in den letzten zehn Jahren wurde das ehedem fast schon kanonische Verdammungsurteil über den letzten Deutschen Kaiser behutsam korrigiert, unter anderem von Christopher Clark und Eberhard Straub, nachdem bereits in den Neunziger Jahren der Berliner Essayist Nicolaus Sombart einen ingeniösen Vorstoß in diese Richtung unternommen hatte.

Tatsache ist, dass sich Deutschland 1890 bündnispolitisch in einer unentscheidbaren Situation befand. Es konnte es nur falsch machen, wäre es nun mit Russland (wie zu Bismarcks Zeiten) oder mit England gegangen (wie es von der englischen Politik vor und nach Edward VII., der von 1901 bis 1910 regierte, immer wieder favorisiert wurde). Deutschland war zum ersten Mal in seiner Geschichte, um im Jargon der Bismarckzeit zu reden, vom „Amboss“ zum „Hammer“ geworden – aber es wusste mit diesem Hammer nichts anzufangen. Deutschland, nicht England, wählte mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. 1888 die splendid isolation – in die weltpolitischen Konjekturen Englands und Russlands sinnvoll eingreifen konnte es nicht.

So kam es 1907 zu dem diplomatischen Ereignis, das niemand für möglich gehalten hätte: England und Russland, die auch ideologisch denkbar weit voneinander entfernt waren (England, eine parlamentarische Monarchie und hochindustrialisiert, Russland, ein autokratischer Agrarstaat, bei dem die große Revolution nur eine Frage der Zeit war), schlossen ein Bündnis miteinander, da beide jeweils schon mit Frankreich separat verbündet waren, gab es nun offiziell die „Tripleentente“. Der Ring der „Einkreisung“ um Deutschland war geschlossen.

Als am 28. Juni 1914 der Thronfolger der k. u. k. Monarchie, Erzherzog Franz Ferdinand, bei einem Manöverbesuch in Sarajewo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, dauerte es noch fünf Wochen, bis sich ganz Europa im Krieg befand. Bosnien und die Herzegowina waren 1908 unter internationaler Duldung von Österreich besetzt worden, unter Missbilligung Russlands, das den Balkan seit den Tagen Katharinas der Großen als seine Hegemonialsphäre betrachtet hatte. Russlands Schutzmacht war Serbien, Serbien machte alle Anstalten, es der national empörten österreichischen Bevölkerung recht zu machen, aber es half nichts: unter den 26 Punkten des österreichischen Ultimatums an die königlich-serbische Regierung in Belgrad befanden sich jene berüchtigten zwei, die keine Regierung der Welt hätte annehmen können, ohne die Souveränität ihres Staates zu blamieren. Die Teilablehnung und damit der casus belli war von der österreichischen Kriegspartei eingeplant.

Unmittelbar darauf schaltete sich erwartungsgemäß Russland ein, das ein österreichisches Vorgehen gegen Serbien nicht dulden mochte; Russlands Vorstoß rief das Deutsche Reich auf den Plan, das sich mit Österreich auf Leben und Tod verbündet und der Regierung in Wien eine unbeschränkte Vollmacht (der berühmte „Blankoscheck“) für ihr Vorgehen gegen Serbien ausgestellt hatte (denn nur mit dem mächtigen, wirtschaftlich potenten und militärisch hochgerüsteten Deutschland im Rücken konnte das altmodische, zurückgebliebene Österreich einen Waffengang überhaupt wagen). „Unter Tränen“, wie es heißt, überreichte der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Graf v. Pourtalès, am 1. August die deutsche Kriegserklärung (noch vierzig Jahre zuvor waren Russland, das eine deutsche Dynastie, die Schleswig-Holstein-Gottorf, regiert, und Preußen eng Freunde gewesen). Da aber zwischen Russland und Frankreich seit 1894 ein Offensiv- und Defensivbündnis besteht, erklärt Deutschland vorauseilend am 3. August auch Frankreich den Krieg. Denn auf diesen, eigentlich unsinnigen, Konflikt hat man sich eingestellt, und das schon seit zwanzig Jahren.

Hier vollends wird der Hergang dieses Kriegsausbruches vollends unbegreiflich. Der Konflikt auf dem Balkan (der vier Jahre später im Übrigen erwartungsgemäß mit dem Auseinanderbrechen der beiden verbliebenen Vielvölkerreiche in Südosteuropa enden wird: Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) erweist sich als bloßer Seitenschlich, um den uralten Konflikt Frankreich-Deutschland wieder aufleben zu lassen. Die vielbeschworene Gefahr der „russischen Dampfwalze“ (tatsächlich ist die russische Armee kaum moderner als die österreichische, zudem ist die Kampfmoral der unter dem zaristischen System leidenden Rekruten miserabel) wird durch die Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen noch im Herbst durch die deutsche 8. Armee unter ihrem Generaloberst von Hindenburg, dem späteren Reichspräsidenten, aufgehalten. Dagegen beißen sich die sieben deutschen Armeen, die in einem hektischen Vorstoß Paris einzunehmen gehofft hatten und der französischen Hauptstadt auch schon auf hundert Kilometer nahegekommen waren, im September an der Marne fest („Wunder an der Marne“). Damit ist der Krieg im Westen für beide Seiten an den strategischen Nullpunkt gestoßen, bevor er richtig angefangen hat. Vier Jahre lang wird das jetzt so gehen: mal verbuchen die Franzosen, mal die Deutschen minimale Gebietsgewinne. Aber es bleibt ein Patt.

Entscheidend dafür ist allerdings, dass sich seit dem 4. August auch Großbritannien im Krieg mit Deutschland befindet. Die deutsche Oberste Heeresleitung hatte aus puren aufmarschtaktischen Gründen das neutrale Belgien überrennen lassen – und damit Englands ultimative Bedingung verletzt, unter der es in den Krieg im Westen nicht eingegriffen hätte (wodurch dieser vielleicht wirklich nach wenigen Wochen für Deutschland entschieden worden wäre). Und die vielen hunderttausend britischen Soldaten, die nun auf französischer Seite zum Einsatz kommen, verschieben das Kräftegleichgewicht natürlich zuungunsten Deutschlands.

Deutschlands ganzes Verhalten in diesem Krieg weist selbstzerstörerische Züge auf: vom unbedingten, aber gar nicht nötigen Eintreten für Österreich und seine verheerende Expansionspolitik auf dem Balkan über die fatale Verletzung der Neutralität, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Jahr 1917, wodurch die USA auf Seiten der Entente in den Krieg gerufen werden, bis hin zu den unverschämten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk im März 1918, wodurch faktisch ein osteuropäisches Kolonialreich unter deutscher Führung geschaffen werden soll – ein Gewaltakt, als dessen umgehende, gerechte Strafe man den Diktatfrieden von Versailles ein Jahr darauf mittlerweile auch in der Forschung auffasst. Unter allen beteiligten Mächten hatte das Deutsche Reich am wenigsten Grund zum Kriege, und unter allen Kriegszielen waren seine am wenigsten gedeckt, sei es durch Logik, sei es durch Emotion.

