Terror und Teilhabe

Europa nach dem Anschlag von Nizza

Paris, nochmal Paris und jetzt Nizza. Der Terror lässt Europa nicht los. Längst befindet sich der Kontinent in einem kalten Kriegszustand, der Belagerungszutand, den Frankreichs Staatspräsident Hollande – so hieß es noch am Vorabend des Anschlags – zu Ende Juli auslaufen lassen wollte, wird nun verlängert werden. Verlängert auf unbestimmte Zeit. Denn eines ist klar: es wird nicht besser werden. Sondern schlimmer.

Warum? Die Frage aller Fragen stellt sich im Angesicht des Terrors, stellt sich im Angesicht realer, körperlicher und struktureller Bedrohung mit einer Vehemenz, die Europa nach dem Kalten Krieg lange nicht gewohnt war. Warum Terrorismus? Warum eine Serie von Anschlägen, die einen Anfang, aber kein absehbares Ende hat? Warum diese radikale Verunsicherung, die über die friedlichste Großregion der Erde seit einigen Jahren mit jäher Rasanz hereinbricht wie ein Gewitter über einen Sommerstrand?

Europa hat das Politische vergessen

Warum wir uns mit diesem Warum so schwertun, hat zwei Gründe. Zum einen die Unübersichtlichkeit in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute. Zum anderen die Verleugnung des Politischen. Denn das Europa, die europäische Öffentlichkeit von heute hat das Politische vergessen.

Dass es überhaupt so etwas wie große Politik nach 1990 noch gebe, ist allein schon eine ungeheuerliche Zumutung für einen Zeitgeist, der seit 1990 tatsächlich glaubte, das „Ende der Geschichte“ sei gekommen. Nun: wir stehen zwar tatsächlich an der historischen Wegscheide zwischen dem Zeitalter der Politik und dem kommenden age of the cyborg, das der israelische Starhistoriker Yuval Harari neulich ausgerufen hat. Nationalität hat die Rolle als essential von Politik, die sie zwischen 1789 und 1945 spielte, endgültig eingebüßt. Dennoch ist Politik nicht tot, soweit wir als das ihr zugrundeliegende Prinzip Partizipation, also Teilhabe verstehen, wie es der Philosoph Volker Gerhardt vor einigen Jahren formulierte. Die Frage der Teilhabe steht im Raum, wann immer mehr als ein Mensch auf dem Planeten lebt. Heute sidn es an die acht Milliarden. Acht Milliarden Menschen, die sich in sozialen Schichten und in territorialen Regionen organisieren: von der New Yorker Upper East Side bis in die Kriegs- und Krisengebiete von Syrien.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Wo es Teilhabe gibt, gibt es seit Menschengedenken auch Angst. Angst darum, bei der Teilhabe benachteiligt zu werden, zu kurz zu kommen, herunterzufallen, um persönliche Chancen des Glücks, des Aufstiegs und des Genusses betrogen zu werden. Terror – das lateinische Wort dafür – ist die expressive, gewalttätige Form dieser Angst. Und diese Angst ist real. Sie steckt in den Köpfen, in den Herzen, in den Körpern der Menschen. Die Angst, abgehängt, die Angst, zurückgelassen zu werden. Die Angst, nicht mithalten zu können. Diese Angst betrifft jeden von uns. Und sie betrifft, wie einzelne Menschen, so auch ganze Regionen. Nicht Nationen, nicht „Völker“, wie es Rechtspopulisten in ganz Europa denen von ihnen verführten Wählern weismachen wollen. Aber Regionen und ihre Bewohner. Afrika. Und auch den Orient.

Europa, der vielleicht selbstbewussteste Kontinent der Erde, ist geologisch und auch gepolitisch betrachtet nichts als der äußerste westliche Ausläufer einer riesigen Landmasse namens Eurasien. Europa zeichnet sich, so lange es besteht, aus durch eine explosive Mischung aus unerhörter geistiger Potenz, aus Erfinderreichtum einerseits und einer unglaublich fragilen und verletzlichen territorialen Situation andererseits. So lang es bestand, war dieses Europoa verletzlich. Der Kalte Krieg gönnte ihm von dieser Verletzlichkeit, die es an der Rand der Zerstörung, der phyisischen Auslöschung gebracht hatte, eine Atempause. Siebzig Jahre währt nun diese Atempause. Doch, so viel ist klar, diese Atempause ist zu Ende. Und die Einschläge kommen näher.

Frankreich ist nur der Anfang

Frankreich ist nur ein Anfang. Frankreich ist so verwundbar nicht etwa, weil es ein Problem mit seiner Einwanderung hätte, denn Deutschland ist inzwischen mindestens genauso ein Einwanderungsland, wie es Frankreich seit dem Ende der Kolonialzeit ist. Frankreich ist verletzlich, weil es die politische stärkste Macht Kontinentaleuropas ist. Frankreich verfügt über eine expressive politische Kultur. Frankreich verfügt über einen historischen Mythos. Frankreich verfügt über eine imperiale und eine koloniale Vergangenheit. Und Frankreich verfügt über eigene Atomwaffen.

Aus allen diesen Gründen verfügt Frankreich auch über geopolitische Konzeptionen, die weit über den kerneuropäischen Rahmen hinausreichen, in dem sich der Europadiskurs insbesondere in Deutschland seit Langem bewegt. Nicholas Sarkozy bewegte sich mit seinem Projekt einer Mittelmeerunion in diese Richtung. Wieso nennen wir den Orient Orient und nicht etwa Westasien? Weil der Orient historisch und geopolitisch nichts anderes ist als der Osten Europa, der vergessene östliche, eben „orientalische“ Flügel unseres Kontinents. Die Gründungsmythen Europas, vom Gilgameschepos über die attische Polis bis zum Leiden und der Auferstehung Jesu, sind orientalische Mythen. Europas, die abendländische Geschichte ist in the long run betrachtet nichts anderes als die Geschichte der praktischen Adaption dieser morgenländischen Mythen. Nur hat Europa diese seine Wurzel, und damit auch seine politische Verantwortung jenseits seiner Grenzen, gründlich vergessen.

Solang Europa seine Verantwortung wegdelegiert, wird sich die Schlinge weiter zuziehen

Solange sich die europäischen Mächte, und allen voran Deutschland, nicht dieser Wurzel und dieser Verantwortung besinnen, wird sich die Lage nicht bessern. Solange Europa immer noch glaubt, seine außenpolitische Verantwortung wegdelegieren zu können an die USA und Russland, wird sich die Schlinge um Europa weiter zuziehen mit unabsehbaren Folgen.

Terrorismus ist nicht die einzige Bedrohung, die unserer harrt. Genauso bedrohlich, wenn nicht bedrohlicher ist die Verarmung, auf die wir zurasen. Italien sei wie Griechenland, nur schlimmer, heißt es schon auf den Fluren Brüssels. Die Generation Y wird die erste europäische Generation seit Langem sein, aus der mehr Menschen sozial ab- als aufsteigen werden. Das äußere Problem Europas heißt Terror. Das innere Problem Europas heißt Angst.

Der Orient gehört zu Europa

Die Randregionen Europas sind der Orient und Nordafrika. In Intellektuellenkreisen in Frankreich und Deutschland ist dieses Denken längst Gemeingut. Nur politische wird dieses Denken immer noch nicht, oder nicht stark genug, kommuniziert. Millionen von Menschen leben dort, die teilhaben wollen an den unglaublichen Reichtümern, am Luxus der Globalisierung und des Sozialstaates, von dem das kleine Europa profitiert wie keine andere Region dieser Welt. Wer das Politische für old fashioned und nicht mehr aktuell hält, verkennt, dass es Wettbewerb und Distinktion auf der Welt gibt und geben wird, solange zwei Menschen an einunddemselben Platz leben werden, die sich voneinander unterscheiden und die einander überlegen sein wollen. Diese Distinktion, wir sagten es bereits, betrifft Individuen genauso wie Gruppen von Individuen. Die Mittelschicht wird durch den digital shift, den Wegfall von Millionen traditionellen Arbeitsplätzen und die Übermacht der Finanzwirtschaft aufgerieben. Die emerging middle class im Orient und der Levante wird durch Krieg und Bürgerkrieg ihrer wirtschaftlichen und materiellen Grundlage brutal beraubt und flieht in den Westen, flieht nach Kontinentaleuropa. Großbritannien, genauer England und Wales, haben darauf bereits reagiert und mit dem leave vote den Weg in die isolationistische Richtung eingeschlagen, den die USA, von jeher das politische und ideologische Vorbild des modernen Englands, seit Ende des Kalten Krieges bereits gehen.