Die Frage nach der Kriegsschuld ist seit dem Krieg selber oft gestellt worden, und mit einer Insistenz wie sonst bei keinem Krieg in der Geschichte. Der Erste Weltkrieg brach aus, der zweite wurde entfesselt – über diese Formel herrscht in Forschung und Publikum seit Langem Einigkeit, und auch jüngere, meinungsstarke Beiträge aus der Literatur haben daran nichts geändert. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, als die George F. Kennan den Weltkrieg in einer berühmten Wendung bezeichnete, ist in ihrer Genese heute so sehr ein Faszinosum wie vor einhundert Jahren.

Freilich folgt in der Geschichte alles einer inneren, und wiederum auch überzeitlichen, seinsmäßigen Logik. Und nach dieser Logik hatte das europäische Zeitalter politisch ausgedient. Fünfzehnhundert Jahre lang, seit dem Untergang Roms, hatten die europäischen Mächte das Politische in seiner territorialen Praxis ausgelotet in alle Richtungen; 1914 stießen sie endgültig an ihre Grenzen, und es war nur folgerichtig, dass sich die Bevölkerung Mitteleuropas mit der Niederlage 1918 zugleich ihrer Monarchen – allein in Deutschland waren dies zwanzig regierende Herren – entledigte; denn das abrahamitische Prinzip, wonach der Fürst Hirte seiner Völker ist und sie sicher durchs Ungewisse führt, hatte seine historische Legitimität verloren. Dass sich die Deutschen um ihr historisches Heldenepos betrogen fühlen sollten; dass der Verlust des Kaisers einen tief in der Volksseele verwurzelten Vaterkomplex aktivieren sollte, stand dabei auf einem anderen Blatt.

Vielleicht begreifen wir das Phänomen dieses Krieges, der aus seiner eigenen Tradition so sinnlos und fremd hervorragt, besser, wenn wir ihn aus der zukünftigen Perspektive heraus betrachten. Keine hundert Jahre sind seither vergangen, und das Antlitz Europas und der Welt hat sich vollständig geändert. Die klassische Machtpolitik ist, im Modus ihrer erratischen, infernalischen Überspitzung durch das Deutsche Reich in zwei Weltkriegen, aus dem Repertoire der europäischen Politik verschwunden; wir sind vollends ins Zeitalter des Wirtschaftlichen eingetreten, und das heißt auch: der konsequenten Wohlfahrts- und Wohlstandsförderung. Die USA und China haben die Rolle übernommen, die bis 1914 den fünf Großmächten vorbehalten gewesen; Europa kehrt stattdessen langsam zu seinen alten, unter dem Wust einer tausendjährigen Ver- und Entwicklung verschütteten Wurzeln zurück; es wird langsam wieder ein Europa der Regionen.

Regionalität ist die Wurzel des Europäischen. Der universelle, territorial nach innen vereinnahmende und nach außen ausgreifende Machtstaat war stets etwas Fremdes, ein orientalischer Oktroy, gegen den sich die Griechen einhundert Jahre lang gewehrt haben, bis der Große Alexander die Idee des Universalreiches im Rahmen eines genialen, abenteuerlichen, und doch wiederum wahnwitzigen Unternehmens in seine mediterrane Heimat importierte. Von Griechenland, das so auf einmal zum Mutterland der modernen Monarchien wurde – Alexander Demandt wies in seinem glänzenden Alexander-Buch, das vor vier Jahren erschien, zuletzt darauf hin –, ging diese Idee über auf Rom, dessen Imperium sich ja nicht um ein Land, sondern um eine einzelne, übermütige Stadt herumscharte (wen wundert es da, dass bis heute der Regionalismus gerade in Italien und Griechenland so besonders spürbar ist?), um sich dann im Gewimmel der Völkerwanderung zu verlieren. Karl der Große-Charlemagne, auf den sich die beiden Mutternationen des postmodernen Europa, Frankreich und Deutschland, als Ideenstifter berufen, stellte das Reich wieder her, aber nicht ursprünglich als politische, sondern vielmehr als Stammeseinheit. Die nationelle, politische Aufladung kam erst durch den Kaisertitel hinzu; seitdem glaubte sich jeder seiner Nachfahren dazu berufen, aus seiner eigenen Nationalität heraus Europa als Gesamtstaat einrichten zu müssen. Der europäische Urgedanke: ein freies Miteinander unterschiedlicher Stämme und damit Regionen zu sein, geriet in Vergessenheit. Es wurde beansprucht, arrondiert, geraubt und wieder zurückgeraubt, eintausend lange Jahre lang.

1914 brach das Kartenhaus des europäischen Nationalismus endlich in sich zusammen. Mit dem ersten Krieg allein war es freilich nicht getan; es bedurfte der noch viel schrecklicheren Entwicklungen über jenes Kontinuum von 1914 bis 1945 hinweg, bis sich Europas martialische, selbstzerstörerische Energien endgültig erschöpft hatten. Aber 1914 war das erste Aufleuchten, der erste laute Knall, der die Völker Europas daran gemahnte, dass sie Brüder sind, nicht Konkurrenten, und dass das Zeitalter der Bruderkriege seinem Ende entgegen geht.

So ist es kein Zufall – wie ohnehin überhaupt nichts in dem großen Zeitbogen, den wir Geschichte zu nennen gewohnt sind, „zufällig“ ist –, dass sich der „Große Krieg“, wie ihn Franzosen und Engländer mit pathetischer Hellsicht immer noch nennen, vorzüglich abspielte auf den Schlachtäckern auf jener Länderbahn zwischen Ostende und den Alpen; zwischen Belgien, dem jüngsten ,und der Schweiz, dem ältesten neutralen Staat in Mitteleuropa, deren einer nach dem ersten Krieg Sitz des Völkerbundes wurde, während der andere nach dem anderen, noch schlimmeren Krieg Sitz der Europäischen Union wurde. Der europäische Gedanke, das heißt: die Abkehr vom Nationalen, die Entschärfung des Politischen, die Übertragung der Ideale von Einheitlichkeit und Einheit vom Ganzen auf das Individuum: auf den Blutfeldern des Ersten Weltkriegs, der alle Grausamkeit und Absurdität des Kriegerischen in greller Schnörkellosigkeit ans Licht brachte, schälte er sich unter Mühen und Konvulsionen aus seiner historischen Verschalung.