Europa, das heißt Kontinentaleuropa, kann diesen Weg nicht gehen. Europa trennt kein Ärmelkanal vom Orient, geschweige denn ein atlantischer Ozean. Europa hat keinen Panzergraben. Europa muss den Tatsachen ins Auge sehen. Europa muss auch seine Geschichte wiederentdecken, anstatt dieses Feld den Rechtspopulisten vom Front national und von der AfD zu überlassen. Europa muss endlich eine gemeinsame außenpolitische Agenda auflegen. Europa muss sich politisch erweitern, nicht Richtung Russland, sondern Richtung Orient. Europa muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik auflegen, die hinausreicht über Subventionen und eine Währungsunion, die die reichen Volkswirtschaften reicher und die armen ärmer gemacht hat. Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln. Wenn nicht, dann fällt irgendwann der Vorhang.

Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln

Der Orient ist Europas Hinterland. An dieser Erkenntnis führt, das zeigen die jüngsten Ereignisse, kein Weg vorbei. Entweder die europäische Politik stellt sich dieser Erkenntnis; oder sie zerbricht irgendwann daran. Der Mensch, heißt es, lernt entweder durch Einsicht, oder durch Katastrophen.

Seit fünf Jahren stehen die USA und Russland einander im Orient gegenüber. Den IS versuchen sie, mit Drohnenschlägen zu bekämpfen. Bodentruppen will keiner von ihnen schicken, obwohl jeder weiß, dass nur das die Lösung bringen könnte. Warum? Weil niemand in Washington und Moskau sich einen zweiten Checkpoint Charlie leisten will und leisten kann. Beide Länder bilden in sich geschlossene politische und gesellschaftliche Kosmen. Beide haben ein Mittelschichtenproblem und kämpfen mit einer wachsenden öffentlichen Vesrschuldung. Beide werden autoritär regiert, beide fördern ihre Wirtschaft durch einen dezidierten Liberalismus, der zwar global agiert, aber das eigene Wohl – natürlich – in den Vordergrund stellt. Die europäischen Eliten und auch Teile der europäischen Mittelschicht orientieren sich längst gezielt in eine der beiden Richtungen. Sie wissen, was jeder von uns spürt: dass in Europa bald die Lichter ausgehen könnten, und dass es dann darauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die angestammte europäische Indifferenz ist eine Sackgasse

Die alte europäische Indifferenz, die nirgends so ausgeprägt ist wie in Deutschland mit seiner auf Konsens und Quietismus ausgelegten politischen Kultur, ist eine Sackgasse. Europa, das wollen viele hier nicht hören, verdankt seinen beispiellosen Aufstieg zu Ruhe, Frieden und Reichtum dem Agreement der beiden Supermächte nach 1945, die Deutschland und in seinem Windschatten die übrigen Länder West- und Osteuropas nach Kräften pamperten, um es nicht zum Schlachtfeld künftiger Weltkriege, die sehr wahrscheinlich das Ende der Welt bedeutet hätten, werden zu lassen, und um den Europäern die Lust auf imperialistische Abenteuer ein für allemal zu nehmen. Wer hat schon noch Lust darauf, die Welt zu erobern, wenn er sich jederzeit ein Flugticket in jeden Winkel der Welt kaufen kann? Wer hat es nötig, Lebensraum oder rohstoffreiche Räume zu erobern, wenn er im Überfluss lebt, seine Rechnungen zahlen und dazu noch Vermögen anhäufen kann?

Das war die europäische Vision von 1945 bis 2015, eine exogene Vision, Europa und den Europäern oktroyiert von Amerika und Russland, nicht im Kontinent selbst geboren. Ihr verdankten unsere Großeltern und Eltern den Frieden und Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte. Diese Epoche geht nun ihrem Ende zu, wenn sie nicht schon vorüber ist. Die alten Eliten müssen den Jungen Platz machen, die wirklich Ahnung vom heutigen Leben haben, weil sie dieses Leben und seinen brutalen Ernst on the edge kennen, und nicht nur aus Hollywood oder aus der Berichterstattung. Terror und Teilhabe: beides ist im Zeitalter der Globalisierung nicht voneinander zu trennen, so wie die Opfer von Nizza nicht zu trennen sind von den Unzähligen, die sich kein Ticket nach Nizza und kein Hotelzimmer dort leisten können.

Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können

Den Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können, nicht durch ein weniger. Die Angst wird man nur bekämpfen durch lautes und offenes Aussprechen der Dinge, nicht durch ihr geflissentliches Verschweigen und Beschönigen. Entweder die europäische Politik, allen voran Deutschland und Frankreich, lernen diese Lektion und setzen sie um. Oder es gibt noch mehr Terroranschläge, noch mehr Abgehängte und Verarmte, noch mehr tote Flüchtlinge im Mittelmeer, und irgendwann wird Deutschland Ground Zero des nächsten Terroranschlags.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Der LKW von Nizza, 14./15. Juli 2016

 

 

The age of the cyborg and us

Reflections on the present state of human history

Yuval Harari, professor at the University of Jerusalem and worldwide renowned author of best selling popular history books as ‘Sapiens. A brief history of mankind’, recently has stated that the ‘age of the cyborg has begun’. What however does this mean to us as men and as historic creatures? And: which age actually has ended, yielding ground to the beginning of the new age of the cyborg?

My answer is that nothing less has ended – or is in the process of ending right now – than what I am calling the ‘age of politics’. For the coming of age of the cyborg does not mean anything less than the beginning of a completely new age in human history at all. The common differentiation into the three big ages – antiquity, middle ages, modern period – with this historical turnaround definitely becomes obsolete. Those three ages all together form just what I am calling the age of politics.

I set the beginning of this political age at the turnaround from prehistory to ‘regular’ history, i.e. the beginning of fixed tribal settlement and agriculture at about 10.000 BC. Some millennia after this turnaround, the neolithic period fades out into the bronze age wich is marked by the rise of the first big empires in all over Eurasia, from China to Sumer and finally Egypt at about 3.000 BC. All historical processes in whose light we stand are basically initiated by this historical landmark about five thousand years ago. That is what I call the ‘age of politics’.

The age of politics after a 5.000 years rule has finally ended

This political age now seems to have come eventually to an end. Globalization fundamentally has transformed the common view and understanding of politics. Once an instrument of antagonism between tribes and nations living on different territories and fighting each other for the possession of the most prosperous and best accessible settling places, politics completely have changed their essentials during the 20th century. The epoch of world wars and nuclear warfare has led to a general stalemate of international political competition in the classical sense.

Due to the global network of men implemented by the digital shift, people in all over the world more and more are regarding themselves as children of just one and only tribe, i.e. of mankind at all. Frontiers more and more do no longer exist but on paper, territorial and economic obstacles which once conditioned human existence lose their importance to daily life and by this to humans self regard and see conscience at all.

The age of politics was the age of negativity

The age of politics was dictated by the principles of necessity and violence. Men regarded themselves as surrounded by numerous – physical and political – obstacles on whose overcoming they put most of their intellectual, physical and emotional force. All myths of the occident in particular were myths of violence and fighting, of suffering and its final overcoming.

The unsafe and unstable condition human existence was submitted to in this age not only determined politics, but even more the emotional access of men towards world and living. Challenges mainly were considered as insuperable obstacles imposed on men by god or higher powers which were to overcome only by miraculous power in return. The intellectual experience of negativity which stands at the beginning of ‘modern’, post-neolithic nation building thus romanticized man’s entire view of the world. The age of politics thus became the age of romanticism, too.

The age of politics was the age of romanticism, too

Romanticism soon infiltrated all spheres of human life and culture. From the Gilgamesh epos to Romeo & Juliet, romanticism dominated human imagination of both politics and love, i.e. the two essential areas of human self-development. Life was considered as an endless struggle against incalculable and imponderable powers, in political as in private life. Thus, the figure of the tragic hero became the role model of this entire age, from Gilgamesh himself to the late period of 19th century manliness with its specific mixture of mightiness and depression.

The industrial shift of the past 200 years which was originated by the rise of sciences during the early modern period the two centuries before transformed this disposition of human mind to the ground. Mankind slowly but continuously left the stage of romanticism and negativism and stepped forward towards the level of its full emancipation. Fear and doubt, two basic sentiments of human mind which had been enormously vivid during the history of ideas from the late middle ages until the pre world war 1 era, successively ceased to exert their domination on human mind. Instead, man started to expand economically and scientifically beyond the bounds until then seemingly fix and insuperable nature had set.

The 20th century thus became the age of space travel and computer technology. Shadowed by the vicissitudes of world war 2, both technologies spread their wings and turned out to be the decisive culture techniques of our time. Man started to leave behind the state of dependency and weakness and lifted up to new, unknown spheres, inside himself as well as outside, regarding his affective household likewise his grip on political relations and economic and scientific opportunities.

The age of the cyborg already starts in the middle of the 20th century

Thus, the triumph march of the cyborg is scripted already in the middle of the 20th century, immediately in the aftermath of the age of world wars. Besides classical politics which continue to play their traditional role, economy gains an until then unknown weight. Nowadays, it’s economy and no longer politics which most determines human self-development and human self-positioning in the world. Globalization and digital change have unleashed an unrestrained sense of personal freedom in each of us. In consequence, there are no more nations, but only one common and consistent mankind split up on different territorial positions – positions which can more and more easily be overcome by the means of modern tourism and job migration.

Our traditional – and particular european – view on history is fundamentally transformed. Sooner or later we will get used to look on history no longer as on a chain starting in the antiquity and leading via the middle ages to the so called modern period. Quite differently, we will start to differentiate between the prehistoric age (which widely is coincident with the stone age, i.e. the age of man as hunter-gatherer), the age of politics with a total duration of ca. 5.000 years staring with the big empires and ending with the cold war and the age of the cyborg whose birth process we are just witnessing.

Our view on history will be redefined

The age of the cyborg politically will no longer be determined by inner-earth relations, but by relations between earth and the extraterrestrial sphere as well as by relations between the global population and the globe itself. The real and most essential meaning of globalization is that whatever is concerned, is – or will be – concerned in the light of the entire globe, of earth and of mankind itself, and no longer in the light of a particular part of this mankind.

The green wave which is rooted politically in the civil right movements of the mid-20th century, ideologically though in the progressive movements of the early 20th century, has given the process of globalization the decisive drive and necessary framework. Economy soon will succeed with the redefinition of work and income, a process which, too, has already been kicked off and is getting the faster the faster working life, production chains and supply channels themselves are transformed by globalization and digital shift.

Bio-logic replacing onto-logic

We therefore are entering an entirely new age, an age where politics will no longer be determined by the pursuit of advantages in the access to survival resources, but where politics will be ‘bio politics’, as Michael Hardt and Antonio Negri have called it in ‘Empire’, however not in the original negative meaning, but in affirmative sound, referring to the bio-logic as the logic of the new age.

This bio-logic will – or rather already has – successively replace the traditional, negativitarian onto-logic which had been dominating the age of politics, i.e. human history for the last five thousand years. The age of existentialist negativity has come to an end. The age of active re-creating nature by man as natures’s most extravagant creature is about to start.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: http://www.bigthink.com

 

 

 

 

Weltkrieg der Mittelschichten

Künftige Konflikte werden weltweite Konflikte zwischen den Mittelklassen sein

400 Dollar. So viel kostet eine durchschnittliche Autoreparatur in den USA. Ein Betrag, den sich viele in der hochverschuldeten amerikanischen Mittelschicht nicht oder nur schwer leisten können. Amerikas Mittelklasse ächzt und stöhnt unter ihrer wachsenden Verschuldung und Verarmung.

400 Euro. So viel kostet bei uns in Deutschland der TÜV, ein neues Inlay, eine neue Winterjacke. Eine Summe, an der auch hier immer mehr Menschen zu knabbern haben. Wohlgemerkt nicht Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber. Sondern Menschen aus der Mittelklasse. Akademiker, Angestellte, Selbstständige.

Was immer man über den französischen Ökonomen Thomas Piketty denken mag: mit seiner Analyse, dass den Mittelschichten der westlichen Industriestaaten eine gigantische Verarmungswelle bevorsteht, wird der Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ Recht behalten.

Zwischen 1950 und 2000 vollziehen die westlichen Gesellschaften einen gigantischen Aufstiegsprozess

Hinter uns liegen fünfzig erfolgreiche Jahre. Den „dreißig glorreichen Jahren“ des Wirtschaftswunders zwischen 1950 und 1980, in denen die Weichen für eine moderne Betriebsverfassung mitsamt Kündigungsschutz und großzügigen Rentenanpassungen gestellt wurden, folgten ab 1970 die dreißig glorreichen Jahre der Bildung.

Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten machten auf einmal Abitur, studierten, wurden Akademiker. Die gesamte Gesellschaft machte einen riesigen Aufstiegsprozess durch. Staat und Wirtschaft flankierten diesen Prozess durch breitangelegte Förderprogramme und eine großzügige Kreditpolitik. Der amerikanische Traum der Nachkriegszeit, wie wir ihn aus „Brokeback Mountain“ kennen, hielt Einzug in Europa: ein eigenes Haus oder Reihenhaus, mindestens ein Auto, Gymnasialbesuch und anschließend ein Hochschulstudium für die Kinder waren nicht länger ein Privileg der Oberschicht, sondern wurden zur Regel für fast alle.

Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft ist seit den 1980ern Realität

Bereits in den Sechzigern erfand der Soziologe Helmut Schelsky für diesen Prozess den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Damals freilich war die Gesellschaft noch weit davon entfernt. Der eigentliche Durchbruch kam in den Achtzigerjahren. Im Schatten des Kalten Krieges und unter dem Schutzschirm der amerikanischen Containmentpolitik schien sich in Europa ein ewiger Sabbat des Friedens und Wohlstandes auszubreiten.

Verantwortlich waren dafür allerdings nicht nur die Marshall-Milliarden, die bald nach Kriegsende in die öffentlichen Kassen aller westlichen Länder und auch Jugoslawiens und der Türkei flossen. Der Zusammenhang ist ein viel größerer.

Vor einhundert Jahren stirbt die klassische europäische Oberschicht

Vor einhundert Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Seine vielleicht wichtigste Folge war keine politische, sondern eine gesellschaftliche: der Tod der alten europäischen Oberschicht und zeitgleich die Geburt der Mittelschicht von heute. Von 1914 bis 1923 wütete in allen kriegführende Staaten eine verheerende Inflation. Das Deutsche Reich und Österreich waren als Kriegsverliere am stärksten davon betroffen, was bei uns bekanntlich in der Hyperinflation von 1923 gipfelte. Aber auch in England und Frankreich vernichteten die Geldabwertung sowie die immer erdrückendere Konkurrenz der USA auf dem Weltmarkt die Kapitalbasis der alten Oberschicht. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in den höheren Gesellschaftsklassen üblich, von Kapitalerträgen zu leben, die mit schöner Regelmäßigkeit aus Fonds auf die Konten der Privatleute flossen. Der Romancier Marcel Proust etwa († 1923), Sohn eines reichen Pariser Bankiers, bezog umgerechnet 12.000 € Zinsen – damals vornehm auf Französisch Renten genannt – aus seinem Anlagevermögen– pro Monat, wohlgemerkt.

Die große Inflation machte damit Schluss. Wirtschaftshistoriker sprechen in dem Zusammenhang vom Tod der Rentiers. Auf einmal war arbeiten gehen keine Frage des Status oder des Vergnügens mehr, sondern bittere Not. Der Film „Just a Gigolo“ (1979) mit David Bowie und Marlene Dietrich in ihrer letzten Leinwandrolle sing genau davon ein Lied. Die frühere Oberschicht bröckelte ab und vermischte sich mit Aufsteigern aus der Arbeiterklasse, die ebenfalls der Erste Weltkrieg hervorgebracht hatte, zu einer neuen Mitteklasse.

Diese neue Mittelklasse musste versorgt werden: mit sicheren und vor allem ausreichenden Arbeitsplätzen, mit großzügigen Bankkrediten, mit sozialer Absicherung. Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der heutigen Mittelschicht.

Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der Mittelschicht von heute

Sowohl Europa als auch die USA stehen in den Dreißigerjahren ganz im Zeichen dieser neuen Mittelschichtpolitik. Roosevelts von John Maynard Keynes inspirierter New Deal und Hitlers kreditfinanzierte Wohlfahrts- (und Rüstungs-) Politik sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Dieser Trend setzte sich nach dem Krieg fort: in Deutschland sowie in der ganzen westlichen Welt. Die USA als tonangebende westliche Siegermacht hatten ein Ziel: die Förderung einer möglichst wohlhabenden Mittelschicht in ganz Westeuropa, um so einen Abfall zum Kommunismus (wie er vor allem in Klassengesellschaften wie Italien und Griechenland drohte), aber auch einen Rückfall in kontinentale Alleingänge wie den Nationalsozialismus (denn als solcher wurde er jenseits des Atlantiks wahrgenommen) zu verhindern.

Der Zweite Weltkrieg vollendete wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte

Der Zweite Weltkrieg vollendete so gesellschafts- und wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte. Die westlichen Gesellschaften vermittelschichteten. Viele Söhne der Unterklasse waren 1918 als Unteroffiziere, deren Söhne dann 1945 als Offiziere nach Hause gekommen. Ihre Familien strebten in die unternehmerische Selbstständigkeit und ins Akademikertum. Studieren war kein Privileg abgesicherter Bürgerskinder mehr, sondern wurde zum Volkssport.