Nicht verwunderlich, sondern nur folgerichtig ist die Doppelrolle, die hierbei Deutschland spielte. Wenngleich formell – das haben die Forschungen der vergangenen Jahre eindrücklich gezeigt – nicht mehr und nicht weniger schuld am Kriegsausbruch als die andern Beteiligten (hatte es doch selber am allerwenigsten Grund dazu), so war es doch, wie seit dem Mittelalter, wie schon in der Römerzeit, die „deutsche Frage“, woran sich die Zukunft Europas entscheiden sollte. Deutschland nahm, in unseliger, kindischer und zugleich gewalttätiger Verblendung, die Last der historischen Schuld auf sich: sich auf diesen sinnlosesten aller Kriege eingelassen, ihn erst zu dem gemacht zu haben, was er wurde: nämlich zu den „letzten Tagen der Menschheit“ (Karl Kraus), auf dass am Ende die Idee vom staat-losen, apolitischen Europa: dem Europa der Regionen, dem Europa der Brüderlichkeit, in der unwiderleglichen Alternativlosigkeit vor seinen Völkern stehe, wie sie nur das Erlebnis dieses Krieges in die Geister hat prägen können. Die falsche Form musste mit Gewalt zerbrochen werden, auf dass das gute Innere, die reine Materie zur Entfaltung kam: die uralte, mythische Idee von der Pax Europaea, vom europäischen Frieden.

© Konstantin Sakkas, 2013

Der Text erschien in leicht geänderter Fassung in der Ausgabe Januar 2014 in der Zeitschrift Die Drei.

Titelbild: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie am Tag ihrer Ermordung, Sarajevo, 28. Juni 1914.

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Essay, Geschichte, Politik und Gesellschaft

Europas verlorener Sohn. Das Schicksal Friedrichs des Großen

Eine politische Geschichte ist immer auch eine Lebensgeschichte. Doch kein politisches Schicksal war so sehr vom persönlichen bestimmt wie das König Friedrichs II. von Preußen. Das wussten schon die Zeitgenossen, und der bekannte Vierzeiler, den die Flugblätter bei seinem Tod, am 17. August 1786, als Nachruf druckten, sagt eigentlich schon alles Wesentliche über diesen merkwürdigsten unter allen großen Monarchen der europäischen Neuzeit aus:

„Es sagen, Friedrich zu erhöhn,

Geschichte und Nachruhm viel zu wenig.

Von allen Menschen kann man hier den größten König,

Von allen Königen den größten Menschen sehn.“[1]

Der Nachwelt, unserer heutigen abgeklärten zumal, mögen diese Verse als einfältige Hagiographie erscheinen; beim genauen Lesen aber entbirgt sich gerade in ihnen das Geheimnis, das Friedrich bis heute umgibt und das schon Goethe zu der nachdenklichen Feststellung brachte, es sei „was Einziges um diesen Menschen“[2]: Denn Friedrich, ohne Zweifel einer der schärfsten und klügsten Geister seiner Epoche, blieb zeitlebens, und gerade im politischen Handeln, doch von seiner Emotionalität bestimmt. Was er dennoch als politisches Erbe hinterließ, blieb Fragment, ideell und territorial; aber das Interesse, das er trotz aller goldener und schwarzer Preußenlegenden bis heute auf sich zieht, galt seit je vor allem seiner Persönlichkeit. Den statuarischen Eindruck eines runden, in sich kohärenten und schlüssigen und dabei recht eindimensionalen Lebens, den uns Caesar und Napoleon vermitteln, hat man bei ihm nie; Friedrich ist ein Zerrissener. Doch eben daher rührt auch jene uralte Friedrich-Faszination: dass ein Mensch seine Zerrissenheit lebt und auslebt, und dies nicht bloß erotisch oder künstlerisch, sondern auf der Weltbühne der großen Politik.

Zur politischen Verantwortung gehörte im ausgehenden ancien régime die Repräsentation des Ganzen; und zwar nicht im postmodernen Sinne medialer Außendarstellung; sondern als ganzheitlicher Ausdruck des Menschseins, und zwar vor und für die Masse der Untertanen. Paradoxerweise hat Friedrichs Königtum, das ja als Prototyp des aufgeklärten Absolutismus gilt, sehr viel von diesem esoterischen Symbolismus der Königsherrschaft, den Thomas Mann einmal glänzend in dem Satz zusammenfasste: „Die Hässlichkeit und Bitternis des Lebens kennt man ganz nur in den Niederungen der Gesellschaft und an ihrer höchsten Spitze.“[3]

Von der Bitternis des Lebens hat Friedrich schon früh gekostet. „Heimsuchung eines Prinzen“[4] nannte Wolfgang Venohr sein Jugendschicksal und traf damit den Kern dessen, was das psychologische Schlagwort vom „Vater-Sohn-Konflikt“ nicht ausreichend umschreibt: In Wahrheit war es eine fortwährende, fast zwanzigjährige Drangsal, eine gründliche körperliche und seelische Vergewaltigung, die dem Heranwachsenden von seinem Vater, dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., angetan wurde und die ihn für sein Leben beschädigte und ruinierte. Seiner Schwester Wilhelmine – der einzigen Frau, die er im tieferen Sinne in seinem Leben wohl „geliebt“ hat – beschrieb der Siebzehnjährige sein Martyrium so:

„Ich bin in der größten Verzweiflung. […] Der König hat gänzlich vergessen, dass ich sein Sohn bin. […] Ich trat heute morgen wie gewöhnlich in sein Zimmer. Kaum hatte er mich erblickt, als er mich am Kragen packte und in der grausamsten Weise mit dem Stocke auf mich losschlug. Ich suchte vergeblich, mich zu wehren; er war in einem so schrecklichen Zorn, dass er sich nicht mehr beherrschte, und er hielt erst inne, als sein Arm vor Müdigkeit erlahmte.“[5]

Körperliche Gewalt, mehr noch aber seelische Erniedrigung und der perverse Zwang zur Selbstverleugnung haben den Prinzen für sein Leben traumatisiert. Bei einem Manöver in Kursachsen 1728 schlägt ihn der Vater in aller Öffentlichkeit mit dem Stock blutig. Als Friedrich auf dem Höhepunkt des Konflikts 1730 bei einer Inspektionsreise am Rhein einen Fluchtversuch unternimmt und damit scheitert, kommt es zu einer weiteren Eskalation: Der Vater stürzt sich mit gezogenem Degen auf den Sohn und will ihn erstechen; nur das Dazwischentreten des Kommandanten der Festung Wesel, wo man sich gerade aufhält, verhindert einen Sohnesmord. Leutnant von Katte, der geliebte Jugendfreund des Prinzen, der ihm zur Flucht nach England verhelfen wollte, wird vor ein Kriegsgericht gestellt; man erkennt auf lebenslange Haft, aber der König persönlich ändert das Urteil ab und verurteilt Katte zum Tode. Der Hinrichtung muss Friedrich, der selber unter strenger Bewachung steht, zusehen. Und auch der Sohn soll sterben. Kaiser Karl VI. und der greise Prinz Eugen intervenieren persönlich für den preußischen Kronprinzen; Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, der erste Feldherr Preußens, fällt vor dem König auf die Knie und bittet um Gnade; das rettet dem Jungen das Leben.

Friedrich ist achtzehn Jahre alt, als dies über ihn hereinbricht. Das sind die Jugenderinnerungen, mit denen ein junger Mann, der den Thron erben soll, ins Erwachsenenleben tritt.