Achtundsechzig tat dann das Übrige. Seine wichtigste Folge war weniger die Politisierung der Studentenschaft, als vielmehr die Akademisierung der Nichtakademiker. Viele von ihnen wollten nun auch Studenten sein – um mitreden zu können und um dazuzugehören. Die neuen sozialen Bewegungen als politische Folge von Achtundsechzig schufen hierzu die Grundlagen: es wurde Mode, das Abendgymnasium zu besuchen, die Universitäten erhielten immer mehr Zulauf und lockten durch ein de facto kostenloses Studienangebot, das direkt in bessere Beschäftigungsverhältnisse zu führen versprach, BAFÖG und Sozialhilfe gewährleisteten die Freiheit von extremer Not und Armut während und nach dem Studium. In den 1980er Jahren war aus Deutschland die perfekte Mittelschichtgesellschaft geworden.

Seit den Achtzigern geht es bergab

Seitdem geht es bergab. Zur Überflutung der Universitäten, die längst keine individuelle Betreuung mehr gewährleisten, kommt eine immer erdrückendere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Sozialer Status hat sich längst vom Einkommen entkoppelt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse betreffen nicht nur den ungelernten Arbeiter, der von Zeit- und Leiharbeitsfirmen ausgebeutet wird, sondern auch den Mittelschichtler mit Hochschulabschluss, der sich von Job zu Job hangelt, mal schlechter, mal besser bezahlt, immer mit dem Damoklesschwert des finanziellen Absturzes und der Altersarmut über dem Kopf. Angestellte gehen mit hohen Abschlägen in die Rente, Immobilien sind keine Wertanlage, sondern reine Wohnobjekte, die oft entweder noch verschuldet an die Kinder vererbt, oder von diesen im Wege der Erbteilung veräußert werden. Dabei spielt elterliches Vermögen bei der sozialen Absicherung der Generation Y und der Millennials, also der zwischen 1970 und 2000 Geborenen, in demselben Maße eine immer größere Rolle, wie es immer kleiner wird.

Das Prekariat ist längst ein Mittelschichtenphänomen

Die Krise der Mittelschichten ist ein weltweites Phänomen. Die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA werden am Ende nichts anderes als ein Referendum über die Zukunft der amerikanischen Mittelklasse sein. Einer Mittelklasse, die längst vom Fortschritt abgehängt wurde und als deren Sprecher aller Voraussicht nach Donald Trump ins Rennen gegen Hillary Clinton gehen wird.

Auch die Krise in Syrien, dem Irak und Ägypten ist eine Krise der dortigen Mittelklassen. Die Flüchtlinge, die bei uns ankommen, sind längst nicht mehr nur ungelernte Arbeiter mehr, die sich mit einem 400-Euro-Job hinter er McDonald’s-Theke abspeisen lassen. Sondern Ärzte, Anwälte und Ingenieure, die im reichen Europa den Standard wieder erreichen wollen, den sie in ihrer vom Krieg geplagten Heimat einst innehatten.

In Europa aber treffen sie auf eine Mittelschicht, die selber ums Überleben kämpft. Im längst verarmten Südeuropa ebenso wie in Frankreich, Österreich und Deutschland. Osteuropa, das seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 verzweifelt den Anschluss an den reichen Westen sucht und seit je scharf an der Überschuldung entlangsegelt, war von vorneherein ein Gegner der deutschen Flüchtlingspolitik. Der wirtschaftliche Absturz, der den Mittelschichten auf dem ganzen Kontinent droht, wird die Länder des früheren Ostblocks als erste treffen.

Für die Mittelschicht gilt die Parole: rette sich, wer kann

Längst gilt für die Mittelklasse in Europa: rette sich, wer kann. Jobmigration ist schon lange nicht mehr das Unterschichtenphänomen, das es früher einmal war, zuletzt während des europäischen Wirtschaftswunders, als Millionen unqualifizierter Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, später auch aus Ostasien und dem Orient nach Europa strebten. Hochqualifizierte Expatriates migrieren aus Industriestaaten in andere Industriestaaten wie die USA, oder ins aufstrebende China.

Noch suggerieren die Politiker der reichen EU-Staaten, es könne alles so weitergehen wie bisher. Doch öffentliche und private Verschuldung werden früher oder später das traditionelle Gefüge von Tariflöhnen und öffentlichen Leistungen aufgefressen haben. Was folgt, ist nicht Hunger – aber Verschuldung, Armut und der Tod der Mittelklasse. Leinwandepen wie die „Hunger Games“-Trilogie oder auch Serien wie „Orange ist the new black“, die den sozialen Absturz von westlichen Mittelschichtlern erzählen, bereiten ihre Zuschauer auf genau dieses Szenario vor

Im Westen wird fieberhaft an alternativen Modellen der sozialen Absicherung gearbeitet

Schon arbeiten Think Tanks und Bürgerinitiativen in der ganzen westlichen Welt fieberhaft an alternativen Einkommensmodellen. Anfang Juni findet in der Schweiz das erste landesweite Referendum über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens statt. In den USA wird bereits eine negative Einkommenssteuer auf Niedriglöhne erhoben, die als Zuschuss auf diese Löhne ausgezahlt wird.

Und auch in Deutschland werden solche Überlegungen immer populärer. Manager wie dm-Gründer Götz Werner oder Telekom-CEO Timotheus Höttges erwarten für die nächsten Jahrzehnte einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen durch die weitere Automatisierung von Produktionsvorgängen. Beide Manager gehören zu den Befürwortern eines Grundeinkommens.

Grundeinkommensmodelle werden überall im Westen diskutiert

Die Industrialisierung der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den uralten Feind der Menschheit, Hunger, in den Industriestaaten faktisch ausgerottet. Die digitale Revolution, in der wir uns befinden, macht nun auch Millionen Arbeitsplätze überflüssig. Mit Hochdruck forschen Wissenschaftler in aller Welt an künstlicher Intelligenz. Schon experimentiert die Deutsche Post mit Paketzustellungen per Drohne. Skandale wie der um manipulierte Abgaswerte bei VW und Mitsubishi zeigen, dass nicht mehr Maschinenbau, sondern Softwareentwicklung die wirtschaftliche Kernkompetenz der Industriestaaten ist. Internetkonzerne wie Google, Apple oder Facebook dominieren folglich schon jetzt die Aktienmärkte und bauen diese Position weiter aus. Ihre Stärke rührt auch daher, dass sie mit weitaus weniger Beschäftigten auskommen als ein klassischer Industriekonzern.

Jeder sucht den Statuserhalt

Aus der Industriegesellschaft ist längst eine Dienstleitungsgesellschaft geworden. Nun geht es auch dem Dienstleistungssektor an den Kragen. Die Folge: viele klassische Karrierepfade der Mittelschicht führen ins Leere. Die Politik sucht nach neuen Konzepten der sozialen Absicherung. Der Einzelne aber sucht den Statuserhalt. Auch ein Grundeinkommen wird nicht den ewigen Drang des Menschen nach Distinktion und Wettbewerb beseitigen. Wir werden einen kalten Weltkrieg der Mittelschichten erleben, einen Weltkrieg um Statuserhalt und Statusgewinn.

Europa wird Schauplatz des kalten Kriegs der Mittelschichten sein

Europa ist in diesem Kampf besonders gefährdet. Durch seine geopolitische Lage und durch seine politische Uneinigkeit. Die Großmächte Russland und China verfolgen längst eine Politik der gesellschaftlichen Abschottung und ziehen bewusst eine ehrgeizige und expansive Mittelschicht heran. Die Supermacht USA erkennt – das zeigt der Wahlkampf –, dass sie wieder ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten für die eigene middle class werden muss, will sie im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen. In Europa sind die Mittelschichten überall im Wanken, am schwersten im Süden, aber immer mehr auch im reichen und bisher stabilen Mitteleuropa. Nun kommt Konkurrenz aus dem Orient dazu, der immer im Windschatten Europas fuhr.

Es wird spannend. Niemand kann vorhersagen, wo sich Europa und die Europäische Union in zwanzig Jahren befinden werden. Gut möglich, dass die derzeitige Krise den Kontinent wieder enger zusammenrücken und erstarken lässt. Genauso gut aber ist es möglich, dass der Doppeldruck der geopolitischen Situation und der digitalen Transformation des Arbeits- und Wirtschaftslebens Europa dauerhaft schwächen wird. Eine neue Unterschicht wird entstehen, die mit vielen gefallenen Mittelschichtlern gefüllt werden wird. Und politisch könnte Europa nach tausend Jahren der weltpolitischen Dominanz endgültig durch die Flügelmächte USA im Westen und China im Osten marginalisiert werden.

© Konstantin Sakkas, 2016

 

 

 

 

 

 

From Königgrätz to Europe

150 years ago, the answer to the German question was predetermined on a battlefield in Bohemia. Reflections on a historical landmark and its impact on today world politics

Awareness of both history and world politics is not the unique selling point of the united Germany’s public conscience. There is pretty much distance to the Prussian heritage on the one side, while on the other, world politics, as my generation was taught on high schools and universities in the Nineties and Zeroes, is supposed only to have existed until the so called turnaround in 1990, when German reunification seemed to make cease the cold war between the U.S. and Russia.

Nowadays, a quarter century after the wende and precisely one and a half centuries after Königgrätz, we know this to be wrong.World politics are more vital than maybe ever before, and Germany’s role as a nation has turned out to be the crucial point of the European question and the process of European unification. Man does not live in a sous vide, but unfolds himself as product of his circumstances which determine his action and feeling, and so do politics. Political life is embedded in a long and deep stream of conditions. Its longue durée is reaching behind decades, even centuries, and rarely, this is proved so properly as in the case of Königgrätz.

The great game between Atlantic and Eurasian world is on for three hundred years

When it came to the monumental and longtime foreseen breakup between Austria and Prussia in 1866, the great game between England and Russia, the two most powerful countries in the European world, was already on for more than a century. Thomas Piketty recently has shown how the contemporary distribution of wealth is rooted in the early 18th century. The same has to be said on world politics. The 18th century marks Europe’s great awakening from the long winter sleep it had been sleeping until then. This awakening was kicked off at once by the beginning of western European expansion to overseas and by Russia’s establishment as successor of the Byzantine empire which had fallen down in 1453 and which had been Europe’s link to the Eurasian world for a thousand years in the early modern period.

At about 1700, the claims thus were set, and the games could begin. England finished its empire building by submitting large parts of North America, while Russia under the rule of the rude, but skilled tsar Peter the Great stepped forwards to the West, seeking for an ally as entry to the western world. There were two natural allies determined to this role, the already mighty Habsburg monarchy in the south and the tiny, but vigorous electorate Brandenburg, which had relaunched itself as kingdom of Prussia in the North.

Half a century later, in the middle of the frictions of the seven years war, things were ordered more accurately. England, which first had supported Prussia under its heroic and western educated king Frederic the Great, made peace with France, until then the catholic traditional enemy of the Puritanic British monarchy, in 1762, while Russia, until then eager to swallow the little Prussia and to set a step into middle Europe, switched sides and by this not only saved Frederic his crown and country, but clandestinely determined its role as Russia’s first and most important western ally, as the historian Jacob Burckhardt called it one hundred years after.

Making peace with Prussia and allowing it by this to develop further as a now full ranking member of the west European political system, Russia did not cease expansion. On the contrary, it turned its view on  the Eurasian theater again and started to conquer new territories which until then adhered to the faltering Ottoman Empire whose decline had begun – again – in 1700, when prince Eugen had defeated the Turks beleaguering Vienna and expelled them from the Northern Balkans. The tsarina Catherine the Great attacked Poland, conquered a part of the Ukraine which wittily was named Novorossija (new Russia) and even planned to deliver Greece and Romania from the Ottoman yoke, of course on the purpose to incorporate them into a larger Russian Empire then reaching from the Siberian deserts to the banks of the Adriatic and Ionian Seas.

How Europe became pivotal to world politics

However, Catherine’s ‘Greek project’ was a failure, as was British domination on North America. In the 1770s, once again the claims were reset: the British were expelled from North America by the colonists uprising who no longer wanted to get orders from an absolutist central power seated 6.000 kilometers away from them. The Russians, on their side, failed at moving into central Europe beyond the glass ceiling which started at the Baltic sea and went down through Eastern Europe to the Aegean Sea in the South. After the Roman expansion in the antiquity and the Islamic expansion during the middle ages, Europe for a third time became pivotal as the future battlefield of atlantic-eurasian confrontation.

As often in history and in life, being put under double pressure unleashes all the powers concentrated in the target area of this pressure. 1770 was the final kickoff not only of the great game between Atlantic and Eurasian world, personified the one by first England, then America, the other by Russia, later the Soviet Union; it was, too, the kickoff of industrialization which rapidly transformed Europe from the almshouse of the world to its wealthiest and most prosperous region. The tiny peninsula on the western banks of the gigantic tectonic plate generously called Eurasia (although most of it is not Europe, but Asia), almost from one day to another revealed itself as the tipping point of world politics. Not only economic and social life profoundly were transformed; even more, European politics became the battlefield of two concurring conceptions of reordering the world at all, and thus became the promised land of a novus ordo seclorum to be scripted by either the Atlantic or the Eurasian block. –

It was in the light of this geopolitical framework, that, in the morrow of July 3rd 1866, two Prussian armies from different directions moved on to an obscure Bohemian town called Königgrätz to the final duel with their Austrian rivals, a duel which everyone in the world knew it would be decisive. It was in the light of a seldom situation of international detente, that Otto von Bismarck, the then prime minister of the kingdom of Prussia, a Pomeranian ‘junker’, sufficiently brutish and highly skilled at once, could launch this attack which most of the observers in media and politics blamed to be silly and suicidal. Like a soccer match between two teams equal in the rank, the whole thing was unsafe for many hours, until, at about high noon, the avant garde o the 1st Prussian army eventually arrived on the battlefield and by this completed the encirclement plan cunningly set by the Prussian chief of the general staff, Helmuth von Moltke. The Austrians, at once surrounded from three sides by Prussian troops, had to withdraw – not only from the battlefield, but from Germany, leaving the solution of the German problem officially to Prussia in the ceasefire of Nikolsburg, which was stipulated three weeks after they disastrously were defeated at Königgrätz (or, as the French and British called it, Sadowa). Prussia now was the master of central Europe, and Bismarck, the Pomeranian cuirassier, was its mastermind.

German unity a product of both Atlantic and Eurasian benevolence, 1866 as well as 1990

The whole show would not have taken place, had not Russia, as we said Prussia’s traditional ally since the 18th century, concludingly allowed Bismarck to act as he acted. Ten years before, Russia’s tsar Nikolaj I had been terribly disappointed by Austria opposing its expansionary plot concerning the Black Sea and the Balkans in the Crimean War (1853-56) and  switching from the reactionary Russian to the western block formed by England and France who together with Austria eventually stopped the Russians on the Crimea. Austria, however, took away little earning from this ‘betrayal’ of its old friend Russia. Prussia, on the opposite, now could act independently in order to fulfill its historical mission: unifying Germany.

It was in 1867, barely a year after the decisive victory at Königgrätz, that the North German confederation was proclaimed, a Prussian dominated alliance of all German states except Bavaria, Württemberg, Baden and Hessen, which was the first modern German national state in history at all. The final unification which took place four years later in the middle of the France-German-War at the notorious kaiserproklamation at Versailles, juristically was not but the declaration of accession of the four mentioned states to the North German Confederation (which then consequently was renamed into German Empire). More than Sedan, Metz and the defeat of the highly armed, but unhappily acting French in 1870/71, it was the Prussian victory at Königgrätz which accomplished the German unification and thus set the claims for the development of Europe in the further one and a half centuries.

In 1866, the German question turned out to be a European question

For from now on, world politics had to reckon on Germany. From now on, Europe had not only one (France), but two strong and vigorous national states, both gifted with the benefits of industrialization and enlightenment, both eager to establish Europe as the world dominating continent. The German question turned out to be a European question – a question, which was to be discussed not only by the European powers themselves, but, in far more broader terms, eventually by the two wing powers of world politics, England, later the U.S., in the West and Russia in the East. It was only in 1917, the year of the Russian revolution and the U.S. entry to the 1st world war, when this picture turned out to be the actual bigger picture of 1866, but it is the bigger picture, and we have to look at it, then and now.

Look at the bigger picture

Europe never was strong unless it was embedded into a larger political system. During the most time of the antiquity, there was no Europe in the contemporary meaning of the word at all. Then, in the course of the Roman expansion, the benchmarks of what we are used to call western Europe carefully were set. Europe then was not an independent subject of politics, but merely the western wing of the Roman Empire. This Roman Empire, however, was an oriental Empire, offspring and successor of the past oriental Empires of Assur, Persia and Greece, with a Greek idiom called Latin as lingua franca and its power center in the triangle of the east mediterranean Sea, Syria and North Africa. Spain and later Gallia (France) were not but an atlantic appendix to this oriental-levantine conglomerate.