Man darf diese Vorgeschichte nie vergessen, wenn man das politische Schicksal Friedrichs des Großen voll begreifen will. Ihre Schatten haben ihn nie verlassen; der Schatten des gewalttätigen Vaters, der den Knaben aus heiterem Himmel mit der Vorhangskordel erdrosseln will. Hierher rührt jene „vergewaltigte Kindlichkeit, die hinter physischer Kraftleistung, Hochspannung, schallender Aktivität fühlbar wurde“[6] und die bei aller Genialität, bei aller hinreißenden Liebenswürdigkeit und Schneidigkeit nie ganz von ihm wich.

Vorerst freilich freute sich der Achtundzwanzigjährige, der 1740 den Thron bestieg, seiner neu gewonnenen Freiheit. Schnell erkennt er, dass Preußen, ein armer Agrarstaat von gerade zwei Millionen Einwohnern und noch deutlich vom Aderlass des Dreißigjährigen Krieges gezeichnet, nur bestehen kann, wenn er expandiert. Er entschließt sich zu einem folgenschweren Schritt und annektiert Schlesien, eine der reichsten Provinzen Österreichs. Diese schlesische Annexion wird nach dem Vater sein zweites Schicksal.

Europas politisches Gedächtnis hat Friedrich den Überfall auf Schlesien, den George P. Gooch recht gouvernantenhaft „eines der sensationellsten Verbrechen der neueren Geschichte“[7] nannte, bis heute nicht verziehen – wegen seines sensiblen Charakters, dessen Feinheit man mit Weichheit verwechselte und dem man kriegerische Ambitionen nicht zutraute; vor allem aber wegen der geistesgeschichtlichen Situation. Hätte Friedrich seinen so genannten schlesischen Raub ein halbes Jahrhundert früher begangen, spräche heute kein Mensch mehr davon; ebenso wenig wie von den Reunionen Ludwigs XIV., der Verwüstung der Pfalz und dem anschließenden Weltenbrand, den Frankreich und Habsburg im Jahr 1701 um die spanische Thronfolge entfachten. Aber 1740 lagen die Dinge anders. Die Philosophie der Aufklärung hielt langsam Einzug ins kollektive Bewusstsein; vor allem aber hatte niemand damit gerechnet, dass gerade Friedrich von Preußen die Vorstellungen von politischer Moral, die sich ja gerade erst herausbildeten, so fundamental infrage stellen würde. Denn 1739, nur ein Jahr zuvor, hatte er, noch als Kronprinz, jene Schrift veröffentlicht, an der sein Leben lang, und darüber hinaus, gemessen werden sollte: den Anti-Machiavel.

„Der ‚Antimachiavell‘“, so urteilte Joachim Fest, „ist häufig als ein Dokument unverbindlicher, literatenhafter Schwärmerei gedeutet worden. In Wirklichkeit traten in der Streitschrift Überzeugungen hervor, die mit [Friedrichs] innersten Wesen zu tun hatten. Doch hat er den Widerspruch zwischen humanitärem Ehrgeiz und den Zwängen der Staatsräson nie aufgelöst: er hat der Macht seine Träume, seine Maximen und, wie er selber geäußert hat, sein Leben geopfert – und sie doch illusionslos verachtet; er hat Kriege geführt – und darunter gelitten. Man verfehlt das Wesen der Erscheinung, Friedrichs lebenslangen Konflikt mit dem, was er für seine Schuldigkeit hielt, wen man darin nur den Ausdruck jener sentimentalen Cäsarenpose sieht, die auf Eroberungszügen die Tragik beklagt, dem Glück der Untertanen nicht auf andere, menschenfreundlichere Weise dienen zu können.

Die Bereitschaft zur Selbstverleugnung, die Neigung, alle sanfteren Bedürfnisse als Wehleidigkeit abzutun, hat schließlich typenbildend gewirkt und den Kern dessen hervorgebracht, was man den preußischen Charakter nennt. Nie zeigte er sich gelöst, nie frei, sondern immer überwach, nervös, immer auf dem Quivive, in […] ‚fürchterlicher Überspanntheit’ […].“[8]

Diese Überspanntheit war das Erbe seiner Jugend, das er, wenn auch modifiziert, ins Mannesalter mit hinüber nahm. Die verzehrende Angst vor Vernichtung war die eine, der brennende Ehrgeiz zur Selbstbewährung die andere Konstante seines Charakters. Mit dem schlesischen Raub, der freilich Preußen in der Tat territorial und machtpolitisch erst „eine Figur gab“[9], wie Friedrich es ausdrückte, wollte er sich bewähren, wollte der Welt zeigen, dass er es locker mit den royalen Vettern im Reich, in Frankreich, England und Österreich aufnehmen konnte. Doch Friedrich geriet an Maria Theresia. Für die blutjunge Erzherzogin wird das Jahr 1740, als halb Europa über ihr österreichisches Erbe herfällt, zum bleibenden Trauma; den Traum von der Rückgewinnung Schlesiens gibt sie bis an ihr Lebensende nicht mehr auf. Die Geister, die er hier rief, sollte Friedrich nicht mehr loswerden. Sein Biograph Johannes Kunisch schreibt:

„Schon hier fällt auf, wie sehr Friedrich dazu neigte, in Extremen zu denken, und dass er als Möglichkeiten seines Handelns nur die Katastrophe oder den Triumph zu erkennen glaubte. Es ist jenes Prinzip des alles oder nichts, das dann besonders in den Krisen des Siebenjährigen Krieges seinen Selbstbehauptungswillen ins Heroische zu steigern vermochte. […] Anzeichen für dieses aus einer traumatisch erfahrenen Bedrohung erwachsene Lebensgefühl hatte es auch während der Kronprinzenzeit gegeben. […] Seit dem Schlesienabenteuer jedoch gewann die innere Spannung zwischen einem elementaren Durchsetzungswillen auf der einen und einem bis in tiefe Depressionen reichenden Fatalismus auf der anderen Seite eine politische Dimension, die dann für die gesamte Regierungszeit des Königs prägend blieb,“[10]

Freilich: in den ersten Jahren gelingt dem jungen König Friedrich alles. Er erobert Schlesien im Handstreich, verteidigt die neugewonnene Provinz in einem zweiten schnellen Krieg und erwirbt sich Meriten als Reformer im Innern. Die Folter wird abgeschafft, die Zensur gelockert und strikte religiöse Toleranz geübt. Schloss Sanssouci wird errichtet, und die Freundschaft mit Voltaire, der sich 1752 für eine zeitlang in Potsdam niederlässt, verleiht dem frankophilen König, der Deutsch nur „wie ein Kutscher“[11] spricht, aber sechs Bände französischer Poesie hinterlassen hat, den legitimen Nimbus europäischer Geistesgröße.