During the middle ages, after the breakdown of Rome under the Germanic invasion, Europe was, as we have said it already, sleeping a long but uncomfortable sleep of meaninglessness, from time to time harassed by another oriental expansion, this time managed by the Islam which has sprung off from the debacle of Roman imperial power in the East in the 7th century, in the aftermath of the destruction of the central power two centuries before. Only with the kickoff of overseas expansion in the 15th and 16th century, motivated by the indescribable state of poverty and indolence Europe had been in for thousand years, the continent started to develop a sort of geopolitical self-confidence.

European overseas expansion in the early modern period leading to the Atlantic-Eurasian setting

This process, however, did not result in the establishment of a powerful and united Europe, although numerous attempts were made on this purpose; but, as we have lined it out above, in the establishment of an Atlantic and an Asian Empire, the United States of America (which just played on more effectively the role played for so long time by Britain) and Russia. When Germany hat accomplished its mission of unification in the semi decade 1866/71, it was clear to everyone that it would now attempt to form Europe into an independent continent block (with itself as spiritus rector, naturally), able to act as arbiter mundi towards both the Atlantic and the Eurasian side. It is clear, too, from the posterity’s point of view, that Germany necessarily had to fail at this target as France under Napoleon had failed at it fifty years before.

Instead, two world wars later, the wing powers U.S. and Russia split up Europe, finally suffocating all continental attempts of establishing Europe as central power of the world (the first had been made by Napoleon, the second and third by imperial and then Nazi Germany). By dividing Europe on the conference of Yalta in early 1945, however, they did not solve the European problem, but merely postponed it on their agenda. As a result, Europe became now what it had been dreaming on for so many centuries: the most prosperous and peaceful region of this earth, while the wars of the new age were now fought on other, seemingly peripheral territories.

History did not come to an end, neither did world politics

However, history did not come to an end, in neither 1945 nor 1990. Shortly after the reunification of 1990, which definitely was not the work of some East German up-risers, but arose from a secret agreement of the U.S. and Russia, both tired of investing millions of men and trillions of dollars into maintaining the European status quo, the great game between West and East turned out not to be over at all. Operation desert storm in 1991, Nine Eleven in 2001 and now the Syrian war in 2011 are the three most obvious benchmarks of the clandestine (to European eyes, because to those of all others, things were maybe clear from the beginning) continuation of the classic great game, now fought again on its traditional oriental theater instead of the feeble and highly dangerous European, where each mainfest armed confrontation would have turned out shortly into a nuclear holocaust.

The U.S. and China as wing powers of world politics

Of course, there has been a further shift in international relations, influencing the setting of  the great game, too. It is no longer Russia, but China, which will dominate the Eurasian plate, whereas in the West, the U.S., rid of the ‘European burden’, do no longer act simply as the leader of the free world and loyal and generous stepson of Britain, but as the independent western wing power it actually is, as England has been before it for some centuries. Both countries, the U.S. and China, are supranational nations, which grants them an inestimable advantage towards Europe, both are ruling with ancien regime methods regarding inner and foreign politics, both are acting as motors of the digital change. Finally, both are assuring, with more or less success, the stability of their middle classes, for it is the middle classes which always has taken the lead in political, cultural and economic progress (thus, the process of European expansion in the early modern period was a project of the then European ‘middle class’, and its first and most durable result was the creation of a stable and ever growing middle class of merchants, bankers, manufacturers and artists in Europe).

The globalization claim must not deceive Europe about its own geopolitical situation which is maybe more feeble than it has been ever before. As long as there will be men, there will be families, and as long as there will be families, there will be need for settling down in a surrounding economically and politically agreeable. It is capitalism which has brought so  much comfort and prosperity to the world, especially to Europe, and it is a financial crisis (i.e. a crisis of capital) mixed with a refugee crisis which now is rattling Europe’s fundaments to the ground.

To Europe, the cold war was in fact a cold peace

As long as the forces were gathering, Europe could grow and flourish, in a long run from the early 18th till the late 20th century, benignly shielded by those forces’ – England’s and Russia’s – mutual interest in it. It was a unique constellation of ambiguity which allowed Bismarck in 1866 to go over the top and forcing Europe to acknowledge German unification and, by this, at least to try to upgrade Europe to a power of its own. Have a look on the picture above: the king of Prussia, uncle to the then tsar of Russia, gives shake hands to his son, the crown prince, son-in-law of the then queen of England. Both, England and Russia, were more or less benevolent to the project of German unification and thus let Bismarck do his work, in 1866 as well as in 1870 when Russia stood still at Prussia’s eastern flank, while England, against many expectations in France, did not intervene on French ground against the German troops. A century later, both again – albeit England now was called America – were benevolent enough not to make perish Germany (and with it sooner or longer Europe), but to impose a cold war on Europe, which actually was a cold peace, bringing wealth, social rise and global mobility to millions of Europeans.

The world powers’ benevolence toward Europe is over

Today, war is no longer a measure of politics, due to the nuclear shift in warfare. Terrorism and financial disarray are. The era of the world powers’ benevolence towards Europe is over. Contemporary wars, especially as they concern Europe, are asymmetric wars, their battles are state bankruptcy and social default. Europe’s nation building during the 19th and 20th century in a certain way was only leased from the well calculating benevolence of the great powers, and the same – with regard to the era of European reconstruction from 1945 to 1990 – has to be said on Europe’s social welfare system. A unified Europe, however, concertedly acting on world politics, has not turned out from 1990’s political shift. The oriental crisis is a crisis fought between the U.S. and Russia over predominance on the ‘Eurasian Balkans’, as Zbiginiew Brzezinski has named them, and the grand economical guidelines, however, are drawn by the U.S. and China. The E.U.’s impact on those issues, on the contrary, may be neglected.

Europe is falling apart, Great Britain is about to leave the E.U., and there is growing reactionary opposition from mostly right-wing parties in all over Europe against the refugee movement from the devastated orient towards Europe. If there was any European mission connected to Königgrätz, it now is highly in danger. Europe in the end is only a conglomerate of national states, not unlike the oriental world with its numerous different ethnic and religious groups, although on a higher development level. Some Europeans may be dreaming of a Europe of regions, ignoring however that a Europe of regions can only exist successfully in a broader political framework.

The world powers are of nothing more afraid than of a United States of Europe

The idea of a ‘United States of Europe’, however, is widely repelled by people and political elites as well. By the ones, because they are afraid of their nation’s ‘sovereignty’ (somewhat completely old fashioned in the 21st century’s Europe); by the others, because they are knowing (or at least suspecting) that nothing would frighten (and thus call to action) more the great powers, the U.S. on the one, Russia and China on the other side, than a finally united Europe which thus would be secured against foreign attacks and inner disorder as well, besides of forming an economy stronger than that of China and almost as strong as the U.S. American.

Thus, the day of Königgrätz sheds its light still on the constellation of nowadays world politics. It shows how entangled the course of German and European politics is in the global agenda, and how endangered they are in the light of a globalization which not only takes place on economic, but on political ground, too. The further destiny of Europe will possibly be decided in the next ten to twenty years, with an outcome as unsafe and thrilling as that of Königgrätz one hundred fifty years before today.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Emil Hünten, the battle at Königgrätz, 1866. Deutsches Historisches Museum,  Berlin/Germany. – The picture shows the Prussian crown prince Frederick William, commander in chief of the 1st Prussian army who led the decisive attack this day, awarded the Pour le mérite on the very day of the battle by his father, king William I. Left behind the latter, the Prussian prime minster Otto von Bismarck.

Und das Fleisch ward Wort

Historisch-biographische Überlegungen zu Schillers Ästhetik

 

Die Ästhetik Friedrich Schillers wird gern als Herzstück und geistiges Hauptvermächtnis des Dichters angesehen. Dem zugrunde liegt ein großer Irrtum über den persönlichen und künstlerischen Charakter des „Dichterfürsten“. Schillers großes Thema ist nicht „das Spiel“, ist nicht irgendeine abstrakte ästhetische Theorie, an der sich ein blutleeres, nach intellektuellen Ersatzbefriedigungen suchendes Gelehrtentum bis heute gern ergötzt; sondern der Verlust und die Wiederaneignung des Väterlichen, damit aber des Leiblichen. Denn wie die Frau ihre Leiblichkeit und damit ihre Fraulichkeit über die Mutter, so definiert der Mann seine Leiblichkeit über den Vater als Imago, als role model.

Das Väterliche ist für die Identitätsstiftung des Mannes von zentraler Bedeutung. Wenn wir uns zudem vor Augen halten, dass der uns bekannte Teil der abendländischen Geschichte vor dem zwanzigsten Jahrhundert fast ausschließlich eine Geschichte patriarchaler Systeme war, dann können wir die historische Tragweite dieses Komplexes ungefähr ermessen. Schiller tritt am Ende der christlichen Epoche auf, in der der Patriarchalismus in Europa seinen Höhepunkt erlebt. Somit ist seine Auseinandersetzung mit dem Väterlichen nicht nur biographisch, sondern auch historisch interessant.

Schiller muss man vom Väterlichen her denken

Schiller kann man nicht anders als vom Väterlichen, vom Vater aus denken. Schillers ganzes Leben wurde diktiert von der sehnsüchtigen und verzehrenden Suche nach dem guten, starken, lenkenden und rettenden Vater, der ihn lehrt, eine männliche Identität in dieser Welt zu haben. „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“ ist keine bloße Phrase eines zum Hymnus ausgearbeiteten Trinkliedes; sondern klarer, offener Ausdruck dessen, was Schiller im Innersten bewegte und antrieb.

Friedrich Schiller begann seine Karriere als Deserteur, als Gesetzloser, also rechtlich Vaterloser. Der unberechtigte Übertritt von württembergischen auf kurpfälzisches Territorium war ein Gesetzesbruch, auf den im Zeitalter des Absolutismus, der Menschen nach ihrer landesherrlichen Zugehörigkeit ontologisch definierte, schwere Strafen standen. Schiller stellte mit diesem Akt die Weichen für sein zukünftiges Leben, und zwar für ein unbürgerliches, gehetztes und gejagtes Leben, immer prekär, ständig in Not, immer verschuldet. Ein Vers wie „Ein ruheloser Marsch war unser Leben“ aus der Feder eines Goethe: undenkbar. Auf Schiller passt er, als habe das Schicksal selbst ihn ihm diktiert.

Schillers großer Traum hieß Bürgerlichkeit

Bürgerlichkeit hieß der große Traum im Leben dieses Friedrich Schiller, und um ihre Aneignung, privat wie politisch, hat er gekämpft, solange er lebte. Alles an und in seinem Leben spricht davon: seine Frauen, gebildete, sexuell geschliffene Aristokratinnen, seine Stücke mit ihren stolzen, erhabenen und hochtrabenden Plots und Settings, ihren rassigen Gräfinnen und feinsinnigen Generälen, die hochgezüchtete, idealische und idealistische Sprache, derer er sich bediente, die er sich selbst erschuf und in die er einen Abdruck des deutschen Kulturidioms hineinschuf, wie ihn vorher und nachher nie mehr jemand erreicht hat, kein Luther und kein Thomas Mann.

Es ist erstaunlich und wiederum nicht erstaunlich, dass die deutsche Literaturszene der Gegenwart, die sich durch einen ganz besondere Mischung aus Snobismus und „Bodenständigkeit“ auszeichnet, dieses zentrale Element in Schillers Leben und Werk entweder überhaupt nicht wahrnimmt, oder es wahrnimmt, aber nicht oder nicht hinreichend würdigt. Es ist auch bezeichnend, dass der enge Konnex, der zwischen dem ästhetischen und dem soziologischen Topos des Aufstiegs besteht, ausgerechnet in dem Land, in dem man explizit und lexikalisch von einem „Bildungsbürgertum“ spricht, nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will. Wer sich aber nur ein wenig in der Tiefe mit dem Lebensgang Schillers beschäftigt, der kann keinen Zweifel daran haben, dass es Schiller um genau diesen Topos in genau diesen zwei wesentlichen Ausprägungen ging.

Wie Goethe stammte Schiller aus der deutschen Provinz (deutsche Metropolen wie Paris, London oder, mit jeweiligen Abstrichen, Rom und Sankt Petersburg gab es damals noch nicht bzw. sie waren soeben erst im Entstehen begriffen, etwa das Berlin Friedrich Wilhelms II. und dann Schinkels oder das München des Grafen Rumford und später Klenzes), wie jener den hessischen, so sprach er den schwäbischen Dialekt seiner Heimat. Der Zufall der Geburt warf ihn in einen Zeitstrom, in dem so etwas wie ein moderner deutscher Nationalcharakter sich zu bilden anfing, und mit diesem deutschen Nationalgefühl bildete sich auch die deutsche Sprache heraus, wie wir sie heute kennen und sprechen. Jenes Deutsch, das seit etwa sechs Generationen an deutschen Schulen von der ersten Klasse an gelehrt wird, ist eine Schöpfung Schillers. Diese Sprache ist sein eigentliches Vermächtnis. Nicht der vermeintliche Nationalismus seiner Werke. Nicht seine angebliche ästhetische Theorie. Nicht seine Rezeption Kants, ja nicht einmal seine poetische Aufarbeitung der französischen Revolution. Schillers Medium, durch das er hindurchwirkt bis auf unsere Tage, ist ganz und ausgesprochen die deutsche Sprache, die er speziell geschaffen hat.

Sprache als Mittel sozialen Aufstiegs

Seit jeher war Sprache das Mittel sozialen Aufstiegs, genauer: des Aufstiegs von der Unterschicht, die eigentlich gar keine Schicht ist, in die Mittelschicht. Man steigt aus der Unterschicht in die Mittelschicht auf, indem man aufhört, Dialekt zu sprechen, und anfängt, in der Hochsprache zu sprechen. Durch das Annehmen der Hochsprache, die zudem von ihm selber erst zu dieser gemacht wurde, verließ Schiller das Niveau des schwäbischen Kleinbürgertums und schuf sich selbst Ranggleichheit mit den Landesfürsten wie dem Herzog von Sachsen-Weimar und dem freien Sohn der Reichsstadt Frankfurt Goethe.

In der sonderbaren Trias Goethe-Karl-August-Schiller war Schiller die große Ausnahme, ein Phänomen, das nach den Gesetzen des ancien régime, die eine gleichsam ontologische Kraft ausübten, nicht hätte sein dürfen und eigentlich nicht sein konnte. Schillers ganze bürgerliche Existenz – „bürgerlich“ hier im modernen, nachrevolutionären Sinne des Wortes genommen – war nichts weniger als ein Wunder. Die Faktizität seiner sozialen, intellektuellen und biologischen Existenz wird rational umso schwerer erklärbar, je länger er lebt. Bekannt ist und in unzähligen Monographien zitiert wird der Bericht von der Autopsie seines Körpers, wonach der rechte Lungenflügel des Toten „breiig, brandig und völlig desorganisiert“ gewesen sein soll, während der Herzmuskel schon gar nicht mehr zu erkennen war und auch die Milz und der andere Lungenflügel in einem völlig kaputten Zustand waren. Ein Wunder war es dem begutachtenden Arzt, dass dieser Mann überhaupt so alt – Schiller war im sechsundvierzigsten Lebensjahr, als er starb – hat werden können. Ebenso ein Wunder wie das Faktum seiner gesellschaftlichen Existenz.

Diese Existenz stand nie auf festen Füßen

Denn diese Existenz stand von Anfang an nicht auf festen Füßen. Schiller war ein Luftwesen, das sich nur durch ständige, ungeheure Willensanstrengung und eine völlig außergewöhnliche nervliche Sensibilität überhaupt am Leben hielt. Ständig zog es Schiller von der Erde hinweg in den Himmel, Bodenständigkeit war dem Emigranten, dem Vaterlosen und Deserteur zutiefst fremd. Ein Hypernervöser und Hypersensibler war er, immer überspannt, immer in Bewegung, immer auf der Flucht. Es gab keine Sicherheit in seinem Leben, und auf Sicherheit war dieses Leben in seinem Ausgang nicht ausgerichtet. Schiller war ein klassisches Produkt des alteuropäischen Ständegesellschaft, genauer: der Negativität dieser alteuropäischen Ständegesellschaft, die die Ontologik eines Menschen von seiner Soziologik her definierte. Schiller spürte die brutale Umklammerung und Unterdrückung, mit der diese Sozio-Ontologik auf das Individuum wirkte, mehr als die meisten anderen seines Berufs und seiner Berufung. Aus dieser Umklammerung auszubrechen, sie aufzubrechen war sein Ziel, darauf arbeitete er hin, sein Leben lang. Und seine Ästhetik, niedergelegt in den „Briefen“, war ihm Mittel, dieses Ziel zu erreichen.