In jenem zweiten Schlesischen Krieg von 1744 bis 45 bildet sich auch sein Feldherrntalent heraus, und beim Einzug im winterlichen Berlin Ende 1745 akklamiert man ihn, der bei Hohenfriedeberg seinen ersten selbständigen Sieg erfochten hat, schon als „Fridericus magnus“, als „Friedrich den Großen“[12]. Sekurität aber, das Gefühl, „angekommen zu sein“, will sich bei allem ernstgemeinten Verzicht auf weitere Eroberungen nicht einstellen. Die Preußen, so schreibt der König, müssten „toujours en vedette“ sein, ‚immer auf Posten’ und „stets mit gespanntem Ohr auf der Wacht gegen ihre Nachbarn stehen und jeden Augenblick bereit sein, die verderblichen Absichten ihrer Feinde abzuwehren“[13]. Dass das kein Grundsatz gesicherter Staatlichkeit ist, weiß Friedrich selber am besten; die Einverleibung Schlesiens stempelt ihn, der es den europäischen Großmächten doch nur gleichtun, sein Preußen von einer dritt- zur zweitklassigen Macht erheben wollte, zum „Aggressor und Friedensbrecher“[14]:

„Ich hoffe, die Nachwelt, für die ich schreibe, wird bei mir den Philosophen vom Fürsten und den Ehrenmann vom Politiker zu scheiden wissen. Ich muss gestehen: wer in das Getriebe der großen europäischen Politik hineingerissen wird, für den ist es sehr schwer, seinen Charakter lauter und ehrlich zu bewahren. Immerfort schwebt er in Gefahr, von seinen Verbündeten verraten, von seinen Freunden im Stich gelassen, von Neid und Eifersucht erdrückt zu werden“ [15]

Das waren ehrliche Worte, aber sie wurden nicht gehört. Seit dem Dresdner Frieden 1745 arbeitet Maria Theresia, die ihren lothringischen Gemahl Franz Stephan nun endlich auf dem Thron Karls des Großen placiert hat, an der Revanche, und 1756 ist es soweit. Friedrich, den seine Agenten in Dresden über die geheimen Bündnisverhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Russland auf dem Laufenden halten, entschließt sich zum Präventivschlag und marschiert in Sachsen ein. Wieder steht er als Rechtsbrecher da, wieder kommt zur existenziellen Bedrohung der Ruch des Verbrechertums und der Verworfenheit.

Freilich begründet dieser dritte Schlesische Krieg, der sieben Jahre dauern soll, auch den Ruhm des Großen Königs – und mit ihm den ersten deutschen Nationalmythos seit dem Dreißigjährigen Krieg, seit Gustav Adolf. „Und so war ich denn auch preußisch, oder um richtiger zu reden, Fritzisch gesinnt“, bekannte später Goethe, der als kleiner Junge im Frankfurter Elternhaus begierig die Neuigkeiten von der Front aufgesogen hatte, setzte aber hinzu: „Denn was ging uns Preußen an. Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüther wirkte.“[16] Preußen: das war ein Phantom, das die Gestalt Friedrichs erst mit Leben füllte, dies allerdings so gründlich, dass auch der notorisch anti-nationale Goethe bekennen musste:

„Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Thaten des siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für Einen Mann stehn. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und theilen, und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Theilnahme derselben entziehen.“[17]

Das ‚Schicksal des Allerletzten’ hat Friedrich allerdings geteilt, und wenn irgendetwas, dann machte ihn dies zum ‚Großen’ – nicht das im Überblick doch recht unkomplette, wenn auch im epochalen Durchschnitt sicher imposante innenpolitische Reformwerk. Der innere Wert der zahllosen Anekdotenblättchen, die seit damals generationenlang produziert wurden, liegt in ihrer auratischen Authentizität. Denn jenen König, der nach der schmerzlichen Niederlage von Kolin 1757 gedankenverloren auf einem Baumstamm sitzt und aus dem Dreispitz eines einfachen Kürassiers trinkt; der im Schneetreiben von Leuthen den Fahnenträger der Avantgarde zur Schlacht einweist und der auf den Stufen einer Dorfkirche und bei Kerzenschein den Tagesbefehl nach dem schweren, blutigen Sieg von Torgau 1760 schreibt, gab es wirklich. Und es war auch nicht Pose, sondern ehrliche Anklage eines brutalen Geschicks, wenn er, der Hochbegabte, der ein strahlender Sonnenkönig hätte werden können, aber nur der erste Grenadier seiner Armee sein durfte, im Feldlager die Verse Voltaires zitierte:

„ Ich bin bloß ein Mensch, dem Leide geweiht.

Mein Schutzschild ist nur die Standhaftigkeit.“[18]

Die Jahre von 1757 bis 1761 wurden zu einer beispiellosen Belastungsprobe für Preußen und seinen König; physisch und psychisch. Mit dem österreichischen Sieg beim böhmischen Kolin im Juni 1757 zerbrach nicht nur der militärische Nimbus des bis dahin unbesiegten roi connétable, der, für seine Zeit unüblich, die Strapazen des Feldzuges persönlich mit seinen Truppen teilte; hier zerbrach auch seine Hoffung auf einen schnellen Frieden mit Österreich und damit, wie Venohr schrieb, seine „heitre, optimistische Seele“[19]. Der Krieg, in den sich Kaiserin Elisabeth von Russland mit eindeutigen Eroberungsabsichten eingeschaltet hat, ist ein Zweifrontenkrieg, die numerische Übermacht der antipreußischen Koalition erdrückend; Friedrichs einziger nennenswerter Verbündeter ist England, das, ebenso wie Frankreich, im „Umsturz der Koalitionen“ 1756 die Seiten gewechselt hatte. Die, später übermäßig glorifizierten, Siege der Jahre 1757 und 58: Roßbach, Leuthen, Zorndorf, sind nur Atempausen; die Niederlage bei Kunersdorf an der Oder 1759 dagegen eine Katastrophe: Der König verliert die Hälfte seiner Armee, denkt, wie so oft, an Selbstmord und ist tagelang nicht ansprechbar.

Dann geschieht das erste „Wunder des Hauses Brandenburg“[20]: Die verbündeten österreichischen und russischen Truppen können sich auf keine gemeinsame Strategie einigen und ziehen ab, Friedrich hat, trotz einiger weiterer Rückschläge, bis zum Winter Ruhe. Das nächste Jahr bringt dann zwei Entlastungssiege, während ihm sein Schwager Ferdinand von Braunschweig auf dem westlichen Kriegsschauplatz gegen die schlecht geführten und unmotivierten Franzosen den Rücken freihält. 1761 steht Friedrich abermals am Rande des Abgrunds: Im August schließen ihn die Alliierten im Lager Bunzelwitz in Schlesien ein, 150.000 Mann gegen 50.000. Doch auch diesmal rettet den „bösen Mann aus Berlin“[21], wie ihn die zornige Maria Theresia nur nennt, die Uneinigkeit seiner Gegner.