Man unterliegt, wie in der Universalgeschichte, so auch in der Literaturwissenschaft einem fatalen Irrtum, glaubt man, Ideen und Ideologien hingen historisch gleichsam im luftleeren Raum, entstünden in einem Sous-vide, aus dem heraus sie sich auf der Erde und in der Zeit dann ausbreiten. Das Gegenteil ist der Fall. Nichts ist so sehr bedingt wie das scheinbar Unbedingte, nichts so sehr Produkt seiner Umstände wie das scheinbar Unhervorgebrachte, aus dem Nichts Geschaffene. Die Weimarer Klassik lässt sich nicht verstehen ohne ihr sozialgeschichtliches Umfeld, so wie die englische und französische Literatur des siebzehnten Jahrhunderts nicht zu erklären sind ohne den religionsgeschichtlichen Kontext ihrer Zeit. Schiller gilt darum, viel mehr als Goethe, als literarischer Sinnstifter der Weimarer Klassik, weil er die Gewalt des ontologischen Diktats der Ständeordnung im Nacken spürte wie kaum ein anderer. Von der Bildung, vom Geiste her gehörte er der Elite seines Landes an. Von der Herkunft war er ein Sohn des Dritten Standes, bürgerstolz zwar, da Württemberger, aber nichtsdestotrotz gebrochen durch die brutale Erziehung zum loyalen „Subjekt“ als Zögling der Karlsschule. Es war der Flucht- und Befreiungsinstinkt, der diesen Mann antrieb und der ihn hintrieb zu den Höchstleistungen als Dichter und Denker, die ihn unsterblich machten.

Alles in Schillers Werk lässt sich von seinem Aufsteigertum her denken

Alles in Schillers Arbeit lässt sich vom Topos des Aufsteigertums denken. Die Figur des Aufsteigers, die die Weltliteratur zwischen Stendhal und Joseph Roth prägen sollte, wurde in der deutschen Sattelzeit geboren, als Aufklärung, Heroismus und Geniekult die feudalistische Ordnung ins Wanken brachten, die sich seit fünfzehnhundert Jahren etabliert hatte. Schillers Literatur ist klassische Aufsteigerliteratur, gerade, weil er die Identifikation mit aristokratischen Figuren, mit seinen Moors, Posas und Piccolomini, mit Königen und Marschällen so sehr liebt. Auch sein Privatleben, seine Beziehungen zu Frauen insbesondere sind Aufsteigerbeziehungen. Er verliebt sich gleich in zwei adelige Schwestern, eigentlich ist er überhaupt nicht standesgemäß, hält beide über Jahre hinweg hin, um am Ende die weniger „Spannende“, dafür aber Loyalere, Mütterliche zu nehmen. Sein heimliches Ideal aber ist die rassige, adelige Schönheit, Gräfin Terzky, Eboli, und genussvoll inszeniert der Verbalerotiker in seine erhabene, hochgezüchtete Sprache die radikale, hemmungslose Sexualität, die er auf der Bühne nicht zeigen darf.

Schillers Ästhetik ist transponierte, die Psychologie würde mit einem freilich arg ausgeleierten Terminus sagen: „sublimierte“ Sexualität. Der Wortspielkünstler als verhinderter Schürzenjäger, der Frauenheld, der keiner sein darf, weil Geburt und Geldbeutel es nicht hergeben, legt all seine unerfüllte Sexualität, all seine unausgelebte Leiblichkeit in die Sprache, ins Wort. Das Fleisch ward hier Wort. Das Fleisch, das am meisten rumort unter der Eisdecke des Gesellschaftlichen, weil an ihm die Unterscheidung zwischen oben und unten, zwischen hoch und niedrig vollzogen wird: dieses unbefriedigte und friedlose Fleisch ist der erste und wahrste Rebell, der eigentliche Motor von Revolution.

Jede Ästhetik ist aus der Dionysik geboren

Jede Ästhetik ist aus der Dionysik geboren. Was Schiller vorlebte, machte hundert Jahre nach ihm Nietzsche zum Programm der politischen und gesellschaftlichen Erneuerung Europas. Ideologisch freilich unter anderen Vorzeichen, die aber nichts ändern konnten an der ontologischen Substanz. Nicht um einen überzüchteten, „vergeistigten“ Begriff vom Schönen geht es Schiller in seinem ästhetischen „Programm“: sondern um die Befreiung des Fleisches, um den Besitz des Schönen, um die Inbesitznahme des schönen, makellosen, begehrten Leibes.

Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit. Das Fleisch aber ist die Ewigkeit. Im Begehren des Fleisches, in dem Wunsch, das Leibliche zu fixieren, es festzuhalten liegt der Ursprung und der tiefe Sinn der Schillerschen Ästhetik. Die ästhetische Erziehung des Menschen ist nichts anderes als die Erziehung zum gnadenlosen Individualismus, der sich nimmt, was er will, so wie der Herrenstand, so wie der Adel es dem Dritten Stand tausend Jahre lang vorgelebt hat. Daher auch das Antikisieren, der dem Ästhetentum immanente Rekurs auf die vorchristliche, präkonstantinische Vergangenheit: es ist ein Rekurs auf eine Zeit, in der es wohl arm und reich, hoch und niedrig gegeben, aber nicht die rationelle, formalisierte und religiös sanktionierte Scheidung der Menschheit in einen erlösten (= Adel) und einen verdammten (= Nichtadel) Stand. Es ist die tiefe Sehnsucht nach der Zeit vor der Ständegesellschaft, die der soziologische Unterbau zum ideologischen Überbau des christlichen Äons war, zur Ideologie der Schuld, der Verdammnis, des Anti-Individualismus.

Um diese Erziehung geht es Schiller tatsächlich; der moralische Impetus, der Lessingsche Gestus, die Läuterung: all dies ist nur Gravur, ist nur Verkleidung, nur Maskerade. Schiller hat – was ihn in der Ära Brechts alle Sympathien kostete, die er in der nationalprotestantischen Ära der Reaktions- und dann Bismarckzeit genossen hatte – das fleischliche Begehren konvertiert in die ästhetische Attitüde, das freie Maß umgemodelt in den strengen Blankvers, ist den Weg gegangen von den anarchischen Räubern zum stolzen, steifen Wallenstein, vom Rowdy- zum Feldherrntum – aber nur, um darin sein Begehren, seine soziale und sexuelle Begehrlichkeit, die er nie ganz stillte, die immer lebendig blieb, die nie aufhörte, hämmernd ihre Forderung ans Leben zu stellen, hineinzufalten und sie darin zugleich aufgehen zu lassen. Eine Aufhebung im dreifachen Hegelschen Sinne, die ihren Ursprung zugleich verleugnete und nicht verleugnete.

Die großen Mythen des Abendlandes sind Mythen des Fleisches

Die ästhetische Erziehung des Menschen ist nicht die Anleitung zu einer hochgeschlossenen Humanität. Sie ist die Verleitung zu einer herrlichen und herrischen, Raubbau treibenden Leiblichkeit, zum bedingungslosen und besinnungslosen Sich-Ausleben des Menschlichen, das beim Körperlichen beginnt. Die großen Mythen des so genannten Abendlandes, die allesamt morgenländische Mythen sind, sind Mythen des Fleisches, nicht des Geistes. Das Geistige ist Kompensation, so wie die Auferstehung Christi, die Apotheosis der Heroen und später der Kaiser metaphysische Kompensationsnarrative waren. Alles im Menschsein ist angelegt auf Verlängerung des Lebens: vom kunstvollen Einbalsamieren bei den alten Ägyptern bis zur Lifting- und Schönheitsindustrie von heute und dem Versuch, eine menschliche Kolonie außerhalb der Erdatmosphäre, auf dem Mond oder dem Mars zu errichten.

Der Gang ins Geistige war stets nur Ablenkung, war Ersatz, geschuldet inneren oder äußeren Zwängen. „Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Introversion des Opfers, also der Entsagung“, heißt es bei Horkheimer und Adorno. Schiller, der Bettelknabe, der doch in sich das Format eines Herrschers trug, vor dem sein Herzog Karl Eugen nur ein lächerlicher Abklatsch war, goss seine leibliche Potenz, von der er ein Promill vielleicht auslebte, in sein geistiges Schaffen; aber sein eigentliches Feld war das Fleischliche, war der Kampf ums und der Sieg im und für das Leben, war der erbitterte Kampf gegen die Logik und Ethik der Entsagung.

Schiller, nicht Nietzsche, Klages oder Bergson, war der erste eigentliche Lebensphilosoph. Seiner Begehrlichkeit, seiner ungestümen, jähen Verranntheit ins Fleisch setzte er die Maske des Künstlers auf. Die wahre Kunst aber, das ästhetische Spiel ist nichts anders als das Spiel der Wahrnehmungen, das Spiel der Sinne, das freie, ungehemmte und radikale Spiel des Fleisches.

Header: Henriette Confurius, Florian Stelter, Hannah Herzsprung in Dominik Grafs “Geliebte Schwestern” (2014). Bildrechte: dpa.

© Konstantin Sakkas, 2016