Als dann nur wenige Monate später Zarin Elisabeth, seine verbissene Feindin, aus dem gewohnten Vollrausch endlich nicht mehr aufwacht, lichtet sich der Horizont. Auf den Thron folgt ihr Neffe Peter von Schleswig-Holstein – ein jugendlicher Enthusiast, der den Preußenkönig glühend verehrt, mit ihm sofort Frieden schließt und seine russische Heeresgruppe, die gerade noch Berlin besetzt hatte, preußischem Kommando unterstellt. Ein Jahr noch schleppen sich die Kampfhandlungen dahin, doch auch ein erneuter russischer Thronwechsel und die unveränderte Zähigkeit der Kaiserin in Wien können am Status quo nichts mehr ändern: Im Februar 1763 wird der Friede von Hubertusburg geschlossen. Schlesien bleibt preußisch.

Der Siebenjährige Krieg war Friedrichs Heldenepos; daran hat keine kritische Geschichtsschreibung etwas ändern können, ja, sie wollte es auch gar nicht. „Seit Alexander“, so sah es auch Rudolf Augstein, sicher sein luzidester Kritiker, „hatte kein Erbkönig sich dem Gedächtnis der Zeitgenossen so eingeschrieben wie Friedrich. Er war der letzte legitime Monarch, der seine Schlachten selber schlug.“[22] Aber der Siebenjährige Krieg, der das jugendzeitliche Trauma seines Königs endgültig ins Politische übersetzte, befestigte auch die geistige Gestalt Preußens als „abgerissener, immer ächzend verausgabter, von Zerbrechlichkeitsängsten heimgesuchter“[23] Staat, der seine Aufnahme in den Zirkel der europäischen Großmächte kaum realer Kraft und Stellung verdankte, sondern dem unheimlichen Mythos, der sich um seinen Fürsten gebildet hatte.

Nichts drückt vielleicht diesen Mythos authentischer aus als das Bild, das Adolph Menzel ein Jahrhundert später vom Zusammentreffen Friedrichs mit dem jungen Kaiser Joseph II. in Neiße 1769 gemalt hat: Hier der durch viele Leiden früh vergreiste, schon altersmilde lächelnde König; da der juvenile, feuerköpfige Kaiser, der dem einst vielgehassten Widersacher seiner Mutter nun mit der trunkenen Begeisterung eines Fans entgegentritt, der seinen angebeteten Star hinter der Bühne besuchen darf. Es ist die letzte große „ecce homo“-Szene des Absolutismus: die staunende Reverenz des tatendurstigen Jünglings vor dem weiß gewordenen Heroen, der in seiner Person nochmals das ganze Panoptikum menschlicher Größe und menschlicher Tragik wie in einem jener prächtigen Barockporträts hatte Gestalt werden lassen: die bravourösen Handstreiche und die dramatischen Abstürze; den Jammer der Untertanen und den Spott der Gegner; aber auch die seltsamen, zauberhaften Fügungen, das hans-im-Glück-hafte, so gar nicht rationalistische oder protestantische, aber wundersame und dabei allzumenschliche Dem-Tod-von-der-Schippe-Springen, das Friedrich so oft und so glücklich widerfahren war: von den fürstlichen Fürsprechern nach seinem Fluchtversuch über all die tüchtigen Generale, die seine genialischen, aber oft ungestümen und deshalb falschen Entscheidungen korrigierten und ihn aus dem Abgrund rissen, bis zu jenem wunderlichsten Requisit der Weltgeschichte: der Schnupftabakdose von Kunersdorf, die ihm im Kugelhagel das Leben rettete. Sie ist heute noch auf Burg Hohenzollern zu bewundern, samt Einschussstelle.

Seit 1763 gehörte Preußen zur europäischen Pentarchie; aber es war nur eine „Großmacht cum grano salis“[24], wie später Bismarck zugab, und das Problem seiner fehlenden historischen Legitimität, seines buchstäblichen Auf-die-Landkarte-Geworfenseins, in einem Wort: den Makel seiner mühseligen Konstruiertheit wurde es nie los, auch wenn es 1786, beim Tod des Königs, diplomatisch respektiert und militärisch potent, wirtschaftlich stabil und mit fünf Millionen Einwohnern einigermaßen gut besiedelt dastand. Zu Recht sah Heinrich Mann, an politischem Scharfsinn seinem Bruder keineswegs unterlegen, in Friedrichs Person

„das vorweggenommene Preußen – Deutschland wie es eines späten Endes werden sollte. Die Überspannung der Kräfte, das ist er. Das ‚gefährliche Leben’ für alle Tage, die herausgeforderte Entzweiung des einzelnen Landes mit der europäischen Ordnung, man erkennt ihn.“[25]

Diese Entzweiung war in seinem Lebensweg, vielleicht in seinem Charakter angelegt. Ob je ein Mensch sich ihrer Kraft hätte entziehen können, ist fraglich; Friedrich wenigstens konnte es nicht. Die Flucht vor der Peinigung, die sein Vater ihm angetan hatte, trieb ihn dem Abenteuer in die Arme; er, der ein talentvoller Beau auf dem Thron hätte sein können, der vielleicht auch einen wahren Musenhof, ein preußisches Weimar hätte errichten können, fügte sich stattdessen in die Rolle des gekrönten Schmerzensmannes, die ihm das Schicksal zugedacht hatte. Gerade die genauen Kenner seiner Geschichte hatten – mehr als die plumpen, bloß dilettierenden Vergötterer und Verteufeler – an dieser Relation zwischen Politischem und Privatem nie einen Zweifel. So ist auch für Kunisch nicht abwegig,

„den Zugriff auf Schlesien und dann die jahrzehntelange, gerade im Siebenjährigen Krieg immer wieder existenzbedrohende Auseinandersetzung mit dem Hause Habsburg als grandiose ‚Externalisation eines ursprünglich verinnerlichten traumatischen Konflikts’ zu betrachten. Es bestehe bei Persönlichkeiten wie Friedrich offensichtlich ein Zwang, schreibt der Psychoanalytiker Ernst Lürßen, die Bedrohungskonstellation ‚in der Inszenierung des eigenen Schicksals immer neu zu wiederholen’, ja diese geradezu heraufzubeschwören, um den eigenen Überlebenswillen immer wieder von Neuem unter Beweis zu stellen. Vor diesem Hintergrund könnte jenes ‚provokante Risikoverhalten’ zu erklären sein, das von Friedrichs Fluchtversuch bis zu den Schlachten von Kolin und Hochkirch so handgreiflich in Erscheinung tritt.“[26]

Friedrichs politische Aufgeklärtheit hinterließ, außerhalb des Mentalitären, jenseits der Verwaltungsorganisation nur wenige Spuren – bekanntlich auch, weil sein religiös schwärmerischer Nachfolger die alte Toleranzpolitik nicht weiterführte, und weil das heraufziehende Napoleonische Zeitalter mit seinem aggressiven Nationalismus keinen Raum mehr ließ für den nonchalanten royalen Internationalismus des ancien régime. Das Los der Leibeigenen hat er, wo er konnte, gemildert, einige Exempel an gar zu mittelalterlich auftretenden Gutsbesitzern statuiert, die königlichen Domanialbauern aus der Erbuntertänigkeit befreit; doch die feudale Gesellschaftsordnung im Ganzen ließ er unangetastet, und die große Rechtsreform blieb unvollständig. Wer Friedrichs zahlreiche Schriften aber – er wirkte als Philosoph, Historiker, Lyriker, Memorialist und nicht zuletzt als leidenschaftlicher Briefeschreiber – unvoreingenommen liest, kann sich über die Aufrichtigkeit seiner Ideen schwer täuschen. An die verwitwete Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen schrieb er 1766:

Alle Menschen sollten von selber im Einvernehmen leben. Die Erde ist weit genug, um sie alle zu beherbergen, zu ernähren und zu beschäftigen. Zwei unselige Worte, mein und dein, haben alles verdorben. So entstanden Eigennutz, Missgunst, Ungerechtigkeit, Gewalttat und alle Verbrechen.“[27]

Der real existierende erleuchtete Despotismus, den Friedrich beispielhaft durchexerzierte, kam an dieses Ideal nicht heran; doch das war nicht seine Schuld. Eine Wirtschaftsordnung, die so alt ist wie die Weltgeschichte, wirft auch ein Schriftsteller auf dem Thron nicht in einem Menschenalter um. Und dennoch hat Friedrich auch als Politiker Erstaunliches geleistet; weniger durch praktische Innovationen, aber durch das Lehrstück seines politischen Schicksals: dass es am Ende besser sei, die Ruhe und damit den Frieden zu bewahren, als in Eroberung, in Revolution, ob auf oder gegen den Thron, sich zu verwirklichen. Wer einen Siebenjährigen Krieg durchgemacht hat, ist vom Furor des Politikmachens gründlich geheilt. Was Kunisch ihm, einig mit einem frühen Kenner, dem Grafen Mirabeau, für die preußische Monarchie attestiert, hätte durchaus ausstrahlen können auf ganz Alt-Europa: nämlich die Botschaft des Friedens, nicht aus verschwärmtem Idealismus, aber aus Besinnung und Selbstzurücknahme:

„Über den hemmungslosen, durchaus persönlich motivierten Expansionsdrang seiner ersten Regierungsjahre hinaus ist er schließlich in eine Herrschaftsauffassung hineingewachsen, die sich hingebungsvoll und uneigennützig an den Erfordernissen der preußischen Monarchie orientierte – eines Machtgebildes, das zu seinen Lebzeiten ununterbrochen bedroht und angefochten blieb. […] Je mehr ihm in den Feldzügen der Schlesischen Kriege bewusst wurde, welche weitreichenden Konsequenzen mit dem Zugriff auf Schlesien verbunden waren, desto entschiedener begriff er sein Herrscheramt als eine Aufgabe, die ihm harte Pflichten und ein hohes Maß an Selbstentäußerung auferlegte. Sein Handeln galt nun nicht mehr persönlicher Ruhmbegierde, sondern nur noch der Bewahrung des mühsam und unter hohen Opfern Erreichten.“[28]

Das ist zweifellos richtig, und hier liegt auch der Grund, warum selbst Leopold von Ranke, der Erzhistoriker der Bismarckzeit, „zu den Eroberern, welche die Welt mit ihrem Kriegsruhm zu erfüllen streben und nur immer weiter um sich greifen“[29], Friedrich gar nicht zählen wollte. Friedrich war kein Karl XII. von Schweden, schon gar kein Napoleon, und seine politischen Ziele waren im Grunde erstaunlich bescheiden. Der kämpferische Grundzug seines König-, aber vor allem seines Feldherrntums war defensiv, nicht offensiv; er gab seinem Leben die Tönung des Schwermütigen, Vergeblichen und Gescheiterten. Joachim Fest:

„Das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit hat den preußischen Charakter im Ganzen geprägt und ihm den angestrengten Zug zur Härte gegeben, das häufig Verbogene, Malträtierte oder sogar Gebrochene, das am auffälligsten an seinen beiden großen Königen zutage tritt: der eine im Grunde ein leutseliger, gutmütiger Mann, aber Sklave einer tyrannischen Idee, unter der er selber zum Tyrannen wurde; der andere ein empfindsamer Schöngeist, weich, nervös, hochherzig, dekadentes 18. Jahrhundert, ein Flötenspieler und Menschheitsbeglücker.“[30]

Der Wahrheit am nächsten kommt vielleicht wirklich, was Thomas Mann in seiner Friedrich-Apologie schrieb, die – entgegen einem beliebten Vorurteil – Schönfärberei kaum nötig hatte, weil es an diesem traurigen Leben so wenig schönzufärben gab: „Er war ein Opfer. Er musste unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen, er durfte nicht Philosoph, sondern musste König sein.“[31] Da er dies nun aber, offenbar, sein „musste“, entschloss er sich, es auch voll und ganz zu sein, im Leiden und im Gelingen, in Pose und Ernst, in seiner Donquichotterie und in seiner Epopöe – der einzigen, die eine deutsche Dynastie hervorgebracht hat und mit der sich höchstens noch Karl V. und Wallenstein, beide ihm vielfach verwandt, vergleichen lassen. Er war kein Ritter ohne Fehl und Tadel, aber er war ein menschliches Gesamtkunstwerk. Ein rex tragicus, den man kaum lieben, aber immer liebhaben konnte. War Kaspar Hauser das Kind von Europa, so war Friedrich von Preußen sein verlorener Sohn.

Und doch bleibt ein Vorwurf: Mit seinem stoizistischen Postulat eines Lebens im Verborgenen[32], einer echten vita contemplativa nicht ernst gemacht zu haben. Hatte er nicht gedichtet:
„Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

Die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust,

Und für des Herrschers Hochmut schien dies Herz verloren,

Das voller Mitleid war und kindlich unbewusst.“[33]

Natürlich ließ sich das für einen Souverän, der in seine öffentliche Verantwortlichkeit hineingeboren wird, nicht ohne Weiteres verwirklichen; doch hätte Friedrich sich nicht wirklich größeren, saubereren Ruhm erworben, hätte er sein Preußen beim Regierungsantritt in ein humanistisches Utopia umgewandelt, anstatt die eingetretenen Pfade europäischer Großmachtpolitik einzuschlagen, deren stumpfe Phlegmatik er doch gnadenlos durchschaute? Hätte er sich nicht doch dem scheinbar unbezwinglichen Diktat, das ihn einer Imperatorenkarriere entgegen trieb, entziehen und ein wahrer Friedensfürst werden können, zwar nur für sein kleines, armes Preußen, dort aber richtig?

Oder aber er hätte auf den Thron verzichtet, die Erbfolge an seinen Bruder abgetreten und als materiell sorgenloser Privatgelehrter sein Glück gefunden; denn dass ihm dies eigentlich angemessen gewesen wäre, darüber besteht kein Zweifel. Hinter jeder realen Biographie liegt als Schattenriss ihr im Leben verfehltes Ideal: Und wie Friedrich Wilhelm II. als vergnügter Playboy, Friedrich Wilhelm IV. als ein zweiter Schinkel und Kaiser Wilhelm II. als englischer Landedelmann glücklich geworden wären, so eben Friedrich II. als der Philosoph von Sanssouci: eine Mischung aus Voltaire und Prince de Ligne, ewig wissbegierig, ein Liebhaber nicht der schönen Frauen, aber des schönen Stils, vor allem mit genügend Zeit, sich die ihm in der Jugend geschlagenen Seelen-Wunden zu lecken. Er wäre seinen so geliebten Stoikern nachgefolgt, und zugleich vielleicht ein Prototyp des postmodernen Europäers geworden, der nicht mehr nach der Chimäre der Macht greift, sondern nach Selbsterkenntnis fragt.

Doch es sollte nicht sein. Friedrich wählte den Weg, der ihm schon leiblich als Sohn eines Königs vorgeschrieben war. Vielleicht war dies die größte Untat des Vaters an seinem Kind: dass er ihn einfach qua seiner Vaterschaft dazu zwang, denselben, unseligen Beruf zu ergreifen wie er; und hatte nicht der Vater selber einst die Regentschaft niederlegen und „aufs Land ziehen“ wollen – ein Wunsch, dessen Unerfüllbarkeit seine psychische Gereiztheit zweifelsohne nicht gemildert haben wird? Also wurde Friedrich König, tat seine so genannte Pflicht und wurde nicht glücklicher damit, als der Vater es geworden war.

Der spätere deutsche Nationalismus hat, bis zu Hitler, um all diese Hintergründe, die die wahre Geschichte ihres für die Propaganda zurechtgeschminkten Schlachtenlenker-Götzen ausmachten, nicht gewusst; oder er wusste darum und hat sie vor sich und dem „Volk“ geleugnet, oder aber, wie der listige Goebbels, sie ins Süßlich-Beschwichtigende umgebogen, getreu dem pseudo-optimistischen Motto aller Hysteriker ‚Davon geht die Welt nicht unter’, hinter dem sich tatsächlich ein seelenloser Fatalismus verbarg. Aber der linksliberale Emigrant Heinrich Mann, der sich als Patriziersohn mit Familienschicksalen und ihrer Wirkung gut auskannte, schrieb dem Philosophen von Sanssouci den ehrlichsten und wahrsten Nachruf, den der sich hätte wünschen können: „Lebt er dereinst mit keinem Staat mehr, dann umso sicherer in der Tragödie, die er sich selbst schrieb. Sein zerrissenes Königreich – vergangen. Übrig – der König von Preußen.“[34]

© Konstantin Sakkas, 2011

Eine gekürzte Fassung erschien im Dezember 2011 anlässlich Friedrichs 300. Geburtstages im Magazin CICERO.

Header: Carl Röchling: Friedrich der Große in der Schlacht bei Zorndorf (1904).

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[1] Johann Matthias Dreyer, Ueber das in Kupfer gestochene Bild des Preußischen Monarchen, in: Vorzüglichste deutsche Gedichte, Altona 1771.

[2] Brief an Karl Ludwig v. Knebel vom 25. Oktober 1788, in: Weimarer Ausgabe („Sophienausgabe“), Weimar 1887 ff., IV. Abteilung, Bd. 9, S. 44.

[3] Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt/Main 1989, S. 348.

[4] Wolfgang Venohr, Fridericus Rex, Bergisch-Gladbach 1990, S. 51.

[5] Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. Aus dem Frz. von Annette Kolb, Leipzig 1923, S. 123.

[6] So Walther Rathenau über Wilhelm II., Der Kaiser. Eine Betrachtung, in: Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen (ed. M. Kohlrausch), S. 267.

[7] Vgl. G. P. Gooch, Frederick the Great, London u.a. 1947, S. 11 (im Orig. engl.).

[8] Joachim Fest, Preußens letzter Untergang, in: Aufgehobene Vergangenheit, München 1983, S. 156 f.

[9] An den Grafen Algarotti am 17.1.1741, in: Œuvres de Frédéric le Grand, hrsg. v. Johann David Erdmann Preuß, 30 Bde., Berlin 1846-56, Bd. 18, S. 28 (im Orig. frz.).

[10] Johannes Kunisch, Friedrich der Große, München 2004, S. 173 f.

[11] Zit. n. Corina Petersilka, Zur Zweisprachigkeit Friedrichs II., in: Brunhilde Wehinger (Hrsg.), Geist und Macht. Friedrich der Große im Kontext der europäischen Kulturgeschichte, Berlin 2005, S. 54.

[12] Vgl. Venohr, Friedrich der Zweite, in: Sebastian Haffner, ders., Preußische Profile, Neuausgabe München 2001, S. 60.

[13] Vgl. Abriß der preußischen Regierung und der Grundsätze, auf denen sie beruht, nebst einigen politischen Betrachtungen (1776), in: Die Werke Friedrichs des Großen in deutscher Übersetzung, hrsg. v. Gustav Bernhard Volz, 10 Bde., Berlin 1913-14, Bd. 7, S. 216.

[14] Vgl. Venohr, Fridericus, S. 314.

[15] Denkwürdigkeiten (1742), in: Werke, Bd. 2, S. 2.

[16] Goethe, Dichtung und Wahrheit, in: Weimarer Ausgabe, I. Abt., Bd. 26, S. 71

[17] Goethe, a.a.O., S. 104.

[18] In einem Brief an Voltaire vom 9. September 1757, in: Œuvres, Bd. 23, S. 14 (dt. nach Venohr).

[19] Venohr, Fridericus, S. 343.

[20] Brief an Prinz Heinrich von Preußen, in: Politische Correspondenz Friedrich’s des Großen, hrsg. v. Johann Gustav Droysen u.a., Bd. 18, Berlin 1891, S. 510 (Nr. 11393).

[21] Vgl. Thomas Mann, Friedrich und die große Koalition, Berlin 1915, S. 60.

[22] Rudolf Augstein, Preußens Friedrich und die Deutschen, Neuausgabe Frankfurt/Main 1981, S. 27.

[23] Vgl. Fest, S. 167.

[24] Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Stuttgart 1959, S. 105.

[25] Heinrich Mann, Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen, Berlin-Weimar 1974, S. 152.

[26] Kunisch, S. 174.

[27] Brief vom 8.2.1766, in: Briefe Friedrichs des Großen, hrsg. v. Max Hein, Berlin 1914, Bd. 2, S. 150.

[28] Kunisch, S. 547.

[29] Leopold v. Ranke, Preußische Geschichte, Wiesbaden 1975, Teil II, S. 173.

[30] Fest, S. 156

[31]Thomas Mann, S. 118.

[32] In einem Gedicht an Charles Étienne Jordan vom 10. Juni 1742, in Werke, Bd. 10, S. 72 (Nr. 21).

[33] Ebd., S. 71.

[34] Heinrich Mann, S. 159.

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